"This could have been an E-Mail"

Im letzten Newsletter ging es darum, wie eine Kultur mit vielen Meetings vor allem jenen nützt, die gut darin sind, in Meetings zu sitzen. Und wie neurodiverse Menschen darunter tendenziell leiden.

Heute will ich in einem kurzen Newsletter ein paar einfache, vielleicht auch banale Hinweise geben, wie man seine Meeting-Kultur konkret neurodiversitätsfreundlicher gestalten kann.

Auch dieses Meeting hätte vermutlich in einer E-Mail erledigt werden können. (Bild via Unsplash.com)

Meetings vermeiden

In den Unternehmen mit denen ich arbeite, versuchen wir uns als allererstes zu fragen: “Könnten wir das auch in einer E-Mail klären?”. Das spart allen Zeit und gibt zudem noch mehr Raum zum reflektieren. Dabei steht das Wort “E-Mail” natürlich einfach für “Textform”. Für “asynchrone Kommunikation”.

Bei Amazon wird jedes Meeting mit einem Dokument vorbereitet. Statt Powerpoint gibt es Text. Den lesen erstmal alle aufmerksam, danach wird über die unklaren Punkte diskutiert. 

Ob das nun so hart durchstrukturiert sein muss wie in diesem Grosskonzern-Monster, oder ob ein kleineres Unternehmen nicht andere Lösungen findet sei dahingestellt, aber es ist zumindest ein Ansatz, wie Meetings effizienter ablaufen können.

Video aus

Wer “Remote-Meeting” sagt, meint meistens “Videocall” und das ist gedanklich ganz schön falsch. Es spricht ja nichts dagegen, dass man einander am Anfang kurz zuwinkt, aber sein Gesicht in die Kamera halten ist eine Form der sozialen Interaktion, die furchtbar viel Kraft kosten kann und vom Inhalt ablenkt. Sich sozial zu präsentieren, nicht abzulenken, auf den Computer starren und präsent bleiben, oder gar aufzupassen, dass man sich nicht versehentlich in der Nase popelt ist furchtbar anstrengend für viele neurodivergente Menschen.

Mich persönlich lenkt die ganze Pflicht, am Rechner zu sitzen, schlicht ab. Ich sehe Nachrichten eintrudeln oder gucke mal zwischendurch kurz was im Internet nach und - zack - bin ich nicht mehr bei der Sache. Ich kann mich am besten auf Gespräche konzentrieren, wenn ich stehe, vielleicht durch meine Wohnung gehe oder durch einen Park. Anderen geht es anders, aber optimalerweise sollte das jeder Person selbst vorbehalten sein und Video sollte optional sein. Immer.

(Protipp: Im Zweifelsfall habe ich auch schon mal behauptet, meine Verbindung sei schlecht und ich mache das Video jetzt aus um Bandbreite zu sparen. Alles was hilft ist gut.)

Slack ist Dauer-Meeting-Kultur

Es wird sicher noch einen ganz eigenen Newsletter darüber geben, wie Slack und andere Chats Segen und Fluch zugleich sind. Segen, weil viel Unternehmenskultur sich in Schriftform abspielen kann. Fluch, weil sie von einem eine Form der Dauer-Aufmerksamkeit verlangen, die sich oft schwer mit Ablenkbarkeit in Einklang bringen lassen. Dessen kann man sich auch bewusst machen und vielleicht gemeinsam darüber reden, wie Slack eigentlich genutzt werden soll. Wie wichtiges von unwichtigem entschieden wird und wie man dafür sorgen kann, dass weniger “echtzeitigkeit” in dieses eigentlich ansynchrone Kommunikationsmedium kommt.

Mein Tipp der Woche an dieser Stelle: Mal Twist ausprobieren: https://twist.com/ - Kombiniert die Vorteile eines Chat, mit der thematischen Sortierung eines Forums. Ich habe das bereits bei Kunden eingeführt und bin großer Fan.

Was sind deine Tipps, um Meetings besser zu gestalten, was eure Tools, um inhaltliche Diskussionen anders ablaufen zu lassen? Schreibt mir, ich bin gespannt.

Bis dahin,

Julian

P.S: Wie immer freu' ich mich über Reichweite. Leite den Newsletter doch an jemanden weiter. Bring deine Chefin dazu, ihn zu abonnieren, erzähl einem Kollegen davon. Dankeschön!