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WeinLetter #22: Das Special zu Saar-Rieslingen

Du liest den monothematischen 22. WeinLetter +++ Denn heute geht es nur um: Saar-Rieslinge. +++ Ich habe den WeinLetter heute mal komplett abgegeben an Franz Untersteller. Er schreibt regelmäßig für den WeinLetter  (gut, zuvor war er auch mal Umweltminister in Baden-Württemberg). Und er ist gebürtiger Saarländer. Aus dem für Untersteller "zwangseingemeindeten" Ensheim bei Saarbrücken. Er hat mir so oft unmissverständlich zu verstehen gegeben, es sei weinpolitisch die größte Fehlentscheidung seit dem WK II., dass das Anbaugebiet Saar seine Herkunft aufgeben musste und nur noch unter Mosel firmieren darf. Franz Untersteller fuhr hin, um nach dem Rechten zu schauen. Das fand er - zuhauf. Dies ist der WeinLetter über den Aufstieg, den Fall und den Wiederaufstieg des außerordentlichen Saar-Weinhandwerks! +++ Noch mehr Saar von ihm gibt's in der Rubrik "Ins Glas geschaut": Franz Untersteller war bei den Weber-Brüdern in Wiltingen und probierte Rieslinge vom Feinsten +++ Empfehlt (und shared) den WeinLetter bitte weiter. Unterstützt den WeinLetter und werdet sehr gerne aktives Mitglied! Und vor allem:

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Euer Thilo Knott

Die Saar bei Wiltingen: Es ist sind die Schiefer-Steillagen, die den Saar-Rieslingen ihre Charakteristik verleihen FOTO: ROBERT DIEHL/VAN VOLXEM/WILTINGEN

Die Saar geht steil

Die Saar-Rieslinge waren absolute Luxusware. Gefragter als die teuersten Bordeaux. Doch dann kam der rasante Niedergang. Forciert durch politische Entscheidungen, die heute niemand mehr nachvollziehen kann. Und jetzt? Warum schwärmen alle nur noch von den Saar-Weinen? Was sind die Gründe für dieses fulminante Comeback? Ein Ortsbesuch.

von Franz Untersteller

Zwischen Saarländern und Pfälzern herrscht seit jeher eine gesunde Rivalität. Ich bin in Ensheim geboren, einem ehemals selbstständigen Dorf östlich von Saarbrücken. Obwohl ich vor 40 Jahren hier wegzog, fühle ich mich diesem Landstrich immer noch eng verbunden. Ich merkte das bei meinem letzten Besuch im Herbst in Wiltingen, Kanzem und Umgebung, den ich ganz der Erkundung der Saar-Rieslinge widmete. Ich musste nämlich drei Mal schlucken, als die Erkenntnis reifte, dass Rieslinge von der Saar ausnahmslos auf rheinland-pfälzischem Boden wachsen. Das ist die Wein-Kuriosität Nummer eins. Quasi als Trost sei aber allen Saarländern gesagt, dass es dabei bleibt: Das Einzige, was es im kleinsten Flächenbundesland nicht gibt, ist Geld.

Denn am Moseloberlauf, den das Saarland in diesem Bereich vom Großherzogtum Luxemburg trennt, betreibt man auf der Gemarkung der Gemeinde Perl seit Jahrhunderten Weinbau. Durchaus zu empfehlen sind dort zum Beispiel die auf steinigen Muschelkalkböden erzeugten Auxerrois und Burgunderweine der Weingüter „Schmitt-Weber“ und „Karl Petgen“ sowie des Bioweinguts „Ollinger-Gelz“. Das ist die Wein-Kuriosität Nummer zwei: Im Saarland gibt es Weinbau - aber nur an der Mosel.

Auf den Gemarkungen der neun Saar-Weinbaugemeinden - darunter Wiltingen als das Zentrum des Saar-Riesling-Anbaus mit den international renommierten Weinbaubetrieben Egon Müller und Van Volxem - wird heute von rund 70 Winzerbetrieben auf knapp 850 Hektar fast ausschließlich Riesling angebaut. Viele der Reben stehen entlang der letzten 12 Saar-Flusskilometer in Steillagen mit bis zu 55 Grad Neigung. Dabei reicht die Tradition des Weinbaus in diesem abgelegenen Teil Südwestdeutschlands rund 2000 Jahre zurück bis in die Zeit der Römer.

Die Kuriositäten-Karte: Im Saarland gibt es Weinbau nur an der Mosel bei Perl. Der Bereich Saar befindet sich in Rheinland-Pfalz KARTE: DEUTSCHES WEININSTITUT

Die jüngere Vergangenheit des Weinbaus an der Saar kann man grob in drei Phasen einteilen. Im 19. Jahrhundert stieg das Saar-Gebiet zu einer der weltweit gefragtesten Weinanbauregionen auf. Saar-Riesling war um 1900 sogar teurer als große Margeaux-Bordeaux‘. Nach den beiden Weltkriegen beginnt der Abstieg: Es begann - wie in anderen Anbaugebieten auch - die große Gleichmacherei. Politische Entscheidungen führten zudem zur Aufgabe der Saar-Identät. Jetzt, durch private Initiativen und Investoren sowie junge, ungestüme und geradlinige Winzer*innen, schwingt sich der Saar-Weinbau wieder auf in Richtung Champions League. Davon erzählt mein Ortsbesuch.

Ideale Bedingungen für Weine mit großer Vergangenheit

Die Bedingungen für die Erzeugung großer Rieslingweine könnten kaum besser sein als an den steilen und kargen Schieferhängen entlang der unteren Saar. Devonische Schieferböden sowie vereinzelt Diabas und Vulkangesteine bilden die Grundlage für die unverwechselbare Charakteristik und den ganz eigenen mineralischen Geschmack der Saar-Rieslinge.

Hinzu kommen die besonderen klimatischen Bedingungen, die verantwortlich dafür sind, dass die Region exzellente Weine hervorbringt. Die am Abend aus den Seitentälern des Hunsrücks und der Eifel einströmende kühle Luft verzögert nämlich in den - im Vergleich zu den Moselhängen - höher liegenden Saarlagen den Reifeprozess der Rieslingtrauben. Die Folge ist, dass sie ihren vollen Reifegrad oftmals erst im November erreichen und das bei relativ hohen Anteilen von natürlichen Fruchtsäuren und ohne Bildung eines hohen Zuckeranteils. Positiver Effekt des Ganzen: Es entstehen lange lagerfähige Weine, die über eine unvergleichliche tonige Mineralität verfügen und zumeist weniger als 12% Alkoholgehalt aufweisen. Wer allerdings in den Saar-Weingütern zwischen Serrig und Konz nach üppigen „Aromenbomben“ sucht, ist fehl am Platz. Hiesige Rieslinge sind eher leicht bzw. zurückhaltend und erinnern nicht selten an den Duft von Orangenblüten, Zitronenschalen, Grapefruit, Cassis bis hin zu Ingwernoten.

Devonische Schieferböden, kühle Luft, 55 Grad und mehr Neigung, Reifegrad erst im November: Das prägt diese mineralischen Saar-Rieslinge FOTO: ROBERT DIEHL/VAN VOLXEM/WILTINGEN

Rieslinge finden hier also Topbedingungen vor. In den Auf-und-ab-Phasen des Weinbaus an der Saar wurden sie nur unterschiedlich ausgeschöpft.

Phase 1: Höhepunkt auf dem weltweiten Weinmarkt

In den Jahren um 1900 bis zum Beginn des 1. Weltkriegs durften Saar-Rieslinge auf keiner Weinkarte der Top-Restaurants in aller Welt fehlen. Sie gehörten zu den teuersten Weinen überhaupt - teurer als die großen Namen aus dem Bordeaux oder Burgund.

Belege hierfür finden sich reihenweise in der Sammlung alter Weinkarten und Preislisten, die Roman Niewodniczanski, der charismatische Eigentümer des Wiltinger Weinguts Van Volxem, zusammengetragen hat. So führt die Preisliste der damals renommierten Berliner Weinhandlung „Maurer & Bracht“ – die jüdischen Besitzer wurden wie viele andere 1939 von den Nazis enteignet – eine Flasche „Chateaux Lafite grand vin 1900“ mit 4 Goldmark bzw. einen „Chateau Margaux grand vin 1905“ mit 4,25 Goldmark. Der Preis für eine Flasche „Scharzhofberger 1904“ aus dem „Wachstum Egon Müller“ rangierte demgegenüber bei 10 Goldmark. Ein (Ockfener) „Geisberger 1900“ wird in der Liste gar mit 12 Goldmark geführt. Saar-Rieslinge waren Luxusgüter.

Phase 2: Abstieg mit der fatalen politischen Fehlentscheidung der Gleichmacherei

Der Abstieg des Weinanbaus begann mit den zwei Kriegen. Die Steilhänge konnten nur unzureichend bewirtschaftet werden, die Märkte für Wein brachen komplett weg, die vielen jüdischen Weinhandlungen wurden ausgelöscht. In den Jahren des Wirtschaftswunders dominierten oft Chemie und Technik den deutschen Weinbau. Die Weinbetriebe gerieten unter enormen wirtschaftlichen Druck – von wenigen Ausnahmen wie dem Weingut Egon Müller einmal abgesehen. Gefragt waren nach dem zweiten Weltkrieg in erster Linie billige und zudem auch noch „liebliche“ Weißweine. Die gegenüber Flachlagen um ein vielfach höheren Produktionskosten in den Saar-Steillagen ließen sich am Markt kaum noch durchsetzen. Immer mehr dieser aufwendig zu bewirtschaftenden und damit nicht mehr konkurrenzfähigen Flächen wurden aufgegeben. Die verbliebenen Betriebe lieferten die Trauben verstärkt bei den Genossenschaften ab statt sie selbst, wie bis dahin üblich, lagebezogen im eigenen Keller zu verarbeiten. Selbst erstklassige Lagen wie der erwähnte Geisberg wurden sich selbst überlassen und verbuschten. Mangels wirtschaftlicher Perspektive wendeten sich die Jungen vom Weinbau an der Saar ab.

Auch die Politik hatte ihren Anteil an der Talfahrt des Saarweins. Mit dem im Juli 1971 in Kraft getretenen Weingesetz hat man die Gleichmacherei in großem Rahmen vorangetrieben. Auf einzelne Lagenklassifizierungen wurde mit den Regelungen im § 10 komplett verzichtet. Stattdessen wurden kleine Spitzenlagen mit Großlagen ohne jegliches Qualitätsmerkmal in einen Stahltank geworfen. Spezialitäten aus Toplagen waren damit als solche für die Weinkundschaft nicht mehr erkennbar.

Den nächsten Schlag setzte es mit den Beschlüssen von Bundestag und Bundesrat zur Änderung des Weingesetzes im Jahr 2006. Die knapp hundert Jahre zuvor mit dem Gesetz von 1909 eingeführte Gebietsbezeichnung „Mosel-Saar-Ruwer“ wurde mit der Weingesetznovelle gestrichen. Und zwar mit Zustimmung der beiden Landesregierungen in Saarbrücken und Mainz. Eine absolute Fehlentscheidung! Seit dem Herbst 2007 tragen in der Region erzeugte Weine lediglich noch „Mosel“ als Herkunftsbezeichnung auf ihrem Etikett. Die Eindampfung, begründete der damalige stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg, sei „der Wunsch der Winzer aus der Region“.

Tatsächlich drängten bereits über Jahre hinweg vor allem exportorientierte Mosel-Weingüter darauf, zur Verbesserung der internationalen Vermarktungsmöglichkeiten die Teilgebietsbezeichnungen „Saar“ und „Ruwer“ zu streichen. Die Mehrheit der betroffenen Saar- und Ruwerwinzer, berichtete der „Trierer Volksfreund“ in seiner Ausgabe vom 31. Juli 2007, wollte hingegen diese Namenstilgung „unter allen Umständen verhindern“. Ohne Unterstützung der Politik blieb das Ansinnen aber leider chancenlos.

Wie sehr dies ein Fehler war, zeigt knapp 15 Jahre später auch ein Blick auf die Etiketten mancher Saar-Weinbaubetriebe. Die einen wie „Van Volxem“ versuchen sich mit einem (hervorragenden) „Saar-Riesling“ abzusetzen, andere wie die Wiltinger „Weber-Brüder“ nutzen ihre Etiketten, um sich als „Saarweingut“ im Markt zu positionieren. Die damaligen Beschlüsse hält Stefan Weber auch heute noch „für einen kapitalen Fehler“. Saarweine seien „für viele große Weingüter inzwischen zu Produkten mit einem Markencharakter geworden“, schreibt heute selbst der „Moselwein e.V., der sich die Imagepflege und Absatzförderung für Deutschlands ältester Weinregion auf die Fahnen geschrieben hat. Bedauerlich ist, dass diese Erkenntnis 15 Jahre zu spät kommt. Für das kleine Ruwer-Seitental zwischen Sommerau und Trier-Eitelsbach gilt das genauso.

Phase 3: Der Wiederaufstieg des Saar-Rieslings

Auch jenseits von Egon Müllers weltbekanntem „Scharzhof“, der über Jahrzehnte den Maßstab für Saar-Rieslinge hielt, geht es mit den Saar-Rieslingen wieder steil bergauf. Die Region ist auf dem besten Weg, wieder Anschluss zu finden an die glorreichen Zeiten vor 100 Jahren, als ihre Weine quasi in der Champions League spielten.

Roman Niewodniczanski hat einen wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung. Er stammt aus der bekannten Bitburger Bier-Dynastie, entdeckte aber sehr früh seine Leidenschaft zum Wein. Es war daher nur konsequent, dass er sich nach Betriebswirtschafts- und Wirtschaftsgeographiestudium sowie beruflichen Engagements bei einer namhaften Unternehmensberatung intensiv der Kunst des Weinmachens widmete. Dafür hilfreiche Kenntnisse vertiefte er auf Weingütern in aller Welt.

Er glaubt seit Jahren in den Saar-Weinanbau: Roman Niewodniczanski FOTO: ROBERT DIEHL/VAN VOLXEM/WILTINGEN

Jüngstes Invest von Roman Niewodniczanski: die Domäne Van Volxem FOTO: ROBERT DIEHL/VAN VOLXEM/WILTINGEN

Seine Sammelleidenschaft hat ebenfalls mit Wein zu tun. Niewodniczanski hat - wie zuvor erwähnt - ein großes Faible für alte Weinkarten und mit dem Weinbau im Zusammenhang stehende zeitgeschichtliche Dokumente. Nicht zuletzt aus diesem antiquarischen Schatz reifte die Erkenntnis, welch enormes Potenzial an der Saar mit seinen Steillagen seit Jahrzehnten brach lag. Es war ein Glücksfall für die Region, dass der Brauereierbe 1999 das seinerzeit heruntergekommene Wiltinger Traditionsweingut Van Volxem kaufte und in den Auf- und Ausbau des Betriebs investierte.

Ausgehend von der im Sommer 2020 auf dem Wiltinger Schlossberg in Betrieb genommenen weitläufigen neuen Weinmanufaktur – einem in der Region übrigens einzigartigen architektonischen Juwel - bewirtschaftet Van Volxem mit Kellermeister Dominik Völk mittlerweile rund 95 Hektar. Dazu zählen mit dem ruhmreichen Ockfener Geisberg auch Flächen, die einst zu den teuersten der Region gehörten, nach dem zweiten Weltkrieg dann aber vollkommen verwilderten. Gemeinsam mit Markus Molitor vom gleichnamigen Top-Mosel-Weingut in Bernkastel-Wehlen erwarb Niewodniczanski in den vergangenen Jahren die ehemaligen Top-Steillagen von rund 50 Grundstückseigentümern, rodete sie und bestückte sie neu mit rund 70.000 Riesling-Rebstöcken. Molitor selbst übernahm im Sommer 2016 die ehemalige staatliche Weinbaudomäne Serrig mit 22 Hektar zusammenhängenden Flächen. Mit den 11 Hektar Rebfläche mit Top-Lagen wie „Ockfener Bockstein“ und „Saarburger Rausch“, die er bereits zuvor erworben hatte, will er der Saar-Domäne Serrig neuen Glanz verleihen.

Günther Jauch und das Kanzemer Traditionsweingut von Othegraven: Der Einstieg des TV-Moderators brachte den Saar-Rieslingen große Öffentlichkeit FOTO: FRANZ UNTERSTELLER 

Ins Licht der Öffentlichkeit geriet die Region auch, als der bekannte Fernsehmoderator Günther Jauch – seine Großmutter war eine geborene von Othegraven - gemeinsam mit seiner Frau Thea 2010 das traditionsreiche Kanzemer Weingut von Othegraven mit seinen 22 Hektar bester Steillagen zurückkaufte.

Im Windschatten der großen Namen sind es aber auch ein knappes Dutzend Jungwinzer – darunter etliche Neugründungen -, die das Potenzial der Region für sich erkannt haben und mit ihren Weinen von sich reden machen. 2017 haben sich etliche von ihnen auf der Plattform www.saarkind.com zusammengeschlossen. Ihr Motto: „Gemeinsam, Nachhaltig, Beständig – Weil so Heimatliebe Spaß macht.“ Stellvertretend seien an dieser Stelle mit Florian Lauer vom „Weingut Peter Lauer“ und den „Weber Brüdern“ Stefan und Michael vom gleichnamigen Saarweingut nur zwei dieser mittlerweile erfolgreichen Nachwuchshoffnungen erwähnt.

Acht Hektar, ausgewählte Parzellen der "Ayler Kupp": Florian Lauer und seine Rieslinge sind ein sehr gutes Beispiel für die Renaissance der Saar FOTO: PETER BENDER

Rund um die Saar-Gemeinde Ayl bewirtschaftet Florian Lauer vom Weingut Peter Lauer rund acht Hektar beste Steillagen, darunter auch Parzellen der berühmten „Ayler Kupp“. Um der mit der erwähnten Weingesetznovelle von 1971 herbeigeführten Gleichmacherei von Großlagen wie der insgesamt 33 ha umfassenden „Ayler Kupp“ entgegenzuwirken, benennt Lauer auf seinen Etiketten die einzelnen Parzellennamen wie „Unterstenberg“, „Kern“ und „Stirn“. Heute nur höchst selten anzutreffen werden seine Weine dann nach „Fass Nr.“ gegliedert. Im Ergebnis hat man dann beispielsweise einen mineralischen „2020 KERN Riesling, Faß 9 VDP Große Lage feinherb“ von 70 Jahre alten, auf Schieferböden der Ayler Kupp mit 50 Prozent Neigung stehenden Reben im Glas. 

Für mich persönlich eine der interessantesten Neugründungen ist das Saarweingut Weber Brüder (siehe auch die Rubrik „Ins Glas geschaut“). In kürzester Zeit haben sich Stephan und Michael Weber mit ihren naturnahen, sehr puristischen und säurebetonten Rieslingen über die Region hinaus einen Namen gemacht. „Sie haben durchaus gewollt Ecken und Kanten“, sagt Stephan Weber, „wir lassen in unseren Weinen ausschließlich den Weinberg sprechen.“

Die positiven Effekte des Klimawandels

Vielerorts kämpfen die Weinbaubetriebe heute mit den negativen Folgen des Klimawandels. Langanhaltende Trockenheit, starke Hitze und intensive Sonneneinstrahlung im Sommer, die den Trauben vor der eigentlichen Reife stark zusetzen sind nur einige der damit in Zusammenhang stehenden Effekte. Für die an der Saar und damit Deutschlands kühlster Weinbauregion erzeugten Rieslinge bringt der Klimawandel eher positive Effekte mit sich. Die Trauben reifen heute regelmäßig gut aus und können dennoch teilweise bis weit in den November am Stock verbleiben ohne dass dies die Ausbildung hoher Zuckergehalte zur Folge hätte. Den Weintrinkern beschert dies durchweg frische und leichte, vielfach sogar überraschend alkoholarme Weine.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, dass es nicht mein letzter Besuch in den Weinbaubetrieben von Wiltingen und Umgebung war. Auch wenn ich dafür mal wieder jenseits der saarländischen Landesgrenze in die Pfalz muss.

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Ins Glas geschaut: Franz Untersteller besucht die Weber Brüder und trinkt "Phoenix" und "Adonis"

Franz Untersteller in Wiltingen: Stephan Weber zeigt dem Ex-Umweltminister den Weinkeller FOTO: UNTERSTELLER

In der Rubrik „Ins Glas geschaut“ stellen Weinexperten und Weinliebhaber, ihren Wein der Woche vor. Heute: Die Rieslinge "Phoenix" und "Adonis" der Weber Brüder Stephan und Michael aus Wiltingen.

von Franz Untersteller

Die Weine: Saarweingut Weber Brüder:

  • Phoenix, Wiltinger Klosterberg, 2018“, Riesling Qualitätswein trocken, Restsüße 13,3 g/l, Säure 6,7 g/l, 11,5% vol., 12,50 € ab Hof.
  • Adonis, Wiltinger Rosenberg, 2018, Riesling Qualitätswein trocken, Restsüße 7,6 g, Säure 6,7 g/l , 12,0% vol., 15,50 € ab Hof.

Der Grund: Stephan Weber erwartet mich schon im Hof eines alten, sanierungsbedürftigen großen Bauernhauses in Wiltingen. Er sei ein wenig nervös, sagt er gleich. Die Wetterkapriolen der ersten Jahreshälfte drohten nun auch im Herbst 2021 anzuhalten. Man müsse in diesen Tagen die Trauben praktisch täglich im Blick haben und auch rasch Entscheidungen über einen schnellen Lesetermin treffen, sagt er. Sonst greift die Fäulnis auf das kostbare Lesegut über. Um den Trauben die Möglichkeit zu geben, ihre Aromen auf den Schieferböden optimal auszubilden, wolle man mit der Lese eigentlich bis Ende des Monats, vielleicht sogar bis in die ersten Novembertage warten. Und nicht schon Mitte Oktober, als ich ihn besuchte.

Bei einer Tasse Kaffee - den angebotenen Wein habe ich so früh am Morgen schweren Herzens ausgeschlagen - erzählt er, dass sein Bruder Michael und er mit ihren Familien das etwas in die Jahre gekommene Wohn- und Wirtschaftsgebäude 2014 gekauft haben. Von hier sollen die Weine des 2013 von beiden gegründeten „Saarweinguts Weber Brüder“ die kommenden Jahre ihren Siegeszug antreten. Dass sie dabei nicht nur den deutschen Markt im Blick haben, belegt ihre neben in Deutsch und Englisch auch in chinesischen Schriftzeichen erstellte Website. Ihr Ziel sei es, puristische und ehrliche Weine herzustellen, die Reifepotenzial und Charakter haben.

Weinbau hat in der Weber-Familie eine lange Tradition. Von ihren Großeltern haben beide die Leidenschaft für den Weinbau mehr oder weniger in die Wiege gelegt bekommen. Große Teile ihrer Kindheit verbrachten sie im Weinberg von Oma und Opa. Ihren Eltern war es, bedingt durch deren beruflichen Werdegang, dann nicht mehr möglich, die Rieslingtrauben der am Wiltinger Klosterberg gelegenen Parzellen weiter selbst auszubauen.

Den beiden Weber-Brüdern war früh klar: Das kann kein Dauerzustand bleiben. Ganz im Sinne ihres Leitspruchs „Follow your dreams“ holten sich beide mit einem Studium der Önologie bzw. Internationalen Weinwirtschaft zunächst die theoretischen Grundlagen an der Geisenheimer Hochschule. Praktische Erfahrungen sammelten sie anschließend in mehreren Betrieben - darunter auch bei Van Volxem aus Wiltingen.

Die Rieslinge "Phoenix" und "Adonis" der Weber-Brüder Stephan (l.) und Michael FOTOS: FRANZ UNTERSTELLER/SAARWEINGUT WEBER BRÜDER

Es war dessen umtriebiger Patron, Roman Niewodniczanski, der sie darin ermunterte ihr eigenes Weinprojekt in Angriff zu nehmen. „Phoenix“ stand schließlich 2011 am Anfang des Saarwein-Projekts „Weber Büder“. Im Unterschied zu dem Vogel, der laut Mythologie angeblich aus der Asche aufstieg, waren die beiden weinvernarrten Brüder zuvor allerdings alles andere als gescheitert. Vielmehr war es immer ihr Traum selbst irgendwann ihren eigenen Riesling aus den Trauben der vom Großvater auf dem Wiltinger Klosterberg vor über 50 Jahren in traditioneller Einzelpfahlerziehung – auch Moselherz genannt - gepflanzten Reben zu erzeugen. Überaus gelungen dient ein abstrahiertes Moselherz heute auf Etiketten, Website und diversen Veröffentlichungen dem Saarweingut Weber Brüder als Logo. Für die beiden symbolisiert es Tradition und Regionalität, ohne dabei aber Innovation auszuschließen.

Ermutigt vom Erfolg ihres trocken ausgebauten Erstlingswerks in der Riesling-Fangemeinde investierten sie in die Erweiterung ihrer Weinbergflächen. Auf den gegenwärtig bewirtschafteten 4 Hektar erzeugen sie rund 20.000 Flaschen Wein. Zum „Phoenix“ gesellen sich mit „Diabas“, „Einklang“, „Aphrodite“ und „Adonis“ zwischenzeitlich weitere Rieslinge, die von alten Saar-Steillagen stammen. Der „Adonis“ wächst am Wiltinger Rosenberg, einer Lage, die sich durch braune Schieferverwitterungsböden sowie eine nahezu perfekte Exposition zur Sonne auszeichnet. Aufhorchen lässt zusätzlich, dass die Fläche mehr oder weniger parallel zu den weltbekannten Lagen „Scharzhof“ und „Braunfels“ verläuft.

Die Weine der Weber Brüder werden nach den Grundsätzen des biologischen Weinbaus erzeugt. Auf eine Zertifizierung haben sie aus Zeit- und Kostengründen aber verzichtet. Der „Adonis“ wird im Edelstahl spontanvergoren und 15 Monate auf der Hefe ausgebaut. Im Glas hat er eine wunderschöne Nase aus Grapefruit, Apfel, Melone und Schiefer. Der Wein ist recht spritzig und hinterlässt beim Genießen einen fein gerösteten sowie salzig-mineralischen Abgang.

Für Gesprächsstoff sorgten die beiden jungen Saarwein-Enthusiasten vor einigen Jahren auch mit ihren kleinwüchsigen Quessantschafen. Als Alternative zum Einsatz chemischer Substanzen ließen sie einige dieser der kleinsten europäischen Schafrasse entstammenden Tiere quasi als ökologische Rasenmäher zwischen ihren Reben grasen. Die Ergebnisse waren durchweg positiv, allerdings ließ sich der Aktionsradius der Tiere mangels im Steillagenweinbau nicht vorhandener Zäunung nicht so ohne weiteres auf die eigenen Parzellen begrenzen, weshalb sie das Experiment fürs Erste leider ad acta legen mussten.

Für mich selbst überraschend war, dass ich als Liebhaber trockener Weißweine von dem rein nach Papierform betrachtet mit 13,3g/l Restzucker nicht ganz trockenen 2018er „Phoenix“ aus der Lage Klosterberg besonders angetan bin. Der ebenfalls im Edelstahltank spontanvergorene und danach 15 Monate auf der Hefe ausgebaute Riesling zeichnet sich wie der 2018er „Adonis“ durch eine angenehme Säure (6,7 g/l) aus. Im Glas zeigt sich dieser cremige Saarriesling, ganz entgegen den Erwartungen die man eigentlich nach dem zuvor erwähnten Restzuckerwert hat, dennoch überraschend trockenschmeckend und erkennbar mineralisch. In der Nase erinnert er an Cassis, Melone, Grapefruit und Birne. Der lange und sehr einnehmende Abgang weckt bei mir jedenfalls nach dem Genuss dramatische Lust auf ein zweites Glas.

Franz Untersteller, 64, ist gelernter Landschaftsplaner. Er war zwischen 2006 und 2021 Abgeordneter der Grünen im baden-württembergischen Landtag, zwischen 2011 bis 2021 Minister für Umwelt, Klima u. Energiewirtschaft im Kabinett von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Aktuell ist er Globaler Botschafter für das weltweite Klima-Projekt Under2Coalition. Und er ist Saarländer: Geboren in Ensheim, die ersten 20 Jahre hat er im Saarland verbracht - es ist Heimat. Und er liebt die Saar-Rieslinge. Hier steht er bei Van Volxem in der Probierstube. FOTO: FRANZ UNTERSTELLER

Bisher in der WeinLetter-Rubrik "Ins Glas geschaut" erschienen: Agentur-Gründer Markus Albers testet Pfälzer Top-Bio-Riesling Leinhöhle vom Weingut Weisbrodt +++ WeinLetter-Publisher Thilo Knott testet Bacchus-Cuvée des Franken-Rebellen Artur Steinmann +++ Thilo Knott testet Weinköniginnen-Weine der Durbacher Winzergenossenschaft +++ taz-Genuss-Experte Jörn Kabisch testet das Wein-Bier-Hybrid Olie & Sieke von Flügge +++ Thilo Knott testet den "Heugumber"-Gutedel von Hanspeter Ziereisen +++ Berliner Nature-Experte Andrej Marko testet den "Bergwerk" des Österreichers Georg Schmelzer +++ Grüner Ex-Umweltminister Franz Untersteller testet die Cuvée "Herbst im Park" vom Weingut Grad Adelmann +++ WeinLetter-Experte Oliver Bach testet Refosk des Weinguts Santomas aus Istrien +++ Thilo Knott testet drei Teroldego von Foradori, Zeni und Endrizzi: Granato, Ternet und Gran Masetto +++ Franz Untersteller stellt den Lieblings-Roten von Ministerpräsident Winfried Kretschmann vor +++ Bassermann-Jordan-Chef Ulrich Mell testet Scheurebe vom Stefanie Weegmüller +++ Franz Untersteller testet Silvaner von der Schwäbischen Alb +++ Berliner LOK6-Chefin Julia Heifer testet Muscat-Naturwein aus dem Elsass +++ Pfälzer Donald-Trump-Satiriker Alexis Bug testet Riesling Auslese R von Koehler-Ruprecht +++ taz-Chefreporter Peter Unfried testet den "Mythos" der Pfälzerin Adriane Moll +++ MSL-Chairman Axel Wallrabenstein über Spätburgunder von Ex-DFB-Präsident Fritz Keller +++ Geisenheimer Oliver Bach über Riesling von Clemens Busch +++

Info: Wie kam der Riesling an die Saar?

Dass wir von den Hängen links und rechts der Saar, Mosel und Ruwer stammende exzellente Rieslinge genießen dürfen, haben wir ein Stück weit auch einem Vertreter der katholischen Aufklärung zu verdanken: dem letzten Erzbischof und Kurfürsten von Trier, Clemens von Wenzeslaus. Zur Qualitätsverbesserung verfügte er am 30. Oktober 1787, dass „an der Stelle der sogenannten rheinischen Traube, die als verwerflich bezeichnet werden, die weitaus geeignetere Riesling-Rebe (…) anzubauen ist.“ Nicht zuletzt auch unter dem Eindruck einer seinerzeitigen schweren regionalen Absatzkrise entwickelte sich in den darauffolgenden Jahrzehnten an der Mosel und deren Nebentälern Saar und Ruwer das größte Anbaugebiet dieser beliebten Weißweinsorte.

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