WeinLetter #6: Trollinger

Liebe Wein-Freund:in,

Du liest den sechsten WeinLetter, den zweiwöchentlichen Wein-Newsletter. +++ Heute: Alles über sehr guten Trollinger! Ja, richtig gelesen, sehr guten Trollinger. Das hat jetzt nichts mit meiner württembergischen Herkunft zu tun. Ich bin Hohenloher, kein Schwabe. Aber ich liebe diese regionalen Rebsorten wie Teroldego, den Tauberschwarz hatte ich schon vorgestellt, und eben Trollinger. Deshalb gibt's ein Lob diesem Rotweinchen - aber keine Schwärmerei. Plus: WeinLetter-Experte Oliver Bach stellt sehr guten Trollinger von sechs Weingütern vor +++ Wem das zu viel Trollinger ist: In Württemberg gibt's auch noch phantasischen Silvaner (Sorry, Franken!) - und zwar auf der Schwäbischen Alb: Baden-Württembergs Ex-Umweltminister Franz Untersteller (Die Grünen) stellt ihn hier vor +++ Viel Spaß beim Lesen! Empfehlt den WeinLetter bitte weiter. Unterstützt  den WeinLetter und werdet sehr gerne aktives Mitglied! Und vor allem:

Trinkt’s euch schön!

Dein Thilo Knott

Trollinger mit den großen Beeren ist die Haupt-Rotweinrebe der Württemberger Winzer - hat aber einen schlechten Ruf FOTO: WEINGUT WÖHRWAG

Lob dem Rotweinchen

Es ist ein Saufwein. Für alte, weiße Schwaben-Männer. Gut, kann sein. Aber was erzählt das? Diese Vorurteile verfehlen den Kern des Trollingers. Denn gäbe es die Kategorie "Der ehrliche Wein", würde der Trollinger gewinnen. Bei jungen Konsument*innen hat er das schon.

von Thilo Knott

1. Trollinger ist kein Wein. Doch!

2. Trollinger ist kein Rotwein. Naja.

3. Die Traube gehört auf eine Obstschale und nicht in ein Weinglas. Ja, schmeckt auch als Tafeltraube, bekannt unter dem Namen „Black Hamburg“. Gehört aber auch in ein Weinglas.

4. Trollinger eignet sich am besten fürs Einlegen des Sauerbratens. Ja, auch, ich nehme für den Sauerbraten immer Trollinger. Wenn ich die Sauce eine Spur kräftiger haben will, lege ich das Fleischstück in Trollinger mit Lemberger ein – die so genannte Württemberg-Cuvée. 48 Stunden nicht die Rezept-bekannten 24 Stunden.

5. Trollinger ist ein Saufwein. Ja, geht übrigens auch als saures Schorle (ein Drittel Trollinger!) gegen den Durst.

6. Schwaben können alles – außer Rotwein. Stimmt nicht. Im Gegenteil. Die Qualitätswinzer haben alle den Trollinger-Anteil reduziert (ohne ihn aufzugeben!). Und produzieren wahnsinnig gute Pinots, Lemberger und Cuvées. Und Trollinger.

7. Trollinger ist ein schwäbisches Glaubensbekenntnis – aber doch kein Getränk. Mir reicht’s.

Haben wir jetzt alle Vorurteile (und berechtigte Kritik) rund um den Trollinger durch? Ja? Und beantwortet? Nee, ich schreibe nicht aggressiver als sonst, nur weil ich auch Württemberger bin, Hohenloher, aber niemals Gästen in Berlin Trollinger servieren würde. Außer den Schwaben (und Hohenlohern), die es hier auch reichlich gibt. Sonst würde ich längst Schimpfworte wie „Grasdaggl“ verwenden. Verdammt noch mal!

Trollinger, alte Reben FOTO: WEINGUT SCHNAITMANN

Ich stecke da selbst ein bisschen im Dilemma: Ich will hier keine Massenware verteidigen, wie sie in der württembergischen Trollinger-Produktionsmaschinerie nun für gewöhnlich hergestellt wird. Diese fruchtbetonte, charakterlose, wie Johannisbeersaftschorle durchsichtige Viertelesware. Es geht jetzt auch nicht um einen Trollinger-Patriotismus. Es geht, wie immer, um die Versachlichung der Qualitätsdebatte.

Das Dilemma sieht so aus: Trollinger war über Jahrzehnte die dominierende Rebsorte in Württemberg. Fast 2.500 Hektar waren es noch 1995, der bisherige Höchststand. Die Fläche verringerte sich laut Deutschem Weininstitut bis 2019 auf 2.142 Hektar, ist aber immer noch die wichtigste Rotwein-Sorte. Nimmt man alle Rebsorten, rote wie weiße, hat der Trollinger immer noch 18,3 Prozent Marktanteil, nur überholt mittlerweile (und Gott sei Dank) vom Riesling (18,7 Prozent). Das ist aber immer noch viel. 

Trollinger brachte bis zu 200 Hektoliter pro Hektar

Warum haben die Schwaben den Trollinger kultiviert? Sie nahmen ihn mit aus Südtirol, wo er als Vernatsch bekannt ist, der Grund war aber ein schwäbischer: Die Trollinger-Rebsorte erbringt stattliche Ernteeinträge, zum Teil 200 Hektoliter pro Hektar. Wein oder Most waren ja auch mal ein richtiges Alltagsgetränk. Der Trollinger konnte viel und billig. Nur: die Qualitätsansprüche des Publikums steigen. Die Qualität vieler Trollinger aber nicht mit. Die Frage lautete für viele Winzer: Soll ich in eine Rebsorte investieren, die einen so schlechten Ruf hat und außerhalb Baden-Württembergs kaum getrunken wird? Oder tausche ich den Trollinger gegen Rebsorten ein, die hochwertiger sind und potentiell auch einen größeren Resonanzraum haben?

Heute tüfteln Württemberger Qualitätswinzer am Trollinger. Aus Tradition. Und weil sie doch ein Potenzial erkennen, das sie mit in die Moderne rüber genommen haben. Sie haben den Trollinger-Bestand in ihren Weinbergen extrem reduziert. Und bieten ein spitzes, qualitativ hochwertiges Produkt.

"Eine kleine Welt, die in Ordnung war“: Rainer Schnaitmann FOTO: WEINGUT SCHNAITMANN

Rainer Schnaitmann ist einer der Spitzenwinzer im Remstal. Sein Vater hatte noch 30 Prozent Trollinger in teils besten Lagen rund um Fellbach stehen. Bei ihm, Rainer Schnaitmann, der vor knapp 25 Jahren den Betrieb übernommen hat, sind es jetzt maximal noch 5-6 Prozent. Er macht einen Trollinger Alte Reben (12,90 Euro), der die geschmeidige Struktur eines Spätburgunders hat, der im großen Holzfass lagerte, mit wenig Bewegung, der aber nicht den Holzgeschmack annimmt – und zudem nicht geschwefelt wird.

Der komische Ruf des Trollingers

„Trollinger war für die Genossenschaften ein gutes Geschäft: Das Problem lag in der Produktion, nicht im Verkauf“, sagt Schnaitmann. Also: Sie hätten immer noch mehr produzieren können – verkauft hätten sie es bekommen. „Es war hier eine kleine Welt, die in Ordnung war“, sagt Schnaitmann. War. Doch der Trollinger hat einen miserablen, halbtrockenen bis lieblichen Ruf. Was schlecht für den Verkauf ist.

„Trollinger hat einen sehr komischen Ruf“, sagt Hans-Peter Wöhrwag. „Das liegt an den Maische-erhitzten Trollingern, die schmecken wie so eine Harmonie-Marmelade“. Auch er hat wie Rainer Schnaitmann seine Trollinger-Bestände klar reduziert und gegen auch international hochwertige Rebsorten ersetzt. Wöhrwag setzt dabei auf Riesling, Schnaitmanns Fokus richtet sich eher auf den Lemberger.

„Der Charme des Trollingers besteht in seiner Schlichtheit": Christin und Hans-Peter Wöhrwag FOTO: WEINGUT WÖHRWAG 

Hans-Peter Wöhrwag hat noch 0,8 Hektar Trollinger im Weinberg. Der Untertürkheimer seziert den Kern des Trollingers: „Du kannst aus einem Trollinger nichts zaubern. Das gibt die Traube nicht her. Jeder Versuch, aus einem Trollinger etwas ganz Großes zu keltern, ist bisher gescheitert. Aus genau dem Grund“, sagt er. Also ganz weg damit? Nein. Hans-Peter Wöhrwag sagt: „Der Charme des Trollingers besteht nicht in seiner Überhöhung. Sondern in seiner Schlichtheit. Es ist ein einfacher Tischwein. Bekömmlich, leicht, trinkig, süffig.“

Sein Trollinger heißt „Rädles“ (7,50 Euro). Der Vater hat den Trollinger in einem Holzfass gekeltert, in das ein Rad geschnitzt war. In manchen Jahrgängen macht er zusätzlich noch einen Trollinger in der Literflasche. Er mache ihn „wie früher“, sagt er. Er lässt ihn länger auf der Maische liegen, bis er sich „zum Rotweinchen“ entwickelt hat. Wöhrwag füllt ihn in alte, große Holzfässer.  „Aber nur wegen der besseren Reifung und Entwicklung. Das Holz ist so alt, dass es keinen Geschmack mehr abgibt.“

Und die Kundschaft? Weiße, alte Schwaben-Männer? Ja, die Viertelesschlotzer gibt’s immer noch. Wöhrwag sagt aber auch: „Viele junge Leute greifen zu. Sie schätzen Regionalität. Da wird der einfache Trollinger wieder zu etwas Besonderem.“

Die Leichtwein-Welle erfasst den Trollinger

Rainer Schnaitmann hat schon früh auf die rebublik-weite Verbreitung seiner Weine gesetzt. Er ist in allen großen deutschen Städten in Weinhandlungen vertreten. Für Tim Raue macht er Sonder-Editionen. Cuvées. „Für die Berliner Szene“, sagt Schnaitmann. Er nennt die Entwicklung „Leichtwein-Welle“ und erkennt das Bedürfnis unter jüngeren Weinliebhaber*innen nach einer neuen Stilistik: Weg vom Alkohol, weg vom Tannin-Bombast – alles viel leichter.

Sein Trollinger „Alte Reben“ hat 12 Prozent und ist noch kräftig. Neu ist sein Naturwein-Trollinger. Schnaitmann ist Teil des „Nat’Cool“-Projekts des Portugiesen Dirk Niepoort. Er bringt dabei leichte Trinkweine aus traditionellen Rebsorten in einer einheitlichen Literflasche auf den Markt. Schnaitmann produziert für das Projekt einen unfiltrierten, ungeschwefelten Trollinger, den „ANDERS“ (11,50 Euro). Der Naturwein hat gerade einmal 10,5 Prozent und zielt auf diese jüngere Zielgruppe. Wo er am Ende rauskommt mit den Trollinger-Experimenten? Er sagt nur: „Da liegt noch ein Geheimnis begraben.“

Vom Saufwein zum „geheimnisvollen“ Trollinger ist es manchmal ein langer Weg.

Lesen Sie auch: Seltene Sorte Tauberschwarz: Das dunkle Geheimnis des Taubertals

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Sechs aus 2.150 Hektar: Trollinger der Weingüter Wöhrwag, Schloss Hohenbeilstein, Drautz, Graf Neipperg, Herzog von Württemberg, Schnaitmann MONTAGE: WEINLETTER; FOTOS: PROMO

WeinLetter testet: Sechs sehr gute Trollinger, die auch Nicht-Schwaben trinken dürfen

von Oliver Bach

1. Weingut Wöhrwag

Trollinger "Rädles", trocken, 2020, 12 Vol. %, 7,50 Euro: Der Opa hat den besten Trollinger von alten Reben in ein großes Holzfass gelegt, auf dem ein Rad eingeschnitzt war! Einer der besten Trollinger aus Württemberg: feinwürzig, rosa-pfeffrig, im Abgang Bittermandel.. 

2. Weingut Schloss Hohenbeilstein

2018er Trollinger Silberberg, trocken, 2018, 12,5 Vol.%, 9,20 Euro: Das VDP- und Bio-Weingut Schloss Hohenbeilstein ist seit 1959 im Besitz der Familie Dippon. Hartmann Dippon ist Genussbotschafter des Landes Baden-Württemberg. Seit 1994 baut er die Weine kontrolliert ökologisch an. Der Trollinger Silberling passt perfekt zu Geschmorten Rinderbäckchen!

3. Weingut Jürgen Drautz

Trollinger Löwenherz, trocken, 2020, 12,5 Vol %, 5,50 Euro: Seit Generationen macht die Familie Drautz im Neckartal authentische Weine; hier reiste vor 150 Jahren Mark Twain auf einem Floß den Neckar entlang und verewigte die Schöheit der Landschaft in den „Abenteuern von Tom Sawyer und Huckleberry Finn“. Weingeist triff Mark Twain! Beim Trollinger Löwenherz schmeckt man die Qualität. Es ist ein handwerklich top hergestellter, ehrlicher, aromadichter, weil ertragsreduzierter Trollinger aus einer kleinen, besonderen Lage in Heilbronn.

WeinLetter-Experte Oliver Bach hat in Geisenheim Internationale Weinwirtschaft studiert, für Weingüter und Weinhändler weltweit gearbeitet und leitet jetzt die Flüchtlingsunterkunft in Hambrücken FOTO: SARAH SZUBERT

4. Weingut Graf Neipperg

2018er Trollinger trocken Gutswein, 12 Vol. %, 7,90 Euro: Die Wurzeln des VDP-Weinguts in Schwaigern gehen zurück ins 13. Jahrhundert; als „souverän“, „nobel“ und „selbstbewusst“ wird das 32 Hektar große gräfliche Weingut umschrieben. Sehenswürdigkeiten sind die Burganlage in Neipperg und das Schloss in Schwaigern. Die Trollinger-Trauben für den Gutswein wurden auf der Maische vergoren. Er schmeckt nach etwas Erdbeere – und herrlich frisch!

5. Weingut Herzog von Württemberg

Mundelsheimer Käsberg Trollinger trocken, 2018, 11,5 Vol. % , 9,50 Euro: Das VDP-Weingut auf der Domäne Monrepos in Ludwigsburg befindet sich noch im Besitz des Hauses Württemberg - also von Carl Herzog von Württemberg. Die Barriquefässer im Keller sind aus Eichenholz aus den herzoglichen Wäldern „Pfahlhof“ (Ilsfeld), hergestellt in der französischen Tonnellerie Francois Frères im Burgund! Der ertragsreduzierte Mundelsheimer Käsberg wird auf der Maische vergoren und im großen Holzfass (4.500 Liter) ausgebaut. Der Trollinger ist getragen vom typischen Mandelduft!

6. Weingut Rainer Schnaitmann

Trollinger Alte Reben, trocken, 2018, 12,5 Vol. %, 12,90 Euro ab Hof: Das 24 Hektar umfassende VDP-Weingut in Fellbach ist biozertifiziert, arbeitet mit Handlese und Spontanvergärung und besticht durch ein gutes Preis-Wert-Verhältnis! So auch beim Trollinger Alte Reben. Diese sind zwischen 30 bis 45 Jahre alt. Der Wein wird in alten 300-Liter-Fässern ausgebaut, "wie ein Spätburgunder", sagt Rainer Schnaitmann, und dann ungeschwefelt abgefüllt. 

Noch mehr Tipps: +++ Elf Tauberschwarz-Weine im Test +++ Acht Liter-Weine im Test +++

Weingut Hedwig u. Helmut Dolde, Silvaner Alte Reben, 2020 Württemberg, 12,5 Vol. %, 9,00 Euro. FOTO: WEINLETTER

Ins Glas geschaut: Franz Untersteller testet Silvaner von der Schwäbischen Alb

In der Rubrik „Ins Glas geschaut“ stellen Weinexperten, Weinliebhaber, Prominente ihren Wein der Woche vor. Heute: Baden-Württembergs Ex-Umweltminister Franz Untersteller (Die Grünen) über den Silvaner Alte Reben von Hedwig und Helmut Dolde.

von Franz Untersteller

Der Wein: Weingut Hedwig u. Helmut Dolde, Silvaner Alte Reben, 2020 Württemberg, 12,5 Vol. %; Rz 3g/l; Säure 5,6g/l, 0,75l, 9,00 Euro.

Der Grund: Weithin sichtbar, ja geradezu imposant, ragt die vor gut 900 Jahren auf dem 745 Meter hohen Festungsberg errichtete hochmittelalterliche Burgruine Hohenneuffen am Ende des Neuffener Tals ins Vorland der Schwäbischen Alb.

Am 2. August 1948 trafen sich hier oben hochrangige Regierungsvertreter und Abgeordnete der durch die Besatzungsmächte geschaffenen Länder Württemberg-Baden, Württemberg-Hohenzollern und Baden, um sich erstmals über einen Zusammenschluss zu einem Südweststaat auszutauschen. Dass der an den Hängen des Hohenneuffen angebaute „Täleswein“ letztlich der Schlüssel zum Erfolg der Konferenz war, darf als Fake News abgebucht werden. Bis vor wenigen Jahrzehnten galten hier abgefüllte Flaschen als schlicht ungenießbar.

Dies hat sich grundlegend geändert, was ein Stück weit auch Helmut Dolde und seiner Frau Hedwig zu verdanken ist. Der frühere Gymnasiallehrer für die Fächer Biologie und Chemie ist der lebende Beweis, dass man auch ohne aus einem traditionsreichen Weinbaubetrieb zu stammen oder in Geisenheim die Geheimnisse des Weinbaus studiert zu haben, selbst unter Extrembedingungen exzellente Weine produzieren kann. Was als Hobby begann, nimmt heute im Leben der beiden breiten Raum ein und das mit wachsendem Erfolg. Nicht nur, dass die gängigen Weinführer über seine Tropfen ins Schwärmen geraten, selbst in den USA werden Doldes Weine in jüngster Zeit besprochen.

Die Reben stehen auf mehr als 520 Höhenmetern: Helmut Dolde spricht deshalb gerne von "Bergweinen" FOTO: FRANZ UNTERSTELLER

In dem Kleinbetrieb von knapp zwei Hektar erzeugt der Winzer-Autodidakt heute eine Palette hochwertiger, wunderbar trockener Weine. In der bevorstehenden warmen Jahreszeit ist der aus über 60 Jahre alten Weinstöcken gekelterter „Silvaner Alte Reben“ 2020 sowohl als Begleiter eines guten Essens, wie auch solo auf der abendlichen Terrasse für mich Genuss pur.

Doldes Reben stehen auf mehr als 520 Höhenmetern, weshalb er selbst gerne den Begriff von „Bergweinen“ wählt.  Man kann den 68-jährigen getrost als schwäbischen Tüftler bezeichnen, dem es dank seiner präzisen Kenntnisse von Böden, Biologie, Pflanzengenetik und klimatischen Besonderheiten von Jahr zu Jahr immer noch ein Stückchen besser gelingt, das Profil und die Charakteristik der einzelnen Lagen herauszuarbeiten und dadurch – was ich früher als Märchenstunde abgetan hätte – Unterschiede von Böden im Mund erlebbar zu machen. Sein eleganter und feinfruchtiger „Silvaner Weißer Jura“ unterscheidet sich auf der Zunge grundlegend vom „Linsenhöfer Silvaner Vulkan“, dessen Rebstöcke auf dem Schlot eines längst erloschenen Schwäbischen Vulkans wachsen. Zusammen mit der „Alten Rebe“ bietet sich einem so über den Abend ein faszinierendes Geschmackserlebnis.

In Kellertechnik hat Dolde nie groß investiert. Ein Minimum an Technik, dafür aber viel Handwerk und arbeiten mit der Natur sind typische Merkmale für den Kleinbetrieb. Doldes Weine vergären nicht kontrolliert bei gesteuerter Temperatur. Stattdessen nutzt er in breitem Umfang die Möglichkeiten der Spontangärung und des biologischen Säureabbaus. Übrigens, seine Fässer - ganz der Schwabe - kühlt er mit nassen Decken bei offenem Fenster und einem Ventilator.

Franz Untersteller, 64, ist gelernter Landschaftsplaner, zwischen 2006 und 2021 Abgeordneter der Grünen im baden-württembergischen Landtag, seit 2011 bis 2021 Minister für Umwelt, Klima u. Energiewirtschaft im Kabinett von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Aktuell ist er Globaler Botschafter für das weltweite Klima-Projekt Under2Coalition. Das Foto zeigt ihn bei der Weinlese im "Steilen Zucker". Er unterstützt hier ein Projekt, das Terrassen-Weinberge in der bekannten Lage "Cannstatter Zuckerle" erhält, mit einer Rebpatenschaft. Mehr: steiler-zucker.de FOTO: ARCHIV UNTERSTELLER

Bisher in der Rubrik "Ins Glas geschaut": +++ Berliner LOK6-Chefin Julia Heifer testet Muscat-Naturwein aus dem Elsass +++ Pfälzer Donald-Trump-Satiriker Alexis Bug testet Riesling Auslese R von Koehler-Ruprecht +++ taz-Chefreporter Peter Unfried testet den "Mythos" der Pfälzerin Adriane Moll +++ MSL-Chairman Axel Wallrabenstein über Spätburgunder von Ex-DFB-Präsident Fritz Keller! +++ Geisenheimer Oliver Bach über Riesling von Clemens Busch!

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