Bergfest 03 | Süßfüß

Was man noch schreiben darf

Meine Tochter ist der einzige Mensch, der in der Lage ist mir Kraft zu geben. Manchmal habe ich schlechtes Gewissen wie schamlos ich das ausnutze ohne mich erkenntlich zu zeigen. 

Sie bemerkt ihre Leistung nie, da es ihr auch nicht wie eine zu erbringende Leistung vorkommt. Sie weckt mich manchmal nachts, wenn sie weit nach Mitternacht schlafen geht. Sie beißt mich dann in die Nase oder knufft mir in die Seite, denn sie möchte noch einen Witz loswerden oder fragt, ob wir noch gemeinsam etwas im TV schauen wollen. Ich hatte es in unserem Buch ja schon angedeutet, aber heute ist das Bild viel klarer. Sie füllt mich mit Leben. 

Sie ist jetzt zehn und ich frage mich immer häufiger, was ich ihr im Leben mitgeben muss. Das war bei Jason einfacher, da er früh und deutlich artikulierte was er braucht, was er will oder was er eben so gar nicht will. Meine Tochter ist da recht entspannt. Ich solle meine Base chillen, höre ich häufig von ihr. Das scheint sprachlich neu zu stehen für "Papsi, reg dich ab." oder für "Das geht dich nichts an.", aber es hilft mir wenig weiter.

Ich gönne ihr jede Sekunde, in der sie einen Großteil des Schmerzes dieser Welt nicht mitbekommt oder in seiner Gänze nicht zu umfassen weiß, aber wie bereite ich sie darauf vor, dass eine auf vielen Ebenen brennende Welt eher die Normalität als der Ausnahmefall ist?  Welche Werte sollen wir ihr vermitteln, welche Stärken ausbauen und welche Schwächen schwächen oder eben auch einfach mal akzeptieren? Welche Vorwürfe wird sie mir machen, wenn ihr Leben ist wie es ist; in zwanzig oder dreißig Jahren?

Das Leben überfordert mich. Ich war schon froh, dass Jason den Wochenendrebellen-Twitter-Account übernahm, weil es dadurch einfacher wurde selbst zu entscheiden, wann man mit den Nachrichten des heutigen Tages konfrontiert wird. 

Mir ist bewusst, dass ich vor all den Krisen, der Trauer und der Wut nicht weglaufen kann, aber zeitsouveräner Nachrichtenkonsum hilft mir ganz persönlich sehr sich zu festen Zeitpunkten gezielt über die Lage der Welt zu informieren anstatt in der S-Bahn aus dem Twitter-Stream die nächste Katastrophe zu erfahren, die ich gedanklich und emotional nicht mal so eben verarbeitet bekomme. First-World-Problem, dessen bin ich mir bewusst, aber ich wollte trotz des unvorstellbar großen Haufens Scheiße, der in der Welt passiert, weil wir es zulassen, dulden oder sogar forcieren, den Blick aufs Positive richten und da gibt es eben meine Tochter, die mir ihre beiden Füße vorstellt. 

Der linke Fuß heisst Süßfüss Fake und der rechte Fuß heißt Süßfüss Original. Die beiden reden manchmal mit mir, bzw. sie sind in der Lage geschlossen gestellte Fragen durch Zehennicken oder Fußschütteln zu beantworten. Glücklicherweise sprechen wir mittlerweile auch ohne Fußhilfe viel miteinander. Das hat ein wenig gedauert, da neben der beruflichen Abwesenheit auch Lesereise und Stadiontouren nicht viel Zeit ließen, um eine akzeptable Vater-Tochter Beziehung aufzubauen.

Ferien sind da auch heute noch Gold wert. Sie schläft lange und ist dementsprechend lange wach, was zwar einerseits dann auch zu ihrem Selbstverständnis führt, dass man Papa nachts auch mal mit einem Nasenbiss wecken kann, andererseits aber auch späte Sternschnuppenabende und nächtliche Skateboardtouren ermöglichte, wenn ich selbst erst spät nach Hause kam. 

Die Zeit mit meiner Tochter gehört zu den wenigen Momenten, in denen ich gedanklich wirklich voll da bin, wo ich hingehöre. Bei ihr. Ihren Ideen und Verrücktheiten zuzuhören, aber auch ihre mit mir geteilten Sorgen und Nöte geben mir Kraft. Kraft genährt aus der Möglichkeit ihr Ängste nehmen zu können oder eben Kraft gespeist aus der Freude über diese wunderbare kindliche Naivität. 

Sie berichtet mir dann von ihrer beruflichen Planung als Künstlerin, Profi-Kickboxerin, Minecraft-Youtuberin oder Donutladenbeseitzerin oder wir diskutieren über ihren Namen und ich muss ihr erklären warum wie sie nicht Melody Angel Günter Destiny genannt haben. Ich genieße jede einzelne Sekunde mit ihr und doch nehmen Sorgen um ihre Zukunft oder auch die Zukunft meiner Enkel immer mehr Raum ein. Es fällt mir zunehmend schwerer damit umzugehen, meine Base zu chillen, klar zu kommen und den Überblick zu behalten. Ich hasse Probleme, deren Lösung ich nicht selbst und alleine sicherstellen kann. 

Woher zieht ihr Kraft? Wie geht ihr mit der Dauerkonfrontation mit Unfassbarkeiten um? Gibt es Momente, wo ihr euch gelähmt und hilflos fühlt und was tut ihr dann?  Was ist euer Weltschmerzkompensationsrezept? Wie lässt sich aus der mentalen Lethargie, trotz wenig verfügbarer Zeit mehr tun um es besser zu machen? Das würde mich wirklich interessieren. 

Was man noch sagen darf

Plörre

Was man noch hören darf

Bugtales FM ist ein Podcast von Jasmin Schreiber, Biologin und Schrifstellerin (u.a sehr empfehlenswert: Marianengraben) und Lorenz Adlung, Wissenschaftler auf dem Gebiet der Systembiologie und wenn ich einen wissenschaftlich geprägten Podcast empfehle, dann spricht das ja schon für sich. 

Die beiden harmonieren und ergänzen sich gut und es macht einfach Spaß die oftmals nicht ganz alltäglichen Blickwinkel auf wissenschaftliche Themen einzunehmen.

Der Bugtales-Podcast in der Selbstbeschreibung laut Website:

Die Abenteuer der Campbell-Ritter, oder: Geschichten aus Natur und Wissenschaft!

Die Biolog*innen Jasmin Schreiber und Lorenz Adlung erzählen sich gegenseitig in jeder Folge jeweils eine  Geschichte aus der (Bio-)Wissenschaft, zum Beispiel wo die Dinosaurier herkamen, wieso Krakenarme über eigene "Gehirne" gesteuert werden oder wie Bakterien in Krebszellen über Therapieerfolge entscheiden. Zum Einstieg empfehle ich die Folge über Hirngespinste und die Tarnung von Tieren.

Was man noch lesen darf

In ca. 50 Städten in Deutschland kann man derzeit Plakate entdecken, die im ersten Moment wie Plakate der Partei Die Grünen wirken. Letztendlich handelt es sich aber um eine "rechte Schmutzkampagne" mit einem Mediavolumen von ca. einer halben Million Euro. Der Volksverpetzer ist der Kampagne auf den Grund gegangen. Die Grünen planen nun eine Gegenkampagne.

Was man noch wissen darf

Bergfestmails erscheinen nach kostenloser Anmeldung jeden Montag in deinem Posteingang. Bergfestmails dienen mir als Überdrussventil und machen als Blogbeitrag zumeist keinen Sinn. Was man in der Post der Wochenendrebellen findet, folgt keinem festem Muster, ist manchmal lang und manchmal kurz, manchmal rantig, manchmal grau. Gleichzeitig nutzen wir die Wochenendrebellenpost um über unser Treiben auf dem Laufenden zu halten und am Schluss der Post ein Wochenendrebellen-Update zu geben.

Nach wochenendrebellischer Manier machen wir vieles, aber vieles eben auch nicht richtig, weil wir dem Chaos noch immer nicht Herr geworden sind. Aber wir arbeiten daran. Chaos ist Markenkern der Wochenendrebellen. Aus dem Chaos heraus können sehr sinnvolle Ideen entstehen. Unsere Idee ist, die Welt zu verbessern und daran arbeiten wir ebenfalls. Magst du uns helfen?

Passt auf euch auf.

Mirco

Comments are available for members only. Join the conversation …