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You have fixed my life - however short: Wilfred Owen  und die War Poets

Siegfried Sassoon & Wilfred Owen

Liebe Leser*innen,

heute vor 129 Jahren erblickte der britische Dichter Wilfred Owen das Licht der Welt. Owen gilt nicht nur als Nationaldichter, er ist auch eine wichtige Größe im queeren Kanon. 

1893 geboren, zählt er zu den bekanntesten War Poets, einer Gruppe an britischen Dichtern, die ihre Erfahrungen als Soldaten im ersten Weltkrieg in Lyrik festhielten. In Großbritannien gehören die War Poets, darunter Siegfried Sassoon, Robert Graves, Isaac Rosenberg, Charles Sorley und Owen zum nationalen Kulturerbe. Ihre Gedichte erzählen plastisch von den Schrecken des Krieges, vom Leben in den Schützengräben, von Kameradschaft und Verlust. Sie sind fester Teil des Lehrplans in britischen Schulen und werden regelmäßig zum Armistice Day öffentlich verlesen.

Lange Zeit weniger bekannt war jedoch, dass es sich bei einem Großteil der War Poets um homosexuelle Männer handelte. Dies liegt unter anderem daran, dass Homosexualität in England zur Zeit des ersten Weltkriegs unter Strafe stand. Schaut man jedoch ein wenig genauer hin, ist unschwer zu erkennen, dass es sich bei vielen ihrer Werke um Liebesgedichte handelt. Mal mehr, mal weniger offensichtlich an einen anderen Mann gerichtet. Homophil, wo offenkundig homosexuell nicht möglich war. 

Idol, Mentor, Gelieber: Sassoon und Owen

Auch Wilfred Owen, so ist man sich heute sicher, war homosexuell. Seine Briefe an Siegfried Sassoon, den er 1917 im Craiglockhart War Hospital in Edinburgh kennenlernte, geben Zeugnis über die Liebe ab, die er für ihn empfand. Als Owen und Sassoon in Craiglockhart aufeinandertrafen, war Letzterer bereits ein bekannter Poet. Er wurde zu Owens Mentor und half ihm unter anderem bei der Überarbeitung eines seiner bekanntesten Gedichte, Anthem for Doomed Youth (1917). Seine Kommentare sind im Originaldokument sichtbar. So riet er Owen etwa von dessen ursprünglichem Titel, "Anthem for Bad Youth", ab.

Dieser Überarbeitungsprozess wurde später von Pat Barker im ersten Roman ihrer Regneration-Trilogie, Regeneration (1991; die deutsche Übersetzung von Matthias Fienbork, Niemandsland, ist 1997 erschienen), fiktionalisiert. Barker schildert darin Sassoons Zeit in Craiglockhart, wo dieser offiziell aufgrund einer posttraumatischen Belastungsstörung (Shell Shock, früher auch Kriegszittern oder Schüttelneurose genannt) behandelt wurde. 

Der eigentliche Grund seines Aufenthalts war allerdings eine von ihm verfasste öffentliche Erklärung, in der er bekundete, den Krieg nicht weiter unterstützen zu wollen. Seine Einweisung ins Militärkrankenhaus galt als Manöver, um ihn aus der öffentlichen Wahrnehmung zu entfernen und ihn wieder auf Linie zu bringen. 

I was always a mad comet; but you have fixed me

Die Verehrung und Liebe, die der 24-jährige Owen für Sassoon empfand, offenbart sich unter anderem in einem Brief, den er im November 1917 an diesen schrieb:

Know that since mid-September, when you still regarded me as a tiresome little knocker on your door, I held you as Keats + Christ + Elijah + my Colonel + my father-confessor + Amenophis IV in profile. What’s that mathematically? In effect it is this: that I love you, dispassionately, so much, so very much, dear Fellow, that the blasting little smile you wear on reading this can’t hurt me in the least. If you consider what the above Names have severally done for me, you will know what you are doing. And you have fixed my Life – however short. You did not light me: I was always a mad comet; but you have fixed me. I spun round you a satellite for a month, but I shall swing out soon, a dark star in the orbit where you will blaze.                                                                                                                                               

Owen an Sassoon, November 1917 (Owen: Selected Letters)

Ein Brief, der nahezu prophetisch Owens Tod ein Jahr später vorhersagen sollte. Der Dichter starb am 4. November 1918 an der Front, genau eine Woche vor dem Waffenstillstand von Compiègne, der die Kriegshandlungen beenden sollte.

Sassoon und die Schuld des Überlebens

Es war dann auch Sassoon, der Owen's Werk posthum publizieren sollte und fortan daran litt, überlebt zu haben (survivor's guilt, ein prominentes Thema  in der queeren Literatur, das u. a. in der AIDS/HIV-Literatur wiederkeheren sollte). Einen Einblick in Sassoons Leben, das von Widersprüchen, Leid und Schuld geprägt war, gibt der im letzten Jahr veröffentlichte Film Benediction, des britischen Filmemachers Terrence Davies. 

Davies, der unter anderem auch Edith Whartons House of Mirth (2000; im Deutschen Haus Bellomont) und Lewis Grassic Gibbons  Sunset Song (2015; im Deutschen Lied vom Abendrot) verfilmte, zeigt unter anderem Sassoons erstes Aufeinandertreffen mit Owen als auch seine glücklose spätere Ehe und seine erfolglose Flucht in den Katholizismus. Dabei handelt es sich weniger um ein konventionelles Biopic als vielmehr um eine Art Collage, in der dokumentarische Bilder mit gespielten Szenen und Off-Passagen  zu einem tieftraurigen Film verwoben werden.  

Liam Hoare, ein weiterer War Poet, erzählte viele Jahre nach Sassoons Tod (1967), dass dieser nach Ende des Krieges schrieb, Wilfred Owen's Tod sei “eine unverheilte Wunde, deren Schmerz mich seitdem nicht mehr loslässt. Ich wollte ihn zurück - nicht seine Gedichte." [eigene Übersetzung] 

Die Unsichtbarmachung von Owens Sexualität

Wie bei vielen queeren historischen Figuren, wurde auch Owens Sexualität nach seinem Tod von dessen Familie vertuscht. So verbrannte seine Mutter viele seiner Briefe an Sassoon. Auch sein Bruder Harold, der nach dem Tod der Mutter über Owens Nachlass verfügte, zensierte oder entfernte Briefe und Tagebuchstellen, in denen sein Bruder über seine Gefühle und Sexualität schrieb. Einige von Owens Biografen taten es dem Bruder gleich und ließen diesen so zentralen Aspekt von Owens Leben und Schaffen bewusst aus.

Erst 75 Jahre nach Wilfred Owens Tod erschien mit Dominic Hibberds Wilfred Owen: A New Biography die erste Biografie, in der explizit auf Owens Sexualität und Liebesleben eingegangen wurde. Darin führte Hibberd zahlreiche Quellen und Beweise dafür an, dass sich Owens Sexualität keineswegs auf schmachtende Blicke und Briefe beschränkte, sondern offen ausgelebt wurde. 

Dies bestätigten auch der anfangs bereits genannte War Poet Robert Graves sowie der Schriftsteller und Kritiker Sacheverell Sitwell, ein Bruder der Dichterin Edith Sitwell. Zudem bewegte sich Owen während seines Heimatdiensts in einem Kreis aus homosexuellen Literaten, darunter Osbert Sitwell, Robbie Ross und C. K. Scott Moncrieff, der unter anderem als Dichter und Übersetzer Prousts (wo wir wieder beim queeren Kanon wären) bekannt wurde. 

Spuren gleichgeschlechtlichen Begehrens im Werk

Auch in Owens Lyrik lassen sich homophile und homoerotische Bilder und Elemente finden. Etwa in einem seiner weniger bekannten Gedichte, Shadwell Stair. Dessen erste Strophe beginnt wie folgt:

I am the ghost of Shadwell Stair

Shadwell Stair war jedoch keineswegs ein bourgeoiser Friedhof, an dem die Geister der Verstorbenen verweilten. Im Gegenteil, es handelte sich hierbei um einen beliebten Londoner Cruising-Ort für schwule Männer zu Beginn des 20. Jahrhunderts, wie Matt Houlbrook in Queer London (2005) erläutert. Es scheint Owen also mehr ums Fleischliche als das Spirituelle zu gehen. In der letzten Strophe ist dann von "another ghost" die Rede, mit dem sich das lyrische Ich bettet:

I walk till the stars of London wane       And dawn creeps up the Shadwell Stair.       But when the crowing syrens blare I with another ghost am lain.

Es liegt nahe, zu vermuten, dass es sich bei diesen Geistern um schwule Männer auf der Suche nach Sex handelt. Angeblich soll ghost auch als Synonym für schwule Männer fungiert haben. Hierfür ließen sich aber nicht genügend Quellen finden. 

Owen als Bezugspunkt queerer Künstler*innen

Darüber hinaus inspirierte Owen mit seinem Werk auch andere queere Künstler*innen. Unter ihnen beispielsweise der Komponist Benjamin Britten, der für sein Opus War Requiem (1962) neun Gedichte Owens mit der traditionellen lateinischen Totenmesse verband. 

Derek Jarman nutzte für sein Filmgedicht War Requiem (1989) Brittens Kompositionen als Tonspur und Owens Gedicht Strange Meeting (gelesen von Laurence Olivier) als strukturelles Element. Zu den Klängen Brittens mischte er dokumentarische Aufnahmen aus dem Kriegsmuseum mit Spielszenen, die unter anderem auf Owens Homosexualität verweisen. 

Jarman verstand seinen Film auch als ein Requiem für die an AIDS Gestorbenen und eine Kritik an der Gleichgültigkeit der Thatcher-Regierung. Er selbst nannte seinen Film scherzhaft "The Three Queers' Requiem" in Anspielung auf sich als Regisseur, Benjamin Britten und Wilfred Owen.

Owens Kriegsgedichte in deutscher Übersetzung

Im Jahr 2014 veröffentlichte das Verlagshaus Berlin in seiner Edition ReVers zum ersten Mal die gesammelten Kriegsgedichte Owens in deutscher Übersetzung. Die Erbärmlichkeit des Krieges besteht aus 38 Gedichten und fünf Briefen Owens, allesamt großartig, präzise und poetisch übersetzt von Johannes CS Frank, der auch ein sehr informatives Nachwort beigesteuert hat und mit faszinierenden Illustrationen von Andrea Schmidt, die Owens Verse in so expressive wie filigrane Bilder überführen. 

Das Verlagshaus spendet derzeit alle Einnahmen aus dem Verkauf de Gedichtbands an Projekte für aus der Ukraine geflüchtete Autor*innen. (T)

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