Wie ein Jubel plötzlich politisch wurde

Die 16. Ausgabe vom TROPS-Newsletter

Liebe:r Leser:in von TROPS!

Egal, wie sehr du dich für Sport interessierst: Von der aktuellen Europameisterschaft hast du bestimmt schon einiges gehört. Denn obwohl auch Fußball gespielt wird, gibt es viele Themen, die bislang das Turnier begleiten:

Der Herzstillstand des dänischen Spielers Christian Eriksen, die Debatte um die Regenbogenfarben auf dem Münchner Stadion, nationalistische Kommentare, faschistische Fans, die Gefahr der Delta-Variante beim Reisen... ⚽️

Ich habe ein paar Themen für dich zusammengestellt. Im TROPS-Talk ist dieses Mal die Journalistin Nicole Selmer zu Gast. Sie erklärt, warum es nach dem Torjubel eines Österreichers auf einmal sehr kompliziert wurde.

Im Video der Ausgabe siehst du eine feine Idee, wie man Fans bei dieser EM verärgern kann. Wenn du schaffst, was der Typ in dem Video macht, und mir schickst, dann wirst du auf ewig Ehrenmitglied von TROPS.

1. Auf einmal wollen alle den Regenbogen – außer der Uefa 🏳️‍🌈

Münchens Stadtrat hatte für das Spiel Deutschland gegen Ungarn einen Vorschlag: Die Allianz Arena sollte in Regenbogenfarben beleuchtet werden. So könnte man ein Zeichen gegen das neue LGBTQ-feindliche Gesetz Ungarns setzen. Doch die Uefa, der europäische Fußballverband, ließ das nicht zu.

  • Während der EM mietet die Uefa die Stadien. Sie kann daher auch bestimmen, wie diese aussehen.
  • Der Verband begründete das Verbot so: »Die Uefa ist gemäß ihrer Satzung eine politisch und religiös neutrale Organisation. Angesichts des politischen Kontextes dieses speziellen Antrags – eine Botschaft, die auf eine Entscheidung des ungarischen nationalen Parlaments abzielt – muss die Uefa diesen Antrag ablehnen.«
  • Danach äußerten Leute auf der ganzen Welt ihr Unverständnis, auch die deutschen Spieler machten klar, dass sie gegen das Verbot sind.
  • Vorne dabei waren auch wichtige Politiker, zum Beispiel der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Dass die Union seit Jahren die Gleichstellung queerer Menschen verhindert: geschenkt. Dass die CSU Orbán früher hofiert hat: auch. Einen guten Kommentar zur „Regenbogen-Heuchelei der Union“ gibt es hier beim Tagesspiegel.
  • Genauso heuchlerisch ist natürlich die Uefa: Der Verband postet auf den sozialen Netzwerken den Regenbogen und verbietet dann eine solche Aktion. 
  • Wichtig finde ich noch zwei Dinge: 1. Homophobie ist im Fußball – so wie in der Gesellschaft – trotzdem überall präsent; da ist ein Regenbogen ein schönes Zeichen, aber hingucken muss man genauso auf die Politik.  2. Die Uefa hat in dieser Angelegenheit versagt – aber nicht nur da: Sie macht im Rahmen dieser EM Deals mit Ländern wie Aserbaidschan, ohne auf die Verletzungen der Menschenrechte hinzuweisen.
  • Alfonso Pantisano vom Lesben- und Schwulenverband erklärt im Interview mit der Frankfurter Rundschau, wie er über die ganze Debatte denkt. Fand ich sehr lesenswert!
„Werden all diese Firmen und Redaktionen, aber auch all die individuellen Menschen, die jetzt den Regenbogen mit großer Überzeugung vor sich her tragen, sich darüber bewusst werden, dass sie mit dieser Solidarität Berge versetzen können, dann kann es gelingen, echte Veränderungen und endlich eine wirklich gleichberechtigte Gesellschaft zu schaffen.“ – Alfonso Pantisano

➡️ Das ganze Interview bei der FR kannst du hier lesen.

2. Cristiano Ronaldo wird gefeiert – trotz  Vergewaltigungsvorwürfen

https://twitter.com/Cristiano/status/1379446925523570692

Cristiano Ronaldo ist wohl der bekannteste Fußballer der Welt. Am Sonntagabend ist er zwar mit Portugal gegen Belgien ausgeschieden, aber er stand bei der EM trotzdem im Mittelpunkt. Gelacht wurde über seine Nacktkatze Pepe, seinen Umgang mit Colaflaschen auf einer Pressekonferenz – und gefeiert wurden seine überragenden Leistungen. Dass es gegen ihn schwerwiegende Vergewaltigungsvorwürfe gibt, gerät dabei in den Hintergrund.

  • 2009 soll Ronaldo das damalige Model Kathryn Mayorga in Las Vegas vergewaltigt haben. Der Spiegel berichtete ausführlich darüber. „Ich habe ihn wieder von mir gestoßen. Er hat versucht, meine Unterwäsche auszuziehen, was ihm aber nicht gelang. [...] Und dann ist er auf mich drauf“, sagte sie. Dabei habe sie "no, no, no, no" gesagt.
  • Später zahlte Ronaldo ihr nach einer außergerichtlichen Einigung 375.000 US-Dollar; Mayorga sollte dafür schweigen. 
  • Er soll internen Dokumenten zufolge später zugegeben haben: „Sie hat mehrfach Nein und Stopp gesagt.“
  • Mayorga hat mittlerweile offen darüber gesprochen. Ronaldo streitet die Vorwürfe ab und wehrt sich mit Anwälten dagegen.
  • Im Tagesspiegel fordert die Journalistin Inga Hofmann: „Hört endlich auf, den Ronaldo zu beweihräuchern!“ Und man kann ihr da nur zustimmen. 
„Jemand, der Steuern in Millionenhöhe hinterzogen hat und gegen den der Vorwurf der Vergewaltigung im Raum stehen, wird völlig unkritisch als portugiesischer Torheld, als Superstar und Fußballkönig abgefeiert. [...] Aber wenn es schon um sein Privatleben, seine Nacktkatze und seinen Social-Media-Erfolg geht, dann muss es erst recht um diese Aspekte gehen.“

➡️ Zum ganzen Kommentar im Tagesspiegel geht es hier. Und sehr, sehr wichtig ist dieser Text im Spiegel, der Mayorgas Sicht zeigt.

➡️  Wenn du lieber Podcasts hörst, kann ich dir zu dem Thema auch diese Folge von „FRÜF – Frauen reden über Fußball“ empfehlen.

3. Ein Österreicher beleidigt seinen Gegenspieler rassistisch – beim Jubeln

Marko Arnautović ist einer der besten Spieler Österreichs. Beim Spiel gegen Nordmazedonien schoss er ein Tor – doch danach zeigte er beim Jubeln eine beleidigende Geste zu seinem mazedonischen Gegenspieler, Ezgjan Alioski. Dabei soll sich Arnautović rassistisch geäußert haben. Arnautović ist serbischstämmig, Alioski albanischstämmig. Serben und Albaner gelten seit Jahrzehnten als verfeindet.

Weil es für das folgende Interview wichtig ist, zitiere ich kurz: „Ich fi*** deine Shiptar-Mutter.“ „Shiptar“ ist das serbische Schimpfwort für die Albaner. Mitspieler von Arnautović versuchten noch, ihm den Mund zuzuhalten.

https://www.youtube.com/watch?v=TNFw3Cn8wac

Der nordmazedonische Fußball-Verband forderte danach die schärfste Strafe für Arnautović. Letztlich wurde er für ein Spiel gesperrt. Er entschuldigte sich später in einer Instagram-Story und sagte: „Ich bin kein Rassist.“ Danach kam es nicht nur in Österreich und Nordmazedonien zu vielen Diskussionen.  ⬇️

Der TROPS-Talk… mit Nicole Selmer ☎️

Nicole Selmer ist Sportjournalistin und Chefredakteurin des österreichischen Fußballmagazins Ballesterer. Im TROPS-Talk spricht sie über den Vorfall – und Nationalismus bei der EM.

Hallo Nicole, wie hast du die Beleidigung durch Marko Arnautović wahrgenommen?

Das ist sehr schnell kompliziert geworden, weil da so viel mit einander verwoben ist: die postjugoslawischen Grenzziehungen, wer lebt da jetzt wie zusammen oder nicht mehr zusammen. Dann ist Arnautović Österreicher mit einem Migrationsbackground. Dazu kommt noch diese Misogynie, also der Sexismus darin. Im Grunde ist es das Gespräch zwischen zwei Männern, da schwingt dann der Ehrbegriff mit – und der wird über Körper von Frauen verhandelt.

Die Reaktionen darauf waren sehr unterschiedlich. Es gab Vorwürfe, dass das sehr diskriminierend gewesen sei. Andererseits meinten auch einige: Ja, okay, das ist eben Fußball, da geht es auch mal rauer zu.

Das sind die Pole des Spannungsfeldes. Und dazu kommt noch, dass manche sagen: „So ist Fußball besonders bei Typen wie dem Arnautović. Die vom Balkan, die sind halt, positiv gesprochen, so heißblütig.“ Oder: „Auf dem Balkan geht’s immer schon so zu. Und der Arnautović gehört da auch dazu. Die sind da halt rassistisch.“ Und das ist ein rassistisches Urteil über Rassismus.

Arnautović hat sich entschuldigt. Was hältst du davon?

Ich finde es erstmal gut, dass der Vorfall mit der Sperre eine Konsequenz hatte. Ich finde auch, dass Arnautović relativ gut reagiert hat. Er hat sich mit dem Spieler ausgesprochen und er hat gesagt: Ich habe einen Fehler gemacht und ich möchte mich dafür entschuldigen. Das ist schon um Längen besser als viele Entschuldigungen von Politikern a la “Oh, hier hat jemand was falsch verstanden, wenn sich jemand gekränkt fühlt, dann tut es mir leid, so habe ich das nicht gemeint”. Und Arnautović war einfach sehr klar. Diesen Raum für “Der hat was anderes gesagt, das war ein Missverständnis” gab es daher gar nicht.

Es gab die Frage einer TROPS-Leserin, ob nationalistische Äußerungen beim Fußball von Ländern auf dem Balkan wegen der jüngeren Geschichte häufiger seien. Ein Beispiel dafür war zum Beispiel der politische Jubel von zwei Schweizer Spielern gegen Serbien 2018.

Prinzipiell ist Nationalismus im Fußball und vor allem bei einer EM oder WM kein Wunder – weil es ein Nationenwettbewerb ist. Und wenn man den ausruft, kriegt man halt Nationalismus. Den hast du aber auch in der Fußballpolitik von Viktor Orbán. Du hast es auch, wenn L'Equipe nach dem Spiel gegen Deutschland schreibt: Das war wie 1918. Du hast es im englischen Boulevard seit Jahrzehnten, in Schottland in der Abgrenzung gegenüber England.

Mein Eindruck ist also, dass das überall so ist und nicht nur auf dem Balkan. Wir leben in einem Europa mit vielen nationalistischen Strömungen, ein Ergebnis davon ist der Brexit. Es ist also alles voll mit Nationalismus – und es wäre eine große Überraschung, wenn man davon im Fußball nichts mitkriegen würde.

Liebe Nicole, herzlichen Dank!

➡️ Du kannst Nicole hier bei Twitter folgen.

Das Video der Ausgabe 📺

Ich habe es ja oben schon geschrieben: Das Angebot steht. 

https://www.youtube.com/watch?v=PNd2mj9i6WI

So, das war die 16. Ausgabe von TROPS!

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Bis in zwei Wochen, dann gibt es die Ausgabe Nummer 17!

Herzlichen Gruß  und einen schönen Sommer 🌞 dein Laurenz