Der Übermedien-Newsletter von Ajmone Kuqi

Liebe Übonnentinnen und liebe Übonnenten,

Marcel Laskus war zwölf Jahre alt und saß im Matheunterricht am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt, als ein ehemaliger Schüler dort eine Schülerin und einen Schüler, sieben Lehrerinnen und vier Lehrer, eine Referendarin, die Schulsekretärin und einen Polizisten erschoss. Heute ist Laskus Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“. Jahrelang habe er kaum über den Amoklauf gesprochen – geschweige denn darüber als Journalist berichtet. Erst ein zufälliges Gespräch mit einem Freund aus der Schule brachte ihn dazu, auf Menschen zuzugehen, die den Amoklauf vor 20 Jahren mitbekamen, die Angehörige verloren, deren Leben schwerwiegend verändert wurde. Das Ergebnis: ein Podcast, in dem Laskus die Gewalttat aufarbeitet.

Was mich besonders aufmerken ließ: In einer Folge befasst sich Laskus mit der unrühmlichen Rolle der Medien. Er beschreibt, wie Reporter damals im April 2002 die Stadt überrannten – mit Kamerateams und Fotografen im Schlepptau. Alle auf der Jagd nach den exklusiven Informationen – und das zum Teil auf Kosten der Privatsphäre der traumatisierten Menschen. Ethische Grenzen wurden überschritten. Auch in anderen Berichten über den Jahrestag ist vom damaligen Journalistenandrang in Erfurt die Rede. Aber so nah und genau wie in „71 Schüsse“ wird das Tun der mitunter entfesselten Medienmeute nirgendwo sonst beschrieben.

Im SZ-Magazin erschien am vergangenen Wochenende auch ein Text von Laskus zu dem Thema. Darin schreibt er auch über das Aufnahmegespräch an der Deutschen Journalistenschule in München:

Einer Journalistin fiel das Gutenberg-Gymnasium in meinem Lebenslauf auf: ‚Was hielten Sie von den Journalisten, die nach Erfurt kamen?‘ Ich war überrumpelt. ‚Einige Journalisten‘, sagte ich, ‚waren unsere Feinde.‘ Der Zorn in meiner Stimme überraschte mich selbst. Die Jury schwieg. Da ist was. In meiner Gegenwart steckt dieses Stück Vergangenheit. Auch wenn ich es lange nicht wahrhaben wollte.

Gemeinsam mit seiner Kollegin Marisa Gierlinger führte Laskus für den Podcast Gespräche mit Zeugen und Angehörigen, die damals von Reportern bedrängt wurden. Daraus ist ein eindrückliches Zeugnis dieser fragwürdigen Disziplin geworden, die im Boulevardjargon „Wittwenschütteln“ genannt wird, die Jagd auf Hinterbliebene von Unglücken und Gewalttaten. Das klingt irgendwie nach angestaubten Redaktionsstuben längst vergangener Tage, hat aber nichts von seiner Brisanz verloren.

Kurz nach der Tat, so beschreibt es Laskus, bedrängten Journalisten Schüler an ihrer Haustür, entwendeten Fotos der Opfer vom Gedenkort an der Schule, hielten mit der Kamera auf weinende Kinder, überrumpelten die Eltern. Einige gaben sich gar als Rettungssanitäter aus, um in die abgeriegelte Schule zu gelangen und Überlebende zum Reden zu bringen (was übrigens nicht nur jeden halbwegs intakten moralischen Kompass vermissen lässt, sondern auch gegen das Persönlichkeitsrecht verstößt, wenn so Informationen erschlichen werden). Noch Wochen nach der Tat stiegen Journalisten den Menschen in Erfurt nach. Laskus selbst wird nicht behelligt. Aber er habe auch als Zwölfjähriger gemerkt, das es falsch gewesen sei, was die Journalisten taten.

Laskus-Kollegin Gierlinger sprach mit einem ehemaligen Reporter einer großen deutschen Boulevardzeitung, die nicht namentlich genannt werden soll (aber ja auch nicht muss, um zu wissen, welche gemeint ist). Der Mann war damals an der Hatz beteiligt und lauerte den Eltern des Täters an ihrem Wohnhaus auf:

„Ich bekam dann von meinen damaligen Chef eine Adresse, wo ich hinfahren sollte und da sind wir dann eben auch hingefahren, sind in das Haus dann reingegangen und haben dort geklingelt. Und dann ging eine Tür auf, eigentlich nur ein Spalt und ich sehe in vier Augen, was die Augen der Eltern des Attentäters waren. Und das ist auch ein Anblick, den ich bis heute nicht vergessen habe.“

Ein unrühmliches Kapitel dieser Geschichte schrieben auch Johannes B. Kerner und das ZDF. Der Sender schickte Kerner nach Erfurt, um dort eine Live-Version seiner täglichen Talkshow aufzunehmen. Was Kerner angelastet wird: Ein elfjähriger Schüler wurde vor die Kamera gezerrt. Er soll kurz zuvor noch seine tote Lehrerin gesehen haben. Kerner fragte ihn nach seinen Gefühlen.

„Nun bist Du elf Jahre alt, und wir wollen von einem Elfjährigen nicht verlangen, dass man sich sozusagen große Gedanken in einem großen Zusammenhang macht, aber wenn Du sagst, Du hast dir Gedanken gemacht, welche waren das?” 

Das war's erst mal!

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