wasserdampf

Routinen, die früher einmal vertraut waren und beinahe automatisiert ablaufen, fühlen sich plötzlich neu und fremd an. Als ich das erste Mal seit Monaten wieder Ohrringe anlegen will, dauert es länger als sonst. Das Loch ist schmaler geworden und widerspenstig, als ich den Verschluss hindurchstechen will. Ich muss den Stecker mit Kraft hindurch-piercen und kurz die Zähne zusammenbeißen. Am Abend schmerzen meine Ohrläppchen von dem ungewohnten Gewicht des Materials.

Das einzige Makeup, das ich noch benutze, ist Mascara. Doch vor einigen Tagen habe ich auch das Tuschen meiner Wimpern eingestellt, da der Wasserdampf, der unter einer FFP2-Maske bei Minusgraden noch einmal mehr entsteht, die Mascara zerlaufen lässt. Ich merke es erst beim Blick in den Spiegel, wenn ich an einem anderen Ort ankomme und mir die die Hände waschen gehen. Mein Spiegelbild sieht aus, als hätte ich bitterlich geweint. Unter meinen Augen sammelt sich schwarze Farbe, die von meinen blonden Wimpern hinab in die oberen Ränder der Maske ausläuft. Die Schminke, die ich normalerweise auftrage um äußerlich anders zu erscheinen, kehrt nun meinen Gemütszustand außen, während ich durch den Schnee gehe, atme und versuche zu erinnern, welcher Tag gerade ist und was gestern war.

Die Ereignislosigkeit der letzten Woche versetzt mein Gehirn in einen Dämmerzustand. Vor Kurzem entschuldigte sich eine Freundin bei mir, dass sie sich kaum meldet und sagte, dass sie es gerade einfach nicht hinbekommt, worauf ich ihr antwortete, dass es mir genauso gehe und und sie sich mir gegenüber nicht erklären müsse. Ich brauche gerade oft Tage, um auf Nachrichten von Freund_innen zu reagieren, weil ich es immer wieder vergesse oder in den Moment, in dem ich die Nachricht lese, zu abtriebslos bin, um direkt zu antworten. Ich finde es normal, gerade nicht von anderen zu hören, zu denen ich vorher mehr Kontakt hatte und lege es weder gegen mich noch gegen sie aus.

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Ich gehe oft nicht ans Telefon, weil ich ich es zum einen oft nicht höre, weil irgendwo in der Wohnung das Baby bei einem Versuch zu stehen umgefallen ist und weint oder ich im Zimmer meiner Tochter auf dem Teppich sitze und mir ihr spiele. Nachdem die Kinder schlafen, fühle ich nicht mehr in der Lage, mit jemandem zu sprechen. Ich möchte keine Geräusche mehr, nicht mal mehr reden. Die Pandemie ist nicht unbedingt besser wegsteckbar, nur weil man introviertiert ist. Denn wenn man mit anderen lebt, ist plötzlich das Alleinsein viel schwieriger als vorher. Wenn man zu lange aufbleibt, kann man es zumindest simulieren.

Ich telefoniere nicht, aber ich lese. Als Leserin kann ich die aufmerksame Zuhörerin sein, die ich gerade als Gesprächspartnerin nicht wäre. Ich kann das Tempo des Textes selbst festlegen und noch einmal einen Absatz zurückspringen, wenn meine Augen weitergelesen haben und mein Kopf kurz bei etwas anderem war.

Die in Büchern gedruckten Texte stammen zudem in der Regel aus der Zeit vor Corona, sodass die Sätze der Autor_innen mir ein Stück dieser Zeit zurückgeben und ich ihnen zugestehen kann, über ganz andere Dinge nachzudenken. Wenn ich gerade mit anderen spreche, sie optimistisch sind und Pläne schmieden, ziehe ich mich manchmal zurück, weil ich mir fehl am Platz vorkomme mit meiner gedrückten Stimmung. Die Klarheit von älteren Texten erscheint mir plausibler, während ich zu Menschen, die jetzt gerade unerschütterlich wirken, unbeeindruckt von der Pandemie sind, unbewusst auf Distanz gehe.

Die Klarheit anderer Autor_innen tröstet mich, weil sie mich hoffen lässt, dass meine eigene nicht für immer im Corona-Nebel verschwunden ist. Mir fällt es gerade schwer über Themen zu schreiben, die losgelöst sind vom Jetzt, weil ich nicht sicher sein kann, wie die Welt in einigen Monaten sein wird.

In den letzten Tagen habe ich so oft wie möglich in dem Essay-Band „Betrachtungen einer Barbarin“ von Asal Dardan gelesen, der vor einigen Tagen erschienen ist. Auf der Suche nach den passenden Worten, um ihr Buch zu beschreiben, fiel mir zuerst der Begriff ,wohltuend‘ ein, der jedoch für mich gerade etwas anderes meint, als wie er normalerweise verstanden werden könnte. Denn das Buch enthält keine leicht verträglichen Texte, keine heitere Lektüre und lenkt ganz sicher nicht ab von schmerzlichen Empfindungen. Denn Asal Dardan schreibt über die rassistischen Morde des NSU, Verbrechen des Nationalsozialismus, eigene Erfahrungen der Ausgrenzung, von familiären Konflikten und der lebenslangen Aufgabe, Vertrauen in andere und in sich selbst aufbauen zu können.

Das ist eine der vielen Stellen des Buches, die ich besonders mag.

Mich hat jeder einzelne Essay wieder auf andere Weise emotional und intellektuell bewegt und es ist selten, dass, wenn ich mehr Zeit habe, ich ein Buch nach einem Kapitel zur Seite lege, weil ich den Texten den Raum geben muss, zu wirken und ich noch lange von ihnen eingenommen bin. Die Texte von Asal Dardan sind zu mächtig, um sie an einem Wochenende wegzulesen.

Ich beschreibe das Buch als wohltuend, weil Asal Dardan auf eine Art und Weise schreibt, die mir zu der Aufmerksamkeit zurückverhilft, die ich vermisse. Ihre Essays sind gleichzeitig komplex und klar, sie sind präzise, persönlich und von einer aufrichtigen Wärme, die man im aktuellen Schreiben und Sprechen über Politisches so selten findet. Es braucht keinen kühlen Abstand, um sich klug und weitsichtig mit dem Weltgeschehen auseinanderzusetzen.

Das verbindet die Essays von Asal Dardan für mich mit dem Buch von Emilia Roig, das am Montag erscheinen wird. Emilia Roig hat das Center for Intersectional Justice gegründet und sie schreibt in „Why we matter. Das Ende der Unterdrückung“ darüber, wie verschiedene Diskriminierungsformen zusammenwirken und wie der Weg in eine wirklich gerechte, unterdrückungsfreie Welt aussehen könnte. Ihr Text wirkt beim ersten Lesen vielleicht ungewohnt, weil Emilia neben ihrer Fachkenntnis zudem ein sehr spiritueller Mensch ist und diesen Teil ihrer Persönlichkeit in ihren Texten nicht versteckt. Nicht kühl analytisch zu schreiben, sondern in etwas zu vertrauen, was man nicht sehen kann, macht eine politische Autorin verletzlich – umso stärker ist es, diese Seite von sich zu zeigen. Es hat mich anfangs Überwindung gekostet, mich auf Emilias Buch einzulassen; es war damit aber auch eine weitere Übung darin, die eigene Perspektive zu wechseln, sie zu erweitern und an mir selbst wahrzunehmen, wo ich Widerstände verspüre und was passiert, wenn ich versuche wirklich offen zu sein, wenn ich nur zuhöre und mich selbst ganz zurücknehme.

Digitale Lesungen und Gespräche

Heute, 13. Februar 2021

Emilia Roig präsentiert ihr Buch „Why we matter. Das Ende der Unterdrückung“ im Gorki Theater in einem Gespräch mit der Autorin Alice Hasters. Die Schauspielerin Abak Safaei-Rad liest Auszüge aus dem Buch. Der Livestream beginnt um 19.30 Uhr.

Montag, 1. März.2021

Das Literatushaus Berlin lädt zur Buchpremiere von Asal Dardans Buch „Betrachtungen einer Barbarin“, moderiert von Hano Loewy. Der Stream beginnt um 19 Uhr.

Sonntag, 14. Februar 2021

Streitraum: »Corona und der Backlash für Frauen«, 12 bis 14 Uhr Carolin Emcke im Gespräch mit Christina Clemm (Rechtsanwältin) und mir, Teresa Bücker (Journalistin und Autorin)

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