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Der Kampf um die Stadt

Wien baut ganz neue Stadtviertel und will weiter Vorbild für leistbares Wohnen sein. Klappt so einigermaßen. Und: Können die modernistischen Quartiere Brutplätze für urbanistisches Flair werden? 

Sonnwendviertel, Favoriten

Ich kann mich noch gut erinnern, als Ende der achtziger Jahre die „neue Urbanität“ ausgerufen wurde. Städte als Metropolen, als Schmelztiegel von Lebensformen, als Orte von dichten Begegnungen und als intellektuelle Brutstätten wurden da plötzlich wiederentdeckt, Städte auch als Brennpunkte politischen Aufbegehrens, der Reibungsenergie und so weiter. Man besann sich früherer Zeiten, als es noch hieß „Stadtluft macht frei“, da man in der Stadt – im Unterschied zum Dorf mit seiner Sozialkontrolle, seiner Enge, seinen Konventionen, seinen begrenzten Möglichkeiten und seinem „Idiotismus des Landlebens“ (Karl Marx) – ein Leben nach seiner eigenen Fasson leben konnte. Die Metropole schafft Begegnungen, einen Zusammenprall auch, von Kulturen, von Lebensweisen, von Lifestyles, von künstlerischen Formensprachen und neuen Sprachformen, eine Erweiterung des Horizonts.

Stadtluft macht frei 

Es ist aus heutiger Sicht kaum mehr verständlich zu machen, warum es dafür eine Wiederentdeckung brauchte. Aber die Jahre davor brachten erstens eine Krise von Städten – wirtschaftliche Krisen, soziale Krisen, etwa als berühmteste der Bankrott von New York. Die Wirtschaftswunderjahre mit ihrem wachsenden Wohlstand führten auch zu einer Zersiedelung und dem Ausfransen der Städte ins Umland, zu diesem ganzen Komplex von Eigenheim und Motorisierung. Innenstädte verfielen oder wurden plattgemacht, und wo das nicht geschah, wurde es oft nur in zähen Kämpfen um „Stadterneuerung“ und „Revitalisierung“ verhindert. An den Peripherien wurden Plattenbauten und Trabantensiedlungen hochgezogen. Kritik daran wurde auch im Modus der Kritik an der Stadt selbst geäußert. „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“, hieß ein vielgelesenes, berühmtes Buch von Alexander Mitscherlich. Hippies, Alternativ- und Gegenkultur gediehen zwar in der Stadt, hatten aber doch ein Leben in der Kommune, jenseits von Anonymität, im Grünen, kurzum: das Idyll vor Augen, ein Idyll, das eben das Gegenteil vom Moloch Metropole war. Und in kulturpessimistischen Moll wurde gerne geraunt: „In den Städten der westlichen Welt... springt die Gleichförmigkeit der Menge ins Auge“ (Peter Handke). Es war dieser Hintergrund von Realitäten und Diskursen, von dem sich die Wiederentdeckung der Urbanität absetzte. 

"Dickicht der Städte"

Die Stadt, die hier plötzlich wieder gefeiert wurde, war aber doch eher die alte Stadt, waren die historischen Innenstädte, der Altbau, in unseren Breiten die Gründerzeit-Stadt. Sie wurden revitalisiert und beliebt, sie boten aber auch noch genug Kaputtheit und grindige, dunkle Ecken, in denen sich Künstler, Kreative, Rebellen, Bohèmiens breit machten. Die Clubkultur entstand. Mieten waren zumindest teilweise billig. Am Prenzlauer Berg hatte ich Anfang der Neunziger eine Wohnung um 400 Mark, also 200 Euro. Okay, sie hatte Kohleöfen und kein echtes Bad, aber wen kümmerte es? Städtisches Leben – „Urbanität“ – brauchte eben genau dieses Chaos, diese Nischen, in denen sich etwas einnisten konnte, das „Dickicht der Städte“, wie der Name eines Brecht-Stückes heißt.

Heute sind wir wiederum in einer ganz anderen Epoche. Die Städte wachsen, werden zur Beute von Investoren. Die städtischen Atmosphären, ein Kollektivgut, das von den Bewohnerinnen und Bewohnern gemeinsam produziert wird, wird von Konzernen kapitalisiert, Wohnen teils unbezahlbar. Die globale Superklasse investiert in Betongold und jettet von City zu City. „Die Idee des Rechts auf Stadt“, erlebe vor diesem Hintergrund ein Revival, formuliert der amerikanische Theoretiker David Harvey in seinem Buch „Rebellische Städte“. Der Begriff „Gentrifizierung“ wurde zum geflügelten Wort. Oft gibt es auch eine Art „Fluch des Erfolges“: einstmals verkommene Gegenden werden von der Gegenkultur belebt, nur damit sie dann von den wirtschaftlichen Eliten und der Kommerzkultur übernommen werden – was dann wiederum die Gegenkultur vertreibt.

Wien - ein Vorbild für die Welt 

Vergangene Woche habe ich für die Österreich-Ausgabe der deutschen „Zeit“ eine Doppelseite über Wien geschrieben mit dem Titel „Die Neue Gründerzeit“. Sie können Sie hier nachlesen. Wien ist in mehrerlei Hinsicht interessant. Wien hat die große Geschichte der Gründerzeit ab etwa 1860, in der die historische Stadt entstand, wie wir sie heute kennen, und derentwegen Millionen Touristen jährlich an die Donau kommen. Zudem hat Wien aber auch die Geschichte des Roten Wien, die Geschichte eines ambitionierten sozialistischen revolutionären Reformprojekts, das zwar nur von 1919 bis 1934 währte, aber viele Spuren hinterlassen hat, in der Architektur der Stadt mit seinen Gemeindebauten, die oft architektonisch phantastische Sozialbauten waren, die Modernismus und den Geist von „Schönheit für alle“ verbanden. Insofern sind diese Gemeindebauten nicht nur Häuser aus Stein, Beton und Putz, sondern immer auch materialisierte Idee von Emanzipation, Befreiung und Fortschrittsgeist, eine Idee, die bis heute präsent ist. Man hat die Bauten teilweise als „Ringstraße des Proletariats“ gebaut und bezeichnet, sie waren Signalarchitektur eines Welt- und Menschenbildes.

Wohnen ist in Wien noch vergleichsweise günstig und der soziale Wohnbau wurde nie aufgegeben. Von den rund 900.000 Wohnungen in Wien sind 200.000 Gemeindebau, also in unmittelbarem Eigentum der Stadt, und rund 200.000 weitere sind von gemeinnützigen Genossenschaften errichtet, also auch sozialer Wohnbau. Fast die Hälfte des Wohnungsmarktes ist also dem reinen, kapitalistischen Immobilienmarkt entzogen und im kollektiven Besitz. Und der „freie Markt“ ist auch geregelt, etwa gibt es im Altbau Mietobergrenzen. 

Aber das alleine kann natürlich die Mieten nicht niedrig halten und Wohnungsknappheit nicht bekämpfen. Es ist schon wichtig, dass zusätzlich gebaut wird. Denn Wien wächst rasant. Bald wird die Stadt wieder über zwei Millionen Einwohner zählen. In den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten sind etwa 300.000 Menschen dazu gekommen, daraus ergibt sich ein Bedarf an rund 200.000 neuen Wohnungen, eher mehr, denn es gibt ja nicht nur mehr Einwohner, auch die Gewohnheiten und Lebensweisen ändern sich, man denke nur an den heute viel höheren Anteil von Singlehaushalten. Was heißt: Selbst die gleiche Anzahl von Menschen braucht mehr Wohnungen. Kurzum: Wien baut heute rasant ganz neue Stadtteile für 300.000 Menschen. 20.000 kommen außerdem jährlich hinzu. Das ist alles immens. Man führe sich nur vor Augen: Die größte Stadt Österreichs ist in den vergangenen Jahren um die Größe der zweitgrößten Stadt Österreichs – Graz nämlich – gewachsen. Das verändert den Charakter der Stadt, ihr Aussehen. Zu den zwei großen architektonischen und städteplanerischen Epochen – der Gründerzeitepoche und der Gemeindebauepoche – kommt eine neue Epoche hinzu, die vor allem in der modernistischen Formensprache, dem „international Style“ errichtet wird. Manches schöner, manches weniger schön, klar.

Nordbahnviertel, Leopoldstadt

Rund 200.000 neue Wohnungen im Jahrzehnt

Es entstehen ganze Viertel neu, die 20.000 oder sogar 40.000 Menschen Wohnraum bieten werden – die größten sind das Sonnwendviertel, die Seestadt Aspern, und die nebeneinander liegenden Quartiere „Nordbahnviertel“ und „Nordwestbahnviertel“ –, hinzu kommen Stadtteile, die etwas kleiner sind. 

Die Aufgabe dabei ist, die Fehler der Trabantenstädte nicht wieder zu machen. Diese wurden in den Nachkriegsjahren schnell errichtet, als es quälende Wohnungsnot gab. Da musste es einfach schnell gehen, Wohnraum zu schaffen. Die sind nicht alle hässlich. Manche sind einfache, funktionalistische Plattenbauten, durchaus mit viel grün zwischen den Blöcken, auch mit Aufenthaltsqualität. Aber es ist oft kein städtisches Leben drinnen oder rundherum gewesen. Meist zogen junge Familien ein, vorwiegend Familien in eher unterprivilegierten sozialen Verhältnissen. Es zogen auch alle gleichzeitig ein, und fast alle hatten kleine Kinder. 15 Jahre später waren diese Kinder in der Pubertät oder Teenager, hingen herum. Es gab viel Kriminalität. Wieder zehn Jahre später waren diese Kinder dann 25 – und es gab dann viel weniger Kriminalität. Irgendwann waren die Kinder ausgezogen, und es wohnten nur mehr Rentner im Block, was dem ganzen auch eine eher deprimierte Atmosphäre gab. 

Man hat aus dieser Geschichte gelernt. Die neuen Viertel haben meist eine Vielfalt an Formensprachen, die Häuser sehen nicht alle gleich aus. Im stadtplanerischen Prozess gibt es Wettbewerbe und den verschiedenen Bauträgern werden Vorgaben gemacht. Vorgaben und Wettbewerb steigern die architektonische Qualität. Es gibt auch einen klaren Wunsch künftiger Bewohner nach einer gewissen Gemeinschaftlichkeit im Viertel und den Anspruch, selbst die Nachbarschaft prägen zu können. Viele Bauten haben daher Gemeinschaftsräume. Gemeinschaftsküchen zum gemeinsam feiern, Gemeinschaftsterrassen am Dach, Pools am Dach, Schwimmbäder im Keller, Klettergärten für die Kids, Theaterräume, Galerien, Musikräume – endlos. Es kann dir in den besten Genossenschaftsbauten tatsächlich passieren, dass du für eine einmalige Genossenschaftseinlage von 20.000 Euro und eine Miete von 500 Euro lebst wie ein Oligarch. Mit einer Top-Wohnung, einem Balkon, Blick ins Grüne, Roof-Top für Parties und Schwimmbad am Dach.

 Sonnwendviertel, Favoriten

Stadt braucht Wildwuchs

Dennoch ist das alles nicht einfach. Viele Menschen empfinden die Neubauviertel als aseptisch und lebensfeindlich. Manche Bauten sind Architekturjuwele. Manche sind auch Allerweltsbauten. Es gibt Baugruppen, meist geförderte Kollektive, die ihre Häuser gemeinsam errichten und dabei auch avancierte ästhetische Ansprüche umsetzen. Das allermeiste ist in den klaren, geometrischen Formen der modernistischen Baukunst umgesetzt. Einzelne Bauten haben abgerundete Balkone, die sich um das Hauseck ziehen, und erinnern ein wenig an die Bauhaus-Architektur, wie sie etwa in Tel Aviv stilprägend geworden ist. Aber es ist nicht einfach, heißt auch: Wenn etwas auf der grünen Wiese gebaut wird, dann fehlt irgendwie lange das städtische Flair. Die Bauten sind auch neu, was auch heißt: Hier gibt es keine kaputten Ecken, keine ranzigen Erdgeschoßzeilen, die seit zwanzig Jahren leer stehen, und in die dann irgendwelche Kunstprojekte einziehen und mal schnell etwas versuchen, was dann klappt – oder auch nicht. Generell nehmen die ungenützten Löcher in den Städten ab, die Freiraum bieten. Natürlich wissen Bauträger und Stadtplaner heute, dass es diese städtischen Chaosorte braucht, deswegen planen sie sie ein, sie planen das kleine, billige Café ein, sie planen den Proberaum, die Nischen für die Avantgarde ein. Aber es ist eben geplant und kein Wildwuchs, kein Dickicht. Auch das beeinflusst den Charakter, lässt sich aber nicht leicht ändern. 

Die großen Viertel werden von den städtischen Planungsbehörden aufgesetzt, es werden Entwicklungsgesellschaften gegründet, die die Bauflächen dann an die Bauträger vergeben. Es ist praktisch immer eine Mischung aus (wenigen) Gemeindebauten im Besitz der Stadt, also klassischen Sozialbauten, aus Genossenschaften, aus kollektiven Bauträgern (oft aus der Alternativkultur), plus frei finanzierten Neubauwohnungen, die Immobilienkonzerne errichten. Mal ist nur ein Drittel im weitesten Sinne „sozialer Wohnbau“, mal sind es zwei Drittel. Anders als im klassischen sozialen Wohnbau, der vor allem Wohn- und Schlafstädte errichtete und so viele Wohnungen wie möglich unterbringen wollte, werden heute oft die Erdgeschoßzeilen nicht mehr mit Wohnungen verplant, der Platz ist für die Gemeinschaftseinrichtungen und für Kneipen, Läden, Gewerbe reserviert. Interessant dabei ist: Die Bauträger, die auf Wohnungsbau spezialisiert sind, haben überhaupt keine Erfahrung damit, wie man Erdgeschoßzeilen kommerziell vermietet, und schon gar nicht, wie man das tut, damit sich eine urbane Mischung aus Kiosken, Bäckereien, Restaurants, Buchläden etc. ergibt. Man ist jetzt dazu übergegangen, dass nicht die Bauträger selbst diese Zeilen vermieten, sondern dass das eigene Firmen tun, die von den Entwicklungsgesellschaften der ganzen Stadtviertel gegründet werden. Sie suchen die Bäcker, Galeristen, Bio-Laden-Betreiber und vermieten das dann. Stadt ist eben auch ein „atmosphärisches Etwas“, das schwer zu planen ist und durch den Eigensinn der Vielen entstehen muss.

Baugruppe, Nordbahnviertel

Die Kleinteiligkeit führt beinahe zu dörflichen Strukturen. Komischerweise ist es so, dass man sich eher kennen lernt, wenn man dauernd beim kleinen Krämer einkauft, als wenn man in den Supermarkt geht. Im Supermarkt lernt sich niemand kennen, beim Krämer schon. Und in den Cafés natürlich auch. 

Aber natürlich geht es auch um die Economics-of-Scale. Letztlich ist es ökonomischer, einigermaßen standardisiert zu bauen und Genossenschaftsblöcke für 500 Leute zu bauen statt Quartierhäuser für 20 Familien. Was aber wieder zu Problemen führt: Den Bewohnern werden Häuser versprochen mit Gemeinschaftsgeist, und klar gibt es den auch, etwa die Grillnachmittage für den ganzen Block, wo man dann mit den Nachbarn ins Gespräch kommt. Aber Gemeinschaftseinrichtungen für 500 Leute funktionieren oft dennoch schlecht. Es gibt Streit. Es gibt auch Vandalismus. Es wird etwas geklaut. Es darf dann doch nicht jeder seinen Olivenbaum dorthin stellen, wo er gerne mag, weil es tausend Regeln gibt. Es gibt Parzellen für Urban Gardening, und es ist sicher herrlich, da die Leute aus dem Viertel kennen zu lernen. Aber es gibt nicht genug Parzellen für alle. Es gibt Hausverwaltungen, die angesichts widerstreitender Wünsche der Bewohner dazu übergehen, zu jedem Anliegen erst einmal Nein zu sagen. Wenn sie überhaupt erreichbar sind. Am Ende gibt es dann Frust.

Gemeindebau Neu, Leopoldau

Plötzlich ist der Neubau hip 

Bemerkenswert an den neuen, modernistischen Stadtvierteln ist: Es ziehen jetzt auch immer mehr Kreative, junge Leute, Künstler, Wohlhabende aus dem Mittelstand hin, Architekten, Radio- und Fernsehleute, politische Aktivisten – also diese ganze Bubble, die vor zwanzig Jahren nie auf die Idee gekommen wäre, in Trabantenstädte zu ziehen, sondern das urbane Gefühl der Altstadt vorgezogen hätte. Das verändert natürlich auch die soziale Mischung in den Neubauquartieren und führt zu ihrer automatischen symbolischen Aufwertung. Wäre ein Philosophieprofessor vor vierzig Jahren in die Großfeldsiedlung gezogen, wäre er in seinem Freundeskreis bemitleidet worden – zieht er heute ins Nordbahnviertel, dann rufen alle „toll!“.

Nordbahnviertel, Leopoldstadt

Stadtplanung ist auch ein langfristiger Prozess und zugleich vom Zeitgeist getragen. In den fünfziger und sechziger Jahren war in Wien etwa geplant, die Westautobahn bis zum Naschmarkt und die Ostautobahn bis zur Urania zu bauen – die Autobahnschneisen hätten sich bis in die innerste Innenstadt gezogen, so als würde in Berlin die Avus bis knapp vor den Savignyplatz gebaut. Und es war kein weltfremder, durchgeknallter Technokrat, der das damals im Stadtentwicklungsplan festgeschrieben hatte. Es war Roland Rainer, ein berühmter, genialer Architekt und Designer. Ein Gigant der Nachkriegsmoderne. Gott sei dank wurde der Plan nie ausgeführt. 

Auch heute gibt es Moden. „In den Nullerjahren hieß es von allen Seiten, man müsse Piazzas bauen, die sich an den Plätzen der italienischen Innenstädte orientieren“, sagt Rudolf Schicker, der von 2001 bis 2010 Planungsstadtrat war – in den Jahren, als viele der heutigen Viertel geplant wurden. „Diese gepflasterten Plätze wurden als das Ideal der Urbanität gesehen.“ So hat man das dann auch gebaut. Piazza Navona ist im Neubaugebiet dann natürlich dennoch keine daraus geworden. Vor allem aber wird heute die Bodenversiegelung beklagt. Die Piazzas sind Hitzeinseln. Gerade erst fertiggestellt, werden sie jetzt auch wieder aufgerissen und entsiegelt. Sträucher werden gepflanzt. Neulich ließ man sogar aus ganz Europa 30 Jahre alte Platanen heranschaffen. Das Problem der neuen Quartiere ist eben: Häuser kann man relativ schnell errichten. Bäume brauchen 50-60 Jahre, bis sie so groß sind, dass sie das Raumklima wirklich beeinflussen. „Auch die Ringstraße war einmal neu“, lacht Schicker. Die mächtigen Alleebäume von heute waren auch einmal kleine Zwutschkis. Und in den fantastischen grünen Innenhöfen der Gemeindebauten standen vor hundert Jahren auch kleine, verhungerte Gewächse herum. 

Nordbahnviertel, Leopoldstadt

In hundert Jahren werden die neuen Parks und Grüngebiete in den Neo-Quartieren möglicherweise auch herrlich aussehen.

Im Grunde gibt es zwei Arten von neuen Quartieren: Diejenigen, die in den letzten industriellen Brachräumen in den inneren Stadtbezirken errichtet werden, vor allem auf alten Betriebsgründen der Bundesbahnen. Diese haben den Vorteil, dass sie an die Altstadt grenzen und damit vom gewachsenen Leben historischer Quartiere profitieren. Was man so braucht für ein gutes urbanes Gefühl – das ist dort schon. Und dann gibt es die neuen Viertel, die an der Peripherie der Stadt gebaut werden, in Aspern, in Hirschtetten, in der Leopoldau, in Meidling, in den äußeren Grünzonen von Favoriten, vornehmlich also an den Ausläufern früherer Arbeiterbezirke. Da ist, simpel gesprochen, rundherum einfach nichts.

Seestadt, Aspern

Die grüne "Gartenstadt"

Nicht nur das soziale Ziel des leistbaren Wohnraums für eine wachsende Stadt wird verfolgt, sondern auch das einer klimafitten Stadt: Atmende Häuser, die klimaneutral sind, mit erneuerbaren Energien geheizt, die auch die Kühle speichern. Eingebettet in Grünraum, sodass es die Viertel auch in den Hitzeperioden glühender Sommer überlebbar sind – Beispiele sind die Biotope-City am Wienerberg, einem großen Grün- und Erholungsgebiet in der Stadt, die Wildgartensiedlung in Meidling oder das neue Wohngebiet Neu Leopoldau im Nordosten der Stadt. Letztere ist am Gelände eines ehemaligen Gaswerkes und kombiniert die Neubauzeilen mit dem architektonischen Gebäudebestand des Firmengeländes – und mit dem vorhandenen Altbaumbestand. Mehr als früher wird versucht, Altbäume nicht für den Baufortschritt aus dem Weg zu räumen, sondern um diese „herum“ zu bauen. 

Neu Leopoldau, Floridsdorf

Vor dem Haus stehen alte Nussbäume, daneben hundert Jahre alte Firmenbauten, die zu Gemeinschaftsorten umfunktioniert werden – und vom Balkon blickt man auf endlose Sonnenblumenfelder. All das ist weit draußen in der Peripherie, aber mit der S-Bahn ist man in knapp 30 Minuten in der Innenstadt.

Neu Leopoldau

MGG-22, Donaustadt, Lobau

Einige der ambitioniertesten Projekte werden im Rahmen der „Internationalen Bauausstellung“ präsentiert, die gerade von Wien ausgerichtet wird. Wer demnächst nach Wien kommt, kann sich die Schau ansehen und auch Führungen durch die neuen Quartiere buchen. Wer nicht, erhält hier einen ausführlichen Überblick über die verschiedensten Bauten und Quartiere. 

Die Stadt als Beute

Wien ist, was den Wohnungsmarkt betrifft, noch immer ein Vorbild für die Welt. Weil das Rote Wien so sehr mit Wohnungsbau verbunden ist, haben auch die hiesigen Sozialdemokraten immer ihre Aufgabe darin gesehen, neuen leistbaren Wohnraum zu schaffen. Ab den neunziger Jahren, nach dem Fall des Eisernen Vorhanges, ist Wien in mehreren Wellen rasant gewachsen: Erst durch die Fluchtbewegung im Zuge der Balkankriege, dann aufgrund des Zuzugs aus Osteuropa, beschleunigt durch die EU-Osterweiterung in den Nullerjahren (Bratislava liegt nur 30 Minuten entfernt, die ungarische Grenze auch gerade einmal eine Stunde, die Ukraine ist näher als Vorarlberg), und heute durch die sukzessiven Wanderungsbewegungen. Aber natürlich ist auch Wien kein sozialistisches Paradies. Heute gibt es einen Kampf um die Stadt. Investoren kaufen Wohnraum in Metropolen als Wertanlage auf. Sie treiben damit auch die Bodenpreise in astronomische Höhen. Diese Preise sind Kosten für alle Bauträger – seien es Konzerne oder Investoren, seien es gemeinnützige Genossenschaften. Günstige Mieten lassen sich da selbst im sozialen Wohnbau nicht leicht wirtschaftlich sicherstellen. Wenigstens hat Wien jetzt ein Gesetz beschlossen, das bei Neuwidmungen zwei Drittel geförderten Wohnbau erzwingt. Ob das die Bodenpreise dämpft, ist noch unklar. Und die großen, ungenützten zusammenhängenden Bodenflächen gibt es ja gar nicht mehr. Die Mega-Entwicklungsgebiete werden knapp. Der Wohnungsmarkt ist überhitzt, was die Preise für alle hochtreibt. 

Sonnwendviertel, Favoriten

„Believe it or not – ich klinge bei meinen Vortragstätigkeiten im Ausland wie eine Wien-Werbetrommel“, sagt Gabu Heindl, die linke Architektin und Architekturtheoretikern, die etwa in Nürnberg lehrt und demnächst nach Kassel wechselt. „Es gibt ja in Wien ein hohes Ausmaß an sozialem Wohnbau und eine gute Unterstützungsstruktur. Ich ‚trommle‘ das aber immer auch mit der nötigen Portion Kritik. Wir sollten es nicht akzeptieren, dass trotz der guten Basis zugesehen wird, wie sich im letzten Jahrzehnt das Verhältnis im Neubau von Sozial- zu Privatwohnungen umgedreht hat, wie ungehindert die Spekulation von Überschusskapital mit Wohnraum zunimmt. Es entstehen sehr viele Privatwohnungen auf dem Markt, die ihrerseits zu einer Mietpreisexplosion geführt haben.“

Wildgartensiedlung, Meidling

In den vergangenen Jahrzehnten hat Wien immer zu zwei Drittel sozialen Wohnbau gebaut, zu eine Drittel privaten Wohnbau – neuerdings hat sich das umgedreht. In ihrem Buch „Stadtkonflikte – Radikale Demokratie in Architektur und Stadtplanung“, beschreibt Heindl anschaulich: Früher hat die sozialdemokratische Baupolitik darin bestanden, private Konzerne so zu besteuern, dass Bauen für sie unwirtschaftlich wird und mit den Einnahmen die kommunale Vorzeigearchitektur zu errichten. Heute schließt man mit den Konzernen Deals, erkauft sich mit Förderungen einen gewissen sozialen und kommunalen Nutzen, lasse den Konzernen aber viel zu viel Spielraum. Mangel an bezahlbarem Wohnraum gibt es sowieso, und nicht immer haben jene Menschen den Zugang, die ihn am meisten brauchen. Wer neu in die Stadt kommt, muss sich hinten anstellen. Das führt dazu, dass gerade die Ärmsten um den privaten Wohnungsmarkt nicht herumkommen. Der Zugang zum sozialen Wohnraum ist einerseits reglementiert (aber auch nicht zu krass, sodass er eben nicht nur ein Wohnbau für die Armen ist, sondern selbst der gehobene Mittelstand Zugang hat, was gut ist, da das Ghettobildung verhindert), aber angesichts von Mangel ergeben sich dann andere Zugangsregulierungen. Etwa: Man muss wissen, was man tun muss, um Zugang zu haben. Und dieses Wissen ist nicht gleich verteilt. Mittel- und Bildungsschichten haben hier einen klaren Vorteil, weil sie sich die Kenntnisse über die Tricks und Hintertüren beschaffen können, und weil sie auch wissen, wie man bürokratische Prozesse im Notfall beschleunigen kann. 

Aufgabe: Die gerechte Stadt der Freien und Gleichen

Wien macht das gut, kann Vorbild sein, kann aber einiges auch noch einmal besser machen, gerade dann, wenn man den Kampf um die Stadt auch als eine neue Form des Klassenkampfes sieht, bei dem Einkommensschwache bedroht sind, durch die Wohlstandsmilieus aus der Stadt verdrängt zu werden, und die Mittelschicht so hohe Mieten bezahlt, dass auch ihr Wohlstand prekär wird. Avancierte Architektur, modernistische Formensprachen und das Bauen für eine ökologisch orientierte Zukunft muss mit dem radikalen sozialen Anspruch kombiniert werden, dass Wohnen ein Menschenrecht ist und städtisches Leben kein Luxus werden darf. Vorbildlich ist in jedem Fall, dass Wien baut, baut, baut. Man kann ja über die Ästhetik der neuen Viertel unterschiedlicher Meinung sein und auch eine Aseptik beklagen, die wohl zwangsläufig mit dem Status des „Neuen“ einher geht, auch die Verdichtung der Stadt hat selbstverständlich nicht nur ihre guten Seiten – aber was wäre denn die Alternative? Nicht nur die, die schon da sind, haben ein Recht auf Stadt, auch die, die noch kommen. Ganz brutal gesagt: Wer Neubau verhindert, müsste konsequenterweise eigentlich auch „Ausländer Raus“ sagen, denn Zuzug ohne wachsende Aufnahmekapazität bei der Infrastruktur, die man zum Leben braucht (dazu gehören ja nicht nur Wohnungen, sondern auch Schulen etc…) wäre eher kein so schlauer Plan. Besitzstands-Egoismus, der die schöne, freie Aussicht für die verteidigt, die in der glücklichen Lage sind, schon eine kostengünstige Wohnung zu haben – auf Kosten jener, die künftig eine brauchen – ist gewiss verbreitet, aber ein eher unschöner Charakterzug. 

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