Kämpferherz

Fotograf Martin Neuhof fotografiert seit vier Jahren Aktivisten in Ostdeutschland

Bodo Ramelow, Ilka Brühl, Ende Gelände, Sisters in Sachsen – Martin Neuhof bringt Kämpfer in Ostdeutschland auf einen Nenner. Der Fotograf aus Leipzig fotografiert seit vier Jahren Menschen, die sich engagieren. Gegen Rechtsradikalismus, für die Natur, die Umwelt, für ihre Mitmenschen. „Herzkampf“ hat er sein Projekt genannt, das aus einem eigenen Engagement gegen rechts heraus entstanden ist. Auf der Projekt-Homepage und in den sozialen Medien macht der 34-Jährige Menschen in Bildern und mit Kurz-Interviews sichtbar, die er als „Kitt unserer Gesellschaft“ bezeichnet. Warum er mit Grausen auf die nächste Wahl in Sachsen schaut und was ihn trotz persönlicher Anfeindungen dazu bewegt, weiterzumachen: Darüber habe ich mit Martin Neuhof gesprochen.

Fotos: Martin Neuhof

Wer ist Dein nächstes Fotomodell?

Das ist Nina Troi, eine Politikerin der Linkspartei, die sehr umweltpolitisch aktiv ist. Sie wiederum habe ich über einen Auftrag kennengelernt, weil ich im vergangenen Jahr die Wahlkampffotos für die Linkspartei hier in Sachsen gemacht habe. Deshalb dachte ich, sie wäre auch eine gute Projektpartnerin, weil sie sehr engagiert ist, auch im sozialen Bereich, überall vorne mit dabei. Solche Menschen suche ich ja. Da ist sie eine gute Wahl.

Welchen Stellenwert nimmt das Projekt Herzkampf in Deiner Arbeit ein?

Das ist ganz schwer, weil das so wellenartig ist. Ich habe Mitte 2018 damit angefangen. Der Anlass war, dass 2017 die AFD in den Bundestag einzog. Damals kam mir langsam der Gedanke, ein eigenes Projekt schaffen zu müssen, was zeigt, welche Leute sich wehren und aktiv dem Rechtsruck entgegentreten. Nach meinen Erfahrungen in den letzten Jahren habe ich gemerkt, wie viele Personen es gibt, die sich für eine gerechtere Welt einsetzen. Ich möchte mit diesem Projekt den Leuten eine Plattform bieten, sich selbst vorzustellen, weil genau dieses „sich selbst“ oft in den Hintergrund gedrängt wird, sobald man wirklich bei der Sache ist.

Der Stellenwert hat durch Corona natürlich gelitten, man hat sich ja wenig getroffen. Gerade im aktivistischen Bereich sind die Leute besonders vorsichtig. Früher habe ich ungefähr einen Arbeitstag pro Woche investiert. Man muss den Termin vorbereiten, dann trifft man sich für ein bis zwei Stunden, macht die Fotos und im Anschluss wird das Interview, das auf der Homepage steht, schriftlich fixiert und online gestellt. Aktuell war ich in einer kleinen Pause, werde jetzt aber wieder loslegen und dann alle zwei Wochen für „Herzkampf“ unterwegs sein. Man braucht pro Herzkämpfer ungefähr einen Tag.

Ich hatte mich schon gefragt, ob Du das Projekt überhaupt weiterführst, weil es auf der Homepage so still geworden war.

Gerade ist tatsächlich ein kritischer Punkt erreicht. Ich habe jetzt 101 Personen für „Herzkampf“ fotografiert und…

… das ist ja schon eine ganze Menge!

… ja eben. Eigentlich war im Mai 2020 eine große Vernissage in der Leipziger Peterskirche geplant. Die Vernissage war fertig, ich hatte schon 1000 Zusagen von Menschen auf Facebook, die kommen wollten, und dann kam Corona. Das war ein herber Rückschlag. Dann habe ich wieder angefangen zu organisieren, es kam die nächste Welle, so war es immer ein Auf und Ab im Projekt. Aber ich finde es so wichtig, die Arbeit dieser Menschen zu dokumentieren, die so viel für unsere Gesellschaft tun, und ich finde sie zu wichtig, als dass ich das Projekt einfach auslaufen lassen könnte.

Die Ausstellung in der Peterskirche ist abgesagt oder verschoben?

Die ist verschoben. Die Pfarrerin und den Pfarrer kenne ich gut, die sagen, ich kann immer zu ihnen kommen. Die Frage ist im Moment nur, wann der beste Zeitpunkt ohne zu viele Corona-Regelungen ist, so dass man guten Gewissens eine große Veranstaltung machen kann. Es soll ja auch ein schönes Zusammenkommen sein.

Das Projekt ist aus Deinem Leben heraus entstanden. Wie kam das?

Hier in Sachsen sieht man den Rechtsradikalismus noch in „guter alter Tradition“ mit Nazi-Aufmärschen und so weiter. Der Alltag ist hier so, dass in Leipzig noch alles gut und entspannt ist. Wir leben hier noch wie auf einer Insel in Sachsen. Trotzdem hat auch Leipzig Probleme.

Ich weiß gar nicht, wo ich da anfangen soll zu erzählen. Ich könnte in meiner Jugend anfangen, ich könnte mit dem Aufkommen von Legida in Leipzig anfangen, wo mein Aktivismus geweckt wurde. Aber eigentlich liegt der Ursprung noch viel früher. Ich komme eher aus der Subkultur des Hip Hop, das ist ja eigentlich eine sehr offene Kultur, die noch von Schwarzen geprägt wurde, damit bin ich aufgewachsen, das ist meine Jugend Ende der 1990er und Anfang der Nuller-Jahre. Ich sah auch aus wie ein Hip Hopper, mit weiten Hosen und so.

Da gab es halt immer mal Stress mit Nazis. Bestes Beispiel: Wir waren auf einer Abi-Feier mit Freunden, wir waren einfach nur im Park, haben getrunken, gegrillt, die Zeit und den Sommer genossen. Dann wurde es dunkel und es kamen zehn Nazi-Hooligans von einem Fußballverein und haben uns komplett auseinandergenommen. Wir waren einfach nur eine Gruppe von 50 bis 100 Mann, und da hat eine Gruppe von zehn Leuten alles kurz und klein geschlagen.

Ein anderes Beispiel, das war vielleicht 2000 oder 2001. Ich bin am Leipziger Hauptbahnhof, in meinem Hip Hop-Outfit, fahre mit einem Freund die Rolltreppe hoch und auf einmal springen uns zwei Glatzen, so würde man sagen, entgegen und fangen an, uns zu verkloppen, einfach so.

Das sind tiefe, einschneidende Erlebnisse, die passiert sind. Da hat man sich innerlich schon sehr lange vorher positioniert.

2014 kam ja erst Pegida in Dresden, dann sollte es als Legida nach Leipzig kommen. Ich saß an meinem Computer und dachte oh Gott, was kann ich machen. Ich habe spontan eine Facebook-Seite gegründet "No Legida“, mein Netzwerk aktiviert und hatte innerhalb weniger Stunden 10.000 Likes und die ersten Presseanfragen. Ich dachte: Was habe ich hier angerichtet, was ist passiert? Ich war noch nie politisch in Erscheinung getreten.

Ich habe schnell zwei Freunde zusammengetrommelt, wir haben ein Team gebildet – und ab da ist alles auf uns eingeprasselt. Das waren krasse zwei Jahre, in denen mein Aktivismus begründet wurde. Wir haben Gegenprotest organisiert, zur ersten Gegendemo kamen 35.000 Leute. Ich habe so viel erlebt, persönliche Anfeindungen, Shitstorms, Drohungen, mein Auto wurde zerkratzt, mein Name war publik. Irgendwann war die Geschichte vorbei, Legida gab es nicht mehr, wir haben alles ruhen lassen.

Wie hast Du es geschafft, die persönlichen Angriffe auf Dich zu sortieren, dass Du nicht daran zerbrochen bist, sondern weitergemacht hast?

Das ist eine sehr gute Frage. Erstens stand ich nicht allein. Ich war von uns dreien eher im Hintergrund und habe mich um das Optische, die Fotos gekümmert. Am Anfang wollte ich auch nicht, dass mein Name genannt wird, denn die erste Legida-Route lief genau an meinem Studio entlang. Aber irgendwann war mein Name draußen, zwei, drei Tage später war mein Auto zerkratzt. Ganz komisch wird Dir, wenn Du in Neo-Nazi-Foren als Steckbrief auftauchst. Ich hatte Glück, dass ich genau in dieser Zeit umgezogen bin, dadurch habe ich mich sicher gefühlt in meiner Wohnung. Ich habe ein gutes soziales Umfeld, das hat mir geholfen, ich selbst denke halt immer: Wenn es keiner macht, bleibt es verborgen und verschwiegen. Der Drang zu kämpfen ist größer. Deshalb heißt mein Projekt Herzkampf: Das ist mein Herz, und dafür kämpfe ich, und alle, die ich abbilde, haben ein riesengroßes Herz und sich irgendeinem Kampf verschrieben, und dieser Kampf wird gezeigt.

Die krassere Erfahrung, die ich gemacht habe, war aber 2019. Soll ich darüber auch erzählen?

Ja bitte.

Mein Opa war auch Fotograf und hat 1989 bei den Montagsdemos in Leipzig Fotos gemacht. 2019 hat die AFD Leipzig Fotos von ihm verwendet für die Wahlkampffotos zur Europawahl. Das war mein ganz eigener, persönlicher Kampf, bei dem ich kein Team um mich herumhatte. Ich habe mich rechtlich gewehrt und wir haben durchgeboxt, dass die AFD die Plakate abnehmen muss, weil sie die Persönlichkeitsrechte meines Opas verletzte. Da ist so viel auf mich eingeprasselt, da war ich richtig stark beschäftigt.

Herzkampf ist für mich etwas Positives, den Aktivismus darzustellen. Es gibt in jedem Dorf eine Initiative, die etwas gegen die AFD macht, die aber medial überhaupt nicht stattfindet. Für mich ist etwas total Positives, die Leute zu treffen und darzustellen, was sie machen, um diesen Menschen wenigstens ein wenig Sichtbarkeit zu verschaffen. Das hilft mir sehr stark bei diversen Verarbeitungsvorgängen.

Zu sehen, dass man nicht allein ist?

Ja, und dass Engagement alles sein kann. Dass Du Dich als Journalist um die richtigen Themen kümmerst. Dass Du Dich in Leipzig um Bienen kümmerst, weil die wichtig sind für die Natur. Ich habe eine Frau fotografiert, die ein Spiel entwickelt hat, mit dem Kinder ihre Emotionen besser verarbeiten können. Aktivismus hat tausend Seiten und Gesichter, und die möchte ich zeigen. Diese Leute sind der Kitt unserer Gesellschaft, die ganz viel zusammenhalten. Eine Freundin, die ich fotografiert habe, kümmert sich konkret um eine Familie, die geflüchtet ist und hilft ihnen. Ein solches Engagement ist in der Regel unsichtbar, außer vielleicht in der aktuellen Situation, wo jeder sich für Menschen aus der Ukraine engagieren will.

Ich schaue mit Grausen auf die nächste Wahl in Sachsen. Je mehr AFD gewählt wird, desto schwerer haben es die Initiativen, die ich porträtiere. Je mehr AFD es gibt, desto weniger Fördermittel bekommen diese. Da stirbt gerade auch massiv viel ab im sächsischen Land. Das fehlt. Und das kommt auch nie wieder.

Verfolgst Du die Geschichten Deiner Protagonisten weiter?

Ja. Natürlich nicht alle und ständig. Aber in Grimma zum Beispiel gibt es ein Dorf der Jugend, die brauchten einen zweiten Sozialarbeiter, haben eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, die habe ich natürlich auch unterstützt. Meine vorletzte Herzkämpferin ist Ricarda Lang, die aktuelle Vorsitzende der Grünen. Das finde ich natürlich wahnsinnig inspirierend.

Warum machst Du immer zwei Fotos?

Das Porträt gibt einen näheren Einblick, das zweite die Umgebung. Denn das ist ja der Schaffensraum, in dem die Menschen gerne sind und arbeiten. Ich frage immer, wo sie fotografiert werden wollen. Das Interview erläutert das Engagement nochmals näher.

Machen alle mit?

Nein. Ich renne oft offene Türen ein, aber gerade auf dem sächsischen Land wollen die Leute nicht unbedingt öffentlich zu sehen sein, auch aus Selbstschutz. Wenn sie mit dem Gesicht öffentlich im Internet stehen, könnte das auch eine Bedrohungslage auslösen. Das verstehe ich natürlich voll. Je bekannter die Leute sind, desto schwieriger ist es. Das ist aber auch nicht mehr Anspruch.

Bist Du zufrieden mit der Sichtbarkeit Deines Projekts?

Eigentlich bin ich total happy, wie das läuft und welche Kontakte ich gemacht habe und welche Leute ich getroffen habe, weil es mich selbst inspiriert. Aber eigentlich denke ich, das wäre auch ein Projekt, das jedes Mal 100.000 Leute erreichen könnte. Das ist es nicht, das ist aber auch ok so. Ich bin auch einfach nur ein einzelner Mensch, der versuchen muss, als Fotograf sein Geld zu verdienen.

„Herzkampf“ stemmst Du gewissermaßen ehrenamtlich?

Ja, weitgehend. Ein paar Leute unterstützen es auf Steady, manchmal kommt etwas über Paypal herein, aber das deckt die Fahrtkosten, aber die Arbeitszeit ist damit noch lange nicht abgegolten. Es geht mir aber nicht ums Finanzielle. Wen es darum ginge, würde ich ganz andere Sachen machen. Es ist ein Herzensprojekt, und deshalb auch ein Herzenskampf.

Für mich persönlich ist es eine sehr große Bereicherung. Die Leute, die ich kennenlernen durfte, die Initiativen, die ich vorher nicht kannte, da ist es sehr schön einen Einblick zu bekommen. In Pirna zum Beispiel habe ich mehrere Initiativen fotografiert, gleich die richtigen Leute getroffen und ein ganz anderes Bild der Stadt bekommen. Oft trifft man die Leute ein zweites Mal. Das ist natürlich schön. Die krasseste Erfahrung hatte ich mit Bodo Ramelow, Thüringens Ministerpräsident. Er hat sich eine ganze Stunde Zeit genommen, hat mir viel erzählt und es ist Wahnsinn, mit zwei, drei Bodyguards unterwegs zu sein. Das bestärkt mich, auch ein paar bekanntere Leute anzufragen. Aber nicht nur, sonst verliert das Projekt seinen Charme. Es muss immer auch die unbekannte Initiative aus Posemuckel dabei sein.

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