WeinLetter #15: Wahl zur Deutschen Weinkönigin (m/w/d)

Liebe Wein-Freund*innen,

Du liest den 15. WeinLetter +++ Heute erfährst Du: So wirst Du Deutsche Weinkönigin (m/w/d). In genau sieben Schritten. Es ist eine Gebrauchsanweisung, die Du anwenden kannst für Deine nächste Kandidatur 2022 (eventuell). Denn 2021 ist gegessen: Die elf Kandidatinnen stehen fest. Am 24. September ist die Wahl in Neustadt an der Weinstraße. Es wird - Vorsicht! - Tränen geben an der Weinstraße. So oder so. Ich bin für Dich dabei, als Jury-Mitglied und Berichterstatter. Du bleibst auf dem Laufenden! +++ In der Rubrik "Ins Glas geschaut" gibt's: hervorragenden Gutedel für 7,50 Euro, der Heugumber heißt. Klar: von Hanspeter Ziereisen. Was ist das Besondere? +++ Empfehlt (und shared) den WeinLetter bitte weiter. Unterstützt den WeinLetter und werdet sehr gerne aktives Mitglied! Es ist eine gute Wahl! Und vor allem:

Trinkt’s Euch schön!

Euer Thilo Knott

Da ist das Ding! Die Krone. Wer setzt sie sich bloß auf? FOTO: DWI

So wirst Du Weinkönig*in - in sieben Schritten!

Wie wird man eigentlich Weinkönig*in? Kompliziert! Du musst im Zweifel heiraten. Trollinger auf Englisch anpreisen. Was Du nicht mehr musst, ist Dirndl tragen. Die Gebrauchsanweisung.

von Thilo Knott

1. Heirate eine Winzer*innentochter oder einen Winzer*innensohn!

Wie wirst Du Deutsche Weinkönig*in? Du machst: Irgendwas mit Wein? Das reicht für die erste Hürde. So steht es frei übersetzt in den Richtlinien des Deutschen Weininstituts für potenzielle Kandidat*innen für die Krone der Deutschen Weinkönig*in. Laut Veranstalter müssen die Kandidat*innen „eine eindeutige und starke Verbundenheit mit deutschen Weinen“ haben. Das können eine entsprechende Berufsausbildung sein – oder „eine familiäre Bindung mit dem heimischen Weinbau“. Wenn Dir also eine Ausbildung zu lange dauert, sagen wir ein dreijähriges Studium Internationale Weinwirtschaft an der FH Geisenheim, dann: Heirate! Du musst noch mindestens 18 Jahre alt, und darfst nicht schon mal Weinkönigin gewesen sein. Früher musstest Du auch ledig sein (ups, noch bis 1999!). Das wurde im Zuge spät-emanzipatorischer Entwicklungen aber abgeschafft. Das ist eine Wahl zur Deutschen Weinkönigin – und kein Wein-Tinder! Das für Fototermine obligatorische Dirndl wurde schon 1981 gestrichen. Immerhin.

Kandidatinnen 1 bis 3 (v. l.): Linda Trarbach (Ahr), Sina Erdrich (Baden), Heike Knapp (Hessische Bergstraße) FOTOS: DWI

2. Verschenke reichlich Wein der Schwiegereltern im Ort!

Hast du also irgendwas mit Wein zu tun? Oder inzwischen geheiratet? Sehr gut. Dann musst Du zunächst Deinen heimatlichen Weinort überzeugen. Die Weinorte – nennen wir sie Walporzheim, Escherndorf, Ballrechten-Dottingen – können nämlich auch Orts-Weinkönig*innen wählen. Die Ortsweinkönig*in kann dann – 18 plus und irgendwas mit Wein – zur Wahl der Gebietsweinkönig*in antreten. Insgesamt gibt es 13 offiziell anerkannte Anbaugebiete. Also können bei der Kür zur deutschen Weinkönig*in 13 Kandidat*innen antreten. Es treten 2021 aber nur elf Frauen an: Linda Trarbach (Ahr), Sina Erdrich (Baden), Heike Knapp (Hessische Bergstraße), Marie Dillenburger (Mittelrhein), Marie Jostock (Mosel), Laura Tullius (Nahe), Saskia Teucke (Pfalz), Valerie Gorgus (Rheingau), Andrea Böhm (Rheinhessen), Annemarie Triebe (Saale-Unstrut) und Henrike Heinicke (Württemberg). 

Kandidatinnen 3 bis 6: Marie Dillenburger (Mittelrhein), Marie Jostock (Mosel), Laura Tullius (Nahe) FOTOS: DWI

Franken und Sachsen sind nicht dabei: Die amtierende Gebietsweinkönigin Frankens, Carolin Meyer, war schon mal dabei und darf nicht ein zweites Mal antreten. Katja Böhm aus Zeitz, Sachsen, verzichtet. Also: Fang in Deinem Ort mit der Bewerbung an – verschenke Wein, lass Dich bei den Weinfesten blicken, übernehme ein Ehrenamt! Dann darfst Du weiter träumen.

3. Es kommt nicht auf Deinen Friseur an! Abonniere lieber den WeinLetter!

Wie lange dauert das Studium der Internationalen Weinwirtschaft an der FH Geisenheim? Pfff, hast Du Dir nicht gemerkt. Wie heißen die 13 Anbaugebiete in Deutschland? Württemberg, Pfalz, Mosel, irgendwas mit Hessischer Bergpfirsich, oh, Du stockst. Das war’s mit der Karriere als Deutsche Weinkönig*in. Die Wahl ist nämlich längst kein verkappter Schönheitswettbewerb mehr. Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut sagt: „Es ist insgesamt Infotainment.“ Die vom SWR live ausgestrahlte und von Holger Wienpahl moderierte Wahl in Neustadt an der Weinstraße am 24. September ist: Unterhaltung. Eine Woche vorher ist aber schon ein Vorentscheid, am 18. September ebenfalls in Neustadt, bei dem die Kandidat*innen viel Weinwissen präsentieren müssen.

Du kennst die 13 Wein-Anbaugebiete in Deutschland nicht? Dann lies' und mach' mal die Riesling-Tour des WeinLetter!

4. Besuche einen Englisch-Crashkurs und ein TV-Training!

Beim Vorentscheid ziehen sechs der elf Kandidatinnen ins Finale ein. Es geht in der ersten Runde (TV: SWR, 19. September, 14:25 bis 16:30 Uhr) schon um Weinwissen. Was sind zum Beispiel PiWis? Das ist eine reine Wissensfrage. Aber es gibt auch tiefschürfende Hammer-Fragen wie: Welchen Wein trinkst Du, wenn Du traurig bist? Da werden keine primitiven Fragen gestellt wie: Was bedeutet Ganztraubenpressung? Nee. Wenn Du bei diesen Fragen schon aussteigst, dann gehörst Du nicht nach Neustadt. Es geht um echte Herausforderungen! So etwa: Mache einem Kunden einen Trollinger schmackhaft – auf Englisch, bitte! WTF?

Kandidatinnen 7 bis 9: Saskia Teucke (Pfalz), Valerie Gorgus (Rheingau), Andrea Böhm (Rheinhessen) FOTOS: DWI

Aber keine Angst. Es gibt ein zweieinhalbtägiges Vorbereitungsseminar für alle Kandidat*innen. Einführung in das Sendekonzept, inhaltliches Briefing, Kamera- und Rhetoriktraining, Fotoshooting, Stilberatung (wer will!).

5. Sechs gewinnt!

Du musst minimum Sechste*r werden, dann bist Du im Finale dabei. Live. Im SWR. Jetzt kommt es auch auf „Spontanität, Schlagfertigkeit und Weine erkennen unter Stress“ an, wie es Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut beschreibt. Also: Gute Unterhaltung. Mit Buzzer-Runden und Blindverkostungen. Kurz vor dem Ende der Sendung heißt es für die Jury (also mich): Mach drei aus sechs. Dann werden nochmal eine oder zwei Finalfragen gestellt – und gut ist nach zwei Stunden: Deutsche Weinkönig*in!

Was soll das übrigens mit den Gender-Sternchen und den (m/w/d)!

Ja, auch Du, Mann, könntest antreten! Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut sagt pragmatisch: „Wenn die Anbaugebiete Männer schicken, dann treten sie an.“ Fertig. Sie müssen seit 1999 ja nicht mehr im Dirndl antreten. Kannst Du aber trotzdem machen. Zwinker-Smiley!

6. Rede mit Deinem Arbeitgeber: Denn Du bist jetzt in Hongkong – und nicht in Bernkastel.

Okay, wenn Du dann im Finale bist, dann kann es passieren, dass Du – naja – Weinkönigin von Deutschland wirst. Also rede mal mit Deiner Arbeitgeber*in. Denn in diesem Jahr sollst Du ja deutsche Weine präsentieren und repräsentieren in Germany and outer space. Hongkong. London. New York City. Falls Corona-möglich. Nur mal vom Budget her: Du fungierst in einem Ehrenamt. Du bekommst für Einsätze im Inneren 100 Euro, für Auslandseinsätze 130 Euro. Kost und Logis sind for free. Partiell freistellen lassen? Unbezahlter Urlaub. Musst Du besprechen!

PS: Wichtig! Bernkastel im Moselgebiet ist nur zufällig gewählt wie alle anderen Ortsnamen in diesem WeinLetter. Es impliziert keine Vorentscheidung des Jurors.

Kandidatinnen 10 und 11: Annemarie Triebe (Saale-Unstrut), Henrike Heinicke (Württemberg). Plus: SWR-Moderator Holger Wienpahl FOTOS: DWI; SWR/DWI/TORSTEN SILZ

7. Setz' Dir die Krone auf!

Jetzt gilt’s! Zwei Stunden Live-Show – und dann fällt die Entscheidung. 70 Juror*innen aus (Wein-)Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Medien stimmen ab. Die amtierende Weinkönigin, Eva Lanzerath aus Walporzheim (Ahr), hat zwei Tipps für Dich.

Erstens: Steh‘ zu dir! Sie sagte mir: „Das Wichtigste ist, dass man seine eigene Persönlichkeit beibehält und natürlich bleibt. Es bringt nichts, sich zu verstellen."

Zweitens: Bleib‘ locker und mach‘ es Dir schön! Eva Lanzerath sagt: „Du musst so locker wie möglich in diese Wahl reingehen. Du musst dir sagen: Das ist ein einmaliges Erlebnis. Das wirst du nie wiederbekommen. Genieße es! Hab‘ Spaß auf dieser Bühne in Neustadt an der Weinstraße.“

Wenn Du also diese sieben Schritte beherzigst, dann kann ich nur sagen: Gratulation, Deutsche Weinkönig*in! 

Die Ansichten der amtierenden Weinkönigin: Das ganze Interview mit Eva Lanzerath gibt's hier!

Die Wahl zur Deutschen Weinkönig*in findest Du hier live im TV, als Aufzeichnung und im Stream: 
  • Vorentscheid am Samstag, 18. September, ab 16 Uhr: Das Deutsche Weininstitut und der SWR streamen den Vorentscheid live auf www.deutscheweine.de und www.swr.de. Der SWR sendet eine Aufzeichnung der Veranstaltung am Sonntag, 19. September, zwischen 14:25 und 16:30 Uhr.
  • Finale am Freitag, 24. September, ab 20;15 Uhr: Der SWR überträgt die Wahl live im TV um 20:15 Uhr. Per Stream gibt's das Finale ebenfalls auf www.deutscheweine.de und www.swr.de

Ins Glas geschaut: Heugumber. Gutedel. Ziereisen. Drei Worte - mehr braucht's nicht!

Weingut Ziereisen, Heugumber (Gutedel), 2018, 11,0% Vol., 7,50 Euro ab Hof. FOTO: THILO KNOTT

In der Rubrik „Ins Glas geschaut“ stellen Weinexperten, Weinliebhaber, Prominente und Weinhändler des Vertrauens ihren Wein der Woche vor. Heute: Der Heugumber. Ein Gutedel für 7,50 Euro von Hanspeter Ziereisen - und Du findest dafür nix Besseres!

von Thilo Knott

Der Wein: Weingut Ziereisen, Heugumber (Gutedel), 2019, 11,0% Vol., 7,50 Euro ab Hof. 

Der Grund: Ich habe in den 90ern sechs Jahre lang in Freiburg im Breisgau studiert. Politikwissenschaft und Soziologie. Ich weiß aus dieser Zeit, was Genossen-Gutedel für Drei-Mark-Fuffzig anrichten kann. Beziehungsweise damals konnte, als man als Studierender tendenziell eher auf Kopfwehtrinken aus war als auf Genusstrinken.

Der „Heugumber“ von Hanspeter Ziereisen aus Efringen-Kirchen im Landkreis Lörrach ist für mich die Synthese. Es ist ein hochwertiges Produkt in Relation zu diesem erklecklichen Studierenden-Preis (7,50 Euro). Das Preis-Wert-Verhältnis ist hier komplett gesprengt. Übrig bleibt: Genuss!

Edeltraud und Hanspeter Ziereisen im Keller FOTO: WEINGUT ZIEREISEN

Vielleicht wird man irgendwann mal sagen, dass Hanspeter Ziereisen die Rebsorte Gutedel (auch Chasselas genannt) an ihre Grenzen getrieben hat. Mit dem Gutedel "Jaspis 10 hoch 4" für professorale 125 Euro sowieso. Er baut insgesamt sechs unterschiedliche Gutedel aus. Aber famos ist eben, dass diese Qualität auch an der Basis vom Winzer gelebt wird und vom Kunden erlebt werden kann. Wer Trüffel anbietet, muss auch Aglio e Olio drauf haben.

Dieser Gutedel, der Heugumber, der alemannische Ausdruck für Grashüpfer, wurde von Hand gelesen, gepresst, im großen, 3.000 Liter fassenden Holzbehälter mit traubeneigenen Weinbergshefen vergoren. "Der Reifungsprozess dauert 18 bis 20 Monate auf der Hefe", sagt Hanspeter Ziereisen. Bevor dieser Gutedel mit einem Ernteertrag von 70 hl/ha abgefüllt wird, wird er schonend gefiltert mit Kieselgur, einer alten Methode, um die Trubstoffe loszuwerden. "Das ist ein langer Prozess für einen Basiswein", sagt er. 

Gutedel macht immerhin ein Viertel der 18 Hektar großen Anbaufläche von Edeltraud und Hanspeter Ziereisen aus. Der aktuelle Jahrgang ist der 19er, der erst Ende Juli abgefüllt wurde. Er ist äußerst schlank mit seinen 11 Prozent Volumen-Alkohol, hat eine Frische durch die angenehme Säure. Es ist durchaus angemessen, den Heugumber zu karaffieren. So kommen die grün-gelben Aromen von Birne und Apfel (hier: Ingrid Marie) sowie Stroh durch. Aber nur leicht. Er ist kein fruchtiger Kumpel, sondern steht auf der mineralischen, knochentrockenen Seite. Also: Gebt dem Inhalt Zeit – egal ob in der Flasche oder der Karaffe. Und lagert ihn am besten mal zwei bis fünf Jahre. Das kann er locker. 

"Es ist ein ehrlicher, anständiger Wein", sagt Edeltraud Ziereisen, "mit einem hohen Anspruch, aber ohne Tamtam." Hanspeter Ziereisen hat noch einen Tipp: "Nicht zu kühl trinken! Bei 12 Grad kommen die Aromen." 

Ich glaube, das große Können von Hanspeter Ziereisen – das gilt auch für seine Spätburgunder (Trinkt den Rhini!) – ist, dass er eine Form findet, Weinhandwerk und Weingeschmack so konsequent zu modernisieren, dass er der Klassik aber nicht abschwören muss. Das heißt: Wenn Du meinen Gutedel aus den 90ern mit dem Heugumber von 2018 hypothetisch challengen würdest, dann würdest du bei beiden sagen: Gutedel.

Doch im gleichen Satz würdest du anerkennend hinzufügen: Es sind Welten!

Bisher in der Rubrik "Ins Glas geschaut" erschienen: +++ Berliner Nature-Experte Andrej Marko testet den "Bergwerk" des Österreichers Georg Schmelzer +++ Grüner Ex-Umweltminister Franz Untersteller testet die Cuvée "Herbst im Park" vom Weingut Grad Adelmann +++ WeinLetter-Experte Oliver Bach testet Refosk des Weinguts Santomas aus Istrien +++ WeinLetter-Publisher Thilo Knott testet drei Teroldego von Foradori, Zeni und Endrizzi: Granato, Ternet und Gran Masetto +++ Franz Untersteller stellt den Lieblings-Roten von Ministerpräsident Winfried Kretschmann vor +++ Bassermann-Jordan-Chef Ulrich Mell testet Scheurebe vom Stefanie Weegmüller +++ Franz Untersteller testet Silvaner von der Schwäbischen Alb +++ Berliner LOK6-Chefin Julia Heifer testet Muscat-Naturwein aus dem Elsass +++ Pfälzer Donald-Trump-Satiriker Alexis Bug testet Riesling Auslese R von Koehler-Ruprecht +++ taz-Chefreporter Peter Unfried testet den "Mythos" der Pfälzerin Adriane Moll +++ MSL-Chairman Axel Wallrabenstein über Spätburgunder von Ex-DFB-Präsident Fritz Keller +++ Geisenheimer Oliver Bach über Riesling von Clemens Busch +++

Kommentare sind nur für Mitglieder zugänglich. Nimm an der Diskussion teil …