Liebe*r Leser*in, 

eigentlich wollte ich diesen Newsletter schon letzte Woche rausschicken, aber dann kam ein Feiertag dazwischen. Ein bisschen an Aktualität hat er damit einerseits verloren, andererseits glaube ich, dass die Debatte auch ganz zeitlos ist. 

Vorletzten Samstag war Elon Musk der Gastgeber von Saturday Night Live. Während die meisten Augen auf den Wechselkurs einer Cryptowährung gerichtet waren ließ Musk fallen, dass er Autist sei. So weit, so unspektakulär für mich, aber dennoch ein guter Aufhänger für den Newsletter diese Woche.

Elon Musk bei SNL. Credit: NBC/Youtube

Eines vorab: Ich mag Elon Musk nicht. Und ich mag ihn vor allem kein bisschen lieber, nur weil er sich als Autist erklärt hat. Im Gegenteil, er hat der autistischen Gemeinde einen Bärendienst erwiesen.

Aber fangen wir von vorne an und sezieren, was er gesagt hat, nämlich: “I’m actually making history tonight as the first person with Asperger’s [syndrome] to host SNL, or at least the first to admit it.” Und weiter: “Look, I know I sometimes say or post strange things, but that's just how my brain works. To anyone who's been offended, I just want to say I reinvented electric cars, and I'm sending people to Mars in a rocket ship. Did you think I was also going to be a chill, normal dude?”

Zuerst einmal: “Asperger’s” wird heutzutage nicht mehr diagnostiziert. Früher stand das einmal für eine distinkte Diagnose, die man versuchte von Autismus abzugrenzen, aber heutzutage weiss man, dass Autismus ein Spektrum ist, das sich nicht in Kategorien packen lässt und seit ein paar Jahren hat man auch noch einmal die Geschichte des Namensgebers Hans Asperger aufgearbeitet und dabei festgestellt, dass er mit dem Euthanasieprogramm der Nazis kollaboriert hat. Siehe auch: https://www.nature.com/articles/d41586-018-05112-1.

Als nächstes sei erwähnt, dass Dan Aykroyd ebenfalls Autist ist und bereits 2003 der Host von SNL war.

Viele Autist*innen sind aber nicht sauer, weil Musk veraltete Begrifflichkeiten nutzt oder sich in der Geschichte zu wichtig macht. Sie sind sauer, weil sie nicht möchten, dass er für sie spricht. Wenn er quasi sagt “manchmal sage oder poste ich halt seltsame dinge, aber so funktioniert mein Gehirn halt, dafür schicke ich halt Leute zum Mars” dann entschuldigt er sein Verhalten mit seiner Diagnose. Und mit “Verhalten” meinte ich zum Beispiel die Situation mit den in einer Thailändischen Höhle gestrandeten Jungen, die er mit einem Uboot retten wollte. Wo er allen sich anderen Experten zum Trotz aufgespielt hat als wisse er alles besser. Wo er Leute, die ihn kritisierten, beleidigte. Und das ist nur eine von vielen Beispielen, wie Musk sich in den letzten Jahren unerträglich aufgespielt hat.

Autist*innen sind verschieden und lassen sich nicht über einen Kamm scheren.

Das Problem ist aber: zum einen haben viele Autist*innen genau unter diesem Klischee zu leiden das er nun selbst auf sich anwendet. Zum anderen entschuldigt eine Diagnose kein Verhalten. Elon Musk verhält sich nicht so, weil er Autist ist. Elon Musk verhält sich so, weil er der reichste Mann der Welt ist und damit spielt, wie herzlich egal es ihm sein kann, was andere über ihn denken. Weil er mit dem Narrativ des wahnsinnigen Genies spielt. Und dabei Menschen unter den Bus wirft, die tagein tagaus versuchen, irgendwie in dieser Welt zu funktionieren.

Wegen Leuten wie Elon haben es viele Autist*innen nicht leichter, in der Welt klar zu kommen, sondern schwerer. Denn es wird eben nicht der alltägliche Kampf sichtbar, sich irgendwie an die Mehrheitsgesellschaft anpassen zu müssen, sondern das Privileg eines Mannes, dessen Leben sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er sich auf dem Rücken anderer bereichert hat.

Die wirkliche Welt sieht so viel vielfältiger aus. Und es taugen wahrlich andere Menschen als Fürsprecher*innen für die Akzeptanz von Neurodiversität. Dan Aykroyd zum Beispiel, der ja schon 2003 der Host von SNL war und seine Diagnose niemals vorgeschoben hat, um schlechtes Benehmen zu entschuldigen.

Wer also wirklich etwas über Autismus lernen will, der solle Leuten zuhöhren, die von ihren Erfahrungen berichten. Von ihrem Kampf, mit dieser Gesellschaft klar zu kommen. Nicht die Erzählungen des reichsten Mannes der Welt als Anhaltspunkt nehmen.

Ein ganz wunderbarer Ansatzpunkt ist die Dokumentation “Asperger’s and me” von und mit Chris Packham, der in UK ein bekannter Moderator von Natur-Fernsehsendungen ist und über sein Leben berichtet. Die kann man sich hier angucken. 

Bis dahin wünscht eine erfolgreiche Woche:

Julian