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Ins Glas geschaut: Franz Untersteller testet PiWi von Schwabens Cheopspyramide

Der "mü blanc" besteht aus der PiWi-Rebsorte Cabernet blanc. Davon gibt es nur 407 Flaschen FOTO: FRANZ UNTERSTELLER

In der Rubrik „Ins Glas geschaut“ stellen Weinexpert*innen und Weinliebhaber*innen ihren Wein der Woche vor. Heute: Minister a. D. Franz Untersteller (Grüne) stellt den Cabernet Blanc des Weinbau-Projekts "Steiler Zucker" vor - es ist eine private Initiative zum Erhalt des rießigen Mauerbauwerks entlang des Neckar.

von Franz Untersteller

Der Wein: Weinbau Steiler Zucker, mü blanc, 2020, Cabernet blanc, trocken, 12,5 Vol. %, 15 Euro ab Shop.

Der Grund: Die „MS Weinkönigin“ gehört zur Weißen Flotte, mit der man von Cannstatt aus den Neckar abwärts fahren kann. Die schwimmende Weinlaube heißt nicht umsonst so, denn von hier aus erblickt man eine einzigartige Wein-Landschaft. Parallel zu den teilweise über vierzig Grad steilen Hängen verlaufen von Menschenhand vor Jahrhunderten kunstvoll angelegte, bis zu drei Meter hohe Trockenmauern.

Heute steht das riesige Mauerbauwerk unter Denkmalschutz und bietet vielen selten Tier- und Pflanzenarten einen idealen Lebensraum. Kluge Köpfe haben einmal ausgerechnet, dass zwischen Plochingen über Cannstatt bis Kirchheim a. N. pro Hektar Steillage eine Gesamtfläche von bis zu 5000 Quadratmeter Trockenmauern verbaut sind. Aneinandergereiht kommt man zwischen Plochingen und Gundelsheim auf eine Gesamtlänge von cirka 1.300 Kilometer Mauerwerk. In Summe wurden hier mehr Steine aufgeschichtet als in der zu den sieben Weltwundern zählenden Cheopspyramide.

Unter Denkmalschutz: Die Trockenmauern entlang des Neckars sind Teil einer einzigartigen Kulturlandschaft FOTO: FRANZ UNTERSTELLER

Der steile Weinbau

Als sich vor sieben Jahren elf weinbegeisterte Stuttgarter Frauen und Männer zur Gründung der „Weinbau Steiler Zucker GbR“ zusammenfanden, war die Erhaltung dieser einzigartigen Kulturlandschaft einer der Beweggründe. Der Name ist Referenz an die am Zuckerberg gelegene Premiumlage „Cannstatter Zuckerle“ und die Kulturlandschaft mit ihren terrassierten Rebflächen. Zu Beginn wurden die Hobbywinzer*innen von alteingesessenen „Wengertern“, wie die Weinbauern im Neckartal gemeinhin heißen, oft mitleidsvoll belächelt. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass sich hier Musiker, Biologen, ein ehemaliger Banker, Leute aus der Verlagswelt, dem Qualitätsmanagement und dem Marketing von Anfang an für die Erzeugung ihrer eigenen Weine aus den Grundsätzen von Slow Food Deutschland „Gut, sauber und fair“ abgeleitete Ziele gesetzt hatten.

Die Qualität des Terroirs sollte zur prägenden Kraft der selbst erzeugten Weine werden und sie sollten nach ökologischen Grundsätzen produziert werden. Beim Weinbau alles über den Weinbau lernen, lautete die Devise.

Die Gruppe bewirtschaftet heute mit dem MÜ 1 in Stuttgart-Mühlhausen und dem zur Nachbargemarkung Stuttgart-Münster gehörenden MÜ 2 rund 40 Ar große, direkt am Neckar gelegene Weinbergparzellen. Jedes Gruppenmitglied ist für einen Bereich verantwortlich: Begrünung, Rebpflege und-schnitt, Pflanzenschutz, Trockenmauerbau, Lese und Ausbau, Steuern und Marketing.

Der kilometerlange Mauerbau

Der Wiederaufbau und der Erhalt der Trockenmauern gehörte von Beginn an zu den Kernanliegen. Etliche der steinernen Kunstwerke waren bei der Übernahme eingestürzt oder sanierungsbedürftig. Im MÜ 1 besteht die Herausforderung, dass die Mauern in dieser 40-Grad-Steillage auf vergleichsweise lockerem Boden fest verankert werden müssen. Der Wiederaufbau der Trockenmauern kann hier nur von Fachleuten durchgeführt werden. Die Wiederherstellung kostet inklusive des komplexen Hinterbaus bis zu 1.800 Euro - wohlgemerkt pro Quadratmeter. Trotz städtischer Zuschüsse ist dies ein finanzieller Kraftakt. Es gibt heute – inklusive meiner Wenigkeit – deshalb rund 70 Fördermitglieder, die mit ihrem Jahresbeitrag von 150 Euro und Mitarbeit bei Rebpflege und Traubenlese unterstützen. Neben der Einladung zum jährlichen Weinbergfest winkt als kleine Anerkennung am Jahresende eine Flasche Wein sowie ein Glas Meersalz, aromatisiert mit Kräutern aus den beiden Weinbergen.

Im MÜ 1 werden in diesen Tagen die letzten noch kaputten Trockenmauern saniert. Im Herbst sollen die neuen Terrassen dann mit der Rebsorte Cabernet Franc bestückt werden, die bekannt ist für ihre hohe Resistenz gegen Trockenstress. Die derzeit noch vorhandenen Cabertin-Stöcke will man im Juni auf diese Rebsorte bzw. auf Cabernet Blanc umpfropfen. Dafür notwendige Ruten wurden beim Winterschnitt Anfang Februar gewonnen. Die Umpfropfungsaktion selbst erfolgt dann – man mag’s kaum glauben - durch Spezialisten aus Mexiko Anfang Juni.

Das sind die elf Gesellschafter*innen des Projekts "Steiler Zucker" (Stand: 31. Dezember 2021): Oben v. l.: Boris Schiek, Albert Henger, Karoline Höfler, Andreas Hohl. Unten v. l.: Ralph Kiss, Eberhard Wallis, Horst Schwewers, Wolf-Dietrich Paul, Gerhard Schiek, Andrea Gramberg, Philipp Vacano FOTO: DIEGO MARIELLA

Die Mü-Weine

Die Steillagenweine des „Steilen Zucker“ gedeihen auf einem mit Lehm und Ton versetzten nährstoffreichen Muschelkalk-Verwitterungsboden. Der MÜ 1 ist bislang mit den Piwi-Sorten Cabertin und Cabernet Blanc bestockt, der MÜ 2 mit Lemberger. Eine Reihe Trollinger ist quasi das lebendige Denkmal an die weinbauliche Tradition der Region.

Die Weine werden so schonend wie möglich ausgebaut. Dazu zählen eine lange Reifung auf der Hefe, eine lange Maischegärung für die beiden Rotweinsorten Cabertin und Lemberger sowie eine schonende Filtrierung und der Ausbau im Holzfass. Ausgebaut werden die Weine im Weingut der Stadt Stuttgart.

Das Flaggschiff des Steilen Zucker ist der aus Cabernet-Blanc-Trauben gekelterte „Mü blanc“. Cabernet Blanc wurde 1991 von dem Schweizer Winzer und Rebenentwickler Valentin Blattner gezüchtet und ist eine aus der Kreuzung von Cabernet Sauvignon mit Resistenzpartnern hervorgegangene pilzwiderstandsfähige Rebsorte. Im Unterschied zu anderen Bundesländern ist diese Rebsorte in Baden-Württemberg bislang nur für den Versuchsanbau zugelassen. Im Duft erinnert der Wein an Sauvignon Blanc mit Anklängen an Zitrusfrüchte und Holunderblüten. Im Geschmack liegt er zwischen einem schönen Riesling und einem Sauvignon Blanc. Die Trauben werden handgelesen und streng selektioniert. Nach der Spontanvergärung wird der Wein auf der Feinhefe im Stahltank sechs Monate ausgebaut. 407 Flaschen wurden vom Jahrgang 2020 (Alkoholgehalt 12,5%) abgefüllt. Sie sind das Gegenteil von einem Massenprodukt.

Franz Untersteller, 65, ist gelernter Landschaftsplaner. Er war zwischen 2006 und 2021 Abgeordneter der Grünen im baden-württembergischen Landtag, zwischen 2011 bis 2021 Minister für Umwelt, Klima u. Energiewirtschaft im Kabinett von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Aktuell ist er Globaler Botschafter für das weltweite Klima-Projekt Under2Coalition. Seit Januar ist er freiberuflich als Unternehmensberater tätig. Und er ist Arbeiter im Weinberg des Projekts "Steiler Zucker" - die Aufgabe eines jeden Förderers. FOTO: FRANZ UNTERSTELLER

Bisher in der Rubrik "Ins Glas geschaut" 2022 erschienen: +++ WeinLetter-Herausgeber Thilo Knott testet Gamaret der neuen Vinissima-Chefin Stefanie Herbst +++ Thilo Knott testet Newcomer-Spätburgunder für 50 Euro von Peter Wagner +++ Philipp Bohn testet Eltz-Riesling, den es seit 1976 eigentlich nicht mehr gibt +++ Andrej Marko testet die PiWi-Rebsorte Cabernet Blanc vom Weingut Hoflößnitz aus Radebeul +++ Anja Zimmer testet Doctor Riesling vom Weingut Wwe. Dr. H. Thanisch - Erben Thanisch +++ Die Test-Highlights aus 2021 liest du übrigens hier!

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