Der Titel ist die halbe Miete

Was Sigrid Metz-Göckel mit der Stiftung Aufmüpfige Frauen erreichen will

„Stiftung Aufmüpfige Frauen folgt Dir jetzt“: Mit dieser Nachricht beginnt die Geschichte. Ein neuer Follower auf meinem kleinen Instagram-Kanal – und ein Name, der mich sofort angesprochen hat. Aufmüpfig. 1972 wählte die Gesellschaft für Deutsche Sprache aufmüpfig zum Spitzenwort des Jahres, dem Vorläufer des heutigen Wortes des Jahres. Laut Duden ist aufmüpfig eher negativ besetzt und bezeichnet eine aufsässige, widerspenstige, nicht angepasste Person. So bitte nicht also. Professorin und Stiftungsgründerin Sigrid Metz-Göckel aus Dortmund liest einen ganz anderen Sinn in die Aufmüpfigkeit: Für die Soziologin steht eine positive Konnotation im Vordergrund – der Wunsch, etwas zu verändern, etwas bewegen zu wollen. Gegen den Strom zu schwimmen.

1976 wurde Sigrid Metz-Göckel Professorin in Dortmund, mit 36 Jahren war sie damals geradezu skandalös jung. Von Anfang an habe sie auf die Vernetzung und Solidarität zwischen Frauen Wert gelegt, erinnert sich die Stiftungsgründerin. Sie war Mitglied in vielen Kommission, unter anderem einer Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags, und setzte sich immer für die Förderung von Frauen ein – auch mit ihrer Stiftung.

Foto: privat

Zu den Preisträgerinnen zählen die Verlegerin Renate Matthei, die im Furore-Verlag ausschließlich Literatur von Komponistinnen veröffentlicht, und Marianne Pitzen, die in Bonn ein Frauenmuseum führt. Gespräch mit einer Aufmüpfigen im besten Sinne.

Warum trägt Ihre Stiftung die Aufmüpfigkeit im Namen?

Der Name entstand aus einer Laune heraus. Als ich 50. Geburtstag gefeiert habe, das war zu einer Zeit, als ich Sachverständige in einer Enquete-Kommission im Bundestag war und von daher relativ viel Geld hatte. Meine Mitarbeiterinnen – ich bin ja sehr jung Professorin geworden – haben mich gedrängt größer zu feiern als üblich. Ich habe also die Aufwandsentschädigung genommen und eine große Feier mit etwas mehr als 100 Gästen veranstaltet. Ich habe aber dazu gesagt, dass ich nicht 50 Blumensträuße geschenkt bekommen möchte, sondern dass ich eine Stiftung gründen möchte. Ich habe die Bitte geäußert, auf mein Konto einen Beitrag zu überweisen, damit ich diese Stiftung gründen kann mit dem Namen aufmüpfige Frauen.

Ich war als junge Feministin als aufmüpfig verschrien. Oder bekannt. Nach dieser Feier hatte ich 30.000 DM, die ja schon die Zweckbestimmung Stiftungsgründung hatten. Das war aber zu wenig, also habe ich den Verein Stiftung aufmüpfige Frauen und weiter über diesen Verein selbst gespart und auch kleine Beträge eingesammelt und konnte dann 2004 über genügend Grundkapital verfügen, dass ich die Stiftung formell errichten konnte.

Haben Sie nur den Namen spontan erfunden oder war auch die Idee zur Stiftung spontan?

Die Idee hatte ich schon länger und wenn sie so wollen, habe ich sie zehn Jahre geplant, bis ich das Geld zusammenhatte. Der Titel kam aus der Laune, die Idee zur Stiftung hatte ich aber schon vor meinem Geburtstag. Und weil das ein Titel für aufmüpfige Frauen ist, passt das. Journalistisch stieß die Stiftung in der Regel auf positive Resonanz gestoßen, trotzdem bin ich mit diesem Titel immer wieder konfrontiert worden, dass das ein unpassender Titel für eine seriöse Stiftung sei.

Warum?

Ich war in einer anderen Kommission mit Reinhard Mohn, dem Bertelsmann-Gründer, zusammen. Ich erzählte ihm, dass ich einen Verein gegründet habe ich Geldgeber für eine Stiftung suche. Er sagte zu mir, meine Frau geht aus allen diesen Gesprächen heraus nicht ohne mindestens 30.000 Euro gewonnen zu haben. Er hat mir einen Termin bei ihr verschafft, ich bin auch brav hingefahren – und das Erste, was sie mir sagte, war: Sie müssen den Titel ändern. Für eine „Stiftung aufmüpfige Frauen gibt kein Mensch Geld“, auch nicht für eine Geliebte. Doch obwohl wir immer wieder diskutiert haben, im Kollegen- und Freundeskreis, selbst in meiner weiteren Umgebung haben die Menschen fast immer gesagt, es ist kein guter Titel.

Es ist aber dennoch ein guter Titel, weil darin auch eine Botschaft steckt. Das allgemeinere Verständnis von Aufmüpfigkeit ist eher: Das sind ungezogene Mädchen, die sich nicht ganz gehörig verhalten. Wir waren aber sehr seriöse, ältere Frauen und meinten: Aufmüpfig ist eigentlich auch ein politischer Begriff. Man ist mit bestehenden Verhältnissen nicht zufrieden und möchte etwas verändern. Deshalb ist dieser vielleicht altmodische Begriff für mein Verständnis von Stiftungen passend. Und ich selbst bin zwar eine stille, gute Schülerin gewesen, aber ich habe immer querer und kritischer gedacht, habe dann ja auch Soziologie und kritische Theorie studiert. Ich bin eine Frau, die eher nicht so stromlinienförmig denkt. Und die Gleichstellung der Geschlechter oder die Frauenbewegung kann ja nur etwas bewegen, wenn sie irgendwie aus der Reihe tanzt, provokativ ist, sich zu Wort meldet, was sie gerne anders hätte.

Daraus schließe ich aber auch, dass der Titel „aufmüpfig“ für Sie selbst nicht nur positiv besetzt war oder ist.

Ja, naiv war er für mich als Akteurin immer positiv. Aber ich bin auch Soziologin und weiß, dass andere das anders sehen. Und in diesem Bewusstsein, wenn man was erreichen will, war das immer eine gewisse Spannung etwas zu tun, was andere nicht gut finden.

Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Stiftung?

Mein Motiv war ein doppeltes. Ich bin wie erwähnt selbst jung Hochschullehrerin geworden und das bedeutet in Deutschland: Beamtin auf Lebenszeit. Als Professorin hat man den Artikel 6 des Grundgesetzes im Rücken, die Freiheit von Forschung und Lehre. Das hat mir den Rücken gestärkt, auch in der Wissenschaft Sachverhalte zu thematisieren, die so nicht gewünscht waren. Mein Status hatte eine Schutzfunktion. Um mich herum waren fast nur Männer. Frauen waren wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, die Teilzeit oder befristete Stellen hatten, und ich habe sehr schnell einen Arbeitskreis Wissenschaftlerinnen gegründet, um die Situation der Frau in der Wissenschaft zu verbessern, und wir haben Politik gemacht. Ich fand die Verteilung der Ämter in der Wissenschaft ungerecht, denn die Frauen waren hochmotiviert und wollten Wissenschaft betreiben.

Der zweite Grund war: Ich war eine relativ privilegierte Frau, denn ich hatte eine unbefristete, für mich gut bezahlte Stellung. Ich habe eine komplizierte Biografie insofern, als ich ein vaterloses Kriegskind bin und auch noch ein Flüchtlingskind. Ich bin sehr, sehr arm aufgewachsen. Uns hat aber das Dorf, in dem mein Großvater lebte, unterhalten, und später hat mir der Sozialstaat ein Studium ermöglicht. Ich habe also eine kollektive Solidarität erfahren und möchte der Gesellschaft mit meiner Stiftung etwas zurückgeben. Der Zweck meiner Stiftung ist deshalb, zur Verbesserung der Situation der Frauen im Interesse des Gemeinwohls beizutragen.

Wo sehen Sie die Gesellschaft heute, was die Solidarität angeht – und ist die Situation der Frau in der Wissenschaft heute so, wie Sie es sich damals erträumt haben?

Wir haben das noch nicht erreicht, aber wir sind ein ganz schönes Stück vorangekommen. Mit meinem Arbeitskreis Wissenschaftlerinnen geht sehr konkret zurück die Frauenförderung, die Frauenbeauftragte, die Institutionalisierung der Frauenforschung. Ich habe viel versucht zu bewegen, aber nie alleine, sondern immer mit einem aktiven Kreis junger Wissenschaftlerinnen. Wir haben in Nordrhein-Westfalen buchstäblich Wissenschaftspolitik gemacht zugunsten der Frauen. Ich war damals unter fünf Prozent, als ich 1976 Professorin wurde, jetzt sind wir bei 25 Prozent. Das ist ein erheblicher Unterschied. Man kann nur etwas Neues in der Wissenschaft kreieren, brauchen Sie Rückhalt. Man kann ja nur gegen den Strom schwimmen, wenn man die Chance hat voranzukommen. Da ist die Situation formal günstig, weil wir geschützt sind als Professorinnen. Meine Universität hat sich lange gewundert, was ich da mache, aber ich konnte es durch meinen Schutzstatus machen, aber jetzt sind sie stolz auf mich.

Aber wir sind noch längst nicht da, wo wir sein müssten.

Warum ist Solidarität unter Frauen so schwierig?

Das Positive ist, dass durch die neue Frauenbewegung Frauen überhaupt erst gelernt haben, sich als Frauen zusammenzutun und gemeinsam etwas voranzubringen. Es ist sogar eine ganz besondere Kraft, die entsteht, wenn Frauen tatsächlich miteinander solidarisch sind. Aber im Grunde genommen sind sie gleichzeitig immer auch Konkurrentinnen. Da spielt dann vieles eine Rolle, was aus dem Umfeld und der Biografie herrührt. Meine Erfahrung ist aber, dass echte Solidarität eine ganz besondere Kraft und Durchhaltefähigkeit vermittelt. Ohne diese kommt man als Frau nicht voran, dann ist man Einzelkämpferin und kann Verhältnisse meistens nicht ändern. Man braucht Frauen, die gemeinsam etwas verändern wollen, nicht nur für sich.

Was ist die Grundhaltung der Stiftung?

Ich nenne sie transformative Philanthropie. Wir wollen etwas verändern, und damit sind wir nicht alleine, es gibt hier eine ganze Reihe an Stiftungen, die sich explizit für Frauen einsetzen.

Meine Stiftung signalisiert allein schon wegen des Namens, dass sie etwas anderes erreichen will, dass sie anders ist.

Wir schreiben den Preis in unseren Netzwerken aus und bekommen relativ viele Vorschläge, etwa 20 bis 30 im Jahr. In die Endrunde gehen sechs, und aus diesen wählt der Vorstand aus. Einmal haben wir drei Preise gestiftet, in der Regel sind es aber zwei. Die Auswahl der Preisträgerinnen ist oft strittig, aber immer interessant, wie unterschiedlich die Vorstandsmitglieder aufmüpfig im Sinne der Stiftung interpretiert.

Ich wurde schon öfter gefragt, ob auch ein Mann Preisträger sein könnte. Unter der Kategorie Frau und Mann ist heute sehr Unterschiedliches denkbar. Deshalb sage ich immer: Im Grunde kann auch ein Mann die Auszeichnung bekommen, wenn er sich so für das Geschlechterverhältnis einsetzt, dass er Frauen voranbringen will.

Foto: pexels

Wurde denn schon einmal ein Mann als Preisträger vorgeschlagen?

Ich kann mich an einen erinnern, er hat den Preis aber nicht bekommen.

Haben Sie bei der Auswahl das letzte Wort?

Wir suchen eine Entscheidung im Konsens, aber im Grunde ja. Einmal hatten wir eine mehrheitliche Entscheidung für eine Frau, von der ich gesagt habe, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie diesen Preis bekommen. Der Vorstand hat sich dann letztlich damit einverstanden erklärt.

Die Preisträgerinnen stammen aus sehr unterschiedlichen Bereichen. Zufall oder bewusst gesteuert?

Wir zeichnen unabhängig von Nationalität, Alter und Bildung aus. Es spielt eine Haltung eine Rolle, die Preisträgerin sollte eine Akteurin sein, die schon etwas bewegt hat und noch etwas bewegen wollen. Sie sollte nicht zu bekannt sein, aber doch so bekannt, dass man einschätzen kann, dass das, was sie erreicht, Wirkung zeigt.

Warum ist die Prominenz ein Ausschlussgrund?

Nun, wir sind eine noch kleine Stiftung. Mein Mann und ich haben jetzt vermacht, dass unsere Immobilien nach unserem Tod ins Stiftungsvermögen über geht. Bis dahin bleibt die Stiftung aber klein. Und berühmte Frauen haben das einfach nicht nötig, auf ihrem Weg bestärkt zu werden. Der Preis soll die Frau auf ihrem Weg zu einer Berühmtheit stärken. Einige Preisträgerinnen sind tatsächlich berühmter geworden durch unsere Stiftung. Ich will das nicht überbetonen, unsere Stiftung ist eine kleine mit einem geringen Wirkungsgrad. Aber ganz ohne Bedeutung ist sie nicht.

Nun, für Sie hat sie Bedeutung!

Für mich ja. Aber das ist nicht mein Motiv.

Die Verlegerin Renate Matthei zum Beispiel hat zu einem Zeitpunkt einen Verlag gegründet nur für Kompositionen von Frauen. Bei der Laudatio haben sich auch Komponistinnen gemeldet, die gesagt haben, es sei so schwierig gewesen, einen Verlag zu finden, denn andere Verlage hätten mit der Begründung abgelehnt, die Kompositionen ließen sich nicht verkaufen.

Marianne Pitzen versucht als Direktorin des Frauenmuseums in Bonn die Situation von Künstlerinnen zu verbessern.

Aufmüpfigkeit ist im Grunde ein wunderbares Wort, weil es ganz vieles abdeckt. Die Situation von Frauen in allen Bereichen angemessen oder noch menschen- und frauenwürdiger zu gestalten ist wichtig. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Wir Frauen müssen globaler denken, hier ist noch unglaublich viel zu tun. Was ich jetzt noch vorhabe, mein Alterswerk: Dass ich die Frauenstiftungen zu vernetzen versuche und einen Unterstützerkreis von Institutionen um die Frauenstiftungen herum bilden, damit die feministische Philanthropie bekannter wird und Frauen, die Geld übrighaben, motiviert sind, das Geld über eine Verbrauchsstiftung zur Verbesserung der Situation der Geschlechterverhältnisses beizutragen. Das betrifft letztlich alle. Wenn Frauen als gleichberechtigt und gleichbegabt begriffen werden wollen, müssen sich auch die Männer verändern.

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