Zum Hauptinhalt springen

Zeit der Veränderung

Twitter. [Tiefes Seufzen, weil es für uns alle der 387. Meinungstext darüber ist]

Gefühlt begleitet Twitter mein Leben seit schon immer, tatsächlich aber erst seit 14 Jahren. Damals war alles noch sehr klein und niedlich, jemand mit 1000 Followern galt als quasi berühmt. Nach und nach folgten wir uns unseren kleinen Stamm aus Lieblingsaccounts zusammen, wurden selber auch wahrgenommen und alles fühlte sich nach einem gemütlichen Miteinander in einer durchgesessenen Sitzgruppe im eigenen Wohnzimmer an. Zum ersten Mal in meinem Leben wurde es für mich möglich, Menschen zu finden, mit denen ich mich auf Anhieb verstand, unter denen ich mich nicht sonderbar fühlte. Ich fand bei Twitter Freundinnen, Sexpartner und einen (mittlerweile Ex-)Ehemann. Twitter war mir viel mehr als eine technische Tummelplattform, Twitter war mir ein Zuhause.

Und über die Jahre überkam mich immer mal wieder der ungute Gedanke, was ich eigentlich machen soll, wenn es Twitter einmal nicht mehr gibt. Apokalyptische Möglichkeiten gab und gibt es ja genug: Cyberangriff auf die Server, Machtübernahme durch Faschisten mit anschließender Blockierung des ganzen Dienstes, you name it. Eine Antwort auf diese diffus bedrohliche Frage hatte ich nicht und deshalb hoffte ich einfach, dass Twitter einfach immer lebt. Fertig.

Doch Twitter begann sich zu verändern. Ich brauchte ein Gespräch mit meinem lieben Freund Björn (bei Twitter unter @ghostdog19 zu finden), um Jahre später zu verstehen, was sich eigentlich verändert hatte. Und nach dem Gespräch fragte ich mich, wie ich das nicht hatte wahrnehmen können.

Der kluge Björn sprach also, dass Twitter früher ein Wohnzimmer gewesen sei. Private Menschen sprechen über private Dinge. Man lacht, ist gesellig, postet ein schnelles Twitpic von dem Ort, an dem man sich gerade befindet, vielleicht gibt es hier und da eine kleine Rempelei, aber alles ist sehr freundschaftlich und individuell. Das war früher.

Als aber Unternehmen, Politiker und Nachrichtenmedien Twitter entdeckten, wandelte sich die komplette Natur des Dienstes. Twitter wurde selbst zum Medium, es ging nicht mehr um freundlichen Austausch über dies und das, sondern um Informationen, um freie Rede, um politische Themen. Wenn jemand bei Twitter etwas Dummes, Geschmackloses oder Fieses sagte, war das nicht mehr eine private Person, die bei Twitter etwas sagt, sondern sie wurde behandelt wie ein Medium. Als ob ihre Äußerung in einer großen überregionalen Tageszeitung oder im Fernsehen erschienen wäre. Quelle: Twitter.

Die Folge davon: Wir sahen die Accounts nicht mehr als die Menschen, die sie sind, sondern als Nachrichtenoutlet, als offizielles Informationsmedium. Und aus dieser Sicht heraus vergaßen wir zu verzeihen. Wir vergaßen, dass Menschen Fehler machen, dass sie mal einen schlechten Tag haben, dass sie manchmal vorschnell losplappern, ohne alles in der Tiefe durchdacht haben. Bei normalen Menschen darf all das vorkommen, bei offiziellen Informationskanälen nicht. Ein falsches Wort, ein falscher Tweet und man fand sich auf einem Schlachtfeld und Blockempfehlungen, Meldungen und Beleidigungen flogen einem um die Ohren.

Der Ton wurde hart, unversöhnlich, Gräben taten sich auf und Twitternde mussten sich plötzlich auf einer Seite positionieren. Man musste sich zu allem und jedem irgendwie verhalten, musste eine - möglichst informierte - Meinung entwickeln, Empörung auf der richtigen Seite zeigen, aber auch nicht zu schnell, sonst hieß es, man sei auf dem anderen Ohr blind. Aus einer Auseinandersetzung auf Stammtischniveau wurde plötzlich eine gesellschaftliche Debatte.

Dieses "möglichst informiert" wurde plötzlich zu einem Problem, denn seriöse Nachrichtenmedien sahen sich mit der Notwendigkeit konfrontiert, mit der Echtzeitberichterstattung von twitternden Privatleuten mitzuhalten. Der Journalismus, diese Vierte Gewalt, der in Demokratien eine so wichtige Funktion zukommt, wurde immer atemloser, immer hektischer. Hier ein Newsticker, da ein "Was wir bisher wissen und was nicht", dort eine Eilmeldung. Die Qualität der Artikel ließ nach, weil sie oft nur Twitterinhalte wiedergaben, deren Authentizität in der Kürze der Zeit ohnehin nicht zu prüfen war.

Der Gruppendruck auf Twitter war enorm und Sippenhaft wurde ein Ding. Bis heute finden viele es richtig, von den eigenen Followern Rechtfertigungen einzufordern, weil sie einem Account folgen, den die Fordernden als moralisch falsch einschätzen.  Wir sehen private Twitterer nicht als Menschen mit Fehlern, sondern als offizielle Herolde einer nicht näher definierbaren Institution.  

Irgendwo zwischen falsch verstandener Zivilcourage und einem zweifelhaften Medienverständnis blieb kein Raum mehr für Nachsicht und Menschlichkeit. All diese Entwicklungen gehen seit Jahren vor sich. Sie sind nie besser, sondern immer nur schlimmer geworden. Aber trotzdem brauchte ich das Gespräch mit Björn, damit es mir wie Schuppen von den Augen fällt.  Und ich kenne in meiner Blase niemanden, der nicht darüber klagt, dass Twitter so ist.

Auftritt Elon Musk.

Die Übernahme von Twitter durch den reichsten Mann der Welt hat zu einer Userflucht geführt, die meines Wissens in der Größenordnung einzigartig ist. Ich selbst habe hunderte Follower verloren. Ein Teil dieser Leute ist zu Mastodon abgewandert, einem dezentralen, also über mehrere Serverinstanzen, betriebenen sozialen Netzwerk. Mastodon fristete in der öffentlichen Wahrnehmung bisher eher ein Schattendasein, weil es (noch) zu klein war und sich überwiegend Techies dort aufhielten - Nerds, Computerleute, wie auch immer man sie nennen will. Mastodon war eher ein Nischenprodukt.

Und nun wurde es überrollt von dem nicht-technischen Pöbel von Twitter. Zu dem ich mich übrigens auch zähle, denn auch ich habe mir ein Profil angelegt. Und eine der ersten Beschwerden, die ich von den Twitterinvasoren las, war die, dass sie sich bei Mastodon so uninformiert fühlten. Da war er wieder, der Drang, aus einem Sozialen Medium ein offizielles Nachrichtenoutlet zu machen. 

Ich möchte seufzen und fragen: Habt Ihr denn nichts gelernt? 

Bei allen großen Dramen, Trgödien, Krisen der letzten 10 Jahre wurde deutlich, dass Twitter nicht als Informationsquelle taugt. Weil Tweets eben zu einem großen Teil von uninformierten Menschen stammen, die meinen, anhand eines verwackelten 8-Sekunden-Videos beweisen zu können, dass in Wirklichkeit die Ukraine Russland überfallen hat. Nach jeder Katastrophe tauchen Bilder und Videos mit Toten und Verletzten auf, von denen niemand sagen kann, wie und wann sie gestorben sind. Informationsgehalt? Praktisch gleich null. In Zeiten von Propaganda und Botnetze, die gezielt Falschinformationen streuen, sollte man Tweets ohnehin nicht mehr trauen, sonst landet man schneller bei den Aluhüten als einem lieb sein kann.

Am wertvollsten erschienen mir noch die Accounts von Polizei und Feuerwehr, die Gefahrensituationen, Suchmeldungen oder andere Einsätze twitterten. Und natürlich hat Twitter auch bei globalen Entwicklungen wie dem Angriffskrieg auf die Ukraine oder den Protesten im Iran eine Bedeutung. Vor allem die Proteste iranischer Frauen, die gegen ihre jahrtausendelange Unterdrückung aufstehen, sind in den "normalen" Nachrichtenmedien kaum vorhanden. Ohne Twitter wüssten wir nur einen Bruchteil über die Situation und die ungeheuren Opfer, die diese Frauen bereit sind, auf sich zu nehmen, um frei zu sein. 

Und dennoch finde ich es grundfalsch, jetzt bei Mastodon sofort nach den nächsten Informationen zu suchen, die uns empören, uns triggern, uns instrumentalisieren. Erlauben wir uns doch, wieder einfach Menschen zu sein. Ein paar Leutchen, die auf einer öffentlichen Plattform Dinge zeigen, die sie berühren oder interessieren.

Oder um es mit den Worten der Mastodon-Userin Sheril Kirshenbaum zu sagen:

"After 1 week on Mastodon, the biggest difference I notice compared to Twitter is the way each network makes me feel.

Twitter: Open, scroll… “Why are people so horrible to each other?”

Mastodon: Open, scroll… “Wow! There are so many interesting people in the world! I want to know more of them.”

I sense being here is changing my perspective of social media."

Ihre

Meike Stoverock

Wenn Ihnen meine Texte gefallen, können Sie meine Arbeit mit einer  bezahlten Mitgliedschaft unterstützen, und mich damit sehr glücklich  machen.

Nur Mitglieder, die Zugang zu diesem Post haben, können Kommentare lesen und schreiben.