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Liebe Pfefferhasis und Newsletter-Abonnent*innen,

ich habe die vergangene Woche an der Ostsee verbracht, genauer gesagt in einer Jugendherberge direkt am Strand, wo ich gemeinsam mit meiner Freundin und Kollegin Celestine eine Foto-Werkstatt für Mädchen und junge Frauen zwischen 12 und 22 geleitet habe. Es war ziemlich anstrengend, aber vor allem war es schön. Es ist ein großes Privileg mit so wunderbaren jungen Menschen arbeiten zu dürfen, die nicht nur herzlich und talentiert, kreativ und humorvoll, reflektiert und kritisch sind, sondern auch bewundernswert stark und selbstbewusst. Es sind grandiose Fotos entstanden und zahlreiche weitere kreative Projekte und ich habe gemerkt, wie gut es mir tut, selbst kreativ zu sein, zu zeichnen, zu schneiden, zu kleben, zu fotografieren und zu schreiben. Ich hatte kaum mein Handy in der Hand in der letzten Woche und ich konnte die Außenwelt tatsächlich ganz gut ausblenden. 

Als ich dann doch mal ein Handy in der Hand hatte, hat Celestine schnell dieses schöne Foto gemacht: 

Aber die Welt hat sich natürlich weiter gedreht und während mir Teilnehmerinnen von ihrer Flucht aus dem Jemen oder der Ukraine erzählten, kamen mehr grausame Details von illegalen Pushbacks an den EU-Außengrenzen ans Licht, wurde in Italien ein Nigerianer auf offener Straße zu Tode geprügelt und nahm sich in Österreich eine engagierte Ärztin das Leben, nachdem sie monatelang von selbsternennten „Querdenkern“ terrorisiert wurde. Ich habe alle Meldungen wie immer für den Wochenrückblick aus feministischer Perspektive recherchiert und zusammengefasst. 

Richtig wütend bin ich geworden, als diese Woche erneut die Tränen einer weißen Frau Schlagzeilen machten, die sich rassistisch geäußert hatte, mit der Kritik daran dann aber nicht umgehen konnte. Überhaupt scheint es Sarah Kuttner, Autorin und Moderatorin, offenbar eine Herzensangelegenheit zu sein, sich für rassistische Sprache einzusetzen. Im Podcast von Matze Hielscher, wo sie mit Kollegin Katrin Bauerfeind zu Gast war, reproduzierte sie mehrfach die rassistische Fremdbezeichnung für Schwarze Menschen und erklärte, sie fände es „superschwierig“, dass man das N-Wort nicht mehr verwenden dürfe. Es ist nicht das erste Mal, dass Sarah Kuttner für das Benutzen des N-Worts kritisiert wird. 2012 reproduzierte sie den Begriff bei einer Lesung aus ihrem Roman „Wachstumsschmerz“. Ein Besucher der Veranstaltung zeigte sie wegen Beleidigung an. Kuttner reagierte zwei Tage später in einem Facebookpost, bei dem sie sich „zutiefst erschrocken“ zeigte. Eine Rassistin sei sie natürlich nicht. Ihr ehemaliger Kollege beim Musiksender VIVA, Mola Adebisi, sieht das anders. „Sie hat rassistische Witze bei Viva gemacht“ [CW für den Link, rassistische Sprache wird hier unzensiert reproduziert], sagte der Moderator damals. Kuttner sei damit durchgekommen. 

Dazugelernt hat die heute 43-Jährige in den vergangenen zehn Jahren offenbar nicht. Nicht nur, dass sie das rassistische Wort benutzt, sie sieht sich auch erneut zu Unrecht beschuldigt. Am Donnerstag postete sie ein Video von sich, in dem sie sich „verheult“ (ihre Worte) erklärt. Sie habe ja nur „darüber reden wollen“, habe „nur Fragen“ gehabt und nichts „Böses im Hinterkopf“. Dieses Video ist schwer zu ertragen. Nicht nur relativiert sie ihren Entschuldigungsversuch, indem sie versucht zu erklären, dass sie es ja nicht so gemeint hätte („ich wollte nur über Sprache reden, ich liebe Sprache“) und nicht so richtig locker lassen will (ein Wort sollte „wie ein Gedanke frei sein“), sie stellt sich selbst als Opfer dar (sie „stand dumm im Raum“, habe „so viel böses erlebt“ und ihr „Nervenkostüm“ mache das nicht mit) und sieht sich als Opfer eines Shitstorms. Statt eines öffentlichen Outcalls hätte sie sich gewünscht, dass der direkte Kontakt gesucht worden wäre. Das zeugt von so viel Entitlement! Sie reproduziert öffentlich(!) rassistische Sprache, möchte aber, dass die Kritik daran nicht-öffentlich geäußert wird. Außerdem sagt sie „mein Großvater ist Ägypter“ und jetzt würde sie eine „Woche Internetpause machen“, um sich zu erholen. Am Ende sagt sie dann noch: „Was immer ich da doof gemacht hab“ es sei „keine Absicht, aber ich möchte Reden dürfen“

Uff! Weiße Tränen als Antwort auf Kritik sind so alt wie die Erfindung der „Rassen“. Ann-Kristin Tlusty thematisiert sie in ihrem Buch „Süss – Eine feministische Kritik“. Sie schreibt: „Ist ein Tränenselfie die adäquate Antwort einer erwachsenen Frau auf den Vorwurf, unangebrachtes Vokabular verwendet zu haben – sich selbst für unschuldig, da verheult zu erklären? Einfach um öffentlichen Trost und Nachsicht zu bitten, anstatt sich zumindest zugleich klar zu den Vorwürfen zu positionieren?“ Ob im Fall von Sarah Kuttner diese klare Positionierung stattgefunden hat, ist zumindest in Frage zu stellen, jedenfalls hat sie angewandt, was Tlusty als „strategische Zartheit“ bezeichnet, das „bewusst oder unbewusst“ eigesetzte „Privileg weißerFrauen“, der gegenüber die „angry black woman“ steht, ein rassistisches Stereotyp, das Schwarze Frauen zu Angreiferinnen macht, wenn sie sich in Wahrheit nur gegen Rassismus wehren. Die Schwarze Kabarettistin und Autorin Michaela Dudley schrieb diese Woche in einem Kommentar für die taz: „Privilegierte Feministinnen und ihre Fürsprecherinnen haben grundsätzlich das Recht, die Welt von ihrer Warte aus zu beschreiben, ohne Weitsicht oder Nächstenliebe zeigen zu müssen. Sie müssen uns auch nicht den roten Teppich ausrollen – aber wir sind keine Fußmatten. So sollten sie sich nicht wundern, dass es noch lange nicht leise wird. Gerade dadurch wird die Gesellschaft unaufhaltsam bunter und reflektierte Frauen jeglicher Couleur werden die Strukturen der Diskriminierung gezielt und gemeinsam bekämpfen.“

Ich danke an dieser Stelle Jasmina Kuhnke, die sich (vermeintlich) unermüdlich gegen Rassismus einsetzt und deshalb Ziel von rassistischen Angriffen wird. Ihr gilt meine ganze Solidarität.  

Leider war Sarah Kuttner diese Woche nicht die einzige Person, die sich für die Verwendung rassistischer Sprache stark machte. Auch an der Uni Köln gibt es dazu eine aktuelle Debatte. Im Wochenrückblick ist das genauso Thema wie der kaum aushaltbare Alman-Cringe im ZDF-Fernsehgarten heute morgen.  

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Melina Borčak

Dissens Podcast

Queermed Deutschland 

Das war es für diese Woche mit dem Newsletter. Habt es gut diese Woche und passt auf einander auf,

Ulla

 

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