Soll man die WM in Katar boykottieren oder nicht?

Die elfte Ausgabe vom TROPS-Newsletter

Liebe:r Abonnent:in von TROPS,

nicht wundern, dass diese E-Mail einen anderen Absender hat. Ich bin vom Anbieter Substack zu Steady gewechselt. Der Grund: Bei Substack landete mein Newsletter bei vielen gmx-, web- oder t-online-Adressen im Spam-Ordner oder kam gar nicht erst an. Das soll jetzt anders werden 😎

Ansonsten ist aber alles wie sonst in dieser Ausgabe #11!

Vergangene Woche ist die Frage danach, wie Nationalteams mit der WM in Katar 2022 umgehen sollen, mal wieder größer geworden. Außerdem gab es einen Konflikt zwischen Spanien und dem Kosovo – rund um ein Fußballspiel. 

Im TROPS-Talk ist dieses Mal Elisa Lierhaus dabei, sie ist Sportpsychologin beim Basketball-Verein Alba Berlin – und hat gerade neue Herausforderungen im Job.

Außerdem gibt es dieses Mal drei Videos (inklusive Vulkan), da konnte ich mich nicht entscheiden. 🤷‍♂️ 

1. Boykott oder Hinfahren: Wie soll man mit der WM in Katar umgehen?

https://twitter.com/DFB_Team/status/1375173404500897801

Im November und Dezember 2022 soll die Fußball-WM in Katar stattfinden. Nun haben die Qualifikationsspiele für das Turnier begonnen – und die Diskussion, wie man mit der WM umgehen soll, ist wieder etwas größer geworden.

  • In Katar kommt es immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen. Die Frauenrechte sind stark eingeschränkt, Homophobie ist ein weiteres großes Problem. Und laut einem Bericht des Guardian sind in Katar seit der WM-Vergabe mehr als 6500 Gastarbeiter gestorben.
  • In Norwegen fordern viele Klubs und Fans einen Boykott. Vor den Qualifikationsspielen für die WM haben die Norweger mit T-Shirts auf die Lage in Katar aufmerksam gemacht, auch die deutsche Nationalelf trug Shirts und formte ein „Human Rights“.
  • Es gibt aber auch die andere Meinung. So spricht sich zum Beispiel Amnesty International dafür aus, hinzufahren und dann auf die Missstände aufmerksam zu machen, den Dialog zu suchen und so die Situation zu verbessern. Auch Nationalspieler wie Toni Kroos weisen auf die Menschenrechtsverletzungen hin, sind aber gegen einen Boykott.
  • In Deutschland sind laut einer aktuellen SPIEGEL-Umfrage 68 Prozent der Befragten für einen Boykott der WM.
„This issue is not so black and white. I believe in this strategy of dialogue, but what we see after 10 years is that dialogue hasn’t worked very well.“ – Tom Høgli

➡️ Mit der Frage „Boykott oder Hinfahren“ hat sich der Journalist Miguel Delaney für die britische Zeitung The Independent auseinander gesetzt. Er hat zum Beispiel mit Tom Høgli gesprochen, der beim Fußballklub Tromsö IL arbeitet und sich für einen Boykott einsetzt. Hier geht's zum Text.

2. Spaniens Nationalteam versucht, das Wort „Kosovo“ zu vermeiden – aus politischen Gründen

Weiter geht es mit den Qualifikationsspielen zur WM in Katar. Vor einer Woche traf Spanien auf den Kosovo. Dabei gab es bereits im Vorfeld Aufregung – und dann auch während des Spiels. 

  • In der EU erkennen 22 von 27 Staaten, darunter Deutschland, den Kosovo als eigenständigen Staat an. Spanien erkennt den Kosovo allerdings nicht an – wohl auch aus Sorge, damit die Unabhängigkeitsbestrebungen der Region Katalonien zu legitimieren.
  • Das spanische Ministerium für Kunst und Sport soll daran gearbeitet haben, dass niemand im Vorfeld vom „Kosovo“ spricht. So vermied der Team spanischen Fußballmannschaft im Vorfeld das Wort und sprach stattdessen vom „Territorium Kosovo“.
  • Beim Fußballspiel zwischen zwei Nationalmannschaften gehört es sich, vorher die Hymnen zu spielen. Der Kosovo hatte angekündigt, nicht zu spielen, wenn die Hymne nicht gespielt würde. Im Stadion nannte der Sprecher dann keinen Namen eines Teams und kündigte nur „die Hymnen zum Spiel“ an.
  • Auch beim Fernsehsender wussten sie Bescheid. Die Kommentatoren nannten den Kosovo entweder „Kosovo-Föderation“ oder „kosovarisches Team“.
  • Tatsächlich gibt es mit dem Kosovo einen Sonderfall: Aus politischen Gründen wurden bei der Auslosung der WM-Qualifikation Spiele gegen Bosnien, Serbien und Russland ausgeschlossen.
  • Ach, gewonnen hat übrigens Spanien mit 3:1. Aber so wirklich um Fußball ging es rund um das Spiel zumindest nicht. Was nur mal wieder zeigt: Der Fußball ist vor allem durch große Sportevents so oder so politisch, es geht gar nicht anders. Selbst geopolitische Fragen werden hier ausgehandelt. Da können einzelne Funktionäre noch so oft sagen, dass Politik beim Fußball keine Rolle spielen würde. 

➡️ Das ZDF hat über diesen Konflikt einen kurzen Beitrag gemacht, du kannst ihn dir hier ansehen.

🙌 Danke an TROPS-Leser Lasse für den Hinweis!

3. Eine Weltklasse-Kanutin sagt für Olympia ab – wegen einer Corona-Infektion

Irgendwie hält sich bei vielen ja noch dieser Gedanke, dass Corona nur ältere Menschen bedroht. Dass das Quatsch ist, zeigt unter anderem die Geschichte von Steffi Kriegerstein (Foto: Instagram-Profil).

  • Kriegerstein, 28, ist eine der besten Kanutinnen der Welt. 2016 gewann sie bei den Olympischen Spielen in Rio die Silbermedaille.
  • Im vergangenen Dezember erkrankte sie an Corona. Noch immer hat sie Nachwirkungen der Infektion, sie spricht von Schwindel, Kopfschmerzen und Kraftlosigkeit. Die Symptome in dieser Art habe sie bislang noch nicht erlebt.
  • Deshalb sagte sie jetzt für die Olympischen Spiele in Tokio diesen Sommer ab. Neues Ziel ist die WM im Herbst.
„Natürlich glaube ich an ein Comeback. Es ist nicht mein Anliegen, nach über zwölf Jahren Leistungssport das Coronavirus gewinnen zu lassen. Wann das jetzt passieren wird und ob, das weiß ich nicht.“

➡️ Ein kurzes Video und einen kurzen Text über Kriegerstein gibt es unter diesem Link beim MDR.

Der TROPS-Talk… mit Elisa Lierhaus ☎️

Viele Menschen machen ja Sport nicht nur zum Spaß, sondern auch als Beruf. Dabei gibt es besondere Herausforderungen, die in anderen Jobs eher nicht vorkommen. Deshalb gibt es Sportpsycholog:innen. Eine von ihnen ist Elisa Lierhaus. Sie arbeitet beim Basketball-Team Alba Berlin. 🏀 

Dort ist sie ist vor allem für die Frauen und die Juniorinnen verantwortlich. Im TROPS-Talk spricht sie darüber, was am Sport so besonders für die Psychologie ist – und wie sie gerade aus dem Home Office versucht, Kontakt zu den Spielerinnen zu halten.

Hallo Elisa, was genau machst du als Sportpsychologin?

Ich stehe den Spielerinnen, Trainerinnen und anderen Mitarbeiterinnen psychologisch zur Seite. Da geht es darum, nicht mehr sichtbare Flecken, die jede mit sich bringt, die aber in der Erfüllung der Arbeit eher hinderlich sind, aufzudecken und dafür zu arbeiten, dass jede das individuelle Maximum abrufen kann. Es geht auch darum, Persönlichkeiten zu entwickeln und dadurch sportlich erfolgreich zu werden.

Die Psychologie betrachtet ja im Allgemeinen das Verhalten und Erleben von Personen – und die Sportpsychologie tut das im Kontext Sport.

Warum braucht es das speziell für den Sport?

Das Spezielle ist für mich nur der Kontext. Wenn man das Wort Sport weglässt, würde ich genauso mit einer Einzelperson arbeiten. Aber die Themen, die Sport mit sich bringt, sind besonders. Da geht es darum, Leistung zu bringen, da geht es um ein Umfeld, das Druck erzeugt, da gibt es Vereinsmitglieder, Trainerinnen, Physiologen, Mediziner, das ist ein krasses Gefüge, in dem sich die Sportler*innen bewegen. Und wir versuchen, sie darin zu begleiten und zu schauen: Was sind deine Themen? Was erzeugt Druck auf dich? Was können wir tun, damit du optimal deine Leistung bringen kannst?

Oft wird ja gesagt: Naja, die Leute suchen sich das ja selbst aus, das ist halt Leistungssport. Bei solchen Aussagen habe ich immer das Gefühl, dass man dabei vergisst, dass die Personen, die sich das aussuchen, ja ganz normale Menschen mit ganz normalen Problemen sind. Und in ihrem Umfeld ist das etwas verschärft.

Wie hat sich deine Arbeit durch die Pandemie verändert?

Nur ein Teil der Spielerinnen gilt als Profispielerinnen, die bezahlt werden, und einige Jüngere sind Kaderathletinnen. Die durften trainieren. Der Rest darf seit November nicht trainieren und das ist natürlich eine schwierige Zeit für die Mannschaft.

Gerade da galt es für mich, noch mehr zu gucken, dass ein Teamgefühl trotzdem besteht, auch wenn die sich nicht wie sonst fünf- bis sechsmal pro Woche in der Halle treffen. Das habe ich über ganz viel digitalen Austausch gemacht, wir haben versucht, uns ein- bis zweimal die Woche digital zu treffen. Mal war das ein inhaltliches Thema, manchmal war es nur eine Game-Night, um weiterhin eine Art von Verbundenheit herzustellen.

Hast du dadurch jetzt mehr oder weniger zu tun?

Eher anders zu tun. Vorher war ich viel mehr in den Hallen, bei den Trainings und Spielen, dabei. Dadurch habe ich einen ganz anderen Einblick von der Mannschaft bekommen und konnte einzelnen Spielerinnen auch mal ein Gespräch anbieten. 

Ich verwende jetzt mehr Zeit, nachzufragen. Und über diese Online-Angebote kriege ich ja immer einen Einblick, wie es einer Person geht. Daraufhin bin ich zum Beispiel in Kontakt mit einer Spielerin getreten, wo ich dachte: Die ist jetzt sehr, sehr ruhig und die hatte ihre Kamera ständig aus.

Herzlichen Dank für deine Antworten!

Der TROPS-Tipp 📖

Als kleiner Junge habe ich in meinem Zimmer überall Poster aufgehängt. Auf vielen davon waren Fußballspieler, auf einem Sebastian Deisler. Anfang der 2000er war Deisler das größte Fußballtalent in Deutschland. Er spielte für Borussia Mönchengladbach, Hertha BSC und Bayern München. 2003 setzte er wegen Depressionen mehrere Monate aus,  2007 gab er sein Karriereende bekannt – mit nur 27 Jahren.

Direkt danach hat sich Deisler komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen – mit einer Ausnahme. Der Tagesspiegel-Journalisten Michael Rosentritt schrieb in Zusammenarbeit mit Deisler dessen Biografie, 2009 kam sie heraus. Ich habe die Biografie am Wochenende endlich mal gelesen, konnte sie nicht weglegen und fand es ein sehr berührendes Buch. Auch wenn du von Deisler noch nie was gehört haben solltest, ist das Buch sicher spannend für dich. Denn man lernt viel über Depressionen, das System Fußball, Aufwachsen inmitten der Öffentlichkeit, Umgang mit Druck und die Macht von Boulevardzeitungen.

 Dieses Mal bestellten wir etwas beim Inder. Beim Essen erzählt er von einer Fahrt im Hertha-Mannschaftsbus. Er habe aus dem Fenster geschaut und junge Menschen gesehen, so alt wie er damals, 19, 20 Jahre. Sie hätten Aktentaschen getragen, vermutlich Studenten. „Was hätte ich damals dafür gegeben, mit ihnen zu tauschen.“

➡️ Das Buch gibt es für 12,95 Euro, du kannst es im Buchladen deines Vertrauens bestellen. Gebraucht ist es etwas günstiger (online).

Das Video der Ausgabe 📺

Okay, wie angekündigt kommen dieses Mal drei Videos.

Number One: In Island ist letztens der Vulkan Fagradalsfjall ausgebrochen. Und für Isländer:innen ist das Ganze jetzt nicht so besonders. 🌋

https://www.youtube.com/watch?v=rQ1djPNpcec

Number Two: Vor allem im Schulsport, aber auch sonst ist so ein Mitspieler wie die Nummer 50 sicher hilfreich. Danke an die TROPS-Leserin Mathilde für den Hinweis! 🤝

https://www.youtube.com/watch?v=T7S0DADJTzM

Number Three: Am Sonntag war ja Ostern. In der österreichischen Fußball-Bundesliga wählte die Schiedsrichterin daher etwas anderes als den Münzwurf, um die Seitenwahl zu entscheiden. 🥚

https://twitter.com/oefbFrauenBL/status/1378698599182307332

So, das war die Nummer 11 von TROPS! Kennst du noch Leute, für die der Newsletter spannend wäre? Dann kannst du ihn gerne weiterleiten. 

Und wenn du einen spannenden Artikel, einen spannenden Film oder ein spannendes Buch gefunden haben solltest, der für alle Abonnent:innen spannend sein könnte, dann schreib mir gerne! Danke!

Bis in zwei Wochen, dann gibt es die Ausgabe Nummer 12! ✌️

Herzlichen Gruß dein Laurenz