Bergfest 05 | Durchseuchung: Papa, wann werde ich geimpft?

Was man noch schreiben darf

Meine Tochter ist jetzt zehn und ihre Entwicklung ist auch dank Jason nicht unbedingt altersgerecht und typisch verlaufen. Aber was ist schon typisch? Sie überrascht mich immer und immer wieder und ich befürchtete lange Zeit, dass viele Überraschungen darin begründet sind, dass ich mich zu wenig um sie gekümmert habe und ich meine eigene Tochter einfach gar nicht vollumfänglich kenne. Mittlerweile habe ich akzeptiert, dass Kinder überraschen. 

Am Montag hatte sie ihren ersten Schultag an ihrer neuen Schule. Sie geht jetzt in die fünfte Klasse und ihre neue Schule ist die alte Schule ihres Bruders, der auf eine weiterführende Schule nach Kassel wechselte. Sie hat sogar das Glück Jasons Klassenlehrerin zu "erben" und dies erfüllt die gesamte Familie hier mit sehr großer Freude. Vielleicht haben wir aber auch einfach verlernt mit guten Nachrichten umzugehen oder hatten intensiven Good-News-Durst.

Aber ich wage mich trotzdem festzulegen. Diese Klassenlehrerin wird auf Grund ihrer Qualität mehr zur Entwicklung meiner Tochter beitragen als die Wahl des Schulzweigs, den sie nun besucht. 

Zum Einen hatte Jasons Schwester in ihrer bisherigen Schulzeit nie das Glück eine Klassenlehrerin für länger als ein Jahr zu behalten, aber das nach vier Jahren mit vier Klassenlehrerinnen Leona nicht nur die notwendige Stabilität auf dieser wichtigen partnerschaftlichen Position erfahren darf, sondern auch gleich noch eine so großartige und verständnisvolle Lehrerin erhält, erleichtert nicht nur meine Frau und mich, sondern eben auch Jason und natürlich auch Leona selbst. 

Ich durfte sie Montag morgen zur Auftaktveranstaltung begleiten. Coronabedingt war nur eine Person pro Schüler*in zur Begleitung zugelassen und trotzdem drängten sich zahlreiche Eltern in der Check-In-Schlange in Doppelbesetzung. Aus einem Brustton der Überzeugung heraus wurde argumentiert warum ihnen das keiner verbieten kann oder warum die Regelung einfach unsinnig ist oder eben das dies sowieso wieder keine kontrolliert. Diese Eltern waren sehr wütend über festgelegte Maßnahmen.

Es wurde kontrolliert. Friedlich, freundlich, aber stringent und so blieb es dann doch bei der ursprünglich festgelegten Regelung von einer Begleitperson pro Schüler*in. Trotzdem bin ich ein angepisst und das nicht wegen der Kurzsichtigkeit und der mangelnden Solidarität einiger Eltern, sondern weil ich ja auch unzufrieden bin.

Knapp über 10 Millionen Menschen besuchen aktuell eine Schule und sind auf die getroffenen Schutzmaßnahmen der jeweiligen Landesregierung angewiesen und diese lesen sich nach fast zwei Jahren und zu Beginn der vierten Welle, die aller Vorraussicht nach auch heftiger wird als die drei Wellen zuvor, wie ein Sammelsurium der Best of Gratis-Maßnahmen, die man unmittelbar nach Auftauchen des Virus als erste schnelle Reaktion ebenfalls schon als einzig verfügbare Schutzmaßnahmen präsentierte. 

Auch im zweiten Jahr der Pandemie gehen Schüler*innen in ein Schuljahr, das nur von kurzfristigen Reaktionen auf das Infektionsgeschehen geprägt sein wird, denn die enorm hohen Inzidenzwerte, die nun schon in einigen großen Städten in Nordrhein-Westfalen erreicht werden, münden zwangsläufig in ein Schleppen von Quarantäne zu Quarantäne in einer Taktung, die dann noch regional unterschiedlichen Kriterien unterliegt. 

Es ist Aufgabe den Bildungsauftrag sicherzustellen und nicht zwanghaft und unter Eingehen eines völlig unkalkulierten (oder ist es kalkuliert?) Risikos Schulen vollständig und nur unter Zuhilfenahme von rudimentären Schutzkonzepten und Lüftungsempfehlungen offen zu halten. 

Natürlich ist Schule mehr als Bildung und selbstverständlich möchte ich, dass meine Tochter in die Schule geht, aber zu allererst möchte ich sie keiner unnötigen Gefahr aussetzen und solange dies nicht vom Betreten des völlig überfüllten Schulbusses am Morgen bis zu ihrer Rückkehr nach Hause konzeptionell vollständig durchdacht ist und realistisch umsetzbar ist, lässt sich meine Wut nur schwer im Zaum halten. Die Entwicklung der Inzidenzzahlen in Laschet-Land müssten doch spätestens auch als Beleg taugen, dass diese schulischen Schutzkonzepte nicht viel taugen können. 

Die fehlende Bereitschaft zumindest in nicht oder schwer belüftbaren Räumlichkeiten in den Schulen Luftfilter zu installieren und stabile, funktionierende Distanzunterricht-Konzepte oder auch ein deutlich höherer Impfdruck auf gesunde Erwachsene oder die Prüfung von alternativen Bildungsorten einhergehend mit Gruppenverkleinerungen, die zumindest zusätzliche Abstände ermöglichen, sind da nur eine Säule, die meine Enttäuschung trägt. Die gesamte Handlungen der Politik beruhen auf einer Hoffnung, glimpflich dadurch zu kommen. Und glimpflich heißt man nimmt in Kauf, dass Kinder unter zwölf sich im Laufe der nächsten Monate infizieren werden. Für eine Durchseuchungsstrategie halte ich ja den Herbst für eine bescheidende Wahl, aber nun gut.

Für Long Covid gibt es aktuell noch keine vollständigen, klaren Diagnosekriterien. Man spricht von Long Covid wenn mehr als vier Wochen nach der Erkrankung noch Symptome oder Gesundheitsstörungen auftreten, die sich nicht anderweitig erklären lassen. Überschreitet die Dauer zwölf Wochen spricht man vom Post-Covid Syndrom. Die häufigsten Symptome sind  anhaltende Erschöpfungszustände, Atembeschwerden, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Konzentrations- und Schlafstörungen, Kopfschmerzen, depressive Verstimmung und Herzrhythmusstörungen.

Es gibt zahlreiche Studien, nicht immer mit identischen Methodiken, aber, eine Hospitalisierung zieht in einem Viertel aller Fälle Long Covid nach sich und die Studie mit dem geringsten Wert an Long Covid Patienten im Verhältnis zu allen Infektionen bei Kindern lag bei 1,8%. Das wäre bei Millionen Schülern schon ein Anteil, der mir Sorgen bereitet. Einerseits natürlich im Hinblick auf meine eigene Tochter aber natürlich auch auf Grund der Tatsache, wie rücksichtslos im tatsächlichen Handeln der Politik darüber hinweggesehen wird, zumal das was das an Schulkonstrukt aufrecht erhalten wird, sowieso kaum noch bundesweit einem ausreichenden Standard entspricht und zumeist durch herausragende Direktor*innen und Lehrkräfte vor Ort nur gemildert werden kann. Die guten Lehrer*innen gehen tendenziell an die gut ausgestatteten Schulen, wenn wir also über einen Lehrermangel sprechen, dann fehlen die aller Vorraussicht nach hauptsächlich an den Schulen, wo eine qualitativ, ausreichende Besetzung essentiell ist, bzw. wo nur gute Lehrer*innen und Direktor*innen in der Lage sind fehlende Ausstattung durch individuelle Einsatzbereitschaft, Einfallsreichtum und Engagement kompensieren können.  

Auch nicht ganz unproblematisch ist, dass wir als Familie in eine Situation versetzt werden, wo egal wie wir uns ganz persönlich verhalten und völlig gleichgültig welche Entscheidung wir treffen, wir unsere Tochter einer Situation aussetzen, die wir mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit bereuen werden. Ein widerwärtiges Gefühl, das ich nicht vergessen werde und das die gesamte Familie täglich bedrückt.

Am Montag Abend fragte mich meine Tochter wann sie geimpft wird. Sie bekam natürlich mit, dass Jason so große Sorgen hatte, dass er ungeimpft monatelang gar nicht mehr in die Schule ging und er selbst - jetzt vollständig - geimpft hohe Schutzmaßnahmen aufrecht erhält, während sie nun ungeimpft ins herbstlich-winterlich gelüftete Klassenzimmer einzieht und sich im Vergleich zum vergangenem Jahr an Rahmenbedingungen eigentlich rein gar nichts verändert hat. 

Okay, die Variante ist ansteckender und sie kann auch gesellschaftlich mit weniger Solidariät rechnen, denn natürlich werden die meisten jeden Schritt in die Normalität nutzen und das ist auch vollkommen nachvollziehbar. Mehr Freiheit für die einen heißt aber auch mehr Risiko für die anderen.

Ich antwortete ihr, dass sie sobald wie möglich geimpft wird und hoffe inständig, dass Moderna und Biontech im September tatsächlich schon Ergebnisse in der Phase II erzielen, die eine Zulassungserweiterung ermöglichen. Dann können wir uns beraten lassen und prüfen, ob dies für Sie ein Weg sein kann. Ehrlich gesagt ist Impfen die einzige funktionierende Schutzmaßnahme. 

Wenn ich darüber nachdenke, was alles in den letzten Monaten gemaßregelt, reguliert, bewegt und gemanaged wurde, ist es mir völlig schleierhaft wie wir in so eine Situation geraten konnten. In dieser Lage wären wir mit einem Wahlrecht ab 0 Jahren oder einer Lobby für Kinder nicht. Ich bin wirklich in einem Umfang sauer und enttäuscht und muss gut aufpassen meine Wut korrekt zu adressieren. Ich hätte wenigstens erwartet, dass sich da irgendjemand hinstellt und sagt: "Jawohl, wir lassen diese Pandemie jetzt einfach mal durch die Altersgruppe U12 rauschen." Diese dreckige Kaschieren, Umformulieren,  und Taktieren macht mich irre. 

Passt auf euch auf.

Was man noch sagen darf

"Ich gehe vermutlich in die Italien-AG"

"Was macht man da?"

"Ich weiß nicht, auf der Schulwebseite steht nur "Italien-AG"."

Tochter (10) am Montag Nachmittag als sie sich ganz aufgeregt über die Vielzahl an AGs im Netz informieren wollte.

Was man noch hören darf

FRÜF-Frauen reden über Fußball.

Das FRÜF-Team ist ein wachsendes Kollektiv von Frauen, die Fußball aus ihrer Sicht als Fan, Journalistin oder auch Spielerin betrachten, beschreiben und darüber diskutieren. FRÜF überzeugt durch außerordentliche Qualität sowohl im gesamten Folgenaufbau, der Produktion aber erst Recht auch in der fachlichen Detailtiefe der fundiert diskutierten Themenbereiche. Zum Start empfehlen wir Folge 01- (Weibliche Fußballsozialisation) 

Was man noch lesen darf

Warum JEDE*R definitiv immun werden wird (Pandemie-Mathematik): https://www.theatlantic.com/health/archive/2021/08/delta-has-changed-pandemic-endgame/619726/

Wie Covid-19 eine Kinderkrankheit werden wird: https://advances.sciencemag.org/content/7/33/eabf9040

1.300 Babys unter Brasiliens Corona-Toten:

https://www.derstandard.de/story/2000125916318/brasilien-zeigt-was-es-bedeutet-wenn-corona-nahezu-ungebremst-wueten

Konkrete Zahlen zu Long Covid:

https://www.nature.com/articles/s41591-021-01433-3?fbclid=IwAR3TBwv2TmZi4bL12DvzrC2V5wsxCbyj8Tc3rP46Z8YzWgLVwYOBSxwF2UI

Nachgewiesene Hirnschäden in Folge von Covid-19 bei Kindern in Frankreich (französisch):

https://www.parismatch.com/Actu/Sante/Le-Covid-long-de-l-enfant-est-probablement-une-reaction-au-virus-ou-a-l-inflammation-1754476

Bericht über eine Long-Covid-Studie aus Wuhan: https://www.spektrum.de/news/langzeitschaeden-die-folgen-von-covid-19-nach-einem-jahr/1916164

Verwaisung durch Covid-19 in den USA:

https://jamanetwork.com/journals/jamapediatrics/fullarticle/2778229?guestAccessKey=43aa3546-0434-4397-b992-5e4806ea7953&fbclid=IwAR3jIhW55pNsMwDKmvQgs7E4K1mZqNmIWjbFZP-14CSXKcczlDOk03BBglE

Bisher 24 Corona-Tote zwischen 0 und 19 Jahren:

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1104173/umfrage/todesfaelle-aufgrund-des-coronavirus-in-deutschland-nach-geschlecht/

Britische Studie zu neurologischen Folgen bei an Covid-19 erkrankten Kindern: https://www.thelancet.com/journals/lanchi/article/PIIS2352-4642(21)00193-0/fulltext

100 wegen Covid-19 hospitalisierte Kinder pro Woche in Großbritannien: https://www.theguardian.com/world/2021/feb/05/up-to-100-uk-children-a-week-hospitalised-with-raTre-post-covid-disease

PIMS auch nach asymptomatischen Corona-Infektionen bei Kindern: https://www.infektionsschutz.de/mediathek/fragen-antworten.html?tx_sschfaqtool_pi1%5Bfaq%5D=4957&tx_sschfaqtool_pi1%5Baction%5D=list&tx_sschfaqtool_pi1%5Bcontroller%5D=FAQ&cHash=70cac1cdf1541cedf1564d252f496ef7

Was man noch wissen darf

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