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Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass wir eine der wichtigsten Stimmen der Klimawissenschaft in der Treibhauspost zu Gast hatten. Zeit für Runde Zwei im frischen 2023 – Claudia Kemfert im Interview!

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#41 #Interview #Energiewende #Jahresausblick 

„Wir stecken längst in einem fossilen Energiekrieg“

Deutschlands bekannteste Energie-Ökonomin Claudia Kemfert spricht im Interview über das ideale 2023, den aktuellen Sparhype und ihre Forschung zur Kohle unter Lützerath. ~ 6 Minuten Lesezeit

Claudia Kemfert ist Ökonomin, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und eine der bedeutendsten Klimawissenschaftler*innen Deutschlands.

Während die Menschen zu Tausenden in Lützerath für mehr Klimaschutz protestieren, wünscht sie sich in dieser Treibhauspost, dass es am Ende des Jahres gar kein Protest von Klima-Aktivist*innen mehr gibt.

Hallo Claudia! Stell dir vor, morgen ist schon wieder Silvester, Ende 2023. Was muss passiert sein, damit du auf ein positives Jahr für den Klimaschutz zurückblickst?

Der fossile Energiekrieg in Europa ist beendet, am besten überall auf der Welt. Die letzte Schlacht ist geschlagen. Gewonnen haben endlich die erneuerbaren Energien. In sie wird weltweit massiv investiert. In fossile Energien oder Infrastrukturen dagegen fließen keine, wirklich gar keine Investitionen mehr. Nicht in oder aus Deutschland, nicht in oder aus Europa, am besten nirgends auf der Welt.

Und wie sieht es hierzulande aus?

Der Kohleausstieg wird in Deutschland nochmal beschleunigt. Die Hälfte aller fossilen Heizungen sind durch Wärmepumpen ausgetauscht, die Häuser energetisch saniert. Es gibt sowohl ein Tempolimit als auch ein dauerhaftes 9-Euro-Ticket. Die Klima-Aktivist*innen protestieren nicht mehr, sondern sie erarbeiten zusammen mit Menschen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft am runden Tisch konkrete Lösungen.

Von AKW-Debatte bis Ausbau von Gas-Infrastruktur: Seit dem Krieg in der Ukraine tritt die Energiewende auf der Stelle. Frustriert dich diese Situation?

Frustriert ist das falsche Wort; ich bin schockiert. Schockiert, dass Deutschland nicht aus der Vergangenheit lernt und dieselben Fehler immer und immer wieder macht. Es ist nicht zu glauben, dass die Debatten seit über 15 Jahren immer dieselben sind. Die Diskussionen von heute wurden bereits 2008, 2010 und 2014 genauso geführt. Es sind dieselben Argumentationsmuster ob angeblicher Engpässe und Kosten, dieselben orchestrierten Kampagnen gegen die Energiewende, dieselben Verunglimpfungen gegen die Wissenschaft.

In meinen Büchern habe ich zuerst die Chancen der Energiewende erklärt und anschließend die falschen Argumente widerlegt. Die meisten Menschen haben das alles längst verstanden. Es fehlt nicht an Erkenntnis; es fehlt an politischem Willen.

Deswegen habe ich jetzt das Buch „Schockwellen – letzte Chance für sichere Energie und Frieden“ geschrieben. Darin benenne ich die Verantwortlichen für das aktuelle Energiedesaster in Deutschland. Wir löffeln heute die Suppe aus, die sie uns eingebrockt haben. Ich fände es empörend, wenn dafür niemand zur Rechenschaft gezogen würde.

Inmitten der Energiekrise gibt das Wirtschaftsministerium den Verbraucher*innen Spartipps: Alle sollen mit Deckel kochen und weniger heizen. Gleichzeitig werden weiterhin SUVs produziert. Wird beim Sparen zu wenig Fokus auf die Industrie gelegt? Oder muss die jetzt auch kalt duschen?

Energiesparen ist superwichtig. Das gilt für alle. Auch die Industrie spart erfreulicherweise, wie wir an den Daten sehen können. Hoffentlich nicht nur temporär, sondern dauerhaft. Auch die Haushalte sparen, aber wohl kaum wegen der Spartipps, sondern wohl eher aufgrund der schmerzhaft hohen Preise für fossile Energien.

Allein der Verkehrssektor ist mal wieder viel zu untätig: Der Tankrabatt verführt zu Verschwendung; ein Tempolimit würde Energie sparen. Statt die Bahn ausreichend zu unterstützen, wird weiter der Straßenbau favorisiert. Das geht alles in die völlig falsche Richtung.

Was bleibt uns nach dem Winter vom ganzen Sparhype? Kann die Energiekrise ein langfristiges Umdenken bei den Leuten bewirken, hin zu bewusstem Konsum und Suffizienz?

Ich wünsche es mir. Aber vergangene Krisen haben gezeigt, dass die Änderungen meistens nicht von großer Dauer waren. „Freiwillige Selbstverpflichtungen“ funktionieren leider nicht.

Und was dann?

Es bedarf Rahmenbedingungen, die dauerhaft den Überkonsum eindämmen und den Energieverbrauch reduzieren. Gut wären Förderprogramme im Gebäudebereich wie Abwrackprämien für fossile Heizungen. Oder, wie schon erwähnt, die Einführung eines 9-Euro-Tickets. Auch die Industrie kann enorme Mengen Energie einsparen und damit Kosten senken. Dafür benötigen wir eine Kombination von Maßnahmen, bei denen wir das Sparen fördern, die wahren Kosten einpreisen und uns endlich von fossilen Energien befreien.

Alle hoffen wohl gerade auf ein Ende der Energiekrise und auf ein Zurück zum „Energienormal“. Aber kann es das überhaupt geben? Oder wird es zu einem „endemischen“ Zustand kommen, zu einer dauerhaft knappen Situation im Energiebereich?

Das „Energienormal“ mit fossilen Energien ist Vergangenheit. Fossile Energien sind ohnehin teuer und jetzt werden sie auch noch knapp, also immer stärker umkämpft. Wir stecken längst inmitten eines fossilen Energiekriegs. Wer eine Normalität im Sinne von Frieden, Demokratie und wirtschaftliche Stabilität will, muss sich von fossilen Energien verabschieden.

Also sollten wir alles auf Sonne und Wind setzen.

„Energienormalität“ im 21. Jahrhundert basiert auf erneuerbaren Energien. Nur sie schaffen dauerhafte Resilienz und Versorgungssicherheit. Erneuerbare Energien sind im Überfluss vorhanden. Sie sind billig. Eine Vollversorgung aus erneuerbaren Energien ist zudem enorm effizient, da die konventionellen Energien geringe Wirkungsgrade haben und viel Energie verschwenden.

Das ist anders bei den erneuerbaren Energien. Der Primärenergieverbrauch sinkt massiv, weil und wenn wir Ökostrom endlich sofort und überall nutzen, wie beispielsweise in der Elektromobilität oder im Gebäudesektor die Wärmepumpe. Da wird kaum Energie verschwendet, durch sehr hohe Wirkungsgrade. Suffizienz pur.

Seit einigen Tagen ist die Polizei mit einem Großaufgebot in Lützerath, um das Dorf zu räumen. Gleichzeitig gräbt der Schaufelradbagger von RWE inzwischen direkt vor dem Ort. Was macht es mit dir, diese dystopischen Bilder zu sehen?

Die Bilder sind furchtbar. Der ganze Konflikt ist völlig aus der Zeit gefallen. Inmitten der schlimmsten Klima- und Energiekrise nutzen wir landschaftszerstörende Schaufelbagger statt Windräder und Solaranlagen? Das passt nicht zusammen! Und es ist sinnlos. Lützerath muss nicht zerstört werden.

Du hast selbst dazu geforscht.

Ja! Unsere Studie, aber auch andere Studien haben gezeigt, dass trotz Energiekrise und verstärktem Einsatz der bestehenden Kohlekraftwerke die existierende Kohle ausreicht. Lützerath wird zum Symbol für verfehlte politische Entscheidungen.

Du beschäftigst dich jetzt schon jahrelang mit der Klimakrise. Gab es im vergangenen Jahr trotzdem noch neue wissenschaftliche Erkenntnisse, die dich überrascht haben?

Stimmt. Ich beschäftige mich jetzt seit über 30 Jahren mit der Klimakrise. Wirklich neue wissenschaftliche Erkenntnisse sind mir dabei nicht mehr begegnet. Dass die Klimakrise kommt, ist schon längst klar. Allerdings hat über die Jahre die immense Deutlichkeit zugenommen, mit der sichtbar wird, dass und wie die Klimakrise weiter voranschreitet.

Also kommt es noch schlimmer als gedacht?

Die Erderhitzung verläuft noch schneller und intensiver, als viele Klimastudien vorhergesagt haben. Das ist genauso schockierend wie die Tatsache, dass zu wenig über die wahren Ausmaße berichtet wird. Statt über die Klimakatastrophe zu berichten, werden vorgebliche Durchbrüche bei der Kernfusion bejubelt und verschwiegen, dass wir auf deren Umsetzung Jahrzehnte warten müssten. Bis dahin wäre die Klimakatastrophe eskaliert.

Ich kann gut verstehen, dass diese Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln die Jugend und Klimaaktivist*innen verzweifeln lässt.

Du bist Teil des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU), der die Bundesregierung berät – und häufig auf taube Ohren stößt. Mit welchen demokratischen Mitteln und Instrumenten könnten wir erreichen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse zukünftig stärker in die Politik einfließen?

Es fließen durchaus wissenschaftliche Erkenntnisse in politische Entscheidungen ein. Das jüngste Beispiel ist die Gaspreisbremse, die auf Empfehlungen einer Expertenkommission erarbeitet wurde. Allerdings werden fälschlicherweise Empfehlungen, die mehr Klima- und Umweltschutz bedeuten, weiter marginalisiert bis ignoriert.

Die Politik tut so, als sei die Krise nicht da, dabei sind wir mittendrin. Nicht nur aus der Wissenschaft kommen immer lautere Mahnungen, sondern auch von höchsten deutschen Gerichten. Wir bräuchten dringend eine Expertenkommission mit hoher Durchschlagskraft und Dringlichkeit, um sowohl kurz- als auch mittelfristige Maßnahmen zu erarbeiten und umzusetzen.

Was könnte außer einer Expertenkommission noch helfen?

Zusätzlich wäre ein Rat für Generationengerechtigkeit mit Mitgliedern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sinnvoll, mit „suspensivem“, also aufschiebendem Vetorecht. So lässt sich vermeiden, dass rückwärtsgewandte und umwelt- und klimaschädliche Gesetze und Maßnahmen erlassen werden. Das Ganze ergänzt durch echte Bürgerräte.

Das Wissen ist da; die Methoden sind da. Wir könnten die multiplen Krisen bewältigen. Aber wir müssen endlich ehrlich hinsehen und vor allem wirklich anpacken!

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Wenn Du mehr von Claudia Kemfert lesen und hören willst, können wir Dir folgende Veröffentlichungen ans Herz legen:

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Am 28. Januar erscheint die nächste Ausgabe Treibhauspost. 

Bis dahin! Julien & Manuel

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