Der Übermedien-Newsletter von Lisa Kräher

Liebe Übonnentin, lieber Übonnent,

am Mittwoch feierte die Show „Der Preis ist heiß“ mit Harry Wijnvoord bei RTL nach 25 Jahren ihr Comeback. Und das sei „glänzend“ gewesen, hieß es nachher in einer dpa-Meldung. Die Einschaltquoten waren gut. Und auch das Urteil der sonst so kritischen, oft gehässigen Twitter-Bubble schien eher milde auszufallen. Einige schwelgten regelrecht in Erinnerungen. 

Wijnvoords Side-Kick ist jetzt Thorsten Schorn. Auch bekannt als Sprecher aus dem Off in der Sendung „Shopping Queen“ bei VOX und als Moderator bei RTL und WDR. Walter Freiwald, der den Job früher machte, starb 2019. 

Thorsten Schorn (l.) und Harry Wijnvoord   Screenshot: RTL

„Der Preis ist heiß“ ist Teil einer sogenannten „Retro-Welle“ im Privatfernsehen. Da ist zum Beispiel noch „Geh auf's Ganze“. Die Show mit Jörg Draeger und einer Ratte namens Zonk kehrte Ende vergangenen Jahres nach fast 20 Jahren bei SAT.1 zurück. Von Februar bis Ende April liefen bei RTL neue Folgen der Satire-Talkshow „Sieben Tage, sieben Köpfe“. 

Alte Formate nach Jahren nochmal ins Fernsehen bringen, ist ein bisschen wie den Teebeutel zweimal aufgießen. Kann man machen, schmeckt aber fad.

Falls Sie „Der Preis ist heiß“ am Mittwoch nicht gesehen haben, sich nicht mehr an damals erinnern können, oder 1997 noch nicht ferngeschaut haben: In der „Dauerwerbesendung“ raten Leute die Preise von Produkten – zum Beispiel eines leuchtenden Bar-Trollis, einer Eiswürfelmaschine oder eines Klo-Erfrischers – und können diese zum Teil dann mit nach Hause nehmen. Wenn sie Glück haben und richtig raten.

Wobei. Glück? An einigen Stellen der Sendung habe ich den Kandidaten doch eher gewünscht, sie blieben von einem Gewinn verschont. Oder würden Sie sich eine solarbetriebene Windmühle in den Garten stellen wollen? Eben. Und ist ein automatischer „Schuherfrischer“ (ein Gerät, auf das man seine stinkigen Treter steckt) etwas, wovon Sie schon immer geträumt haben? Sehen Sie! Ich glaube auch, das sind eher, wie „Spiegel“-Autorin Anja Rützel schreibt: „klassische Verstaubungskandidaten und Marie-Kondo-Wegrümpelware“.

Im Gesicht von Kandidat Ben meinte ich eine Mischung aus gespielter Begeisterung und aufsteigender Panik lesen zu können: Um Himmels Willen, wohin nur mit dem Spieleautomaten? Und in Zeiten der Wohnraumknappheit frage ich mich, wo Marvin, ein junger Mann, der am Anfang der Sendung „der Glückliche“ war, das dreieinhalb Meter lange Wasserfahrrad jetzt unterstellt.

Als ich „Der Preis ist heiß“ zum letzten Mal sah, war ich in der Grundschule, da lief sie noch mit Wijnvoord als Moderator. (Ok, es gab zwischendurch mal ein Revival ohne ihn, aber das hab ich nicht mitbekommen.) Und weil das alles so lange her ist, hatte ich kein einziges Detail der Show mehr in Erinnerung.

Am Mittwoch war es dann aber so, als kehrte ich an einen vertrauten Ort zurück. Sofort erkannte ich alles: Die hektische Kamera, die im Publikum nach der nächsten Kandidatin sucht, die handgeschriebenen Namensschilder der Gäste, das Geräusch des Preis-Rades, Harry Wijnvoords Stimme. Die Musik, die mir jetzt nicht mehr aus den Ohren geht. Nur die fair produzierten Turnschuhe, die der Moderator zum Anzug trug – die waren neu. So weiß, wie sie strahlten! Im „Der Preis ist heiß“-Jargon sagt man dazu ja: nigelnagelneu!

Und die Sendung hatte sogar richtig moderne Elemente: Die Preise sind jetzt zum Beispiel in Euro. Und es gab ein Lastenrad zu gewinnen. Und, ganz fortschrittlich, nicht mehr nur drei Frauen stehen stumm und mit überzogen charmantem Show-Lächeln neben den Produkten rum, schieben sie elegant vor die Kamera oder machen darauf lustige Bewegungen. Auch ein Mann kommt jetzt dekorativ zum Einsatz. Da schau an! 

An einer Stelle sah es sogar kurz so aus, als dürfte Assistentin Ines (war vor 25 Jahren schon dabei, hieß damals noch „Showgirl“) etwas sagen. Sie wurde extra vorgestellt, Wijnvoord bat sie zu sich. Es blieb aber doch beim Lächeln und Winken.

Höhepunkte des bunten und glitzernden Konsumfestes waren übrigens immer die Momente, in denen der Twingo ins Studio gerollt wurde. Wahnsinn! Der, laut Co-Moderator Schorn, nigelnagelneue „Flitzer“, auf den „alle gewartet“ haben! Die allgemeine und mediale Begeisterung für diese Art der Fortbewegung entspricht halt immer noch dem Zeitgeist.

Die Woche neu bei Übermedien

Offener Brief an den offenen Brief | Kolumnistin Samira El Ouassil fordert: Schenkt offenen Briefen weniger Aufmerksamkeit! Jetzt unterschreiben!

Null Ahnung von Datenjournalismus | Ein SZ-Wissenschaftsredakteur macht sich über Datenjournalist:innen lustig. Frederik von Castell ist (fast) sprachlos.

Nullwert mit Nullaussage | Stefan Niggemeier über die Verwirrung um die Zahl der Corona-Toten Anfang der Woche – und die Konsequenzen, die dpa zieht.

Holger ruft an … wegen SLAPP | Im Podcast erzählt Uwe Ritzer von der SZ, wie es ist, über Jahre hinweg  juristisch schikaniert zu werden.

Der Politikerklärer | Robert Habeck kann sehr gut kommunizieren. Das heißt aber nicht, dass er gute Politik macht, schreibt Michalis Pantelouris. (Ü)

Weder aktuell noch exklusiv | Einfache Rüchwärtssuche hätte gereicht: die Wahrheit über das „sensationelle“ Foto vom abgefangenen „Russen-Flieger“.

Klatschpresse erzählt was vom Schumacher-Pferd | Eine neue Folge unserer Rubrik „Schlagzeilenbasteln“ – lustig, aber auch bitter. Jetzt mitraten! 

Und dann war ja diese Woche noch die Sache mit Fynn Kliemann. 

Das „ZDF Magazin Royale“ mit Jan Böhmermann hatte dem Unternehmer, Musiker und Social-Media-Liebling (naja, bisher jedenfalls) in einem langen Fragenkatalog mit Recherchen zu seinen Geschäften konfrontiert. 

Kliemann antwortete darauf nicht schriftlich oder per Anwalt, sondern – voll transparent für die Community – in einem Video bei Instagram, in dem er auch die ZDF-Anfrage veröffentlichte. Er sei halt ein Fan von Transparenz, sagte er. Und betonte, dass er investigativen Journalismus wichtig finde. Letztlich wollte er aber einfach der Redaktion den Wind aus den Segeln nehmen. Ohne Erfolg.

Unser Redaktionsleiter Frederik von Castell kommentierte am Dienstag, dass Kliemanns Vorgehen dem Journalismus schade. Auch vom Verein Netzwerk Recherche kam Kritik. Der Artikel wurde auf unserer Seite und unseren Social-Media-Kanälen ausführlich diskutiert. Etliche User:innen teilten die Meinung unseres Kollegen nicht, was völlig ok ist. Einige wollten aber auch gerne mal erklären, was Journalismus sei – bzw. was nicht. Hier ein Auswahl:

Im Nachhinein betrachtet sind diese Kommentare dann doch eher, sagen wir mal: schlecht gealtert. Denn Freitagnacht hat die Böhmermann-Redaktion ihre Recherchen veröffentlicht. Demnach ist Fynn Kliemann – dessen wichtigstes Marketing-Instrument die Tue-Gutes-und-rede-darüber-Strategie war, er baute sein komplettes Image darauf – offenbar alles andere als transparent. 

Kliemann vertrieb während der Pandemie Masken, die er unter seinem Label als „fair“ und „Made in Europe“ anpries. Laut „ZDF Magazin Royale“ sollen sie aber in Bangladesch oder Vietnam gefertigt worden sein. Millionenfach. Was schon beschämdend genug ist. Doch, bittere Pointe: Masken, die nicht mehr verkauft werden konnten, weil sie mangelhaft waren, also nutzlos, haben Kliemann und sein Geschäftspartner Tom Illbruck, der Inhaber der „Textilmanufaktur“ Global Tactics, gespendet. An Flüchtlingslager. Auch diese „gute Tat“ nutzen sie für ihre Öffentlichkeitsarbeit: Kliemann ließ sich schön abfeiern, und Illbruck referierte noch im Februar im „Stern“ über Lebenshaltungskosten in Bangladesch und über „Green- beziehungsweise Socialwashing“.

Oder wie es Kliemann in einer Chat-Nachricht, die Böhmermann und sein Team veröffentlichten, mal geschrieben hat: „Krise kann auch geil sein.“

Am Freitagabend veröffentlichte der „Spiegel“ ein Interview mit Kliemann. Der versucht, irgendwie durch die Fragen der Journalisten hindurchzuglitschen, aber es gelingt ihm nicht. Er macht es wie in seinen Videos, die er diese Woche veröffentlicht hat (am Freitag posete er eine Stellungnahme bei Instagram): Er versucht, den Eindruck zu vermitteln, dass er ja nur passiv beteiligt war, um am Ende noch einigermaßen gut dazustehen. Wie an dieser Stelle:

„Ich war nur die Galionsfigur und habe mich nicht gewehrt, wenn ich dafür gefeiert wurde.“

Als wäre der Fame etwas, das unkalkulierbar über ihn hereinbrach. 

Fast ein bisschen witzig finde ich diese Stelle:

„Ich habe nie dementiert, dass Masken von Global Tactics in Bangladesch produziert werden. Ich wurde nur nie danach gefragt.“

Ha! Das ist wie: Ja, Schatz, ich hab dich betrogen, aber wieso haste denn nicht mal gefragt? Nur dass Kliemann, wenn man in diesem Bild bleibt, vorher auch noch als Prediger der monogamen Paarbeziehung durch die Lande zog.

Ich habe mich Anfang der Woche über Kliemanns Video gewundert – ebenso über den großen Zuspruch. Viele schienen nicht im Ansatz zu hinterfragen, warum eine seriöse Redaktion so viele Fragen hat. Sie wollten nicht glauben, dass ihr Darling Fynn etwas falsch gemacht hat.

Als ich dann die Sendung gesehen habe, war ich erschüttert von den Vorwürfen; aber auch beeindruckt von der Recherche. Oder um es – in Anlehnung an einen ehemals beliebten Influencer – so zu sagen: Journalismus kann auch geil sein!

Schönen Sonntag und herzliche Grüße, 

Ihre Lisa Kräher

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