P wie Paradox  (5/11)

Wer kreative Lösungen finden möchte, muss lernen Widersprüche auszuhalten - Folge 5 des Newsletters zum Buch "Anleitung zum Unkreativsein": P wie Paradox

Ein Wort: Paradox

Das Wort "Lassen" formuliert einen zauberhaften Anspruch: "Los lassen. Finden lassen. Geschehen lassen." Das ist nicht deshalb so kompliziert, weil man dafür Werkzeuge oder Ausstattung benötigt, sondern weil man sich dem Ziel nur dann nähert, wenn man aufhört, es erreichen zu wollen. Das klingt widersprüchlich - und ist es auch. Von genau diesem grundlegenden Paradox der Kreativität handelt diese Folge, die eine Einladung zum Aushalten von Widersprüchen ist:

Kreativität beschreibt nämlich nicht nur den ak­tiven Schöpfungsakt (creare), der sich zum Beispiel in den ersten Worten der Bibel ausdrückt: in principo creavit (»Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde«). In Kreativität steckt auch das lateini­sche Wort crescere, was »wachsen« und »geschehen oder gedeihen lassen« bedeutet. Dieser eher passive Aspekt der Kreativität wird häufig unterschlagen – sowohl auf der persönlichen Ebene eines Creative Mindset, das nur den aktiven Part sieht, als auch auf der strukturellen Ebene der Organisationen, die Kreativität hervorzu­bringen vorgeben, diese aber nicht wachsen lassen können.

Um dieses Denken in Widersprüchen zu trainieren, trägt das Buch den paradoxen Titel "Anleitung zum Unkreativsein". Darin steckt nicht nur die Gegenteil-Methode, die den Blick öffnet, indem Sie den Gedanken zu lassen, dass auch das Gegenteil stimmen könnten. Darin steckt auch die Bereitschaft, Paradoxien auszuhalten - und nicht lösen zu wollen.

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Eine Übung: Wenn es eilig ist... Lassen Sie sich Zeit

Der praktische Teil dieser Folge lädt Sie heute zur Satzergänzung ein. Vervollständigen Sie bitte diese Sätze:

Um einer Lösung näher zu kommen, könnte ich _______________________________

Wenn ich es eilig habe, hilft es vielleicht, ______________________________________

Bei kleinem Budget, könnte ich _______________________________________________

Sie haben das Prinzip durchschaut, oder? Es geht darum, in Situationen der Eile oder Begrenzung auf das zu schauen, was ausgeschlossen scheint. Vielleicht verbirgt sich die Lösung genau im Gegenteil. Das Grundprinzip von Kreativität erinnert mich stets daran, dass neue Ideen nicht platt sind, sondern häufig aus Paradoxie entstehen. 

Deshalb habe ich im Buch einige Paradoxien notiert - und zum Aushalten festgehalten. Mit diesem Gedanken im Kopf, fällt es vielleicht leichter die Sätze zu ergänzen:

Um einer Lösung näher zu kommen, könnte ich mich ein Stück entfernen!

Wenn ich es eilig habe, hilft es vielleicht, mir Zeit zu lassen.

Bei kleinem Budget, könnte ich aufhören, über Geld nachzudenken.

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Eine Frage: Wir stecken fest. Was tun?

Judith schreibt mir: Wir sind schon in der dritten Runde in einem Brainstorming mit der Geschäftsleitung. Wir sollten eine große, neue Idee vorstellen und stecken jetzt fest. Was können wir jetzt tun?

Fragen! Ich glaube, dass in kreativen Prozessen ohnehin viel zu wenig gefragt wird. Aber gerade wenn man scheinbar feststeckt, fällt die lösende Kraft der Frage oft ganz raus. Deshalb würde ich den Ratschlag geben, die Geschäftsleitung in ein klärendes Gespräch zu führen - je nach Eskalations- und Stimmungslage kann es als Abschluss- oder Klärungsgespräch (Warum finden wir eigentlich keine passende Lösung?) beschrieben werden.

Wichtig dabei ist, dass die kreativen Menschen mehr zuhören als präsentieren. Dafür bietet sich die OPAL-Fragetechnik an (die ich im Buch beschreibe), hilfreich ist auf jeden Fall rauszufinden, was die Geschäftsleitung erreichen will. Denn nur wer das Ziel kennt, kann einen Weg suchen ;-)

Ein Wort, eine Übung, eine Frage - drei Gedanken zum Thema Kreativität erscheint jeden Montag. Wenn Sie nicht bis zur nächsten Folge warten wollen: Die Anleitung zum Unkreativsein ist jetzt im Handel.

Wenn Sie eine Frage haben: Schreiben Sie mir!