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Ins Glas geschaut: Anja Zimmer testet Doctor-Riesling

Der Berncasteler Doctor: Nur fünf Betriebe teilen sich diese exponierte, nur 3,3 Hektar große Einzellage an der Mosel FOTO: ANJA ZIMMER

In der Rubrik „Ins Glas geschaut“ stellen Weinexperten*innen und Weinliebhaber*innen ihren Wein der Woche vor. Heute: Anja Zimmer fährt in ihre Heimat an die Mosel und testet Doctor-Riesling der Thanisch-Erben in Bernkastel.

von Anja Zimmer

Der Wein: Weingut Wwe. Dr. H. Thanisch - Erben Thanisch, Doctor Riesling, VDP Großes Gewächs, trocken, 2020, 12,5% vol., 37,50 Euro ab Hof.

Der Grund: Dass ich diesen Wein vorstelle, hat das große Karma wahrscheinlich schon bei meiner Geburt so vorgesehen. Ich bin in Kues geboren, dem links an der Mosel liegendem Teil von Bernkastel-Kues. Von Kues hat man direkten Blick auf die Doctor-Weinberge.

Schon in meiner Kindheit hat mir mein Vater, der selbst auch Wein verkaufte, immer wieder von diesen berühmten Hängen erzählt: „Das teuerste Ackerland in Deutschland“, sagte er. Wie hoch der Preis wirklich ist, lässt sich kaum sagen. Die letzte Parzelle wurde 1900 verkauft zu einem damals sensationellen Preis von 400.000 Goldmark für 43 Ar. Zum Vergleich: Eine Lehrer*in verdiente damals ca. 2.000 Goldmark pro Jahr. Und Wein war echter Luxus, er kostete ca. 1,80 Goldmark pro Liter.

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Heute teilen sich fünf Eigentümer die Einzellage mit 3,2 Hektar. Eigentlich wäre das eine ziemlich geschlossene Gesellschaft, gäbe es nicht die Heilig-Geist-Stiftung Bernkastel. Sie besitzt zwei Parzellen, die sie alle neun Jahre an ein anderes Weingut verpachtet. Wer die Auktion um das begehrte Stück Land gewinnt, kann sich zum „Who is who“ der Mosel zählen. Aktuell sind das Markus Molitor vom gleichnamigen Weingut und Thomas Haag vom Weingut Schloss Lieser. Die Idee dahinter hat durchaus Charme, verbindet sie doch Tradition mit Innovation.

Aber was ist die Magie dieser Lage? Dazu gibt es viele Theorien, wissenschaftlich belegt sind sie wenig. Die einen sagen: Sehr gute Wasserspeicher im Berg. Oder ist es doch die Temperatur? Im Winter liegt auf den Nachbarparzellen noch Schnee, da ist der Doctor schon grün. Manche führen das auf unterirdische Thermalquellen zurück.

Christina Thanisch ist die junge Winzerin des Weinguts der Thanisch-Erben. Sie führt das spezielle Mikroklima auf die Süd-Süd-West Ausrichtung zurück, die lange Sonneneinstrahlung erlaubt. Gleich dort, wo die Lage endet, dreht sich nämlich der Hang. Da ist dann auch im Sommer nichts mehr mit Sonne um 21 Uhr.

Anja Zimmer (l.) und Christina Thanisch am Ufer der Mosel: Hochdroben liegt der Doctor FOTO: ANJA ZIMMER

Das Weingut Wwe. Dr. H. Thanisch – Erben Thanisch in Kues direkt am Ufer der Mosel mit einer wunderschönen Terrasse ist 375 Jahre alt. Seit 12 Generationen machen die Winzer*innen hier ausschließlich Riesling. Das ist in der deutschen Weinbranche jetzt nicht ganz ungewöhnlich. Die Tradition ist hier aber seit fünf Generationen weiblich – und das ist (noch) nicht die Regel. Aktuell wird das Weingut von Sofia Thanisch geführt. Ihre Tochter Christina wird es irgendwann übernehmen, mit Begeisterung, ansteckender guter Laune und dazu Spaß am Digitalen.

Und wie schmeckt jetzt der Doctor-Wein? Für viele ist die Mosel Synonym für restsüße Weine. Die großen Auslesen und Trockenbeerenauslesen gewinnen immer wieder Preise und gehen gerne auch einmal zu vierstelligen Summen über die Versteigerungstische. Ich habe mich trotzdem für einen trockenen Wein entschieden, denn auch da hat die Mosel viel zu bieten. Und im Fall von Thanisch zu einem durchaus vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis.

Für ein Großes Gewächs ist der Doctor-Riesling noch sehr jung. Er kann gut und gerne noch drei und auch viele Jahre mehr im Keller liegen. Das Potential kann man aber schon deutlich erkennen. Ich schmecke exotische Früchte, aber auch etwas Zitrus, außerdem Kräuternoten, eine hohe Mineralik und etwas Salziges im Abgang. Vor allem eine große Fülle, ich bilde mir ein, die alten noch wurzelechten Reben zu schmecken. Spontanvergärung und teilweise etwas Zeit im Holzfass geben ihm den letzten Schliff. Essensbegleitung braucht der Doctor nicht. Wer unbedingt will? Garnelen passen klasse, Gemüse geht immer.

Ein letztes Rätsel möchte ich zum Schluss noch lösen. Warum heißt die Lage eigentlich Doctor? Die Legende besagt, dass der Trierer Kurfürst Boemund II nach einem Glas des Weines von einer schweren Krankheit genesen sei. Was man halt so glaubte, im 14. Jahrhundert.

Verwurzelt an der Mosel, zu Hause in Berlin: Dr. Anja Zimmer ist Rechtsanwältin im Medienbereich und berät in Politik- und Strategiefragen. Gerade hat sie eine Ausbildung zur Junior Sommelière absolviert und studiert den MBA Weinwirtschaft in Geisenheim. Sie berät auch in der Weinbranche. Zuvor war sie u. a. Direktorin der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, Geschäftsführerin des Deutschen Journalisten-Verbands NRW und als Senior Managerin bei der Deutschen Telekom tätig. Ehrenamtlich engagiert sie sich im Betterplace-Projekt gegen Desinformation. Mehr Infos unter: www.linkedin.com/in/dr-anja-zimmer/ - sie twittert und ist auf Instagram zu finden unter: @glossatorin FOTO: FALK WEISS

Das Best of "Ins Glas geschaut" aus dem Jahr 2021: Hier zum Nachlesen!

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