Kunst und die Rede von Gott - Warum religiöse Kunstwerke mehr sind als Illustration oder Deko

Ich ziehe seit Jahrzehnten nomadisch durch das Internet, errichte mir irgendwo eine virtuelle Heimat, hege und pflege sie, bis ich sie wieder verlasse und weiterziehe. Inzwischen gibt es hier und dort Web-Ruinen, die ich früher einmal bewohnt habe. Ihre Einrichtung ist stellenweise noch da, es mögen sich noch immer von Zeit zu Zeit einzelne Leser*innen finden, die sich kurz niederlassen, in einen Artikel hineinlesen und dann weiterziehen.

Neulich habe ich eine dieser Ruinen wieder aufgesucht. Sie heißt marburger syndikat.

https://marburgersyndikat.wordpress.com

  In ihr finden sich Rezensionen, Betrachtungen, Tagebücher und Aufsätze, die stellenweise über 10 Jahre alt sind. Das hat mich unangenehm berührt. Ich mag es nicht, meinem jüngeren Selbst zu begegnen. Ich hasse die Vorstellung, die Zeit könnte stillstehen. Und das Gefühl, in der Zeit zurückzugehen, ertrage ich gar nicht. Ich neige deshalb auch nicht zu Nostalgie. Antiquariate oder Museen mit alten, verstaubten Möbeln, Kleidung oder Puppen verursachen bei mir körperliche Übelkeit.

So schlimm war mein Besuch beim marburger syndikat dann aber gar nicht, denn ich fand eine Artikelreihe, die ich mit Interesse las. Es sind meine Berichte aus Kapstadt aus dem Jahr 2010. 

https://marburgersyndikat.wordpress.com/2010/10/29/cape-town-2010-notizen-teil-1/

Vom 17. bis 24. Oktober fand dort ein internationales Treffen von vor allem evangelikalen Christ*innen aus allen Erdteilen statt. Gastgeber war die 'Lausanner Bewegung', "eine überkonfessionelle evangelikale Bewegung mit dem Ziel, Kirchen, Konfessionen, Organisationen, Netzwerke und Einzelne zu mehr Engagement bei der Evangelisation der Welt zu bewegen." (Wikipedia)

https://de.wikipedia.org/wiki/Lausanner_Bewegung

Es ging um die Frage, welchen Herausforderungen sich Christ*innen in der Welt gegenübersehen und wie sich unter den gegebenen Bedingungen ein überzeugendes Christsein leben lässt. 

Kapstadt 2010

Ich nahm als Vorstandsmitglied der 'Arbeitsgemeinschaft Jugendevangelisation' teil, obwohl ich wusste, dass meine Zeit als aktiver christlicher 'Vollzeitler' wenige Monate später zuende gehen würde. Eine Erbschaft hatte mich in die Lage versetzt, die Teilnahmekosten selbst zu bezahlen. Meine Berichte von damals lassen erkennen, dass ich vieles, was ich während des Kongresses an gelebtem Christsein beobachten konnte, nicht besonders überzeugend fand. (Anderes schon, doch das beobachtete ich in den seltensten Fällen an Vertretern aus Europa und Nordamerika.)

 Die Begegnung, die für mich die nachhaltigste und prägendste gewesen ist, die Begegnung mit einem Mann namens William Taylor aus den USA, wird von mir nur äußerst kurz erwähnt. Anscheinend war mir nicht bewusst, wie bedeutsam sie für mich gewesen ist. Dabei führte sie dazu, dass ich mich drei Jahre später als Künstler selbständig machte. 

https://marburgersyndikat.wordpress.com/2010/11/02/cape-town-2010-notizen-teil-4/

 ("Mit einem der Dialoggruppenleiter, William Taylor, gesprochen. Sagte ihm schlicht, ich hätte eine Identitätskrise, ob er mir helfen könnte. Er war sehr freundlich, geradezu väterlich, was mir sehr guttat. Ich erzählte ihm von meinen bevorstehenden Veränderungen und von der Tatsache, dass ich plötzlich Kunst produziere, die im evangelikalen Rahmen auf wenig Gegenliebe stoßen würde. Er malte mit einigen wenigen Strichen präzise meine derzeitige Gefühlslage und gab mir sehr hilfreiche Tipps. Das war toll. Er meinte, ich solle mich drauf einstellen, dass das noch ein paar Jahre so weitergehen würde. Na dann.")

Die 'Dialoggruppe' trug den Namen 'Mission & the Arts'. Es wurde eine unterkomplexe Kunsttheologie vermittelt, über die ich nur den Kopf schütteln konnte. Und dennoch traf ich hier Menschen, von denen ich mich verstanden fühlte. Letztlich ist es dieses Verständnis gewesen, nicht ihre durchschlagenden Einsichten in das Wesen der Kunst, das mich motiviert hat, weiter Kunst zu machen. Eine Tatsache, die ich mir merken werde: Künstler*innen treiben nicht deshalb Kunst, weil sie genau verstehen würden, was sie tun. Sie tun es, wenn sie sich darin akzeptiert fühlen - von sich selbst und anderen.

Was ist 'richtige' Theologie?

Was mich beim Durchlesen meiner über zehn Jahre alten Berichte stutzen lässt, ist dieser Absatz: "Treffen der deutschen Delegation. R. H.s Antwort auf die Kritik, es würde hier zu wenig ‚richtig’ (meine Bezeichnung) theologisch gearbeitet: Der theologische Zugang über Geschichten ist typisch für die Zwei-Drittel-Welt. Wir können uns angesichts der zunehmenden zahlenmäßigen Dominanz der Kirche des Südens darauf einstellen, dass das eher noch zunehmen wird."

Was ist 'richtige' Theologie? Anscheinend besteht sie nicht darin, Geschichten zu erzählen. Vielmehr sollte sie, das scheint mir hier gemeint zu sein, wissenschaftlichen, rationalen Kriterien folgen. Die Kritiker bemängelten, dass das auf dem Kongress zu wenig getan worden sei. 

Ist das so? Kann gute Theologie nicht narrativ sein, reichen Geschichten nicht, um erschöpfend über Gott und den Glauben zu reden? Das führt mich zurück zu unserer derzeit aktuellen Folge von Cobains Erben. 

https://cobainserben.de/uncategorized/das-geheimnis-der-schrift-wie-das-alphabet-unsere-art-zu-denken-beeinflusst/

Jay und ich diskutieren dort Aussagen, die Michael Blume in seinem Buch 'Rückzug oder Kreuzzug  - Die Krise des Christentums und die Gefahr des Fundamentalismus' macht. 

Um es kurz auf den Punkt zu bringen (und das ist keine These von Michael Blume, sondern anerkannter Forschungsstand): Die uralten Texte der Hebräischen Bibel geben bekanntlich nicht etwa möglichst präzise, 'wissenschaftliche' Aussagen über Gott wider, sondern sie erzählen Geschichten. Das liegt auch daran, wie das semitische Alpahabet beschaffen ist, das keine Zeichen für Vokale, sondern nur für Konsonanten kennt. Leser*innen müssen deshalb Vokale sinngemäß ergänzen. 

Das führt zu Mehrdeutigkeiten, weil es vorkommt, dass dieselbe Buchstabenfolge mehrere Worte bedeuten kann. Eine im wissenschaftlichen Sinn präzise Sprache ist nicht oder nur erschwert möglich. Und das gilt nicht nur für die heiligen Texte, sondern auch für die, die sich von ihnen ableiten und sich auf sie beziehen: Alles Geschriebene bietet die Möglichkeit mehrerer Deutungen, aber auch die des Fortschreibens. Den Text zu respektieren bedeutet in diesem Fall eben nicht, ihn möglichst präzise auszulegen, sondern mit ihm zu arbeiten und in ihm zu leben, ja sogar, die Geschichten weiterzuerzählen. 

Anders ist es mit den sogenannten 'japhetitischen Alphabeten', besonders des griechischen, das Vokale kennt, was eine viel präzisere Formulierung erlaubt und kulturhistorisch gesehen zu den Wissenschaften geführt hat. Rabbiner Jonathan Sacks hat das in der Aussage verdichtet, der Hellenismus habe dem Westen die Wissenschaft geschenkt. "Wenn [dagegen] die hebräische Bibel etwas erklären will, präsentiert sie keine Theorie. Sie erzählt eine Geschichte."

Es ist im Judentum also üblich, anhand von Geschichten Theologie zu treiben. Das westliche mindset mag das als minderwertig empfinden, aber angesichts ihrer eigenen heiligen Texte sollten westliche Theologen mit dieser Ansicht vorsichtig sein. Möglicherweise ist es ja immer schon die plausibelste Art gewesen, über Gott zu sprechen und nachzudenken. 

Jesus von Nazareth, Erzähler

Jesus von Nazareth muss dieser Meinung gewesen sein, denn er hat keine systematische Theologie hinterlassen, sondern ein großes Repertoire an äußerst vieldeutigen Geschichten, mit denen er das Leben mit Gott und die alltägliche Gegenwart seiner Herrschft umschrieb. 

Unser Hörer Jannik hat sich auf unsere letzte Folge mit einem interessanten Kommentar gemeldet, den ich hier unkommentiert widergebe: "Hallo! Tolle Folge mit super Gedanken von euch! Danke! Eure Ausführungen, dass Geschichten Räume eröffnen, erinnern mich an Aussagen von Ernst Fuchs (evang. Theologe), dass Jesu Gleichnisse 'Erlaubnis' sind. Durch das Erzählen sollen keine Informationen gegeben oder Gedanken illustriert werden, sondern die Gleichnisse befördern die Zuhörer ins Gottesreich, verwandeln die Wirklichkeit auf eine neue Möglichkeit hin. Das Trennen von Bild- und Sachhälfte ist somit verfehlt: 'Will nicht das Gleichnis selber ... Deutung sein? Ein Gleichnis sollte also keiner Deutung bedürfen, denn das hieße, die Deutung deuten.''"

Geschichten, Bilder, Lieder, Gedichte, Skulpturen, Dramen ... haben nach westlicher Ansicht den 'Nachteil', dass sie mehrdeutig sind. Deshalb ist unsere erste Frage an ein Kunstwerk häufig: "Was soll das bedeuten ...?", denn die Mehrdeutigkeit empfinden wir als Spannung, die wir zu einer Eindeutigkeit hin auflösen möchten. Aber man kann den Spieß auch umdrehen. 

Wenn es um die Rede von Gott geht, deuten sowohl die jüdische als auch christliche Tradition darauf hin, dass dieser 'Nachteil' in Wirklichkeit ein Vorteil ist. Fast scheint es so, als wäre der interpretative Spielraum der Mehrdeutigkeit von Anfang an ganz im Sinne der Gottheit gewesen. Die Künste dürfen also ganz unbefangen an dem Tisch Platz nehmen, der bisher immer von der wissenschaftlichen Theologie reserviert zu sein schien.

Mein Freund Marco Michalzik hat mir neulich erzählt, wie er als Dichter bei einem Symposium evangelischer und katholischer Theologen aufgetreten ist. Nach seiner Lesung sei einer der leitenden Theologen ans Mikro getreten und habe sinngemäß gesagt: 'Nachdem der Dichter gesprochen hat, können wir Theologen eigentlich schweigen.' 

Vielleicht stimmt das öfter als man denkt.

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