Ins Glas geschaut: Andrej Marko testet den unterirdischen "Bergwerk" aus Österreich

Weingut Schmelzer, "Bergwerk", Cabernet Sauvignon FOTO: THILO KNOTT

In der Rubrik „Ins Glas geschaut“ stellen Weinexperten, Weinliebhaber, Prominente und Weinhändler des Vertrauens ihren Wein der Woche vor. Heute: Berliner Weinhändler Andrej Marko testet Nature-Wein von Georg Schmelzer aus Österreich. Der "Bergwerk" ist eine echte Grenzerfahrung!

von Andrej Marko

Der Wein: Weingut Schmelzer, Bergwerk 2017, Cabernet Sauvignon, Wildwuchs, Qvevre, 14,5 Vol%, Schwefel: 0, Zucker: 1 g/l, Säure: 6,1 g/l, 34 Euro ab Hof.

Der Grund: Ein Weinliebhaber muss kein Georgisch sprechen, aber Qvevri sollte man sich einprägen. So heißt ein in der Erde vergrabenes Tongefäß, in dem Wein gärt und reift. In Georgien wird auf diese Art seit Jahrtausenden Wein gemacht, rot wie weiß. Ein paar Qvevris haben jetzt ihren Weg nach Mitteleuropa gefunden, in die Hände von naturbelassen und biodynamisch arbeitenden Winzerinnen und Winzern. So wie Georg Schmelzer aus dem burgenländischen Gols.

Ich kenne Georg Schmelzer seit einem Messebesuch 2019. Im Juli waren ich und meine Frau Claudia bei ihm in Gols. Besonders macht ihn, auch innerhalb der nicht gerade spärlich besetzten österreichischen Wein-Avantgarde, was er konsequent weglässt: Kupfer und Schwefel im Weinberg sowie Schönung, Filtration und Schwefel im Keller. Er verkörpert die Idee eines Kreislaufs der Natur wie kaum ein zweiter und dafür steht beispielhaft der heute vorgestellte Wein. Sein „Bergwerk“, 100 Prozent Cabernet Sauvignon, könnte man einen Wein der kurzen Wege nennen. Denn Georg ließ die Qvevri direkt im Weinberg vergraben.

Georg Schmelzer mit seinen Schafen. Hinten im Bild stehen die etwas scheuen "Triebaumer Schafe" . Sie sind benannt nach dem Winzer Ernst Triebaumer, der sie für die Bestellung des Weinbergs züchtete. Sie sind nämlich kleiner als normale Schafe. Sie haben eine ideale Größe, um im Weinberg das Unkraut und die unteren, nutzlosen Austriebe der Rebstöcke zu vertilgen. An die Beeren kommen sie nicht FOTO: ANDREJ MARKO

Ab hier passiert alles in Handarbeit: Die gelesenen Trauben kommen in einen großen Bottich, Tochter Julia steigt hinein (womit aus Handarbeit eine Fußarbeit wird) und anschließend rutschen die gestampften Trauben in die Qvevri. Deckel zu und Sand obendrauf. Den Rest besorgt die Natur: die Gärung setzt spontan ein und verrichtet unter Tage ihre Arbeit für ein knappes Jahr. Denn dann steht schon die neue Ernte vor der Tür. Also wird der Wein mit Muskelkraft ausgeschöpft und im Weingut in eine von 897 Flaschen gebracht. Passenderweise bestehen die aus Ton.

Tief purpurrot ergießt sich der Wein ins Glas. Die erste Nase: Riecht staubig, erdig, dann nach Marzipan und einem Hauch Nougat. Am Gaumen ein stoffiger, kompakter Eindruck. Tannine zerren etwas ungestüm an den Sensoren. Werden sie sich mit etwas Luft abmildern? Die geöffnete Flasche wandert zurück in den Temperierschrank.

Zweiter Anlauf am Tag drauf. Ich rieche: Schwarzkirsche drängelt sich vor, dazu gesellt sich Cassis. So langsam gibt sich die Rebsorte zu erkennen. Am Gaumen dann die Überraschung: die Tannine sind auf dem Rückzug, dafür schiebt sich die Säure in den Vordergrund. Für alle Zahlenmenschen: mehr als 6 Gramm Säure sind für einen Rotwein schon recht sportlich. Der Wein bleibt fordernd. Zu keiner Zeit schmeckt er fruchtig, weich oder rund. Kräftig ist er, im Sinne von kraftvoll, eher druckvoll, aber nicht füllig. Er verbreitet eine kühle Strenge. Oder strenge Kühle? Röstaromen wollen ihn begleiten, Steak vom Grill oder Aubergine aus dem Schmortopf.

Andrej Marko, rechts, trifft Georg Schmelzer in dessen Probierstube in Gols FOTO: CLAUDIA MARKO

Zwei Fragen bleiben:

1. Hätte man ihn noch fünf Jahre im Keller lassen können? Mit Sicherheit!

2. Wie macht sich nun genau die Qvevri sensorisch bemerkbar? Zunächst ist es das, was nicht da ist („fehlt" wäre der falsche Begriff): Vanille, Zedernholz, Tabak, Zigarrenkiste. Was vor allem bleibt, ist dieser erdige Eindruck, der einen mit etwas Fantasie auf die Reise mitnimmt zum Golser Goldberg, in zwei Meter Tiefe, wo alles begann.

So sieht Georg Schmelzer seinen Wein selbst: „Das Bergwerk zeigt uns, dass alleine die Elemente der Natur, die Jahreszeiten, der Weinberg und die wild wachsenden Reben ein wunderbares Produkt hervorbringen können. Es ist immer spannend, welcher Wein nach einem Wachstumsjahr und einem Jahr in der Qvevri entstanden ist." Spannend? Auf jeden Fall! Und ungewohnt anders. Jedenfalls für alle, die kein Georgisch sprechen.

Noch mehr Nature gibt's hier: Julia Heifer testet Muscat von Philippe Brand aus dem Elsass!

Andrej Marko, 47, war jahrzehntelang Kaufmann bei der Berliner Pharmasparte des Bayer-Konzerns. Er schüttelte den Kopf, als die Leverkusener den umstrittenen US-Konzern Monsanto übernahmen. "Wie kommen wir da raus und was machen wir danach?", grübelte er mit seiner Frau Claudia, ebenfalls bei Bayer tätig. Sie machten ihre Leidenschaft zum Geschäft in Berlin: Weine von kleinen, ökologisch arbeitenden Erzeuger*innen. Schwerpunkt: Deutschland und Österreich. Warum heißt der Laden www.weinmoral.berlin? Andrej Marko sagt: "Kann die Menschheit vollständig ökologisch ernährt werden? Fangen wir doch mal bei einem Genussmittel an: Moral beginnt mit Wein." FOTO: FOTO HOLLIN

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