Near light - Das Wort der Zuversicht für 2022

Es ist kalt und dunkel. Der Himmel ist sternenklar. Die Sterne funkeln in der Unendlichkeit und mit unseren sehnsüchtigen Blicken versuchen wir ihr faszinierendes Licht einzufangen.

In dem Moment, in dem wir uns wünschen sie greifen zu können passiert es. Als ob jemand sie vom Himmel abseilt, senken sie sich ab, für uns. Wir freuen uns auf den Moment der Berührung.

Sie sind nah, fast auf Augenhöhe. Wir wollen sie fassen, endlich haptisch erleben doch vergebens.

Im diesem Augenblick bemerken wir, dass sie uns berühren. Mit Ihrem Licht. Mit ihrem durchdringenden, warmen Licht.

Near light. Near warm light.

Paul Worms

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Nun möchte ich zu einem wunderbaren und wie ich finde speziellen Song ein paar Notizen loswerden: NEAR LIGHT. Es passt gut zum Jahresbeginn, weil es diese Idee von "Bisheriges Hinterfragen" hin zum "Aufbrechen zum Sinnhaften" darstellt.

Mit Paul war ich 2019 bei Ólafur Arnalds im Konzerthaus Berlin:

https://vm.tiktok.com/ZM8Ks4rc6/

Es ist das zweite Setup von seiner allseits beliebten Living Room Sessions Platte. Das Besondere an diesem Stück ist, dass Ólafur seine Schwester und Mutter in den Schaffensprozess einbezogen hat. Ólafur experimentiert in diesem Stück mit Synths und verbindet somit elektronische Musik mit neoklassischen Zügen. So entsteht sozusagen im Crossover ein weiterer Crossover.

Neben dem Video, wo das Chamber-Orchester, seine Schwester und Mutter zu sehen ist, gibt es auch ein offizielles Musikvideo von NEAR LIGHT. Es ist wie so oft zu der damaligen Schaffenszeit eine Comic Gestaltung. Es zeigt einen Mann im mittleren Alter, der seinen Büroalltag fristet und frustet.

https://www.youtube.com/watch?v=0kYc55bXJFI

In den ersten Taken sieht man Dreiklänge. Spannend ist, dass der mittlere Ton des Dreiklangs allerdings im Sopran gespielt wird. Das macht den Beginn schon spannungsreich und man gelangt in eine Erwartung, was da wohl kommen würde…Beispielsweise befindet sich schon im ersten Takt das D bei D2 im Sopran.

Obwohl das Notenbild klar und pointiert ausschaut, schmückt Ólafur die gemischten Moll und Dur Dreiklänge abwechselnd mit Nonen und auch Septimen in seinen Dreiklängen. Nonenakkorde bringen mehr Farbe, Charakter, Energie und Lebendigkeit mit hinein. Aus der ersten Analyse von Hægt, kemur ljósið wissen wir, dass Durseptakkorde zierlich ,zart , sensibel und nachdenklich wirken können.

So mischt Ólafur ein Bild von verspielt nachdenklicher Melancholie, in der schon das Licht immer mal in den Nonen durchblitzt.

Das Mischen der diversen Töne in das Dur macht das Stück besonders charakterstark. Es wirkt wie Moll, aber nicht nur traurig, sondern in der Melancholie blitzt Spannungsreichtum von Dunkel ins Hell hinein. Mir fällt es sehr schwer zu sagen, ob das Stück in D-Dur oder H Moll daher kommt. Wahrscheinlich D-Dur. Ich mag jedenfalls die Mischung von Dur und Moll und das ist auch Immer wieder Stil von Ólafur, dass sich die Tonfarben mischen und gegenseitig bestärken. Vielleicht muss es auch nicht immer so klar definiert sein, in welcher Tonart ein Stück gespielt wird. In der neuen Musik, schon seit Debussy, über Schönberg und Cage wird das bis heute hin atonal sehr in Frage gestellt, de- und konstruiert. Obgleich ich Ólafur Arnalds nicht direkt in diese Reihe einordnen würde - Ist das überhaupt nötig? - Lässt er sich sicherlich daraus inspirieren.

Violine I setzt in Takt 5 mit f#, der Terz von D ein. Bis zum markanten Wechsel in Takt 11 bleiben die beiden Violinen (jeweils einzeln gespielt über dem D1).

In Takt 9, ziemlich am Anfang, auch wo die Violine II. an den Start geht und als Zweites ein E im Streicher erscheint, bringt die Violine den fis zum fis7 Akkord. Diese Farbänderung fühlt die Nachdenklichkeit des Mannes im Büro nach. Ein wichtiger Akkord vor Takt 11, wo die Progression des Pianos und auch damit des Mannes im weiteren Verlauf der Geschichte beginnt.

In Takt 11 beginnt Ólafur wie in Hægt, kemur ljósið 

https://michaelnickel.co/studies/

mit den Sechszehntel auf dem Klavier einen dynamischen Aufbau. 

Just in diesem Moment sieht der Mann das erste mal ein Licht in der Ferne, als er aus seinem karg-grauen Büro rauskommt. Was ich an Ólafur’s Dramaturgie besonders schätze ist, dass die Melancholie und Traurigkeit sich weiter mit der Perspektive der reingegebenen Hoffnung entwickelt. Es entsteht in der musikalischen Dramaturgie von Ólafur eine tragende unsichtbare, aber in den Tiefen hörbare Linie, mit der Hoffnung und Melancholie im Wechselspiel einander wachsen und die Hoffnung sich in Form des Lichtes mehr und mehr breit macht und die Melancholie eben nicht oberflächlich bekämpft - als sei sie was Schlechtes, sondern vielmehr ausfüllt und ergänzt, ja erst hoffnungsvoll macht.

Ab Takt 23 kommt das hörbare Legato der Violinen von Sekundensprüngen und dann in den Hoffnungsvolleren Terz-Legato in Takt 24 hinein, welches den - man könnte sagen Refrain, dritten Teil oder Höhepunkt in Ólafurs Werk darstellt. 

Der dynamische Spannungsaufbau wird erstmal aufgelöst, oder passender gesagt übertragen - Der Synth mit Beat kommt hinzu. Ab Takt 21 kommt die Vorahnung des Synths mit einem wunderbaren Noise von einem „Flattern“. Man fühlt und sieht die Sterne aufblitzen, das kommende Licht erahnt man, hofft, ja spürt man. Der Synth übernimmt nun die tragende Rolle, den Lead, unterstützt von den Legato-Violinen und der Bratsche + Cello, welche die tiefe Sicherheit mit Terzen, basiert auf dem G geben. Das G hat in diesem Stück, oft auch in D-Dur /Hm wie ich finde, einen warmen und sicherheitsgebenden Charakter.

Es fühlt sich so an, als liefe alles auf Takt 25 hinzu. Dort entlädt sich alle Tristesse des kargen Hamsterrad-Lebens. Der Zug nach Soeng fährt los. Was hat es bloß mit Soeng auf sich?

Bei Takt 25 beginnt der „Refrain“ mit einem Gadd9 und wechselt mit Gmaj7 - das findet sich auch schon in Takt 14 so wieder, wo eben das Cello reinkommt. Hier kommt eine Synergie von Wärme, Energie und ein Stück Sicherheit in das Stück.

In Takt 26 - wenn man den Anfangsakkord von allen Instrumenten nimmt, erscheint ein 6/9 Akkord. Die Sexte gibt ein wenig Entspannung und Verspieltheit mit in die Energie und Wärme der None.

Takt 27: Die Streicher und das Klavier spielen Terz und das gibt einen öffnungsvollen Charakter.

Generell das abwechselnde Spiel von Sekunden und Terzen bringt A6/9. Auch hier: Die Sexte kommt durch den Synth hinein und gibt als Dursext Verspieltheit und auch eine gewisse Ruhe hinein.

Auch in der Lautstärke gibt es von Mezzoforte zu Forte und zu Mezzoforte ein abwechselndes Spiel. Das ganze Stück lebt von einer steigenden Dynamik, in der es immer wieder leiser und lauter, entspannter und spannungsreicher in der Harmonie wird.

Die Sexten im Stück geben die Spannung von Ruhe und Bewegungsdrang, welcher der Mann offensichtlich sehr verspürt. Die Quinte gilt seit dem 14.Jahrhundert als vollkommene und die Sexte als unvollkommene Konsonanz. Es entsteht durch die Erwähnung von Sexten ein Charakter des Schwebens.

Die Synths stellen das Licht da.

Die abfallende Melodie, zum ersten mal in Takt 27: E D C# A H erinnert mich an die wunderschöne Melodie in der 9. Symphonie von Dvorak (H D C# A H) - Spannend ist, dass das H mit dem G im Bass komplementiert wird. Das G ist der Ton der Wärme und Geborgenheit in diesem Stück. Der Melodieverlauf spielt die melancholische Freude von Ólafurs Schaffen dar: Er beginnt mit dem höchsten Ton und geht mit einer Sekunde, dann einer Prime und dann einer großen Terz nach unten und dann eine Sekunde nach oben. Schon in solch einer simplen und kleinen Fragmentur zeigt sich die Spannung, die zunimmt und dann wieder sich entspannt.

Während des „Refrains“ (Zugfahrt) durchfliegt der Mann das Bürochaos und überwindet diesen Lifestyle. Den Zufluchts- oder passender Sehnsuchtsort Soeng spiegelt eine versteckte Botschaft dar: Es ist ein Ort, dessen Name entmythologisiert „fast unten“ oder „unten“ bedeutet.

Als er in Soeng angekommen ist, so kurz vor halb acht, könnte man als Feierabend bezeichnen. Ein Mensch, der endlich in Ruhe Feierabend machen kann. Es geht also nicht dem Alltag zu entfliehen (daher ist Zufluchtsort nur bedingt richtig). Ich spüre die Musik von Ólafur möchte mit dem Video das Narrativ kreieren, dass es es wichtig ist, bewusste Phasen im Alltag zu haben, wo man wirklich „runterkommt“. Daher auch die positive Bedeutung von Soeng: „unten“.

Im Video beginnt der Mann seinen Tag um 3:57. Eine unfassbar frühe Uhrzeit für einen Menschen, der im Büro arbeitet. Hier erzählt Ólafur wohl die Geschichte eines getriebenen Menschen, der komplett in seiner Arbeit versinkt, seine Identität wohl darin versieht, dabei jedoch sich selbst verliert und kurz vor dem Burnout steht.

Wenn mir eine persönliche Komponente erlaubt sei hier rein zu bringen, dann habe ich das gleiche Gefühl 2016 erlebt. Es gab Tage da trottete ich vor mir her, in den Park und aus den Park, ich war völlig bereit mich von einem Zug Richtung Soeng abholen zu lassen.

Wenn man dieses Video mit dem Live-Video in Verbindung bringt, wo Ólafur mit Schwester und Mama das Stück aufnimmt, kann man daraus interpretieren, dass sich für Ólafur die Familie der Ort des Lichts darstellt. Es geht nicht um eine selbstbezogene Flucht aus dem Alltag, sondern um konstruktive Beziehungen in seiner freien Zeitgestaltung. Die erste Filmsequenz in dem Livevideo ist auch ein Familienbild. Das würde passen. Für Ólafur ist Familie also der, man würde im Hebräischen sagen: Shalom-Place. Interessant ist hier, dass tiefes Glück zusammen geteilt

Bis zum Ende zieht sich das Licht nicht nur durch, sondern scheint immer mehr durch, als der Beat aufhört, dann die tieferen Streicher Cello & Viola in Takt 36 enden.

An diesem Punkt wird auch das Klavier ruhiger und Wechsel von 16tel zu 8tel.

Der Letzte Ton ist ein D5 - Ein in der Popmusik sogenannter „Powerchord“. Dieser Akkord hat die Charakteristik, dass er offen lässt - ob er als Moll oder als Dur interpretiert werden kann. So ist das Ende offen, wie das Leben in die Zukunft immer offen, aber auch immer Grund für Hoffnung bietet. Die Violinen, die so viel Terz Legato gespielt haben, haben nun wieder mal ihren Auftrag erfüllt und den Mann in die Freiheit katapultiert. Er kann Moll und Dur in sich vereinen. Er ist dem Licht nahe und doch bleibt die Melancholie Teil des Wesens. Selbst wenn es traurige Momente gibt, dürfen sie mit einem freudigen Herz empfangen werden.

Ich wünsche Dir für 2022 eine voller Neugier geprägte Zeit mit Momenten, die dich überraschen werden.

Michael 

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