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Elon ist nicht schlimmer als mein Boss

Viel Häme regnet gerade über Elon Musk, viel Mitleid ist übrig für die gefeuerten People in Big Tech. Die Kalauer fliegen, es wird über Twitters Zukunft und ihre Auswirkungen gefachsimpelt. Doch es gibt auch ein paar persönliche Themen, auf die die aktuellen Geschehnisse hinweisen. Ein kurzer Moment der Besinnung für dich und mich.

Musk nervt und ist irre. Keiner kann ihn leiden. Ok, haben wir geklärt. Weiten wir also unseren Blick.

Sehen wir Musk als eine überzeichnete Karikatur des Status Quo. Die aktuellen Geschehnisse bei Twitter bilden sehr überspitzt ab, was in der Wirtschaft täglich Phase ist. Es geht um Moneten, nicht um dich. Ganz oben sitzt ein Bro, der im besten Fall nett ist oder sogar sowas wie Ideale hat, aber dem der Arsch 90% der Zeit turbo auf Grundeis geht. Je höher der Druck, desto übler und überstürzter seine Moves. Gut möglich, dass du es mit einem Psychopathen zu tun hast (siehe Screenshot unten). Du kannst jederzeit ersetzt werden. Was heute noch wichtig war, kann morgen schon für die Tonne sein.

Wer noch nie traumatisierende Layoffs oder manipulative Moves von Psychopathen-Bosses mit angesehen hat: Congratulations, you're one in a million! Die Relevanz der Marke Twitter und der Marke Musk macht die Realität nur besonders sichtbar. Musk ist beschissen. Aber nicht viel beschissener als die meisten anderen.

Die Leute bei Twitter tun mir nur so klein bissl leid

Ich gehe noch einen Schritt weiter und sage: Die Leute, die bei Twitter rausgeschmissen wurden, tun mir nur so klein bissl leid. Das ist jetzt die mega Unpopular Opinion. Aber HÖR MICH AN (Geklaut von Blaupause, find's bissl lel tbh). 

Hand aufs Herz. Wenn ich heutzutage für Unternehmen wie Amazon, YouTube, Meta, Spotify oder Twitter arbeite, habe ich mindestens eins dieser 4 Motive:

1. Ich will mir ordentlich die Taschen vollschlagen. 2. Ich will die geile Brand im Lebenslauf. 3. Ich will im digitalen Life in der ersten Reihe mitgestalten. 4. Ich kenne die Gefahr und will von innen aufräumen. Die letzte Gruppe betrifft zum Beispiel Leute, die intern zu Gefahren ihrer Plattform forschen, warnen und sich für den Schutz von Menschenrechten einsetzen. Die tun mir leid, die behandle ich jetzt mal nicht. Diese Leute hat Musk übrigens quasi vollständig rausgehauen. Für den Rest gilt, was ich oben gesagt habe.

Wer in unethischen Unternehmen arbeitet, darf nicht erwarten, ethisch behandelt zu werden.

Bruder, komm. Hast du 2022 gedacht, du machst bei Twitter die Welt zu einem besseren Ort? I doubt it. Du hattest eins der oben genannten Motive and you know it. Ich weiß nicht, wie andere das handhaben, aber ich passe meine Erwartung in Sachen Menschlichkeit immer ganz gern an den jeweiligen Arbeitgeber an. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Leute für TikTok oder so arbeiten. Ich habe auch selbst nichts dagegen, als Freelancerin was für manche große Brands wie, keine Ahnung, Coca-Cola, zu machen. Kommt aufs Projekt an. Da zieht jede:r seine eigene Grenze. Mir ist dann aber halt auch klar, dass ich das für Motiv 1 und 2 mache. Und dass ich menschlich wenig erwarte. Weil ich für sie eine Ware bin und sie für mich Geld und Referenz.

Wenn du für die Aufmerksamkeitsökonomie arbeitest, warum sollte dann für dich die Ausnahme gelten? Vielleicht waren die Zeiten bei Twitter deine 15 Minutes of Fame.

Wenn Trends und der Kampf um die Marktführung die Marke bestimmen, für die du arbeitest, musst du eine Meisterin darin sein, mit Vergänglichkeit zu dealen. Die Leute, die bei Twitter oder Meta (dort werden gerade 11.000 Leute rausgeballert) arbeiten, halten eine der fettesten Referenzen der Branche in den Händen. Sie werden auf dem freien Markt mit Kusshand genommen, vermutlich wird sogar ordentlich um sie gefeilscht. They will be fine. Ich wünsche ihnen alles Gute. Die Offenbarungen bei LinkedIn und Twitter über die Umstände ihrer Kündigung erschüttern, machen betroffen. Sie geben ihnen aber auch Reichweite und schärfen ihre Personal Brand. Sie spielen das gute alte LinkedIn-Spiel. Wer würde das nicht? Schlussendlich werden sie davon profitieren. Jeder mitleidige Kommentar, jeder Like für ihre Posts sorgt dafür, dass ihr nächstes Angebot lukrativer wird. Gut für sie! Sei dir dessen aber stets bewusst. Übrigens: Auch ich nehme ab Januar wieder neue Aufträge an, lel. Vielleicht passt's ja.

Das war die 22. Ausgabe des vollkommen subjektiven Newsletters über Medien, digitales Gedöns und extrem viel Privatleben. Ich bin nicht immer so düster drauf, wie in diesen Outtakes aus dem letzten Musikvideo meiner Band Karamell zu erkennen. Grüse aus Lissabon, ich probiere gerade dieses ~ Workation ~!

https://www.youtube.com/watch?v=ixMS7s0SagI