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Move Fast And Break Shit!  – Die zwei Probleme von "Ende Gelände"

Moin Ihr Lieben, & Grüße aus Hamburg.

Ich bin hier bei Ende Gelände, all überall um mich herum sind wundervolle junge Menschen, und to be honest: I feel old. “Aber warum Ende Gelände”, fragt Ihr Euch vielleicht, “hast Du nicht vor 2 Wochen geschrieben, wie down Du bist, wie wenig Du gaubst, dass das alles noch bringen kann?” Ok, gute Frage. Aber weil ich mich heute so alt fühle, mach ich mal auf alten Mann, und antworte nicht direkt auf die Frage (don't worry, I'll get there), sondern fange an mit “wisst Ihr, Kids, als ich noch klein war...”. So settle in for some leftist movement history. I'm in a talking mood ;)

Warum also Ende Gelände dieses Jahr? Weil ich glaube, das hier was geht, das hier was spannendes passieren kann, das die Klimabewegung insgesamt voranbringt. Was könnte das sein? Patience, young paduan. Chill out, & enjoy the story:

Während der Sturm-und-Drangphase der globalisierungskritischen Bewegung – einer Bewegung, for sure, die den meisten jungen Klimaaktivist*innen nur noch als Geschichte nicht im Sinne von Story, sondern von History bekannt ist, eine Geschichte, die vor allem durch eventgewordene Städtenamen getragen wird: Seattle; Prag; Genua; Heiligendamm – die natürlich auch die Sturm-und-Drang-Phase der globalen neoliberalen Offensive war, schrieb ein kluger Freund und Genosse einmal: “our resistance must be as transnational as capital”, unser Widerstand muss so transnational sein, wie das Kapital.

Der Antikapitalismus muss die Fähigkeit entwickeln, es seinem Gegner nachzutun

Der Gedanke dahinter sollte klar sein, vielleicht erinnern sich manche von Euch ja auch noch an die “Globalisierungsdebatte” der 1990er: immer, wenn irgendeine Progressive irgendwas politisch “Gutes” im Rahmen nationaler Wohlfahrtsstaaten verlangte – mehr Soziales, mehr Bildung, mehr Umwelt, you get the idea – war die Antwort irgendeiner neoliberalen Pappnase immer die selbe: nette Idee, aber sobald wir, um das zu finanzieren, die Steuern auf Unternehmen und Wohlhabende erhöhen, würde doch das scheue Reh des Kapitals in einen anderen Nationalstaat fliehen, ergo keine Steuern, ergo keine höheren Sozialleistungen. Aber nicht nur das, nicht nur durfte man keine Steuern erhöhen oder andere das Kapital nervende Einschränkungen beschließen (“Umweltstandards”, etc.), man musste all diese sogar aktiv absenken, um (klappt das mit dem Bild noch?) die scheuen Rehe an die Wasserstelle der eigenen Volkswirtschaft zu locken.

In short: Kapital war dem “Antikapital” immer uneinholbar voraus, weil es das Spielfeld wechseln konnte: von den USA nach China, von Deutschland nach Tschechien, von China nach Bangladesch. Um dieses Kapital zu bekämpfen, um seine zunehmend absolute Macht einzudämmen, perspektivisch sogar irgendwann zu besiegen, musste der Antikapitalismus die Fähigkeit entwickeln, es seinem Gegner nachzutun. If our enemy can jump scales and climb walls, sollten wir schleunigst auch diese Fähigkeit entwickeln – sonst würde das mit der Revolution, oder (abgeschwächt) auch nur der Transformation nix werden.

Der Gedanke, dass Antikapital(ismus) in gewisser Weise die Strukturen oder zumindest Möglichkeiten und gewisse Handlungsformen “der Gegenseite” übernehmen muss, ist nicht neu: Marx und Engels bewunderten und beneideten das Kapital um seine Fähigkeit zur Transnationalisierung, zur Überwindung feudaler Reaktion, seine inhärente Tendenz, alles Heilige zu zerstören, alles Ständische zu verdampfen. Als überzeugter (wenngleich möglicherweise nicht allzu realistischer) Internationalist stellte sich Marx (vgl. Die 1. & 2. Internationale) eine transnationale Bewegung von Industriearbeitern vor, die das Kapital überall, also wirklich überall lahmlegen, und so die Revolution herbeiführen könnte.

Die Kontrolle des gesellschaftlichen Alltagsverstands

Der italienische Marxist Antonio Gramsci, bekannt aus Film, Funk & Fernsehen für den in der breiten Rezeption seines *völlig lächerlich brillianten* Werkes popularisierten “Hegemonie”-Begriff, war der nächste, der diesen Gedanken aufnahm. Während Lenin, der vor Gramsci führende Revolutionstheoretiker (weil -Praktiker), den globalen Kapitalismus am “schwächsten Glied” seiner Kette angreifen wollte, um von dort aus diese Kette zu zerbrechen – sprich: nicht die Struktur des Kapitals kopieren oder zumindest nachahmen, und es am höchsten Punkt seiner Entwicklung attackieren, um von dort die fundamentalsten Feedbackeffekte in die Struktur der globalen apokalyptischen Zerstörungsmaschine “Kapitalismus” zu generieren, sondern, im Gegenteil, sich mit allen vereinten revolutionären Kräften auf die eine Schwachstelle zu konzentrieren, auf das kapitalistische Hinterland, sozusagen die nur mit einer dünnen Kette verschlossene Kellertür aufhebeln, um von dort aus die Fabrik zu zerstören – sah Gramsci das genau anders herum.

Ohne jetzt in die (sehr spannenden!) Details der sozialen Kämpfe in Italien während des auf den 1. Weltkrieg folgenden “biennio rosso” 1919-20 einzugehen, lässt sich Gramscis Grundfrage im Grunde so zusammenfassen: “warum haben wir sehr gut organisierten italienischen Kommunist*innen eigentlich gegen die Reaktion (später den Faschismus) verloren, obwohl wir eigentlich alles richtig gemacht hatten: wir hatten bewaffnete Arbeitertrupps, die großen Fabrikzentren Norditaliens waren unter unserer Kontrolle... what happened?” Jedes seiner Theoreme ist ein Versuch, diese Frage zu beantworten.

Gramsci verstand, dass “der Kapitalismus” nicht nur die Fabriken, oder gegebenenfalls die politischen Strukturen hochentwickelter kapitalistischer Staaten kontrollierte. Mindestens genau so wichtig war seine Kontrolle des gesellschaftlichen Alltagsverstands (senso commune), woraus die Fixierung des PCI (der Kommunistischen Partei Italiens) auf die Frage der “kulturellen Hegemonie” rührte: wenn der Kapitalismus die Revolution vertagen kann, weil er zu tief in den Köpfen der Leute sitzt, dann muss der Antikapitalismus, genauer, der Kommunismus, die Köpfe der Leute eben zurückerobern.

In dieser großen strategischen Debatte des Antikapitalismus sah ich mich immer auf Seite derjenigen – Marx, Gramsci, die italienischen Operaisti – die vom Kapital in einem gewissen Sinne auch lernen wollten, denn der Kapitalimus ist nun einmal das effektivste, dynamischste und universellste soziale System, das es je gegeben hat - & Effektivität, Dynamik und Universalismus sind durchaus gute Sachen, vor allem, wenn man schnell die ganze Welt retten muss. Ich fand die andere Position (Lenin, Mao, Guevara) des schwächsten Glieds, der bäuerlichen Revolution oder des foco guerrillero immer eher uninteressant: das erinnerte mich so an Landkommunenleben.

Seit spätestens 2021 ist Fridays im Grunde weitgehend handlungsunfähig.

“Opa, kommst Du langsam mal zu Ende Gelände? Ich fang an, mich zu langweilen!”

Is ja gut, fine. Also, Ende Gelände: warum bin ich dieses Jahr hier, nach meinem depressiven coming out, & warum habe ich mit all dieser Revolutionsgeschichte angefangen?

  • Zur 1. Frage: ich bin hier, weil ich mal wieder Kraft und Energie brauche. Ich muss jetzt nicht nochmal auf das Psychodrama von vor 2 Wochen eingehen, suffice it to say, dass die letzten 2,5 Jahre echt tough waren, und ich dringend positive Energie, Gemeinschaft, kollektive Selbstermächtigung brauche – genau das, was Bewegung geben kann, wenn sie funktioniert, und obwohl ich nicht mehr bei Ende Gelände organisiert bin, und manche Genoss*innen dort in den letzten Jahren auch immer wieder von mir genervt waren (in den meisten Fällen berechtigterweise – sorry, liebe Genoss*innen, für die Fehler, die ich in meinem Rückzug aus der 1. Reihe gemacht habe), so ist und bleibt Ende Gelände habituell und politisch das nächste, was es für mich in der Klimabewegung an Heimat gibt. These are my people, I am of them. Nachdem man sich von nem abusive asshole 2 Jahre hat lang fertigmachen lassen, braucht man Community. And Ende Gelände is my community.
  • 2. Warum die Ganze Theoriegeschichte? Weil ich nicht nur hier bin, um mich gut zu fühlen – das könnte ich evtl auch zu hause, oder in meiner anderen Community, der schwulen Fick-Community organisieren – ich bin auch hier, weil ich glaube, dass es dieses Jahr bei Ende Gelände um richtig viel geht: nach 2 Jahren Demobilisierung durch Corona, nach 3 großen Niederlagen – die 1. 2018 in der Kohlekommission; die 2. im Herbst 2019, als nach der größten Mobilisierung der BRD-Geschichte durch Fridays For Future die Bundesregierung sagte “is uns doch egal, wir machen trotzdem keinen Klimaschutz”; die 3. bei der Bundestagswahl 2021, als die Backupstrategie von Fridays (“hoffentlich wählen alle, die uns supported haben, die Grünen, die machen dann Klimaschutz”) auch scheiterte, die Grünen landeten bei nicht einmal 15% - nach 3 großen Niederlagen, der extremen Demobilisierung durch Corona, und letztens der politischen Verschiebungen im Rahmen der sicherheitspolitischen Zeitenwende sind wir als Bewegung enorm geschwächt – ganz ehrlich stehen wir am Rande zur Handlungsunfähigkeit.

Fridays For Future? Warten wir mal den 23.9.22, den nächsten großen Klimastreik ab, aber unter gegebenen Bedindungen, ohne vorher taktische und strategische Erneuerungen zu kommunizieren, sehe ich nicht, wieso wieder hundertausende auf Demos gehen sollten, von denen sie wissen, dass sie nichts bringen, im Sinne von: keine Policyerfolge erzielen. Seit spätestens 2021 ist Fridays im Grunde weitgehend handlungsunfähig.

Extinction Rebellion? Existiert in Deutschland eigentlich kaum noch, nach einer Reihe kommunikativer Tollpatschigkeiten, und der wie üblich extrem intoleranten und allzu deutschen Reaktion der deutschen radikalen Linken auf diesen Politimport ist XR DE eigentlich “a dead letter”. Wenngleich zu bemerken ist, dass die zwei einzigen in den vergangenen Wochen und Monaten wirklich effektiven Klimaaktionsgruppen genau aus dem Umfeld, aus dem Zerfallsprozess von XRDE stammen: die Letzte Generation und Scientist Rebellion.

Ende Gelände hat auch Probleme, genauer gesagt, zwei davon

Bleibt von den großen Akteuren noch: Ende Gelände. Ende Gelände hat es einerseits geschafft, funktionierende Strukturen beizubehalten, und ist seit 7 Jahren durchgehend effektiv handlungsfähig, was für eine links- oder ökoradikale ungehorsame Kampagne wirklich kein kleiner Erfolg ist. Aber Ende Gelände hat auch Probleme, genauer gesagt, 2 davon:

  • Erstens ist meiner Meinung nach das klassische Bündnis-Plenum-produziert-Aktionsvorschlag-dann-dauert-es-ein-halbes-Jahr-bis-zur-Aktion-Modell für die zunehmend dynamische Klimaauseinandersetzung einfach nicht mehr adäquat. Es dauert zu lang, it makes EG seem like a big NGO-tanker, wenn doch die Kernkompetenz von Bewegung in Geschwindigkeit liegt.
  • Zweitens ist der politische Grenznutzen einer weiteren symbolischen Blockade eines Kohletagebaus oder eines Gaskraftwerks... nunja, dort, wo der Grenznutzen halt nach einiger Zeit hintendiert: gegen null. Alles schon dagewesen, alles schon eingepreist... alles mittlerweile auch Teil der Inszenierung einer offenen klimapolitischen Debatte, obgleich wir doch alle wissen, dass die wirklich relevanten Politikvorschläge nicht einmal auf dem Tisch liegen (z.B.: Autosektor kriminalisieren, zerschlagen, und die Führungsebenen, auch der IG Metall, geschlossen wegsperren).

Trotzdem hat EG (+ Umfeld) weiterhin die solidesten Strukturen, das größte taktische KnowHow, & eine hohe interne Kohärenz – EG ist, mit anderen Worten, im Gegensatz zu FFF und XR im Grunde noch handlungsfähig. Was mich zurückbringt zum Einstieg, mit dem ganzen “vom Kapital lernen”. Erinnert Ihr Euch noch an das Motto von Facebook, als es noch nicht Meta hieß, und Mark Zuckerberg noch nicht versuchen musste, so zu tun, als sei er kein Android?

Move Fast And Break Shit.

Facebook (hier als Repräsentantin für “Big Tech”) ist natürlich der cutting edge kapitalistischer Entwicklung, und wie oben erzählt, bin ich der Meinung, dass wir von den am höchsten entwickelten unserer Gegner*innen lernen sollten. Also, was bedeutet “move fast & break shit” in diesem Kontext, was bedeutet das für Ende Gelände?

Dass EG eine Aufgabe hat: to move fast, and break shit. Move fast bedeutet hier, die eigenen Strukturen kurz- und mittelfristig so aufzustellen, dass EG-style Aktionen nicht nur jedes halbe Jahr, sondern jeden Monat möglich sind. 1-2 mal pro Jahr Aktionen durchzuführen macht uns zu vorhersag- und damit einpreisbar.

Break shit heißt: friedliche Sabotage durchführen, und so messagen, dass die breitere Bevölkerung zumindest versteht, warum das geschah. Das war schon immer Ende Geländes Funktion: den Raum des Machbaren zu erweitern (genau diese Idee steht übrigens auch hinter Zucks Motto: den Raum des Mach- und Sagbaren zu erweitern). Hier hat EG eine historische Aufgabe: nur dieser Zusammenhang ist in der Lage, friedliche Sabotage als Massenaktion durchzuführen, und dabei trotzdem auf die Teilnehmer*innen zu achten, bei der Aktion, und im möglichen rechtlichen Nachspiel. Und weil die Klimabewegung zunehmend in der Lage sein muss, “to break shit without being killed afterwards”, braucht es jetzt, diese Tage, in Hamburg, gegen die fucking Gasinfrastruktur, friedliche Sabotage-Aktionen. 

Ich hoffe, es wird dazu kommen. I'll keep you posted auf Twitter. So, und jetzt muss ich los, zum 1. Treffen. Ach ja, und wenn Ihr zufällig dieses Wochenende Zeit habt: der Altonaer Stadtpark (das EG Camp) ist immer eine Reise wert :)

Kämpferische Grüße,

Euer Tadzio

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