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Liebe Leser*innen,

in der dritten Ausgabe unseres Newsletters widmen wir uns einem vergessenen queeren Klassiker, einer Anthologie queerer Texte sowie vier Neuerscheinungen. Aber der Reihe nach: 

Im Rahmen eines Sondernewsletters im März beschäftigte sich Tobi mit dem queeren Leben des englischen War Poets Wilfred Owen. In diesem Monat kehrt er zum ersten Weltkrieg zurück und stellt die österreichisch-britische Autorin Rose Allatini und deren 1918 veröffentlichten Roman Despised And Rejected vor, der aufgrund seiner positiven Darstellung von Homosexualität und Pazifismus zum Skandal wurde und in Vergessenheit geriet. 

Marlon richtet seinen Blick auf eine Reihe deutschsprachiger queerer Texte, die in der englischen Anthologie Quertext versammelt sind und stellt sich die Frage, ob es eine eigenständige queere Literatur im deutschsprachigen Raum gibt und wie sich der Blick des Kanons dezentralisieren lässt.

Zudem stellen wir euch vier aktuelle Titel von Eli Léven, Kathy Acker und Sang Young Park vor und empfehlen euch, in die Mixtapes der Pine Walk Collection reinzuhören, einem queeren auditiven Gedächtnis. 

Wir freuen uns auf euer Feedback, eure Fragen, Vorschläge und Kommentare.

'So you, too, are a square peg?': Rose Allatinis revolutionärer Roman Despised And Rejected

Homosexualität, Kriegsdienstverweigerung und ein Lob auf den Pazifismus: Rose Allatinis 1918 unter dem männlichen Pseudonym A.T. Fitzroy erstmals veröffentlichter Roman Despised And Rejected erschien den Sittenwächtern Englands als einzige Provokation. Dementsprechend schnell wurde er verboten, sein Verleger zu einer Geldstrafe verurteilt. 

Despised And Rejected geriet schnell in Vergessenheit. Gleichwohl erlangte Allatini aufgrund des Skandals einige Berühmtheit. So taucht sie etwa in der Korrespondenz Virginia Woolfs auf. Doch auch wenn Allatinis revolutionärer Roman der breiten Öffentlichkeit nicht mehr zugänglich war, wurde er unter homosexuellen Leser*innen weitergetragen. Dies führte dazu, dass 70 Jahre nach Erscheinen eine Neuausgabe beim Londoner Gay-Men's-Press-Verlag erschien (1988).

Aber was macht den Roman heute, gut 100 Jahre nach seinem Erscheinen, zu einem queeren Klassiker? Da wären zunächst einmal Allatinis Protagonist*innen: Dennis Blackwood, ein schwuler junger Komponist und Antoinette de Courcy, Kind aus gutem Hause, die mindestens als bisexuell, wenn nicht gar als lesbisch gelesen werden kann. 

Beide treffen 1914 unverhofft in einem englischen Landhotel aufeinander, in dem die Blackwoods ihren jährlichen Sommerurlaub verbringen. Antoinette ist Gästin einer ebenfalls anwesenden Familie und macht im Rahmen einer Laintheateraufführung Eindruck auf den zurückgezogenen Dennis. 

Letzterer glaubt, in Antoinette eine Gleichgesinnte zu erkennen, nachdem er deren Schwärmerei für die allein reisende Hester beobachtet. Während eines gemeinsamen Spaziergangs offenbart Dennis mit Hilfe einer Metapher Antoinette seine Sexualität, im festen Glauben, sie teile diese. 

Nach der Abreise ziehen beide ihres Weges. Antoinette zurück zu ihrer Familie, die sie gerne an einen reichen Mann verheiraten würde. Dennis auf eine Wandertour mit seinem Bekannten Crispin. Auf seiner Reise trifft er zufällig auf Allan, einen jungen Mann, der in einer Schmiede arbeitet. Die Begegnung ist erotisch aufgeladen: Dennis erblickt Allan mit nacktem Oberkörper am Amboss ein Stück Metall bearbeitend und ist spürbar erregt von diesem Anblick.

Wenig später begleitet er ihn nach Hause, bleibt jedoch gegenüber Allans Bitten, mehr Zeit mit ihm zu verbringen, standhaft. Dennoch verliebt er sich in ihn und bekommt ihn fortwährend nicht aus dem Kopf. Im Wissen darum, dass eine Beziehung zu einem Mann niemals möglich wäre, beginnt er, um Antoinette zu werben. Doch beiden ist klar, dass die vermeintliche Sicherheit, die sich Dennis von einer Ehe mit Antoinette verspricht, nur Illusion und Tarnung wäre.

Vielmehr ist sich Dennis seiner Homosexualität immer bewusst und zwischen ihm und Antoinette erwächst eine queere Freundschaft, die um die Sorgen und Nöte des anderen weiß. Mit Ausbruch des ersten Weltkriegs verändert sich die Lage. Dennis ist bekennender Pazifist und weigert sich wie sein Bruder und die Söhne der Nachbar*innen in den Krieg zu ziehen. Je stärker der soziale Druck auf ihn steigt, desto gefestigter ist er in seiner Position. 

Allatini beschreibt präzise die queere Scham, mit der Denis lebt. Die Einsamkeit, die aus dem Anderssein entsteht und ihn daran hindert, solidarisch mit Gleichgesinnten zu sein. Den Wunsch, Teil der heteronormativen Gesellschaft zu werden. Doch im Gegensatz zu anderen Texten aus dieser Zeit, ist hier von Anfang an klar, dass die Sympathie der Autorin bei Denis liegt. Es ist die Gesellschaft, an der er leidet, nicht seine Sexualität.

In Allatinis Roman spiegeln sich Erkenntnisse und Konzepte der Sexologie wider; einem wissenschaftlichen Ansatz, der im späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert populär war. Begründet wurde sie mit der Veröffentlichung von Richard Freiherr von Krafft-Ebings Psychopathia Sexualis (1886). In England zählt der Sexologe Havelock Ellis zu den bekanntesten Vertretern dieser Disziplin, die sich der Erforschung der menschlichen Sexualität widmete. 

Ellis prägte gemeinsam mit John Addington Symonds den Begriff Inversion bzw. inverted / invert für Homosexualität / Homosexuelle. Invertiert im Sinne von "sexuell umgekehrt" aus der Perspektive der Heterosexualität. Eine Vorstellung, die sich bis heute in Fremd- und Selbstbezeichnungen wie "andersherum" widerspiegelt. 

(Symonds starb vor der Veröffentlichung der mit Ellis erarbeiteten Studie Sexual Inversion (1896/97). Sein Nachlassverwalter kaufte die komplette erste Auflage auf und verbat Ellis, Symonds Namen in allen weiteren Auflagen zu verwenden.)

Der Sozialist Edward Carpenter, ein Freund Ellis's, der später auch E. M. Forsters queeren Klassiker Maurice inspirieren sollte, griff diese Ideen auf und entwickelte im Rahmen seiner eigenen Studie The Intermediate Sex  (1908) die Auffassung, dass Homosexuelle als Intermediäre zwischen den Geschlechtern stünden. Sie verfügten über die außergewöhnliche Gabe, sowohl die Perspektive des Mannes als auch die der Frau in sich zu vereinen. 

Allatini paraphrasiert Carpenter in ihrem Roman, wenn sie schreibt: "those who stand mid-way between the extremes of the two sexes . . . perfectly balanced, not limited by the psychological bounds of one sex, but combining the power and the intellect of the one with the subtlety and intuition of the other [...]" Zudem findet sich in Despised And Rejected die zur Entstehungszeit noch gängige Vorstellung, dass homosexuelle Männer über eine weibliche Seele in einem männlichen Körper verfügten.

Carpenter ging in seinen Ausführungen so weit, dass er die intermediates als perfekte Anführer der Menschheit charakterisierte. Allerdings beziehen sich seine Ausführungen diesbezüglich nur auf homosexuelle Männer. Dieser Gedanke findet sich in Despised And Rejected nicht. Dennis ist zwar sehr klar und elaboriert in seinem Pazifismus. Seine Scham und Selbstzweifel ob der eigenen Homosexualität nehmen ihm aber viel Handlungsmacht.

Anders verhält es sich hingegen mit Antoinette. Aus ihrem gleichgeschlechtlichen Begehren entstehen keine Selbstzweifel, keine Scham. Im Gegenteil: Wünscht sie sich doch immer wieder eine neue Leidenschaft wie jene, die Hester und ihre Vorgängerinnen in ihr erweckt haben. 

Dass bisher kein Mann in der Lage war, dieses Feuer in ihr zu entfachen, betrachtet sie eher als Tatsache - teils sogar als Unvermögen der Männer - denn als Grund zur Sorge. Auf Dennis Bemerkung, auch sie sei ein "square peg" (eine Aussenseiterin), reagiert sie mit der Feststellung "Oh, I'm not a square peg, I just fit in everywhere." 

Despised And Rejected sollte ursprünglich im Verlag Allen & Unwin erscheinen, der auch schon Edward Carpenters The Intermediate Sex (1908) sowie dessen Autobiografie My Days and Dreams (1916), in der sich Carpenter zu seiner Homosexualität bekannte, veröffentlicht hatte. Doch der Verleger Stanley Unwin lehnte Allatinis Roman kurioserweise aufgrund von dessen homosexuellen Hauptfiguren ab.

Unwin empfahl der Autorin stattdessen den Verleger CW Daniel, der sich bis dato vor allem durch Nischenbücher und religiöse Texte einen Namen gemacht hatte und wegen eines pazifistischen Pamphlets schon einmal strafrechtlich verfolgt worden war. Despised And Rejected wurde schließlich am 22. Mai 1918 veröffentlicht. Vier Monate später kam es zum Gerichtsprozess.

Im Rahmen dessen wurde Allatinis Roman und CW Daniel vorgeworfen, durch seine pazifistischen Passagen die Rekrutierung neuer Soldaten sowie deren Ausbildung negativ zu beeinflussen. Die positive Darstellung homosexueller Figuren wurde nicht direkt adressiert, kam jedoch als unterschwelliges Argument zum Tragen. CW Daniel wurde zu einer Geldstrafe verurteilt und musste die restlichen Exemplare des Buchs aushändigen.

Aus damaliger wie heutiger Sicht ist Allatinis Verbindung von Pazifismus und Homosexualität bemerkenswert. Dennis Blackwood ist alles andere als ein Feigling. Seine gegen den Kriegsdienst hervorgebrachten Argumente folgen einer bestechend menschlichen Logik und entlarven die wütenden Forderungen seines Umfelds als blutdürstig und unmenschlich. Floskeln wie "für Krone und Land" werden als imperialistische Kriegspropaganda enttarnt, der es nur um die Erweiterung des eigenen Machtraums geht.

Spätestens als die ersten Verwundeten schwer gezeichnet zurückkommen, sieht Dennis sich bestätigt. Für seine Überzeugung ist er ferner bereit, ins Gefängnis zu gehen und hingerichtet zu werden. Allatini zeigt in Despised And Rejected anhand einer Reihe an Nebenfiguren die Parallelen zwischen der Verfolgung von Pazifist*innen, Homosexuellen, Jüd*innen und Ir*innen auf. Sie zeichnet nach, wie sich die Gesellschaft nach und nach gegen einst geliebte Mitglieder richtet und mit welcher Erbarmungslosigkeit sich die Reihen schließen.

Dabei erweist sie sich als versierte Kennerin zeitgenössischer Codes. Dennis und seine Freunde sind "musikalisch" und "sensibel". Chiffren, die aus heutiger Sicht transparent erscheinen mögen, im England des Jahres 1918 aber fast ausschließlich den Gemeinten bekannt waren. 

Die Autorin selbst führte das, was man gemeinhin ein bewegtes Leben nennt. 1890 als Tochter einer Polin und eines italienischen Juden in Wien geboren, wuchs sie in England auf. 1914 veröffentlichte sie ihren ersten Roman als R Allatini. Da sie auf ihren vollen Vornamen verzichtete, wurde sie von Kritik und Publikum zumeist als männlich wahrgenommen. Dies änderte sich erst nach dem Prozess, der auf die Publikation von Despised And Rejected folgte und dazu führte, dass ihr Pseudonym enttarnt wurde.

Anschließend wendete sie sich dem Okkultismus und der Theosophie zu und ging eine Ehe mit dem englischen Komponisten und Dichter Cyrill Scott ein, die bis 1941 bestand. In dieser Zeit gebar sie zwei Kinder und schrieb einen weiteren Roman. Nach Ende ihrer Ehe lebte sie mit Melanie Mills zusammen und veröffentlichte rund 30 (heterosexuelle) Liebesromane unter dem Pseudonym Eunice Buckley. Allatini war bis zu ihrem Tod 1980 durch ihre Autorinnentätigkeit finanziell unabhängig.

Über die Natur der Beziehung von Allatini und Mills sowie die Dauer ihres Zusammenlebens besteht indes Unklarheit. Allatinis Sohn behauptete in seinen Memoiren, seine Mutter habe lediglich die Kriegsjahre mit Mills auf dem Land verbracht. Einige andere Quellen gehen hingegen davon aus, dass Allatini auch nach dem Krieg mit Mills im englischen Rye zusammenlebte und damit in unmittelbarer Nähe zu zwei queeren Autor*innen ihrer Zeit: Radclyffe Hall und E. F. Benson.  

Nicolas Walter, ein britischer Experte für verbotene Bücher, kam laut Jonathan Cutbills Nachwort zu Despised And Rejected zu der Auffassung, dass "[i]f Rose Allatini was a lesbian, she had a pretty good life for her time."

Interessant ist auch das Ende, das Rose Allatini ihrem Roman gibt. Denn zumindest für eine der Hauptfiguren gibt es einen Hoffnungsschimmer, trotz allem Realismus. Ob es diesen auch für Allatini gab, wird wahrscheinlich im Verborgenen bleiben.

Despised And Rejected wurde bislang nicht ins Deutsche übersetzt. Der englischen Originaltext ist derzeit beim unabhängigen englischen Verlag Persephone Books erhältlich. (Tobi)

Gary Schmidt u. Merril Cole: Quertext: An Anthology of Queer Voices from German-Speaking Europe

Quertext: An Anthology of Queer Voices from German-Speaking Europe (2021), herausgegeben von Gary Schmidt und Merrill Cole, enthält Übersetzungen von deutschsprachigen queeren (und zwei heterosexuellen) Autor*innen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Warum aber eine Anthologie besprechen, deren Texte man auch mühelos im deutschen Original lesen kann?

Die Frage ist berechtigt. Auch Gary Schmidt und Merrill Cole stellen ihren Leser*innen die Frage, wieso eine Übersetzung queerer Texte aus dem Deutschen ins Englische überhaupt notwendig ist. Ich glaube, dass sich in der Beantwortung dieser Frage auch Aussagen über das Leseverhalten deutscher Leser*innen und über die Rezeption in den Medien und in der Literaturwissenschaft treffen lassen.

„What do queer authors who write in a language whose speakers inhabit a relatively small area in central Europe have to contribute to the global dialogue on sexuality and gender that has accompanied a revolution in how lesbian, gay, bisexual, transgender, nonbinary, and queer individuals are represented?”

Mit dieser recht kontroversen Frage direkt zu Beginn der Einleitung will Gary Schmidt die Annahme in Zweifel ziehen, dass die Repräsentation queerer Lebensrealitäten im anglo-amerikanischen Raum keine Repräsentation globaler Diversität darstellt. Oder um es anders auszudrücken: Die USA sind nicht das Zentrum der Welt. Die Anthologie ist aber auch ein Versuch, queere Kultur zu dezentralisieren und eine queere Vergangenheit zu erforschen, die jenseits von Stonewall liegt.

Nun handelt es sich beim Versuch der Dezentralisierung innerhalb der Kanonforschung um ein anhaltendes Projekt, das alles andere als neu ist. Dabei wird das Konzept von Weltliteratur als Literatur, die ein westliches Zentrum und eine Peripherie hat, neu gedacht. Stattdessen spricht man von einem polyzentrischen Modell, das sich vom Konzept der Nationalliteratur mehr oder weniger abgewendet hat. (Queere) Literatur entsteht also in einem transnationalen Feld.

Die Kommunikation zwischen den Literaturen kann von jedem beliebigen Punkt auf der Welt aus beginnen, somit besitzt praktisch jede Literatur „eine globale Dimension“ (Christian Moser). Diese globale Kommunikation setzt aber eine Übersetzung der Texte voraus. Um rezipiert zu werden, müssen die Texte gelesen werden können.

Allerdings lässt sich das Verhältnis von Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche und vom Deutschen ins Englische am ehesten als Einbahnstraße beschreiben. Entsprechend verstärkt sich der Verdacht, dass der Diskurs rund um Queerness vor allem in den USA ausgetragen wird. Das ist in mehrerlei Hinsicht zu einfach gedacht.

Natürlich dominiert der amerikanische Diskurs. Wir leben in einer globalen Welt, in der die englische Sprache eine gewisse Hegemonie besitzt. Autor*innen wie Antje Rávik Strubel (die ebenfalls mit einem Text in der Anthologie vertreten ist), so Gary Schmidt, liefern mit ihren Texten aber zum einen eine wichtige Außenansicht auf die USA, zum anderen aber auch eine Insiderperspektive auf Zentraleuropa. Gleichzeitig können diese Texte ebenso zeigen, wie der amerikanische Diskurs rezipiert und weiterentwickelt wird.

“Indeed, one can argue that the history of homosexuality as an identity is largely traceable to German-speaking central Europe.”

Aus einer historischen Perspektive muss das Thema Queerness komplexer und jenseits der Stonewall-Aufstände gedacht werden. Der Beginn der queeren Emanzipationsbewegung in Deutschland lässt sich immerhin ziemlich genau auf den 29. August 1867 datieren. An diesem Tag hatte Karl Heinrich Ulrichs auf dem deutschen Juristentag eine Rede gehalten, in der er sich für die gesetzliche Straffheit von gleichgeschlechtlichen Beziehungen einsetzte.

Auch Dr. Magnus Hirschfeld wird von Gary Schmidt als einer der wichtigsten Vorkämpfer queerer Rechte vor dem Zweiten Weltkrieg genannt. Zwar sind die in der Anthologie versammelten Texte alle im 21. Jahrhundert veröffentlicht worden Dennoch ist dieser historische Kontext wichtig. Er zeigt, dass queere Literatur im deutschsprachigen Raum eine lange Tradition hat und unter eigenen gesellschaftlichen Bedingungen entstanden ist.

Es war vor allem das Verbot von homosexuellen Beziehungen – der Paragraph 175 – das dazu führte, dass unter dem Einsatz von Gesetz, Aktivismus, Medizin und Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts versucht wurde, Homosexualität zu erklären, zu verdammen und auch zu therapieren. Aus diesem Grund wird oft argumentiert, dass in Berlin, dem Schauplatz dieser Auseinandersetzungen, die homosexuelle Identität erfunden wurde. 

Die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges mögen viele der erkämpften Fortschritte zunichte gemacht haben, aber die oftmals in Vergessenheit geratenen Vorreiter*innen der queeren Emanzipationsbewegung haben die Proteste rund um Stonewall und die Proteste von Studierenden in Europa Ende der 1960er Jahre überhaupt möglich gemacht.

Tendenziell lässt sich seit 20 Jahren beobachten, dass queere Texte das sogenannte Ghetto verlassen haben und in größeren Publikumsverlagen veröffentlicht werden. In der Rezeption werden aber auch weiterhin nur zu gern queere Aspekte ignoriert oder jene Texte besprochen, die scheinbar keine explizit queeren Themen behandeln, sondern sich den universell menschlichen Fragen widmen. Dies wird häufig von queeren Aktivist*innen kritisiert. Dabei wird allerdings komplett außer Acht gelassen, dass Queerness mehr als Sexualität bedeutet. Dazu schreibt Gary Schmidt:

“Rolf Goebel suggests that literary scholars themselves are responsible for overlooking contemporary queer German fiction because the methodological tools suited for identifying the ways in which queer experience is contextualized in the broader themes of contemporary life: “Queer literary theory has to move from the decoding of hidden same-sex subtext to the analysis of the multiple ways in which contemporary fiction openly foregrounds queer lifestyles as conformist or subversive performances in the present world of multiculturalism, global affairs, and postindustrial consumer capitalism.”

Die Antwort scheint mir in der Mitte zu liegen. Eine intersektionale Perspektive, eine Perspektive, die erlaubt, dass Autor*innen auch jenseits von Sexualität eine queere Ästhetik oder einen queeren Rhythmus in ihren Texten verarbeiten, sind zwingend notwendig. Aber das Wissen um Camouflage und queere Codes muss in irgendeiner Form erhalten bleiben, um queere Texte aus der Vergangenheit nicht vollkommen in Vergessenheit geraten zu lassen.

Mir scheint, dass auch aus diesen Gründen immer wieder die Frage bei deutschsprachigen Leser*innen aufkommt, ob es so etwas wie deutsche queere Literatur überhaupt gibt. Ironischerweise scheint ausgerechnet eine englischsprachige Anthologie darauf eine Antwort zu geben. Zwar richtet sich der Band explizit an Stundet*innen. Doch auch Leser*innen außerhalb des universitären Kontexts werden Freude an diesem Band empfinden können und Autor*innen entdecken, die sie zuvor vermutlich nicht gekannt haben.

Der Band umfasst neben einer Einleitung Texte von 21 Autor*innen, die allesamt sehr stimmig und nahe am Originaltext von den beiden Herausgebern übersetzt wurden, und eine kurze Einleitung zu allen Autor*innen. Nicht enthalten sind Texte von trans Personen oder von queeren BIPOC Autor*innen. Dessen sind sich auch die Herausgeber bewusst und hoffen, in Zukunft einen Band mit einer größeren Diversität veröffentlichen zu können.

Quertext ist trotz dieser Abstriche eine spannende Zusammenstellung unterschiedlichster queerer Stimmen, die es zu entdecken gilt – sowohl für englischsprachige als auch für deutschsprachige Leser*innen.

Die Texte sind thematisch unterteilt in History, Berlin, Intertexts, Intercultural Encounters, Youth und Relationships. Folgende Autor*innen sind in Quertext versammelt: Jürgen Bauer, Ella Blix, Claudia Breitsprecher, Lovis Cassaris, Gunther Geltinger, Joachim Helfer, Odile Kennel, Friedrich Kröhnke, Anja Kümmel, Marko Martin, Hans Pleschinski, Christoph Poscherieder, Peter Rehberg, Michael Roes, Sasha Marianna Salzmann, Angela Steidele, Antje Rávik Strubel, Alain Claude Sulzer, Antje Wagner, J. Walther, Tania Witte und Yusuf Yeşilöz. (Marlon)

Out & Proud: Aktuelles und Neuerscheinungen

Eli Léven – Gib ihnen, wovon sie träumen (aus dem Schwedischen von Ursula Giger, erschienen bei Ink Press)

Gib ihnen, wovon sie träumen ist im besten Sinne queere Literatur par excellence. Erzählt wird die Geschichte von Sebastian, der mit seinem androgynen Körper und seinen roten Röcken die Blicke aller auf sich zieht. Die Reaktionen seiner Mitmenschen reichen von Spott bis hin zu Hass. Er begegnet aber auch der Lust und der Liebe.

Es ist eine Geschichte der Grenzüberschreitungen, formal wie inhaltlich. Denn auch Lévens Schreiben ist queer: Kitsch, Realismus, Camp, lyrische Prosa. All das vermischt er gekonnt, um die Widersprüchlichkeiten seiner Figur und der Welt, in der sie lebt, zu beschreiben.

Zu diesen – scheinbaren – Widersprüchlichkeiten gehört auch die Liebe zum heterosexuellen Andreas. Denn Sebastian ist auch Elli, die des Nachts hervorkommt und ihn zu verschlingen droht.

Wild, rau, zärtlich, bewegend. Mit all diesen inflationär genutzten Adjektiven könnte ich Gib ihnen, wovon sie träumen loben. Stattdessen begnüge ich mich, zu sagen, dass Eli Léven ein verdammt gutes Buch geschrieben hat. (M)

Kathy Acker & McKenzie Wark: Du hast es mir sehr angetan: E-Mails 1995/96 (aus dem Englischen von Johanna Davids, erschienen beim August Verlag) 

Kathy Acker: Bis aufs Blut. Zerfleischt in der High School (aus dem Englischen von Johanna Davids, erscheinen beim MÄRZ Verlag)

Kathy Acker kann inzwischen getrost als eine der einflussreichsten Autorinnen des zwanzigsten Jahrhunderts gelten. Ihr Schreiben und Leben werden oft als kompromisslos und radikal bezeichnet. Ackers Werk durchzieht eine Abkehr von klassischen Formen, eine Fokussierung auf alternative Erzählungen und Perspektiven.

Freimütig bediente sich die 1997 verstorbene Autorin an bestehenden Texten, formte sie um, remixte sie mit einer bis dato vor allem aus dem Musikalischen bekannten Chuzpe. Ob Körperlichkeit, Sexualität, Philosophie oder Gewalt, Ackers Schreiben war direkt, experimentell und provokant.

Zugleich war es durchdrungen von einer tiefen Kenntnis der Literatur- und Philosophiegeschichte und der Popkultur, voller Referenzen und Wissen, das ihr zeitgenössische Kritiker*innen oftmals nicht zugestanden. Fakt und Fiktion brachte sie in ein sich gegenseitig befruchtendes Mischverhältnis.

Seit einigen Jahren findet Kathy Ackers Werk wieder stärker Beachtung. Dies geht nicht zuletzt auf Chris Kraus 2017 veröffentlichte Biografie After Kathy Acker sowie Olivia Laings experimentellen Roman Crudo (2018), in dem eine fiktive Acker als Erzählerin fungiert, zurück. Auch in Deutschland steigt das Interesse an Acker.

In diesem Frühjahr erscheinen gleich zwei Werke Ackers in unabhängigen Verlagen: Der März Verlag veröffentlicht ihr wohl bekanntestes Werk, den metafiktionalen Roman Bis aufs Blut. Zerfleischt in der High School, der erstmals 1984 in den USA erschien (Blood and Guts in High School). Die deutsche Ausgabe Harte Mädchen weinen nicht (1985) wurde kurz nach ihrer Publikation von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert. 1991 erschien eine gekürzte Fassung. 

Die Neuausgabe markiert nun das erste Mal seit fast 40 Jahren, dass der Text wieder in Gänze in deutscher Sprache erhältlich ist. Großartig übersetzt von Johanna Davids, die auch die zweite Acker-Neuerscheinung des Frühjahrs ins Deutsche überführte: Den E-Mail-Verkehr zwischen Kathy Acker und McKenzie Wark, einer bekannten australischen trans Kultur- und Medienwissenschaftlerin.

Wark und Acker lernten einander im Sommer 1995 in Australien kennen. Nach Ackers Rückkehr in die USA begannen sie einen fieberhaften E-Mail-Austausch. Ihre Nachrichten sind voller Begehren, wilder Einfälle, popkultureller Einlassungen und Referenzen, Gedanken zu Philosophie, Phänomenologie und Fernsehserien. Von Elfriede Jelinek bis hin zu den Simpsons, von Geschlechtergrenzen zu Sexualität.

Viele Themen und Fragen, die heute queerfeministische Diskurse dominieren, finden sich in Wark und Ackers E-Mails wieder. Dabei sind ihre Ausführungen weder dogmatisch noch zementiert. Vielmehr wird man als Leser*in Zeug*in des Aufeinandertreffens zweier Suchender, die Normen und Narrative in Frage stellen und sich ineinander erkennen. (T)

Sang Young Park – Love in the Big City (aus dem Koreanischen von Jan Henrik Dirks, erschienen bei Suhrkamp)

Vermutlich haben nur wenige Bücher eine so unterschiedliche Reaktion in der deutsch- und der englischsprachigen Rezeption hervorgerufen, wie Love in the Big City (2022) von Sang Young Park – immerhin ist die englische Übersetzung von Anton Hur für den International Booker Prize nominiert.

Park erzählt in seinem autobiographischen Roman von der Unbeschwertheit und der Freiheit des Jungseins und davon, was es bedeutet im modernen Korea queer zu sein. Der Roman springt zwischen Club, Campus und den Betten von Parks Liebhabern hin und her. Dazwischen findet sich aber auch durchaus so etwas wie Kapitalismuskritik und die Geschichte eines jungen Mannes, der im Zeitalter von PrEP HIV-positiv ist.

Leider bleibt in der deutschen Übersetzung von Jan Henrik Dirks nicht viel von diesem spannenden Text übrig. Was in der englischen Übertragung lockerleicht und lustig daherkommt, liest sich in der deutschen Übersetzung allzu oft boshaft und hölzern. Einige Sätze klingen derart künstlich, dass man sich fragen muss, ob hier tatsächlich übersetzt oder ein Übersetzungsprogramm über den Text gejagt wurde.

Deswegen: Wer Parks Roman mit all seinen Zwischentönen lesen möchte, greift besser zur englischen Übersetzung. (M)

Queere Freuden

Hier möchten wir auf Texte, Posts und andere Formate aus dem queeren Themenkosmos verweisen, die uns in den letzten Wochen beschäftigt haben.

Als das schwule Paar Peter Kriss und Nate Pinsley im letzten Jahr ein Haus auf Fire Island, dem legendären Naherholungsziel schwuler New Yorker, kaufte, entdeckten sie beim Ausmisten einige Kisten voller alter Mixtapes. Diese erwiesen sich als eine Art auditives kulturelles Gedächtnis der homosexuellen Partygemeinschaft der Insel.

Zusammengestellt von legendären DJs, decken die Tapes einen Zeitraum von rund 20 Jahren (1979-1999) ab. Das macht sie zu wichtigen Zeitzeugnissen, die nicht nur das Aufkommen neuer musikalischer Stile dokumentieren, sondern auch eine Art Soundtrack queerer Geschichte(n) bilden. Allen voran der AIDS-Ära. Einige der Titel in den Mixtapes finden auch in Andrew Hollerans wunderbarem New-York- und Fire-Island-Roman Dancer From the Dance (1978) Erwähnung. 

Kriss und Pinsley digitalisieren nach und nach alle Mixtapes und stellen sie unter dem Titel Pine Walk Collection kostenlos bei Apple und Mixcloud zu Verfügung. Die New York Times hat die beiden getroffen und einen schönen Fotoessay mit Musikuntermalung veröffentlicht. (T)

https://www.nytimes.com/interactive/2022/04/29/realestate/fire-island-pines-lost-soundtrack.html

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