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WeinLetter #36: Weingut Jochen Beurer

Liebe Wein-Freund*in,

Du liest den 36. WeinLetter. Heute gibt's: Württemberg. Und ein Weingut, das so typisch ist für den Aufstieg dieses lange unterschätzten Weinanbaugebiets. (Könnte an der Trollinger-Obsession gelegen haben). Es geht um das Weingut von Jochen und Marion Beurer. Franz Untersteller, Minister a. D. und WeinLetter-Kolumnist, hat Jochen Beurer besucht und mit ihm sogar Trollinger getrunken (den er wirklich hasst). Das will was heißen. Was ist das Besondere? Sagen wir es so: Es geht um eine Verschmelzung von bio-dynamischer Arbeitsweise mit penibelster Umsetzung und Dokumentation wissenschaftlicher Erkenntnisse. Das bringt dann ganz hervorragende Rieslinge hervor - und Franz Unterstellers Favoriten: Sauvignon Blanc +++ Plus die leicht abgewandelte Rubrik "In den Kochtopf geschaut": Franz Untersteller kocht tatsächlich mit Beurers Sauvignon Blanc! Wo soll das noch enden mit dem WeinLetter!?! Wahnsinn! +++ Empfehlt (und shared) diesen WeinLetter bitte weiter. Unterstützt den WeinLetter gerne auch finanziell und werdet aktives Mitglied! Ich weiß es zu schätzen, wenn Du diese Arbeit honorierst. Aber vor allem:

Trinkt friedlich!

Euer Thilo Knott

"Ich will Weine produzieren, die unser eigenes Naturverständnis in sich tragen“: Jochen Beurer FOTO: WEINGUT BEURER

Der antiautoritäre Dickschädel

von Franz Untersteller

Es gab Zeiten, da konnte es ihm nicht schnell genug gehen. In jungen Jahren hat er es bis zum BMX-Europameister gebracht und kämpfte mit seinem Mountainbike um Weltcuppunkte. Redet man heute mit ihm, hat man den Eindruck, Sten Nadolnys Romantitel „Die Entdeckung der Langsamkeit“ sei ihm zum Leitmotiv geworden.

Jochen Beurer betreibt mit seiner Frau Marion ein rund 14 Hektar großes VDP-Weingut im nordöstlich von Stuttgart gelegenen Remstal – einem idyllischen Seitental des Neckars. Angefangen hat für den damals 24-jährigen alles 1997. Vater Siegfried Beurer fungierte bis dahin als Vorsitzender der örtlichen Winzergenossenschaft, der auch die eigenen Trauben zur Weiterverarbeitung regelmäßig ablieferte. Sohn Jochen, der sich schon auch mal selbst gern als Dickschädel bezeichnet, wollte mehr. Gott sei Dank, kann man als Weinliebhaber heute nur sagen.

Aufbauend auf den von seinem Vater Siegfried vermittelten Weinkenntnissen hatte Jochen Beurer zuvor sein Handwerk bei „Burg Ravensburg“ in Sulzfeld, beim „Fürsten zu Hohenlohe“ in Öhringen sowie der staatlichen Weinbauschule in Weinsberg gelernt, wo er als Weinbautechniker abschloss. Bevor er sich selbstständig machte, holte er sich den Feinschliff im legendären Bio-Betrieb der Trentiner Weinikone Elisabetta Foradori. Es ist wohl auch ihrem Einfluss geschuldet, dass Jochen Beurer vom Start weg in seinem Betrieb das Ziel verfolgte, auf biologischen Grundsätzen aufbauende, charakterstarke und eigenständige Weine zu erzeugen.

Franz Unterstellers Lieblings-Beurer: Sauvignon Blanc FOTO: THILO KNOTT

Für den Ausbau seiner Weine – einen Keller gab’s noch nicht - blieb zu Beginn nur die Garage. Auf erste Erfolge musste der junge Winzer aber nicht lange warten. Schon mit dem 1997er Jahrgang sorgte „Garagenwinzer“ Beurer in Fachkreisen für Aufmerksamkeit.

Seit 2004 bearbeiten Marion und Jochen Beurer ihre Weinberge als vollzertifiziertes Bioweingut am Fuße der aus dem 14. Jahrhundert stammenden würfelförmigen Yburg im Kernener Ortsteil Stetten. Von 2008 an wird Weinbau bei Beurers konsequent nach den Grundsätzen der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise praktiziert. Zwei Stunden verbringe ich in ihrem Verkostungsraum. Probiere unfiltrierten Riesling Kieselsandstein und Trollinger – um den ich sonst gerne einen Bogen mache.

Schaffung von Lebensräumen: Der Blick vom Weinberg auf Kernen im Remstal FOTO: FRANZ UNTERSTELLER

Jochen Beurer erzählt von den jüngsten Entwicklungen im Betrieb. Die Fläche ist nochmals gewachsen und er hat begonnen, eigene Rieslingklone herzustellen. Der Stolz darüber ist ihm anzumerken. In einem Ordner hat er feinsäuberlich vermerkt, wo welche Klone gesetzt wurden. Sein Ziel ist es, erzählt er, während er den Riesling ein weiteres Mal nachgießt, „Weine zu produzieren, die sich nicht nur durch die Kräfte der Natur entwickeln, sondern auch unser eigenes Naturverständnis in sich tragen“. Biodynamisch bedeutet auch, dass man bei der Arbeit im Weinberg auf Zyklen von Mond, Sonne und Gestirnen achtet.

Mineraldünger und chemische Pflanzenschutzmittel sind tabu. Zur Anwendung kommen vielmehr spezielle Kompostpräparate, Gesteinsmehl, Backpulver und sogar diverse Teesorten, um die Rebstöcke widerstandsfähiger gegen Krankheiten, Pilze und Parasiten zu machen. Begrünungen mittels diverser Pflanzen, Kräuter und Gräser sind in Beurers Parzellen nicht nur Hilfsmittel zum Erhalt gesunder Reben, sondern leisten mit der Schaffung von Lebensräumen für Insekten und andere Kleinlebewesen auch einen wichtigen Beitrag zur Steigerung der Biodiversität.

Die Yburg ist eine Ruine einer Hangburg: Hier, oberhalb des Kernener Orsteils Stetten, bewirtschaftet Jochen Beurer seine Parzellen FOTO: FRANZ UNTERSTELLER

Sehr früh hat der detailbesessene Jochen Beurer einen Geologen zu Rate gezogen und mit ihm den Untergrund seiner Weinberge analysiert und aufs penibelste kartiert. Die dem Terroiristen wichtige Nähe zur Natur setzt sich bis in die Namensgebung seiner Weine fort. Statt Phantasienamen finden sich auf den von seiner Schwester Annette, einer Malerin, gestalteten Etiketten schlicht die Böden, auf denen sie wachsen „Gipskeuper“, „Schilfsandstein“, „Kieselsandstein“ oder „Stubensandstein“.

Ganz anders geht’s im Keller zu. „Kontrolliertes Nichtstun“, lautet hier die Philosophie von Jochen Beurer - mit ständig wachsendem Erfolg. Die Hauptarbeit übernehmen die Mikroorganismen im Most. Vergoren wird ausnahmslos mit weinbergeigenen Hefen. Und er lässt ihnen die Zeit, die sie nun mal brauchen. Jochen Beurer spricht auch von „antiautoritärem Weinbau“. Im Ergebnis heißt das: Beurers Weißweine – neben Riesling sind dies Grauburgunder, Kerner, Gewürztraminer und Sauvignon Blanc - zeigen sich durchweg nicht nur sehr mineralisch, fruchtbetont und elegant, sondern sind charaktervolle und ausdrucksstarke Weine. Allen voran gilt das für seine auf unterschiedlichen Böden gereiften Rieslinge, die gut 60 Prozent der Flächen belegen und heute zum Besten gehören, was Württemberg bei dieser Traubensorte zu bieten hat.

Mir besonders angetan hat es allerdings schon seit Jahren sein Sauvignon Blanc. Er duftet verführerisch nach Holunderblüten, weißen Stachelbeeren und Melonen, was vor allem in großen Gläsern voll zur Geltung kommt. Sein intensiver Geschmack am Gaumen erinnert an reife Trauben im Herbst. Ursächlich hierfür ist der Teil der Reben, die auf skelettreichem Schilfsandstein heranwachsen. Ein anderer Teil wächst auf quarzhaltigem Stubensandstein, was dem Wein wiederum frische Aromen und Finesse gibt. Die unterschiedlichen Bodenbeschaffenheiten, die verschiedenen Höhenlage der Weinberge, unterschiedliche Lesezeitpunkte und schließlich die verschiedenen Lagergebinde (alte Eichenfässer, Edelstahltank) machen diesen Sauvignon Blanc für mich gerade in den Sommermonaten zu einem ganz besonderen Trinkgenuss. Ideal passt er zu frischem Fisch, Meeresfrüchten und – siehe Rezept – zu Hähnchenbrustfilet, gerne aber auch jenseits des Essens zu frischem Gebäck.

Der Wein: Weingut Beurer, Sauvignon Blanc 2020, 13,5% Alkohol, Säure: 4,8 g/l, Restzucker: 5,3 g/l; Spontangärung, Ausbau zum Großteil im alten Eichenfass, kleiner Teil im Edelstahltank; VDP, 19,50 Euro ab Hof.

Du willst noch mehr über Württemberg lesen? Hier gibt's alles über das aufregende Transformations-Experiment - Teil 1: Das Ende des Trollinger und Teil 2: Die Geheimformel der neuen Cuvée Wü!

Jochen Beurers Projekt "Rettet die Reben"

Heunisch, Räuschling, Scheuchner: "Rettet die Reben" heißt das Projekt, in dem Jochen Beurer mittelalterliche Rebsorten kultiviert FOTO: FRANZ UNTERSTELLER

„Junge, du spinnst!“ Das war die erste Reaktion von Vater Siegfried Beurer, als er erstmals von der Idee seines Sohnes Jochen hörte, unterhalb der Y-Burg auf einem 24 Ar großen „Wengert“ mittelalterliche Rebsorten anpflanzen zu wollen. Heute wachsen in den Trockenmauerterrassen zwischen Kräutern, Pfirsichbäumen und Rosenstöcken – einen durfte ich vor Jahren selbst pflanzen – 25 verschiedene, teils weithin unbekannte und vom Aussterben bedrohte Rebsorten: Heunisch, Räuschling, Gelber Orleans, Veltliner Rosa, Scheuchner, Affentaler u.a. Einige der Sorten in diesem lebenden Weinmuseum wie etwa der Adelfränkisch wurden schon vor mehr als 1000 Jahren angebaut. Der Weinberg wird in Handarbeit bewirtschaftet und ist in der traditionellen Dreischenkelerziehung angebaut. Beurer bietet regelmäßig Führungen an.

Aus den Trauben aller mittelalterlichen Rebsorten - weiß wie rot - produziert Beurer seit einigen Jahren einen „gemischten Satz“ (0,7L 30€ ab Hof). Dokumentiert ist das gesamte Projekte in einem wunderschön gestalteten Bildband mit dem Titel „Rettet die Reben“ der 2013 beim Stuttgarter Verlag EDITIONrandgruppe erschienen ist. Da das Buch leider vergriffen ist bleibt Interessent*innen nur der Weg übers Antiquariat.

Rezept: Huhn à la Untersteller mit gefüllten Oliven, Bandnudeln und Beurers Sauvignon Blanc

Eine fürs Einlegen, eine zum Essen: Für dieses Gericht braucht's zwei Flaschen Sauvignon Blanc von Jochen Beurer FOTOS: FRANZ UNTERSTELLER

Zutaten für 4 Personen: - 1 kg Hühnerbrustfilet - 1 Zwiebel - 400 gr. mit Anchovis gefüllte Oliven - 1 Fl. Sauvignon Blanc von Jochen Beurer - Pfeffer, Salz Zubereitung: Das Hähnchenbrustfilet klein schneiden und mit ein wenig Olivenöl in der Pfanne kross anbraten. Zwiebel klein schneiden und dämpfen. Die Hähnchenbrust, gedünstete Zwiebel, sowie die die mit Anchovis gefüllten Oliven in eine Casserole geben und mit Pfeffer und Salz würzen. Das Ganze dann komplett mit Beurers Sauvignon Blanc bedecken und zwei bis drei Stunden ziehen lassen. Bandnudeln zubereiten und die Casserole 10 Minuten bei 250° im Backofen erhitzen. Guten Appetit!

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