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Radical Kitsch

Die documenta 15 versank in Skandalberichterstattung. Aber was bekam man da wirklich zu sehen? Ein Tag in Kassel.

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Als ich Bekannten unlängst erzählte, dass ich in Kürze nach Kassel fahren werde, um beim documenta-Institut ein Gespräch über „linke Kunst“ und über mein Buch „Das große Beginnergefühl“ zu führen, sagten diese: „Oh, bei der Skandal-documenta…“, und warfen mir einem mitleidigen Blick zu. 

Als vollziehe sich in Kassel gerade ein abscheuliches Geschehen, das durch meine bloße Anwesenheit auf mich abfärben könnte. 

Die Skandalisierer der documenta Fifteen haben ganze Arbeit geleistet, das ist ja gar nicht abzustreiten. Eine voraussetzungsfreie oder vorurteilsfreie Betrachtung der Schau ist für niemanden leicht möglich, da man alles, was man sieht, schon intuitiv zu dem Gerede in Beziehung setzt, in das diese Messe der zeitgenössischen Weltkunst geraten ist. Aber gerade deshalb wollte ich die Schau auch sehen. Weil ein paar Artefakte und der Generalverdacht, mit denen sie umgeben wurden, alles weitere völlig in den Hintergrund rückten und nahezu unsichtbar machten. Man hat Berichte über umstrittene Wimmelbilder gelesen, Interviews dazu, meinungsstarke Polemiken, Gegenstimmen, eine in Kampagnenjournalismus eskalierende Erregung und so weiter – aber praktisch kaum noch Urteile und Abwägungen zu ästhetischen Empfindungen, zu Stilen, zu Formensprachen und Sprachformen oder zum künstlerischen Status der ganzen Sache. Also wollen wir uns einmal annähern daran, was diese documenta ist und wie sie sich dem Besucher präsentiert. 

Festival, Protestcamp, soziale Plastik

Dazu muss man wissen: Die documenta ist natürlich keine Ausstellung, sondern seit jeher eine Messe – eine große Bestandsschau von Gegenwartskunst –, sie nimmt die neuesten Diskurse und ästhetischen Innovationen auf, präsentiert sie aber nicht nur, sondern verbreitet sie, kanonisiert sie, sie ist Bestandsaufnahme und Trägerrakete zugleich. Sie findet nicht nur an einem Ort statt, sondern an vielen Ecken der Stadt, in den hergebrachten Tempeln der Hochkunst, im öffentlichen Raum, in den Parks, in Hallen, in ehemaligen Fabriksgeländen, in alternativen Kulturhäusern. Man muss sich das eher wie ein Festival vorstellen. Die ganze Stadt ist das Festivalgelände. Die Besuchergruppen ziehen herum, in losen Verbänden, als Einzelne, als Freundesgruppen, als Reisegruppen. Im Gesamtbild ergibt das die Anmutung von andächtigen, kunstreligiösen Prozessionen, die sich durch Kassel schieben, und diese gesamte Festivalordnung ist selbst so etwas wie eine künstlerische Installation. Eine Stadt als soziale Plastik. 

Tritt man dann etwa in das zentrale Fridericianum eintritt, steht man gleich vor großen Postern, auf denen Parolen stehen, Formeln: „Friendsmaking“, „Knowledge Sharing“. Memes, fast auch Kalendersprüche, ein wenig auch diese woken Kitschsprücherln mit ihrem globalen Jargon. „Make Friends, Not Art“, heißt es auf einem Print. Es wird hier abgelehnt, Kunst zu zeigen, jedenfalls in dem Sinne von Kunst, die man so üblicherweise hergebracht als geniales Produkt des individuellen Schöpfers – des Künstler-Genies – versteht, die abgekoppelt von Gemeinschaften ist und im Paralleluniversum des Kunstmarktes und seiner Welten zirkuliert. 

Make Friends, Not Art

Es ist schon irgendwie Kunst zu sehen, aber auch nicht. Eigentlich sind primär Aktivisten antikapitalistischen Widerstandes, die Geschichte von Protestbewegungen, die Erscheinungsweisen lokaler Protestkulturen ausgestellt, nur dass diese Geschichten nicht als primär politische Geschichte erzählt werden, sondern entlang von künstlerischen Ausdrucksformen, in deren Verarbeitung zu Kunst. Kunst als kollektive Praxis, gegen die Krisen der Welt. „Hier geht es nicht um das Einzelwerk, nicht um komplexe ästhetische Theorien und Verweise, sondern immer darum, was Kunst als Praxis für eine Gemeinschaft leistet“, schreibt Elke Buhr in der Kunstillustrierten „Monopol“. Kunst ist hier „Gebrauchsobjekt statt Fetisch, Teil einer sprudelnden Kreativität, die genutzt wird, um das Leben unter schwierigen Bedingungen besser zu machen“. 

Vieles schrammt knapp am Agitprop vorbei – oder ist ganz ostentativ und absichtlich Agitprop. Daraus ergibt sich eine Engführung und eine große Weite zugleich. 

Romantik des Dilettantismus

Das Kuratorenkollektiv, die indonesische Künstlergruppe ruangrupa, hat Künstler, Künstlerinnen, Künstlerkollektive, Aktivisten und Aktivistinnen, Widerstandgruppen aus aller Welt eingeladen, die Geschichte ihrer Kämpfe zu dokumentieren. Das ist schon über weite Strecken eine fantastische und lehrreiche Sache. Man begegnet der Geschichte der feministischen, algerischen Frauenbewegungen und deren künstlerischen Produktionen, den Kämpfen der Schwarzen in den USA oder in den Niederlanden, auch die Kunst der Roma ist vertreten, Memes, die an die Truisms von Jenny Holzer erinnern („White Lies Matter“), sehr viel erfährt man über antiautoritäre Kämpfe in Indonesien und die Bildsprachen, in denen sich diese in den vergangenen Jahrzehnten entfalteten. Zensierte und verfolgte Künstler aus Kuba haben ihren Auftritt, subversive und dissidente Interventionen, die ihren Ausgang mit Lesungen aus Hannah Arendts „Ursprünge und Elemente totalitärer Herrschaft“ nahmen. Die britische Gruppe Project Art Works bringt Arbeiten neurodiverser Künstler mit. Der australische Künstler Richard Bell ist mit Arbeiten im Stile eines poppigen Superrealismus vertreten, die Reparationen für die indigene Bevölkerung seines Lands fordern. Auf dem Platz vor dem Fridericianum hat er eine Aboriginal Embassy aufgestellt.

Die Landnahme durch Industrie, Konzerne, Kolonialismus oder einfach technischen Fortschritts wird thematisiert, die Abholzung der Regenwälder, und Installationen mit Bambus, traditionellen, natürlichen Materialen evozieren eine implizite – oder gelegentlich auch durchaus explizite – Forderung nach Leben mit Einklang mit der Natur oder unter Schonung natürlicher Ressourcen, was natürlich ein nicht nur respektables, sondern auch brennend aktuelles Anliegen ist, aber auch eine Schlagseite ins Romantische hat. Im Sinn von: Früher, als alle noch ihre Scholle bearbeiteten und in Lehmhütten hausten war alles besser. Es gibt auch Saatgut zu kaufen, Eat Art, und Gemeinschaftsgärten, und gelegentlich fragt man sich: Ist das Kunst oder kann man das essen? 

Wenn früher die westliche Kunst die „Kunst der Primitiven“ bestaunte und kannibalisierte – was man später als verdammenswürdigen kolonialistischen Geist kritisierte –, so kommt hier jetzt ein Kult des „Ursprünglichen“ aus den nichtwestlichen Kunstwelten zurück, etwa in Vorstellungen von einem spirituellen Gleichgewicht als Alternative zu Industrialisierung, Raubbau, Planetenzerstörung und als Feier des Dilettantismus von DIY – „Do it yourself“ - Art. Nur hat der Kult der Urspünglichkeit auch seine fragwürdigen Seiten, egal ob ihm wohlstandsbekümmerte Westler huldigen oder ob er als Neotraditionalismus aus den Süden kommt, nachdem die Fortschritts- und Emanzipationsversprechungen von Sozialismus, Kommunismus oder auch Nationalismus ihren Glanz verloren haben. 

Eine Weltreise

Ein Tag bei dieser documenta ist jedenfalls eine funkenschlagende Weltreise durch Lebenswelten und Widerstandskulturen. Kunstwerke sind immer auch Dokumente von Geschichte und ihrer Zeit, aber sie sind es hier noch einmal mehr als sie es sonst sind bei Kunstausstellungen. Und das ist schon ein bisschen das Problem: eigentlich haben wir es mit einer politischen Weltschau der Protestkulturen von Unten zu tun und eher weniger mit einer Kunstausstellung. 

Manches, vielleicht sogar vieles davon ist für sich genommen total interessant. Konzentriert auf einem Haufen ist es dann doch ein bisschen viel Radical Kitsch. 

Der Begriff der politischen Kunst wird hier jedenfalls sehr eng gefasst. Nämlich im Sinne des explizit politischen Kunstwerkes, das sich auf die gesellschaftlichen Kämpfe möglichst direkt bezieht oder sogar einfach ein Leitartikel oder Propaganda-Tool ist wie früher in unserer westlichen Kultur die wuchtigen Collagen von John Heartfield. 

Nun bin ich ein großer Freund der politischen Kunst, die direkt oder auch nur auf nicht-intendierte Weise die Falschheiten der Zeit anklagt – oder die Mächtigen und die herrschenden, tonangebenden Klassen mit beißendem Spott verhöhnt. Und auch der Freund einer radikalen Avantgarde, die Konventionen zertrümmert, Ästhetiken revolutioniert. Ich brauche da nicht unbedingt Botschaften, auch die Transformation von Sprache, Strategien der Störung, der Irritation, auch Wortspiele und Klangzauber als Gegenreaktion auf eine Sprache, die von Macht verhunzt, vom Kommerzgeplapper der Medien ruiniert worden ist – all das ist auch „politisch“, aber in einem viel weiteren Sinne. Durch diese documenta geht man wahnsinnig gerne durch, man lernt viel, sie ist so etwas wie ein Protestcamp mit den Mitteln der Kunst. Aber auch wenn das jetzt vielleicht komisch klingt: Mir ist das dann doch zu viel Politik und zu wenig Kunst. 

Agitprop

Die Hitze brennt runter, und es geht weiter zum Hallenbad Ost, wo vorwiegend die großen Widerstandsbanner der Gruppe Taring Padi zu sehen sind – von denen eines der documenta den Vorwurf einbrachte, sie toleriere eine Spielart antiimperialistischen Antisemitismus, der Israel nicht nur wegen der Besatzungspolitik oder rechtem Regierungshandeln kritisiert, sondern dies mit antisemitischen Stereotypisierungen und der Aufblähung des Staates Israel zu einer Art großem Bösen tut. Ob das denn so ist, sei dahin gestellt, in den Wimmelbildern wimmelt es nur so von Bösen und Guten. Böse ist Militär, Kapitalismus, Industrie, der Bergbau, der die Gegend verwüstet, die Diktatur, der US-Imperialismus, die Büttel des Imperialismus (da kommt dann Israel, aber natürlich nicht nur Israel ins Spiel…), das Gute steht dem entgegen, die normalen Leute, die unterdrückten Völker, die sich wehren, die Opfer des Bösen, denen man die Leben stiehlt. Dass das alles sehr grob Schwarz-Weiß ist, wird niemand bestreiten können. Es hat eine Plumpheit, aber auch eine Wucht. Der Status bleibt auch im Ungefähren, weil die Banner ja Dokumente einer Geschichte sind, nämlich von Protesten und Kämpfen und Bewegungen gegen das Suhartu-Regime rund um die Jahrtausendwende. Sie sind aktuelles Statement und zugleich historische Dokumente der Zeit. 

Dass dieses Pathos subalterner Widerstandsgruppen und Künstlerkollektive von postmoderner Ironie und dem Sinn von Ambiguitäten, vom liberalen Einerseits-Andererseits kaum angekränkelt ist, ist weder besonders neu noch überraschend, ob das nur ein Fehler ist, darüber könnte man auch einmal diskutieren, aber abgesehen von all dem lädt man sich ja auch keine Künstlergruppen aus den verschiedensten Protestkulturen ein, um sie hier zu belehren oder Zensuren zu verteilen, sondern, ganz nüchtern formuliert, um sie wahrzunehmen und sich ein Bild zu machen, ja, vielleicht auch, um sie sich „anzueignen“ (was ja übrigens heute auch verpönt ist), denn wozu sonst sollte man sich mit dem Neuen, dem Anderen oder dem Irritierenden denn konfrontieren, wenn nicht, um es irgendwie dann auch zu verformen, mit den Mitteln von Pick and Mix oder sonstwie in die eigenen Sehweisen zu integrieren oder eben auch in die eigene Produktion. 

Umso absurder dann die Forderungen, die documenta frühzeitig abzubrechen, oder auch die skandalisierten Kunstwerke abzuhängen oder aus der Schau zu nehmen (was ja teilweise geschehen ist, teilweise gefordert wird). Wenn man sich die ganze Welt ins Haus lädt, wird es zweifelsohne der Fall sein, dass dann auch Leute kommen, die die Dinge eine Prise oder sogar fundamental anders sehen als man selber.

Nanny schützt dich vor bösen Bildern

Im Garten vor dem Hallenbad Ost hat eine Besuchergruppe Platz genommen und diskutiert, was man hier gesehen hat. Antisemitismus hat man keinen wahrgenommen, sagt einer, und gäbe es ihn doch, so sei er jedenfalls sicher nicht zentral, auch wenn es die antijüdischen Stereotypisierungen und die Darstellung israelischer Militärs als Schweine gegeben hat. 

Das ist kritisierenswert, allemal. Das ist ja der Sinn von Kritik, eine ästhetische Kritik zu üben und, wenn nötig, auch eine Kritik an dem Geist einer künstlerischen Produktion. Die Frage ist nur, ob sie verräumt, verdeckt, unsichtbar gemacht werden, ob sie also zensiert werden muss, als müsse man das Publikum vor den negativen Einflüssen schützen, als wären die Besucher arme Dummköpfe, die ansonsten hilflos dem gegenüberstünden. „Wieso darf ich mir nicht selbst ein Bild machen? Wenn ich es gesehen hätte, dann kann ich mich damit auseinandersetzen, das ist doch auch der Sinn einer Ausstellung“, sagt einer aus der Besuchergruppe. 

Dennoch ist die Kritik aber natürlich in Ordnung und auch durchaus berechtigt. Es gibt schon dieses Schwarz-Weiß und es gibt eine gewisse Palästina-Obsession, die sich durch diese documenta zieht. Zugleich ist es auch absolut angebracht, Politik von Rechtsradikalen zu kritisieren, also auch von israelischen Rechtsradikalen. Diese aggressiven Versuche, jede Kritik an israelischer Politik zu verleumden und mit dem sozialen Tod jener zu ächten, die sie äußern, sind wahrlich nicht besser als plumper Antiimperialismus der Gegenseite. 

Skandal ist diese documenta jedenfalls keine. Die Kuratoren von ruangrupa sprechen von „Lernprozessen“, haben sich für einzelne Objekte entschuldigt, aber in einem Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ auch gesagt: „Was es aber auch so schwer macht, ist, dass die Kritik und die Vorwürfe nie aufhören. Eine befriedigende Antwort scheint es hier nicht zu geben. Selbst wenn man dem anderen schon recht gegeben hat, gibt es keine Ruhe. Wir fühlen uns oft in die Enge getrieben.“ Zum ersten Mal sind die Repräsentanten der nicht-westlichen Kunst „nicht Gäste, die wie Exponate ins System eingepasst werden, sie sind Gastgeber, die die Regeln selbst bestimmen“ (Elke Buhr). Das ist für sich eine Radikalität, die neue Möglichkeitsräume öffnet, etwas in Gang setzt – und sei es die Irritation und die wütende Abwehr, die sich in den vergangenen Monaten zeigte.  

Der eigentliche Skandal

Kritik ist das eine. Vernichtungswille und obsessive Nachstellungen etwas anderes. 

Die Kuratoren haben Fehler gemacht, die Geschäftsführung und die Kommunikation war teilweise unterirdisch, aber der Skandal liegt dann doch wo anders. Skandalöser als die documenta Fifteen ist mit Sicherheit, mit welchem Furor und Vernichtungswillen diese documenta attackiert wurde und wie versucht wurde, sie zu verunmöglichen. Georg Diez nannte das „Hetzjagd, Verdachtsjournalismus und Pauschalisierungsfeuilleton“. Natürlich haben die documenta-Leute Fehler gemacht, aber die sind marginal verglichen mit dem, was sich ein Kampagnenjournalismus geleistet hat. Die Feuilletons haben hier mehr aufzuarbeiten als Kuratorenteam und Kulturpolitik. 

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