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Das trifft sich gut: 2022 geht zu Ende, wir verschicken unsere Jubiläums-Ausgabe und Du hast keine Lust auf Gottesdienst. Dafür hoffentlich umso mehr auf unsere Ideen und Insights, die wir aus diesem verkorksten Jahr mitnehmen.

Vielen Dank an alle Treibhauspost-Partner, die unsere Arbeit unterstützen. 

#40 #Jahresrückblick #Ausblick

7 Thesen, die uns 2023 begleiten werden

2022 ist viel falsch gelaufen. Das Jahr hat uns aber auch Hoffnung und neue Erkenntnisse gebracht. Unsere Insights und Gedanken, mit denen wir gewappnet sind für ein konstruktives und entspanntes 2023. ~ 7 Minuten Lesezeit

Was für ein Jahr war das denn bitte? 2022 wird wohl viel öfter in den Geschichtsbüchern landen, als man im Januar noch ahnen konnte. Diejenigen, die dieses Geschichtsbuch irgendwann mal aufklappen (beziehungsweise herunterladen), werden sich wahrscheinlich denken: Was für ein beschissener Einstieg ins neue Jahrzehnt.

Da Du genau wie wir Zeitzeug*in bist (und hoffentlich ein besseres Gedächtnis hast als Olaf Scholz beim Cum-Ex-Untersuchungsausschuss), brauchen wir wohl nicht aufzuzählen, was in diesem Jahr alles falsch gelaufen ist.

Stattdessen möchten wir sieben Thesen mit Dir teilen, die uns 2022 bewegt haben. Auf dass wir das kommende Jahr konstruktiver und entspannter gestalten können.

#1 Aufwachmomente hören nie auf

Wir schreiben jetzt bald seit zwei Jahren die Treibhauspost und setzen uns intensiv mit Klima-Themen auseinander. So langsam kann uns nichts mehr schockieren, dachten wir zwischenzeitlich. Aber wir haben gemerkt: Die Aufwachmomente hören nie auf.

Das liegt zum einen daran, dass wir alle eben doch immer wieder in den Verdrängungsmodus rutschen (was zum Teil auch notwendig ist, um im Alltag klarzukommen – mehr dazu in Ausgabe #32). Und zum anderen passiert es immer wieder, dass man über eine Information stolpert, die einen nochmal so richtig wachrüttelt.

💌 Ausgabe #32: Wenn die Klimakrise unter die Haut geht

Bei uns war das vor kurzem so, beim Lesen des neuen „Club of Rome“-Berichts Earth4All. Darin wird sehr anschaulich gegenübergestellt, was wir Menschen global für eine stabile Zukunft alles tun müssen – und was passiert, wenn wir so weiter machen wie bisher. Immer wieder kommt dabei der Gedanke hoch: Unfassbar, wie wahrscheinlich ein gesellschaftlicher Kollaps noch in diesem Jahrhundert ist, wenn wir nicht innerhalb der nächsten Jahre einen unglaublichen Wandel hinlegen. Details dazu in einer unserer Ausgaben im nächsten Jahr.

#2 Wir sollten weder Krisen noch Schönheit verdrängen

Gerade haben wir es schon angerissen – dieses Jahr haben wir uns viel mit Klima-Psychologie beschäftigt. Es ging um Hoffnung, Ängste, untätige Drachen und vor allem (wie gerade schon erwähnt) um Verdrängung.

Klar: Wir alle verdrängen die Klimakrise. Eine andere Verdrängung ist aus unserer Sicht jedoch mindestens genauso relevant. Es geht um die Verbundenheit und das Bewusstsein für die Schönheit unseres Planeten. Auch die laufen ständig Gefahr, verdrängt zu werden – vom Krisenstapel vor unser Haustür, aber auch von der Ablenkung durch Arbeit, Konsum und dem Eifern nach fraglichen Statussymbolen.

💌 Ausgabe #33: Der Moment, wo wir uns wieder in die Augen gucken können

Luisa Neubauer sagt im Treibhauspost-Interview vom September: „Im Klimaaktivismus geht es nicht nur um die Haltung zu den Krisen, sondern auch um eine Haltung zur Schönheit dieser Welt. Wir sehen liebend auf die Welt und stellen fest, wie gewaltig schön sie ist – und sein könnte – und wie viel wir zu schützen haben.“

Was ein schöner Leitsatz für alle, die sich immer wieder für eine lebenswerte Zukunft einsetzen.

#3 Die Treibhauspost-Community lebt

Apropos Engagement: Unglaubliche 500 Personen haben vergangene Woche unsere Leser*innen-Umfrage ausgefüllt. Von so viel Feedback hätten wir nicht mal im Traum träumen können, selbst wenn wir bei Inception Regie geführt hätten. Jetzt wissen wir: Die Treibhauspost-Community lebt!

Inzwischen haben wir unter allen Teilnehmer*innen auch schon eine glückliche Gewinner*in ausgelost und per Mail informiert: Herzlichen Glückwunsch, Melissa S. – das Buch Überhitzt von Claudia Traidl-Hoffmann und Katja Trippel schicken wir Dir per Post!

Ein paar Einblicke gefällig?

Wahnsinn: 75 Prozent von Euch engagieren sich für Umwelt und Klima. Wir haben schon geahnt, dass Ihr eher zu den Aktiven gehört. Dass es gleich so viele sind, hat uns dann doch überrascht (und sehr gefreut).

Was uns aber am meisten umgehauen hat: Ganze 83 Prozent finden unsere Ausgaben motivierend oder eher motivierend.

Das zeigt uns, dass wir mit unserem Vorhaben, konstruktiven Klima-Journalismus zu liefern, auf dem richtigen Weg sind. Trotzdem glauben wir, dass da noch Luft nach oben ist – einer unserer Vorsätze für 2023 ist deshalb: Weiter dran bleiben und uns noch stärker an Lösungen orientieren. Dabei wird uns die nächste These besonders helfen.

#4 Zoom statt Doom

Wahrscheinlich hattest Du dieses Gefühl 2022 auch immer wieder: dass wir als Gesellschaft viel zu häufig auf der Stelle treten. Immer noch gibt es in Bayern einen absurden Mindestabstand für Windräder. Immer noch lassen sich  Politiker*innen im großen Stil von fossilen Konzernen bestechen. Und immer noch ist unser Wirtschaftssystem noch viel zu weit entfernt von der Einhaltung von Menschenrechten und planetaren Grenzen.

Würde die bayerische Abstandsregel in ganz Deutschland gelten, dürften Windräder fast nirgendwo mehr gebaut werden (rot heißt verboten). 📸: taz.de

Wir haben uns vorgenommen, jedes Mal, wenn uns dieses Gefühl im nächsten Jahr beschleicht, herauszuzoomen: Verschieben wir die Zeitskala von Tagen und Wochen hin zu Jahren und Jahrzehnten, wird vieles ins Verhältnis gesetzt, auch Abstandsregeln, selbst Volker Wissing.

Rauszoomen relativiert fast alles. Das heißt nicht, dass wir mehr Gleichgültigkeit an den Tag legen wollen, im Gegenteil. Wir wollen viel mehr mit mindestens fünf Minuten Rauszoomen pro Tag gedanklich durchatmen, um uns nicht von den täglichen Krisen und Bremsern vereinnahmen zu lassen.

#5 Wir sind die Generation Kipppunkt

Wir haben uns, was die Letzte Generation angeht, lange bedeckt gehalten. Jetzt wollen wir aber endlich mal ein klares Statement abgeben: Die Aktionen der Aktivist*innen sind der Dringlichkeit der Klimakrise absolut angemessen. Im Grunde sind sie sogar noch recht harmlos und es sagt viel über unsere Gesellschaft aus, dass diese kleinen Störungen so viele Menschen derart auf die Palme bringen.

Erschreckend ist auch, dass Politik, Polizei und einige Medien so viel Energie in die Einschüchterung und Kriminalisierung der Aktivist*innen stecken (Stichworte Razzia und „Klima-RAF“). Würden dieselbe Energie in Klimaschutz und die Transformation unserer Gesellschaft gesteckt werden, wäre Paris heute schon in Reichweite.

In Berlin haben Aktivist*innen der Letzten Generation die Spitze des Weihnachtsbaums vor dem Brandenburger Tor abgesägt. Statement von Pressesprecherin Carla Hinrichs auf Twitter: „Das hier ist nur die Spitze der darunter liegenden Klimakatastrophe! Während hier die Menschen durch die Läden rennen, um die besten Geschenke zu finden, finden andere kein Wasser!“

Wir werden uns in 20 Jahren nicht zurückerinnern an den einen Stau mehr oder den Kartoffelbrei-Wurf auf die Schutzscheibe vor Monets Getreideschober. Wir werden entweder erleichtert sein, weil wir es heute schaffen, ein Überschreiten von Klima-Kippelementen zu verhindern – oder wir werden gezwungen sein, mit den verheerenden Konsequenzen zu leben, wenn wir auch noch diese letzte Chance verstreichen lassen. 

#6 Es ging nie ums CO₂

Das Versprechen der „Klimaneutralität“ begegnet uns mittlerweile auf jeder Kosmetikverpackung im DM-Regal genauso wie bei der Fußball-WM. Es geht dabei nicht darum, dass für ein Produkt oder Event keine Emissionen anfallen. Das Versprechen ist lediglich, dass die entstandenen Emissionen irgendwie ausgeglichen werden.

Dieses Versprechen ist vielleicht das Täuschungsmanöver Nummer 1 des 21. Jahrhundert. Eine grüne Illusion, die unser aller Gewissen beruhigen soll. Nicht nur, weil wir mit ein wenig Kompensieren die fossilen Grundfeste unserer Gesellschaft nicht umbauen können. Sondern vor allem weil es ein Narrativ füttert, auf dem wir uns selbst im Klimadiskurs viel zu stark ausruhen: die Dekarbonisierung als ultimatives Ziel.

💌 Ausgabe #36: Das, dessen Name nicht genannt werden kann

Dabei ging es bei der Klimakrise – mal ganz plakativ gesagt – nie ums CO₂. Klar, das Treibhausgas macht uns die Hölle heiß, wir brauchen dringend eine radikale Kohlenstoff-Kur. Aber damit ist es längst nicht getan. An der Klimakrise hängt viel mehr. Das Desaster wurzelt in den schreienden Ungleichheiten westlicher Industriestaaten, in globalen Ungerechtigkeiten, im Patriarchat, in der Kolonisierung.

Wie wir schon in Ausgabe #36 geschrieben haben: Es geht um viel mehr als nur weniger CO₂. Wir brauchen ganz neue Gesellschaften, die Ungleichheiten eindämmen, beim Einkommen, aber auch zwischen Geschlechtern, global, aber auch innerhalb von Staaten. Wir brauchen Strukturen, die die weltweite Armut beseitigen und die globalen Ernährungs- und Energiesysteme umstellen, kurz: Wir brauchen resiliente Gesellschaften, die den massiven und dauerhaften ökologischen und sozialen Problemen in Solidarität begegnen. Und die immer wieder den Status Quo hinterfragen – was uns zur letzten These bringt.

#7 Alles könnte anders sein

Egal ob Nachrichten, Politik oder Wirtschaft – wir haben dieses Jahr immer wieder festgestellt, wie stark wir vom Status Quo beeinflusst werden. Genauer gesagt, von fossilen Narrativen, die wie ein Kokon unsere Wahrnehmung und damit unsere Lebensrealität verschleiern.

Fossile Narrative suggerieren, dass sie alternativlos sind. Dass sie für immer bleiben, weil es sie schon ewig gibt. Die Erzählungen, mit denen wir aufgewachsen sind, dass Autos das Nonplusultra der Fortbewegung sind, dass Wählen als politische Teilhabe ausreicht oder dass unser BIP einfach immer weiter wachsen kann (beziehungsweise soll) – sie erscheinen wie Naturgesetze, in Wahrheit stammen sie aber aus der Welt von vorgestern und sind längst unbrauchbar geworden. Viele (wenn nicht alle) dieser Narrative haben direkt oder indirekt auch eine Auswirkung auf die nachaltige Transformation unserer Gesellschaft.

Den Kokon aus diesen fossilen Konstrukten erst zu erkennen, dann zu hinterfragen und schließlich neu zu lernen, ist eine Aufgabe fürs Leben. Eine Aufgabe, die sich jedes Mal aufs Neue lohnt: All die staubigen Vorstellungen einer fossilen Welt hinter sich zu lassen – und sei es erstmal nur im eigenen Kopf – ist eine riesige Befreiung.

Das war sie, unsere letzte Ausgabe für 2022. Auch in diesem Jahr haben wir viel Herz, Tinte und Freizeit in diesen Newsletter gesteckt. Deshalb freuen wir uns, wenn Du unsere Arbeit mit ein paar Euro im Monat unterstützt (natürlich nur, wenn Dein Geldbeutel das zulässt). Vielen Dank!

Oder lege ein bisschen Klima-Karma unter den Weihnachtsbaum und verschenke eine Treibhauspost-Mitgliedschaft.

Am 14. Januar geht's weiter mit Treibhauspost. Bis dahin wünschen wir Dir einen schönen Jahresausklang und ein guten Start in 2023.

Julien & Manuel

💚 Herzlichen Dank für die Unterstützung an die Treibhauspost-Partner:

🤝 Mehr über die Treibhauspost-Partner auf unserer Übersichtsseite

💌 Außerdem danken wir allen Mitgliedern, insbesondere Frank W., Chris B., Anna G., Jeremiah B., Jörg A., Brigitte K., Alex K., Valeska Z., Hans Christian M., Elke J., Lari H., Thomas K., Ulrich S., Sigurd M., Peter B., Malte N., Martin V., Macha B., Familie E., Petra F., Birgit S. & K. F., Beate H., Antje H., Konrad H., Volker H., Markus H., Stefanie J., Oliver K., den Braunkohlestrombärschwaben, Joanna K., Klemens K., Alois K., Reto L., Annika N., Johannes P., Ralf R., Isabel S., Sabine S., Guido S., Annette T., Daniela T., Kurt W. und Anett W., die uns mit den höchsten Beträgen supporten!

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