Extra-WeinLetter #11: Flutkatastrophe im Ahrtal

Liebe Wein-Freund*innen,

Du liest den elften WeinLetter, einen Extra-WeinLetter! +++ Ja, gerade hattest Du noch WeinLetter #10 zum Teroldego im Postfach. Aber dieses Thema kann nicht warten: Es geht um die Naturkatastrophe an der Ahr mit traurig vielen Toten - und es geht hier speziell um die Folgen für die Winzer*innen. Der Journalist und Bestseller-Autor Manfred Kriener hat für den WeinLetter ein langes Gespräch mit Christoph Bäcker aus Ahrweiler führen können. Bäcker war der erste Bio-Winzer an der Ahr. Die Flut hat sein Weingut fast komplett zerstört. Und jetzt? Es ist ein bewegendes Interview +++ Plus: Spenden-Service +++ Also: Empfehlt gerade diesen Extra-WeinLetter bitte weiter. Unterstützt den WeinLetter und werdet sehr gerne  aktives Mitglied! Und vor allem:

Helft den Menschen an der Ahr! Und trinkt's Euch dann schön!

Euer Thilo Knott

"Wenn ich in den Weinkeller gehe, kommen mir die Tränen": Mit Schlamm verdreckte Weinflaschen FOTO: DEUTSCHES WEININSTITUT 

"Ich weiß nicht, ob mein Betrieb am Leben bleibt"

Wie geht's jetzt nur weiter an der Ahr? Christoph Bäcker war der erste Bio-Winzer im Ahrtal - und hat sein Weingut in Ahrweiler fast komplett verloren. Er schildert, wie unbemerkt die Flut kam, und sagt: " Ich kann der Natur doch nicht böse sein."

Interview: Manfred Kriener

WeinLetter: Herr Bäcker, Sie sind Bio-Winzer in Ahrweiler, mitten im Katastrophengebiet. Als am Freitag die Flut kam: Wann haben Sie gespürt, dass sich größeres Unheil zusammenbraut?

Christoph Bäcker: Das hat gedauert. Bei uns hat es nämlich gar nicht so fürchterlich geregnet. Die Regenmenge hätte allenfalls für ein leichtes Hochwasser gereicht. Es war die Flutwelle, die von der oberen Ahr kam, die Gefahr war schwer einzuschätzen.

Wann wurde Ihnen klar, dass die Lage tatsächlich katastrophal werden könnte?

Bäcker: Die Warnungen haben wir natürlich gehört, aber sie waren sehr dezent, nicht so, dass man wirklich alarmiert gewesen wäre. Ich habe im Fernsehen die Aussagen des Wetterdienstes verfolgt, aber diese Dramatik war nicht vorherzusehen. Richtig ernst wurde es erst am Abend, als die Höchststände des Hochwassers von 2016 überschritten wurden. Da wusste ich, es wird schlimm, das war kurz vor dem Dunkelwerden. Der Pegel stieg rasend schnell, man konnte zugucken, wie ganze Uferbereiche im Wasser verschwanden.

"Wir wussten nicht, ob das ganze Haus volllaufen wird"

Gerät man in solch einer Situation in Panik, was kann man tun?

Bäcker: Nein, wir waren nicht panisch. Wir hatten in unserem Betrieb, obwohl wir im Risikogebiet leben, noch nie einen einzigen Tropfen Wasser im Keller und sind erst mal ruhig geblieben. Wir haben zuerst unsere Fahrzeuge in Sicherheit gebracht. Als das Wasser weiter stieg und über die Straße in unser Haus floss, haben wir die wichtigsten Unterlagen zusammengepackt: Impfausweis, wichtige Dokumente, Unterlagen für die Buchführung. Das haben wir in die obere Etage gerettet. Allerdings wussten wir nicht, ob die Fenster halten und ob das ganze Haus volllaufen wird.

Nach bisherigen Informationen gibt es keine Toten in der Winzerschaft, aber Dörte und Meike Näkel vom Weingut Meyer-Näkel sind von der Flut mitgerissen worden; sie konnten sich auf einen Baum retten, auf dem sie sieben Stunden lang auf Hilfe warten mussten.

Bäcker: Ja, die Tankstellenbesitzerin bei uns hat mir das berichtet, es gab auch Bilder dazu im Fernsehen. Vermutlich sind die beiden zu ihrem Weinlager gegangen, um noch einige Dinge zu retten und sind von der Flut überrascht worden.

Christoph Bäcker, Jahrgang 1961, erster Bio-Winzer an der Ahr (1990), führt ein kleines Familien-Weingut mit nur 2,5 Hektar Rebfläche in Ahrweiler. Die Jahresproduktion liegt bei 20.000 Flaschen. Der Bio-Betrieb ist Mitglied im Bundesverband Ökologischer Weinbau und hat sich vor allem mit ausgezeichneten Früh- und Spätburgundern einen Namen gemacht. Bäcker ist verheiratet und hat zwei Kinder. Im benachbarten Mayschoß hat das Weingut eine Außenstelle. FOTO: WEINGUT BÄCKER

Viele Weinbaubetriebe sind komplett zerstört. Wie stark hat es Sie selbst erwischt, was ist von Ihrem Betrieb übrig geblieben?

Bäcker: Nicht viel. Die abgefüllten Flaschen sind okay. Aber vor allem die Maschinen sind hinüber: Gabelstapler, Kelter, Traubenmühle, Pumpen, aber auch die Barriquefässer, die großen Holzfässer. Das hat eine Dimension, die ich noch gar nicht abschätzen kann. Und wir haben kein Gas, kein Wasser, keinen Strom, kein Internet. Natürlich machen mir auch die Weinberge große Sorgen, die ich nicht vor den jetzt um sich greifenden Pilzkrankheiten schützen kann.

Wegen der Feuchtigkeit im Ahrtal breitet sich der falsche Mehltau aus. Jetzt werden aus Hubschraubern großflächig Fungizide gesprüht, um den Jahrgang 2021 zu retten.

Bäcker: Meine eigenen Bioflächen werden vermutlich auch besprüht, dagegen kann ich mich nicht wehren und es ist vermutlich sogar die einzige Möglichkeit, damit wir im Herbst überhaupt etwas ernten können. Am Montag kommen Kollegen von der Mosel, die mir hoffentlich helfen, meine Weinberge ökologisch korrekt übers Jahr zu bringen.

Es gibt vielleicht keinen waschechten Biowein, aber wenigstens eine Ernte?

Bäcker: Ich hoffe auf eine Sondergenehmigung für meine Bioweine. Diese Katastrophe ist nun wirklich ein Härtefall, den ich nicht verschuldet habe.

"Es gibt ein Weingut auf dem Berg, alle anderen hat es voll erwischt"

Können Sie den 2021er Jahrgang bei befreundeten Winzern ausbauen?

Bäcker: Das wird schwierig. Da müsste ich die Trauben an die Mosel fahren. Ich weiß es einfach nicht. Wir brauchen Ersatzmaschinen und Lagertanks, dann müssen wir hoffen, dass es überhaupt noch etwas zu ernten gibt.

Wie sieht es bei den anderen Weingütern aus?

Bäcker: Die meisten liegen direkt an der Ahr und sind extrem betroffen. Es gibt ein einziges Weingut auf dem Berg, alle anderen hat es voll erwischt. Ich habe bisher nur mit einem Kollegen sprechen können. Im Moment kümmert sich jeder um seine eigene Katastrophe. Man kommt ja nirgendwo hin, auch nicht in die Weinberge.

"Ich weiß nicht, ob der Betrieb am Leben bleibt": Aufräumarbeiten - und überall nur Schlamm FOTO: DEUTSCHES WEININSTITUT

Herr Bäcker, Sie sind seit 1990 Biowinzer, sie waren der erste an der Ahr. Sie sind engagiert im Umwelt- und Klimaschutz: keine unnötigen Kapseln an der Flasche, keine Banderolen, keine Pestizide, kein Kunstdünger. Sie haben sich mit der Natur verbündet. Jetzt hat die Natur ihre Existenz brutal attackiert. War alles Engagement vergeblich?

Bäcker: Ich kann der Natur doch nicht böse sein. Die Natur ist genau so, wie sie die Menschheit zugerichtet hat. Wir müssen jetzt die Ärmel hochkrempeln und weitermachen, auch wenn es schwer fällt. Ich habe familiäre Unterstützung, bin einigermaßen abgesichert, selbst wenn dies der Todesstoß für meinen Betrieb war.

Kann ihr Weingut ohne Abrissbirne wieder instandgesetzt werden?

Bäcker: Ich hoffe, es geht ohne Abrissbirne, aber ich weiß nicht, ob der Betrieb am Leben bleibt. Das hängt von vielen Entwicklungen ab. Werden sich die Weinberge erholen? Gibt es überhaupt eine Ernte? Wann kann ich wieder Wein verkaufen? Wann kommen wieder Besucher ins Ahrtal? Es wird viele Monate dauern, bis die Schäden halbwegs beseitigt sind. Diese Zeit zu überbrücken, das kann ich mir gegenwärtig nicht vorstellen.

Wie sieht es aktuell mit den Grundbedürfnissen aus: essen, trinken, schlafen, duschen, Toilette benutzen?

Bäcker: Da haben wir Glück. Wir sind in der Nähe in einer Schule untergekommen. Später können wir vielleicht bei Freunden unterschlüpfen. Unser eigenes Haus ist hoffentlich nicht unbewohnbar, da müssen jetzt die Statiker ran. Ist das Haus noch sicher? Zum Glück liegen Küche und Schlafzimmer im oberen Geschoss und sind unversehrt. Wir brauchen wieder Strom, Gas, Wasser. Dann kommt eine lange schwierige Renovierung, bis wir wieder ein liebenswertes Zuhause haben. Aber wo kriegen wir Handwerker her? Und Baumaterial? Vielleicht ist nächstes Jahr um diese Zeit das Weingut wieder aufgebaut.

"Tut mir leid, aber das ist einfach lächerlich"

Mit welcher Zuversicht gehen Sie in den Neuaufbau?

Bäcker: Manchmal, wenn ich sehe, welche Hilfe hier ankommt, bin ich ganz optimistisch. Da ist die Bundeswehr, das THW, da sind die Feuerwehren und private Helfer aus allen Ecken der Republik. Freunde meiner Tochter sind mit einem großen Trupp gekommen, haben Schlamm aus dem Keller geholt, eingestürzte Mauern abgetragen, eine wahnsinnige Unterstützung. Aber wenn ich in den Weinkeller gehe, dann kommen mir die Tränen.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie Herrn Laschet zuhören, der hier durch den Schlamm marschiert und sich als Klimaschützer inszeniert?

Bäcker: Tut mir leid, aber das ist einfach lächerlich. Das sind dieselben Sprüche, die nach jedem Hochwasser und nach jeder Katastrophe kommen. Die Lehren, die wir jetzt ziehen sollten – da passiert nichts. Der Kohleausstieg wird irgendwann kommen, viel zu spät. Das macht einen nur noch wütend.

Die Solidarität ist gewaltig, auch aus dem Ausland kommen viele Hilfsangebote. Halten die Winzer in der Krise zusammen?

Bäcker: Ich glaube schon, dass diese Katastrophe die Winzer zusammenschweißt. Meine Sorge ist allerdings, dass die Solidaritätswelle schnell wieder verebbt. Aus dem Auge, aus dem Sinn. Wir brauchen Hilfe über einen langen Zeitraum.

Was kann man den betroffenen Weingütern Gutes tun?

Bäcker: Wein von der Ahr trinken! Das wäre die größte Unterstützung. Das ist noch befriedigender als finanzielle Hilfe.

Haben Sie überhaupt noch Wein zum Verkaufen?

Bäcker: Die Weinflaschen, die in den Gitterboxen überlebt haben, sind in einem fürchterlichen Zustand und müssen alle neu etikettiert werden. Aber der Wein ist nicht verdorben.

Manfred Kriener, Jahrgang 1953, geboren in Schramberg im Schwarzwald, ist Experte für Klima- und  Umweltpolitik, Essen und Trinken. Kriener ist Autor des Bestsellers „Lecker-Land ist abgebrannt. Ernährungslügen und der rasante Wandel der Esskultur“ (S. Hirzl Verlag, 2020). Sein Bäcker-Wein-Tipp: "Mein Lieblingswein von Bäcker ist der Spätburgunder Mayschosser Mönchberg. Kühle Aromatik, auch aus heißen Jahrgängen, immer fein gestrickt und mit bestem Lagerpotenzial. Jetzt trinke ich gerade den 15er." FOTO: PIXELMANN

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#SolidAHRität: So kannst Du helfen!

von Thilo Knott

Die Ahr ist das größte zusammenhängende Rotweinanbaugebiet, auch wenn es nur das drittkleinste der 13 deutschen Weinanbaugebiete ist. Für die Spätburgunder-Spezialist*innen gibt es ein Leben vor dem 14. Juli 2021 - und eines danach. Denn am 14. Juli 2021 richtete eine Flutwelle Schäden an, die nach einer Woche immer noch nicht zu beziffern sind.

Hubert Pauly schätzt: Eineinhalb Jahresernten im Wert von 50 Millionen Euro seien vernichtet. Pauly, 70, Präsident des Weinbauverbands Ahr, bezieht sich hier auf Flaschen und Fässer in den Kellern der Ahr-Weingüter, die schlicht unbrauchbar geworden sind durch all den Schlamm und das Wasser. Nicht eingerechnet sind bei den Millionen die zerstörten Kelleranlagen und Gerätschaften, die unbrauchbaren Entrapper oder die Pressen, die kaputten Fahrzeuge für die Arbeit im Weinberg. Gleichzeitig erreicht die geschädigten Winzer*innen eine große Solidaritätsbewegung - von Winzer*innen für Winzer*innen!

Spenden, damit es wieder so aussehen kann wie hier in der Nähe von Bad Neuenahr! FOTO: DEUTSCHES WEININSTITUT

Wer für die 65 Haupterwerbs-Winzer*innen in Existenznot direkt spenden will - hier ein kurzer Überblick:

  • Der VDP-Adler hilft e. V.

Das ist die Initiative des Verbands Deutscher Prädikatsweingüter. Viele Winzer*innen, die selbst eine Spenden-Aktion initiierten, leiten ihre Erlöse weiter an den VDP.

Spendenkonto: Rheingauer Volksbank - IBAN: DE 21 5109 1500 0000 2045 28 - BIC: GENODE51RGG - Betreff: Solidarität Ahr Weinbau. Oder via PayPal an: deradlerhilft@vdp.de - Betreff: Solidarität Ahr Weinbau

  • 6 Flaschen für 65 Euro - für: Der Adler hilft e. V.

Der Geschäftsführer des Weinguts St. Antony in Nierstein (Rheinhessen), Dirk Würtz, organisiert gerade eine der größten und spektakulärsten Hilfsaktionen (Hier geht's zum Bericht!).  Aus Deutschland, aber auch Österreich und anderen Ländern spenden Winzer*innen, Weinhändler*innen, Weinverbände und -organisationen jede Menge Weinflaschen. Sie werden in 6er-Kartons verpackt, der Erlös geht an "Der Adler hilft e. V.". 6 Flaschen für 65 Euro: Hier geht's zum Solida(h)ritätspaket für die Ahr-Winzer*innen!

  • Bäuerlicher Hilfsfonds

Spendenkonto: Volksbank RheinAhrEifel - IBAN: DE46 5776 1591 0124 0807 01 - BIC: GENODED1BNA - Betreff: "Starkregenkatastrophe"

  • Weitere Wein-Hilfsangebote

Das Deutsche Weininstitut (DWI) listet Spendenaufrufe sowie Hilfsaktionen von unzähligen Weinerzeugern, Handel, Verbänden und Organisationen auf. Hier geht's zum Überblick.

  • Spendenkonto für alle Betroffene in Rheinland-Pfalz

Die Landesregierung in Rheinland-Pfalz hat ein Spendenkonto für alle Betroffenen in ihrem Bundesland eingerichtet:

Spendenkonto: Landeshauptkasse Mainz - IBAN: DE78 5505 0120 0200 3006 06 - BIC: MALADE51MNZ - Betreff: Katastrophenhilfe Hochwasser

Korrektur: Im WeinLetter #10 habe ich das Weingut von Hedwig und Helmut Dolde glatt in den Schwarzwald versetzt - es befindet sich aber selbstverständlich am Fuße der Schwäbischen Alb. Sorry!

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