WeinLetter #12: Urlaubswein

Liebe Wein-Freund*innen,

Ihr lest den zwölften WeinLetter. +++ Heute geht es um: Urlaubsweine! Ich habe den definitiven Selbsttest gemacht! Ich war in Österreich, habe mir Blaufränkisch und Grünen Veltliner besorgt, habe ihn in Scheffau am Wilden Kaiser getrunken - und nach meiner Rückkehr nochmal in Berlin. Und, wie war's? Lest und probiert's mit euren Urlaubsweinen mal selbst aus! +++ In der Rubrik "Ins Glas geschaut" stellt WeinLetter-Experte Oliver Bach wahnsinnig guten Rotwein aus Istrien, Slowenien vor. Den Refosk vom Weingut Santomas. Hinfahren! Warum? Lest und probiert's selbst aus! +++ Empfehlt (und shared) den WeinLetter bitte weiter. Unterstützt den WeinLetter und werdet sehr gerne aktives Mitglied! Und vor allem:

Trinkt’s euch schön!

Euer Thilo Knott

Wilder Kaiser, Tirol, Österreich FOTO: ESTHER LANG

Jetzt trink ma no a Flascherl Urlaubswein! (Hol-la-ri-a-ho)

Urlaub: Das ist Erholung, Freiheit, Gelassenheit, Neugierde und lokale Besonderheiten genießen. Mein Urlaubsort: Österreich, Wilder Kaiser. Meine Urlaubsweine: Blaufränkisch und Grüner Veltliner. Ich habe den Doppel-Test gemacht: Die gleichen Österreicher habe ich einmal in Scheffau und einmal in Berlin getrunken. Und, wie war’s?

von Thilo Knott

Hoch oben thront der Wilde Kaiser – und unten in Scheffau gibt’s Blaufränkisch und Grünen Veltliner. In den Urlaub ging es mit der Familie diesmal nach Österreich in dieses Tiroler Bergmassiv mit dem Ellmauer Halt als höchstem Gipfel (2344 m). Die Erhabenheit der Berge, diese extreme Ruhe, wenn man Berlin gewohnt ist, das ist Erholung. Ich esse mich durch die speziellen Angebote. Ich habe in einer Woche drei Mal Kaspressknödelsuppe gegessen. Mindestens. Die beste gab’s auf der Gaudeamushütte – wahrscheinlich macht allein die fulminante Aussicht auf den bekannten Felssattel Ellmauer Halt auf 1981 Höhenmetern doppelt hungrig und der Kaspressknödel ist noch fluffiger. Es gibt in diesen Urlaubstagen immer etwas zu entdecken. So ist es mit dem Urlaubswein.

Das Lineup für den Urlaubswein-Test: Die Grünen Veltliner "Wagram Terrassen" und "Georgenberg" vom Weingut Ehmoser sowie die Blaufränkischen "Deutschkreutz" und "Goldberg Reserve" vom Weingut Heinrich. Aufgenommen (und getrunken) in Berlin FOTO: THILO KNOTT

In Berlin habe ich schon das Angebot des Weinateliers Agnes in Sölln gesichtet. Die Weinhandlung existiert seit 2006, fing in Ellmau an, verkaufte dort 13 Jahre lang Wein, ehe es 2019 nach Sölln ging. Hier in Tirol gibt es keinen Weinanbau, das spielt sich in Österreich alles Richtung Osten ab. Jetzt stehe ich mit Günther Embacher vor der Wein-Wand im Weinatelier mit den Namen von besten österreichischen Spitzenwinzer*innen. Am Regal sind vor jeder Flasche kleine Kärtchen drapiert mit wichtigsten Informationen zu den Weinen und der Weingüter. Günter Embacher betreibt das Weinatelier mit seiner Frau, der Sommelière Silvana Embacher. Es ist ein Bistro, ein Feinkostladen und eben eine Weinhandlung in einem. Als ich ihn nach dem Weingut Ehmoser aus dem Wagram frage, sagt er: „Super!“ Die Veltliner habe er gerade aber nicht auf Lager. „In zwei Tagen kann ich sie Dir besorgen“, sagt er. „Moment“, er schaut in seinen Bildschirm hinter der Theke mit der Händler-Weindatenbank. „Den einfachen kann ich besorgen und die Erste Lage – da sogar den 2013er-Jahrgang.“

Flacherer Berg, aber mit mehr Grünem Veltliner: der Georgenberg des Weinguts Ehmoser in Tiefenthal, Niederösterreich FOTO: WEINGUT EHMOSER

Zwei Tage später warten vier Grüne Veltliner im Weinatelier auf mich: zwei Terrassen-Weine, zwei Lagen-Weine vom Ried Georgenberg. Warum jeweils zwei? Ich will tatsächlich testen, ob das mit dem Urlaubswein eine Mär ist – und der gleiche Wein nicht auch in Berlin einfach gleich gut schmeckt. Oder ob man es – zurück in Berlin – tatsächlich schafft, sich ein bisschen Urlaubsgefühl zu konservieren. Es sollte Überraschungen geben. Auch mit den Blaufränkischen von Silvia Heinrich aus dem Burgenland. Ihr Weingut ist mein Rotwein-Favorit in diesem Österreich-Urlaub. Im Weinatelier hatten sie die Cuvées von Silvia Heinrich, ihre Blaufränkischen kamen also mit der Post.

Kleiner Verkostungsexkurs: Ich habe keine Weinutensilien mit nach Scheffau genommen. Nicht mal meinen Korkenzieher. Es soll ja so sein, wie im Urlaub! Wir haben eine Ferienwohnung gemietet im wunderbaren Haus Salvenmoser mit einer kleinen Küche und kleinen Weingläsern. So weit zu den Gerätschaften. Bei drei Kindern (3 bis 10) haben wir uns zudem gleich am ersten Tag eingedeckt mit Spaghetti und Tomatensauce. Damit ist das Thema Food Pairing auch abgeschlossen.

Silvia Heinrich: Sie ist die Spezialistin für Blaufränkisch und Cuvées aus dem Burgenland FOTO: WEINGUT HEINRICH

Das erste Weingut: J. Heinrich. Es ist das Weingut von Silvia Heinrich. Sie hat sich spezialisiert auf Blaufränkisch und Cuvées. Seit ich einen WeinLetter zum großen Erfolg deutscher Winzerinnen geschrieben habe, sind wir in Kontakt. Sie selbst ist Teil des äußerst erfolgreichen österreichischen Frauen-Netzwerks „Elf Frauen und ihre Weine“. Ihr Wein ist der Blaufränkisch. Das ist eine Challenge für einen Württemberger, der seinen Lemberger schon sehr hochhält. Silvia Heinrich beschreibt ihre Leidenschaft für diese Rebsorte so: „Für mich hat der Blaufränkisch viele Gesichter. Dank ihrer Vielschichtigkeit kann diese Traube auf verschiedenen Böden höchst unterschiedliche Charakteristika entwickeln – und diese herauszuarbeiten ist für mich die eigentliche Herausforderung, denn der Blaufränkisch spiegelt wie ein Burgunder den Boden auf dem er wächst wider. Beides sind Rebsorten, die sich durch ihre Eleganz auszeichnen. Feminine Weine, von mir mit all meiner Leidenschaft vinifiziert.“

Die zwei Urlaubsweine:

  • Blaufränkisch Deutschkreutz, 2019, 11,5 % vol., 9,90 Euro ab Hof.
  • Blaufränkisch Ried Goldberg Reserve, 2017, 14 % vol., 22,90 Euro ab Hof.

Der Deutschkreutz ist der Orts-, der Basiswein. Ausgebaut sechs Monate im Edelstahltank und großem Eichenfass. Ist sofort präsent, entwickelt nach Öffnung seine Kraft, bei der man die Jugendlichkeit genauso wenig merkt wie den angenehm geringen Alkoholgehalt. Der Goldberg Reserve hat eine längere Maischestandzeit, er reift 24 Monate im Eichenfass. Ist freilich komplexer als der Deutschkreutz – und wird ab 2024 richtig interessant.

Martina und Josef Ehmoser: Sie sind Grüner-Veltliner-Spezialist*innen aus Tiefenthal, Niederösterreich FOTO: STEVE HAIDER

Das zweite Weingut: Josef Ehmoser. Es wird geführt von Martina und Josef Ehmoser. Sie haben sich im Wagram dem Grünen Veltliner verschrieben. Sie befinden sich gerade in der Umstellung auf ökologische Betriebsweise. Ich bin eher zufällig auf das Weingut gestoßen. Es ist schon gut bewertet, aber nicht so bekannt, dass jeder sagen würde: Klar!

Die zwei Urlaubsweine:

  • Grüner Veltliner, Wagram Terrassen, 2020, 12 % vol., 7,20 Euro ab Hof
  • Grüner Veltliner, Ried Georgenberg, Erste Lage, 2013, 13,5 % vol., Erste Lage, 23 Euro ab Hof.

Der Terrassen-Veltliner für den Preis: Das ist schon sehr okay. Der Sprung zum Lagen-Veltliner ist allerdings qualitativ groß. Was in meinem Test-Fall auch am Jahrgang liegt: 2013. Und der ist richtig schön reif, rund, Respekt! Martina Ehmoser sagt: „Optimale Trinkreife.“ Weil man dem Veltliner eher nachsagt, ein „schneller“ Wein zu sein, beträgt in dieser Qualitätskategorie die Lagerfähigkeit schon gute zehn Jahre. Martina Ehmoser sagt auch: „Der 2021er Jahrgang wird genauso gut wie der 13er!“ Dann im nächsten Urlaub.

Und was ist jetzt mit der Urlaubswein-Wahrheit-oder-Mythos-Frage? Zurück in Berlin habe ich sie nochmal alle vier verglichen. Drei Dinge finde ich spannend, die ich auch über die vier Weine hinaus mitnehme:

1. Handwerk kennt keinen Ort!

Alle vier Weine sind von hoher, relationaler Qualität. Das heißt: Sie funktionieren in ihrem Segment und in der Kollektion – wobei der Basiswein von Silvia Heinrich das schon nochmal ein Stück weit durchbricht. Der Blaufränkisch-Ortswein Deutschkreutz schafft es auf meine Top-Ten „Best Buys unter 10 Euro“. Zieht euch blau an, Württemberger! Alle vier Weine repräsentieren in der vertikalen Probe jeweils die Qualitätsstufen punktgenau. Der noch junge Blaufränkisch Goldberg Reserve 2017 lässt sein Potential erkennen, der Ehmoser-Veltliner Georgenberg 2013 ist auf seinem absoluten Höhepunkt. In Berlin noch mehr als in Scheffau. Das hat aber mit der Situation zu tun, nicht mit dem Wein.

Wo ist denn nun dieser Bergdoktor! Ich habe ihn nicht gesehen am Ellmauer Tor FOTO: THILO KNOTT

2. Im Urlaub herrschen andere Bedingungen!

Nochmal zum Blaufränkisch Deutschkreutz von Silvia Heinrich. Es ist ja nicht so, dass man im Urlaub vier Stunden vor Genuss die Flasche öffnet, in der letzten halben Stunde nochmal einen Teil dekantiert oder karaffiert. Um dann nochmal eine Stunde nachzudenken, mit welchem Teil des oxidierten Weins man jetzt beginnt. Dafür müsste man Pensionär sein. Nee, Urlaub kann auch hektisch sein. Vom Berg runter um 17:30 Uhr, Essen machen – Spaghetti mit Tomatensauce - und dann den Deutschkreutz öffnen. Ja, der Ortswein kommt direkt aus der Flasche und ist da. Rebsorte pointiert, Handwerk ist stark, der Jahrgang 2019 extrem gut und weit. Das ist er in Berlin freilich auch. Aber hier ist die sofortige Präsenz tatsächlich ein Qualitätsmerkmal. Zumal wenn man den Kaspressknödel noch nachschmeckt. Also, Punkt für Scheffau-Blaufränkisch!

3. Am Urlaubsort für Zuhause lernen!

Mit Ehmosers Grünem Veltliner von der Lage Georgenberg ging’s genau andersherum. Gleiche Situation in Scheffau. Es musste schnell gehen, er war gut, aber sofort war klar: Das ging ihm zu schnell. Das kann aber auch ein Vorteil des Urlaubsweins sein: Du trinkst den Wein im Urlaub, korrigierst ihn zuhause und steigerst den Genuss. Also, das Doing nach der Rückkehr in Berlin: Jahrgang 2013, eine Stunde vor der Verkostung ein Drittel der Flasche karaffiert, um den Weißwein durch leichte Belüftung noch ein Stück weiter zu bringen. Bei fortschreitender Zeit immer weiter karaffiert. Um die unterschiedlichen Reaktionen abzugleichen. Die "Versuchsanordnungen" gelingen im Urlaub rudimentär, aber im gewohnten Setting in Berlin sensationell. Also von den Vieren trink ma no a Flascherl Wein!

Lesen Sie hier nochmal den Extra-WeinLetter #11 zur Naturkatastophe im Ahrtal!

König der dunklen Weine: Refosk des Weinguts Santomas. Er steht in einer hervorragenden Reihe mit dem Cabernet Sauvignon und dem Malvazija. Das Preis-Genuss-Verhältnis ist bei 11 Euro sehr, sehr gut FOTO: THILO KNOTT

Ins Glas geschaut: Oliver Bach testet Santomas aus Istrien. Hammer.

In der Rubrik „Ins Glas geschaut“ stellen Weinexperten, Weinliebhaber, Prominente ihren Wein der Woche vor. Heute: das Weingut Santomas in Istrien, Slowenien. Wie schmeckt der Urlaubswein in Bruchsal? WeinLetter-Experte Oliver Bach hat die Antwort!

von Oliver Bach

Der Wein: Weingut Santomas, Refosc, 2019, 14% vol, Slovenska Istra, Vrhunsko suho rdece Vino ZGP, 11 Euro ab Hof.

Der Grund: Diese Woche ist mein Glas mit dem „König der dunklen Weine“ in Slowenien gefüllt – dem Refosk! In Italien kennt man ihn als Terrano.

Luftaufnahme des Weinguts Santomas in Smarje, Istrien FOTO: WEINGUT SANTOMAS

Dieser trockene Rotwein stammt vom Weingut Santomas, das über Smarje thront. Der Ort befindet sich in der Weinbauregion Primorska („am Meer“) in der Nähe von Koper und Piran, im warmen, trockenen Adria-Küstengebiet Slovenska Istra. Also Istrien, in Slowenien. Der Weinbau hier ist stark beeinflusst durch die „Bora“, dem orkanartigen, kalten Nordwind.

Slowenien mit seinen zirka 2 Millionen Einwohnern ist von der niederländischen Stiftung Green Destination als „Grünes Reiseziel“ zertifiziert worden und eignet sich ob seiner immensen Vielfältigkeit, herrlichen Landschaften und tollen Natur auch hervorragend als Wein-Kurzurlaubsziel. Ich habe es selbst getestet: die Landschaft wie den Wein. Der liebenswürdige, ja betörende Geschmack dieses Weines ist Spiegelbild der freundlichen Haltung gegenüber der Umwelt! Und er verliert nichts, als ich ihn nochmal in Bruchsal getrunken habe. Von wegen Urlaubswein!

Ludvik Glavina ist der Patron des Weinguts Santomas FOTO: JAKA IVANCIC 

Die Macher von Santomas sind Ludvik N. Glavina und seine Tochter Tamara, die seit 2006 das Zepter schwingt. Sie hat Biologie studiert und kennt sich mit Pflanzen und Hefen bestens aus.

Das Weingut bewirtschaftet zirka 25 Hektar (80.000 Flaschen pro Jahr). Die Weinberge bestehen aus Sand- und Mergelböden. Diese bescheren den Weinen, dem Refosk, aber auch dem Malvazija und dem Cabernet Sauvignon (alle bei 11 Euro ab Hof), einen ganz angenehmen, vegetativ-duftigen Geruch. Also einen „pflanzlichen“ Geruch: nach frischem Gras, grünen Bohnen, Heu oder auch schwarzen Oliven. 

Die Böden verleihen dem Wein zusätzlich eine gute, starke Säure, was die Frische ausmacht. So hat auch dieser Refosk eine für einen Rotwein schöne, ausgeprägte Säure, was ihn zum idealen Essensbegleiter bei „tomatigen“ Speisen macht. In dieser Charakteristik ähnelt er dem Barbera aus dem Piemont. Die Trinktemperatur ist deshalb bei 14 – 16° C optimal. Also trink diesen Rotwein einfach etwas kühler.

Dieser Spitzenwein, dieser „Vrhunsko Vino“ gärt in slawonischer Eiche, ist im Edelstahltank ausgebaut. Er erinnert im Geruch und Geschmack an Sauerkirschen, im Ansatz an etwas Teer (Ausprobieren! Nicht davonlaufen!), an dunkle Beeren und eben diese fulminanten, vegetativen Noten. Viel Spaß beim Probieren!

Oliver Bach, 49, hat in Geisenheim Internationale Weinwirtschaft studiert, für Weingüter und Weinhändler weltweit gearbeitet und leitet jetzt die Flüchtlingsunterkunft in Hambrücken. Im WeinLetter teilt er seine Expertise FOTO: SARAH SZUBERT

Bisher in der Rubrik "Ins Glas geschaut" erschienen: +++ WeinLetter-Publisher Thilo Knott testet drei Teroldego von Foradori, Zeni und Endrizzi: Granato, Ternet und Gran Masetto +++ Grüner Ex-Umweltminister Franz Untersteller stellt den Lieblings-Roten von Ministerpräsident Winfried Kretschmann vor +++ Bassermann-Jordan-Chef Ulrich Mell testet Scheurebe vom Stefanie Weegmüller +++ Franz Untersteller testet Silvaner von der Schwäbischen Alb +++ Berliner LOK6-Chefin Julia Heifer testet Muscat-Naturwein aus dem Elsass +++ Pfälzer Donald-Trump-Satiriker Alexis Bug testet Riesling Auslese R von Koehler-Ruprecht +++ taz-Chefreporter Peter Unfried testet den "Mythos" der Pfälzerin Adriane Moll +++ MSL-Chairman Axel Wallrabenstein über Spätburgunder von Ex-DFB-Präsident Fritz Keller +++ Geisenheimer Oliver Bach über Riesling von Clemens Busch

PS: Was die Nürtinger Zeitung über den WeinLetter schreibt: Das liest du hier!

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