Die Immer-Noch-Pandemie und der beginnende Sommer sind eine schräge Kombination. Von draußen lockt die Sonne, das Verbleiben im eigenen Zimmer erscheint gerade nach dem langen Winter und der Isolation nicht mehr richtig, da man Vitamin D tanken und auf den Kontakt zu anderen hungrig sein soll. Doch man hat sich ja an die Wohnung und das Alleinsein gewöhnt, an die Gespräche am Bildschirm, an den Verzicht, den kleinen Bewegungsradius. Wir haben uns über ein Jahr hinweg im pandemischen Leben eingerichtet, mühsam damit arrangiert, um es besser zu ertragen. Die Akzeptanz hat Sicherheit gegeben, weil die Pandemie halbwegs ertragen zu können wie ein kleiner, erklommener Berg war. Geschafft. 

Jetzt also – das sagt mein Instagram-Feed und das befiehlt das Wort „Außengastronomie“, das überall umher schwirrt, obwohl es bis vor zwei Wochen noch in kaum einem aktiven Sprachschatz existierte – muss man sich zunächst gedanklich bewegen und dann auch noch den träge gewordenen Körper.

Von jetzt auf gleich umschalten zu können auf den Gedanken, ein Stück Kuchen vor einem Café oder sogar ein Bier vor einer Bar am Abend normal finden zu können und völlig entspannt dabei zu sein, kann ruhig überfordern.

Es darf sich gerade alles seltsam anfühlen, nicht komplett behaglich, noch nicht ganz unbeschwert. All das braucht Zeit. Und deswegen muss sich auch niemand komisch vorkommen, wenn es nicht gleich gelingt Verabredungen zu treffen oder sich nicht einmal das Bedürfnis danach regt, jemanden anzurufen und ein Treffen vorzuschlagen. Egal, ob man es selbst noch nicht sicher genug findet oder in sich noch nicht die Sehnsucht danach entdecken kann, es ist in Ordnung, noch eine Weile lang Zuhause zu bleiben und das okay zu finden. Oder auch, sich weiterhin einsam zu fühlen und gleichzeitig keine Lust auf echte Menschen zu haben. Ask me, I'm an introvert.

https://www.youtube.com/watch?v=-c65_gf328U

Wie ist das eigentlich, in der Pandemie zu daten? Als ich das Gespräch mit der Autorin Sheila Heti vorbereitete, das ich vor etwa zwei Wochen moderierte, um mit ihr auch über das Schreiben von Sex-Szenen zu sprechen, habe ich überlegt, welche Szenarien von Annäherung und Sexualität man in Romane schreiben würde, die innerhalb der Pandemie spielen – oder ob mein Nachdenken darüber viel weniger mit dem Schreiben an sich zu tun hat, sondern eher ein bisschen Wehmut darüber ist, dass ich nicht ausprobieren konnte, wie seltsam oder wie tröstlich oder wie auch immer Dating in der Pandemie ist. Ich probiere ja so gern alles selbst aus. „Hast du ein Lecktuch, Kondome und einen Impfausweis?“ Zum Glück spielten die Sex-Szenen in Büchern, die ich zuletzt gelesen habe, nicht in der Pandemie und gingen tiefer. Sheila Heti hat einmal gesagt:

„I think a good sex scene can be written only by someone who has an interesting attitude toward sex — but not only toward sex, toward everything. An interesting sex scene is about the character in that situation, so it’s impossible to think of a compelling sex scene appearing in a book in which sex or sexuality doesn’t somehow operate throughout. You can’t write sex well if you don’t think sex is a significant part of life. Likewise, you couldn’t write breakfast well if you didn’t think breakfast was a significant part of life.“

Der Gedanke, dass man gut über die Dinge schreiben kann, die man für bedeutsam für das eigene Leben hält, gefällt mir und wird mich vermutlich weiter begleiten bei den nächsten Romanen, die ich lese, um in ihnen vielleicht etwas über die Autor_innen zu erfahren. Ich würde wohl auch über Sex schreiben müssen. Über guten Kaffee und darüber, jeden Abend sehr lange wach zu bleiben.

Wie seltsam das Aufeinandertreffen von Frühsommer und Pandemie weiterhin ist, fiel mir an dem Abend mit Sheila Heti auf, als ich in meinem Schreibzimmer saß und sie irgendwo in der Nähe von Toronto mit einem schnarchenden Hund vor ihren Füßen. Mein Zimmer hat Abendsonne, die direkt auf meinen Schreibtisch scheint, was zum Denken und Schreiben wunderbar ist, nur für professionelle Video-Gespräche ist gleißendes Licht im Gesicht nicht ganz passend. Deshalb hatte ich über die Balkontür notdürftig ein dunkles Spannbettlaken geworfen und machte die Moderation des Gespräches an diesem sonnigen Abend aus einem notdürftig abgedunkelten kleinen Zimmer, Chaos auf dem Fußboden, dessen Atmosphäre das komplette Gegenteil war von der Moderation, die ich für die Picador-Gast-Professur von Morgan Jerkins ein Jahr zuvor aus dem Neuköllner Heimathafen gemacht hatte in einem ausverkauften Saal mit zwei leibhaftigen Autorinnen – Alice Hasters als zweitem Gast – die damals nur eine Kaninchenlänge von mir entfernt saßen und ich Details wahrnehmen konnte wie die Textur eines Lippenstifts, die leichte Nervosität aller Teilnehmer_innen vorab, die eine Webcam und ein digitales Vorgespräch unterschlagen.

Wirkt auf mich wie ein Foto aus einer völlig anderen Zeit und kaum vorstellbar, wieder irgendwann einmal mit so vielen Menschen gemeinsam in einem Raum zu sein. Lesung und Gespräch mit den Autorinnen Morgan Jerkins und Alice Hasters am 11.11.2019 im Heimathafen Neukölln. (Foto: Phil Dera für VF Holtzbrinck) 

Ich moderiere so gern, weil ich es liebe zuzuhören und in der Zeit zusätzlich zu dem neuen Wissen, das meine Gesprächspartner_innen vermitteln, so nah an ihren Gesichtern sitzen darf und ihnen beim Denken zuschauen kann. Gerade die Menschen, die nicht schnell sprechen, sondern sich beim Formulieren ihrer Gedanken Zeit lassen, laden über die feinen Bewegungen ihrer Mimik und Gestik dazu ein, sich auf diese zweite Ebene des Erzählens einzulassen. Das hat eine ganz eigene Schönheit und Kraft. Und ich habe beobachtet, dass es tatsächlich Ruhe in Diskussionen bringen kann, wenn an ihnen eine oder mehrere Personen teilnehmen, die nicht nur ihre Argumente rasen, sondern sich Zeit lassen beim reden, pausieren, um die passenden Worte zu finden und sie sichtbar machen, dass sie abwägen und noch nicht alles wissen.

Podcasts haben vielleicht auch die Lücke gefüllt, dass es ein Publikum für intensive Zwiegespräche bzw. Einzelinterviews gibt, die im Fernsehen so kaum stattfinden, sondern die Moderator_innen dort in der Regel mehrere Gesprächsgäste bändigen müssen, die um Redezeit buhlen und schnell sprechen, um all ihre Botschaften in die Zeit zu quetschen. Aber manchmal, wenn ich Podcasts höre, würde ich so gern sehen, was die Augenbraue der interviewten Person gerade macht, ob sie sich kurz schüttelt oder auch wie die Sprechenden miteinander interagiert haben, als sie zusammen in einem Raum saßen. Vielleicht moderiere ich die nächsten Gespräche, die an realen Orten stattfinden, auf dem Schoß der anderen Person.

In etwa zwei Wochen – am 18. Juni – interview ich aber erst einmal noch digital die Autorin Alena Schröder über ihren ersten Roman „Junge Frau, am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“, während wir beide in anderen Wohnungen in Berlin sein werden und die Veranstalter_innen in der Stadtbibliothek in Reutlingen. Ich freue mich wirklich sehr auf das Gespräch, da ich das Buch beim Lesen geliebt habe und es von mir aus noch 200, 300 Seiten dicker hätte sein können. Hier ist eine Rezension, die mich zuerst neugierig auf das Buch gemacht hatte. 

Und schon am Sonntag lesen insgesamt 19 Autor_innen den ganzen Tag lang in der Buchhandlung „She said“, um darüber Spenden zu sammeln für drei Organisationen, die gewaltbetroffene Frauen unterstützen: Frieda Frauenzentrum, Netzwerk der brandenburgischen Frauenhäuser, IWS - International Women* Space, Frauenhaus Cocon.

Die Anwältin Christina Clemm, Carolin Emcke und ich haben die Lesung organisiert, da sich in der Pandemie die Situation für gewaltbetroffene Menschen noch einmal verschärft hat und die Arbeit von Expert_innen, die beraten und Zufluchtsorte bieten, noch einmal wichtiger geworden ist – aber weiterhin unterfinanziert ist.

Wir freuen uns sehr, dass so viele Autor_innen Zeit und Lust hatten, mit dabei zu sein. Das sind Margarete Stokowski, Lena Gorelik, Francis Seeck, Melina Borčak, Silvia Follmann, Alice Hasters, Anja Saleh, Linus Giese, Emilia Roig, Katja Lange-Müller, Mely Kiyak, Asal Dardan, Olga Grjasnowa, Jayrôme C. Robinet, Şeyda Kurt und die Schauspielerin Nina Kunzendorf liest Virginia Woolf.  Die Lesung wird im Stream übertragen und ihr könnt, wenn ihr möchtet und etwas Geld übrig habt, über betterplace spenden. Dort findet ihr auch den Zeitplan der Lesung. Ich habe jetzt schon Lust, die Lesung dann noch einmal vor Publikum zu organisieren. Ich selbst lese um 15.30 Uhr und falls ihr Wünsche habt, welche Texte ich vorlesen soll, meldet euch gern, denn ich habe ja noch kein Buch geschrieben sondern nur eine wilde Sammlung aus Artikeln, Essays und Kolumnen und überlege noch, welche davon ich lesen möchte. Das ist nämlich auch das erste Mal, dass ich vor Publikum lese und nicht frei rede. Eine andere Art von aufregend. Bis Sonntag – digital aus der Innen-Buchhandlung. Teresa

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