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Oh, die Ironie. Das hab ich gedacht, als ich Anfang der Woche mitbekam, dass Sarah-Lee Heinrich aufgrund mehrere Jahre alter Tweets einem Shitstorm von Rechts ausgesetzt war, zu dem Margarete Stokowski hier schon das Meiste gesagt hat. Denn ich hatte eine Tage vorher begonnen diesen Newsletter hier darüber zu schreiben, wie ich mit alten Inhalten von mir im Netz umgehe, ob ich sie löschen soll, und den Text wieder verworfen, weil ich ihn nicht relevant fand und dachte, das interessiere doch niemanden. Ich hatte überhaupt angefangen, über das Thema zu schreiben, weil ich kurz zuvor auf einer Konferenz über feministischen Journalismus und Aktivismus gefragt worden war, wie ich mich meinen alten Blogeinträgen umgehe und ob es mir Sorgen macht, ob irgendwann jemand mal etwas aus den Texten gegen mich benutzt. Die Frage hatte mich daran erinnert, dass ich das Thema immer wieder erfolgreich von mir weggeschoben hatte und mein ganz altes Blog, das ich 2007 begonnen hatte, immer noch online war. Zusätzlich mehrere Tausend Tweets, die ich seit 2008 geschrieben habe, die vermutlich in ihrer Textmenge mittlerweile mehrere Bücher füllen könnten.

Und was wohl nachvollziehbar ist: Wirklich erinnern, was ich vor über zehn Jahren gebloggt und getwittert habe, kann ich mich nicht. Mein Mitbewohner Jan und ich hatten anfänglich ein Musik-Blog, auf dem ich zusätzlich begann, meine ersten feministischen Texte zu schreiben. Da Twitter zu der Zeit, zu der ich zu twittern begann, völlig anders genutzt wurde als heute – es war ein Nachfolger von Myspace für mich, eine Art Tagebuch und kleines, kuscheliges Netzwerk mit Freund_innen – sind meine alten Tweets von damals selbst für mich völlig kryptisch, da ich irgendwelche Alltagsbeobachtungen oder Empfindungen getwittert habe, zu denen ich heute keinerlei Bezug mehr habe. Bei manchen erinnere ich mich vage, auf was sie sich bezogen: Auf welche Party und wach verbrachte Nacht. Auf welche Knutscherei. Auf welche Diskussion in meiner damaligen WG. Bei anderen Tweets hab ich keine Idee, um was es ging. Der Kontext fehlt völlig – und lässt sich nicht rekonstruieren. Und die Zeit dafür, Tausende Tweets durchzugehen, habe ich nicht. Ich kann sie online lassen oder sie alle löschen.

Ich habe teils mütterliche Gefühle für diese Tweets und Texte, denn sie stammen aus einer anderen Zeit, von einem anderen, jüngeren Ich, das seither viele neue Erfahrungen gemacht hat, mehr weiß, andere Meinungen hat, die Welt anders sieht. Ich kann heute mit einer Liebe und Großzügigkeit auf diese Texte schauen, die ich von anderen gebraucht hätte, als ich jünger war und so viel noch nicht wissen konnte. Ich kann ihr Tasten und ihre Unvollständigkeit sehen, die Unsicherheit, die aus ihnen herausspringt und sich oft als Überheblichkeit tarnte. 

Schade für mich ist nur, dass selbst diese persönlichen Tweets nur die Oberfläche von dem enthalten, was mir damals durch den Kopf ging oder was ich machte, denn natürlich habe ich auch auf Twitter oder meinem Blog kein intimes Tagebuch geschrieben. Wer glaubt, dass man im Netz einer Person auch nur ansatzweise nahe kommt, der ist naiv. Aber da ich kein Tagebuch geschrieben habe und die, die ich als Jugendliche schrieb, irgendwann weggeworfen habe – aus Angst, jemand könnte sie finden und lesen – habe ich keinen Zugriff mehr darauf, was ich als 14-Jährige gedacht habe. Traurig daran ist doch vor allem die Scham und die Angst, dafür verurteilt zu werden, wie es mir als Jugendliche ging und was ich dachte. 20 Jahre später würde ich gern mir oder auch anderen Jugendlichen sagen: „Look at you, you made it trough that.“ Es gibt so wenig Grund zu Scham, viel mehr zu Stolz, die eigene Jugend  halbwegs okay zu überstehen und sich irgendwann wieder zu berappeln. 

Jugendliche, die in Familien mit wenig Geld aufwachsen schaffen es statistisch gesehen so gut wie nie in die Politik. Wie geil ist das, was Sarah-Lee Heinrich geschafft hat? Und sie gibt – liebe Elke Heidenreich – mit gerade einmal 20 ziemlich eloquente Interviews

Nein, wir müssen nicht öffentlich Tagebuch schreiben, aber falsch ist es auch nicht. Denn wenn wir als Gesellschaft einander Entwicklung zugestehen würden, könnte es interessant und okay sein, die Entwicklung einer Person öffentlich nachvollziehen zu können. Dabei muss es gar nicht darum gehen, dass jemand verletzende oder diskriminierende Dinge gesagt hat. Wie Menschen sich verändern, ist schließlich komplexer als von Beleidigungen in glattgebügelte Aussagen zu wechseln. Und bei öffentlichen Netz-Inhalten geht es auch nicht nur um Einzelpersonen, sondern auch um Diskurse. Wie sollte beispielsweise wissenschaftlich nachvollzogen werden können, wann Menschen in Blogs oder digitalen Netzwerken begannen, geschlechtergerechte Sprache zu nutzen und wie diese sich ausbreitete, wenn es sich durchsetzt, Tweets und andere Beiträge regelmäßig zu löschen? Oder wie sich Debatten im Netz entwickelt haben, wann und wie der Hass begann und wen er schon erfolgreich aus der digitalen Partizipation und Geschichtsschreibung verdrängt hat? Das denke ich immer, wenn ich den Begriff „Cancel Culture“ höre. Denn seitdem ich das Netz nutze, sind die Angriffe auf Feminist_innen dagewesen und haben immer wieder Blogger_innen und Aktivist_innen aus dem Netz verdrängt. Aber wir sagten dazu nicht Cancel-Culture. Das war schlicht die Folge von Hass und Drohungen oder Activist-Burnout. Es wäre ja auch eine Art von Medienkompetenz zu wissen, dass der Hass nicht neu ist und er sehr effektiv Menschen wirklich zum Rückzug aus der Öffentlichkeit bewegt und nicht ihre Buch-Verkäufe angekurbelt hat.

Wenn Frauen, linken Aktivist_innen oder Politiker_innen, People of Colour, trans und nicht-binären Personen und andere, die Zielscheibe von (rechtem) Hass sind und im öffentlichen Diskurs noch lange nicht gleichberechtigt teilhaben können, nun geraten wird, lieber Poesiealben zu füllen, möglichst unauffällig zu sein, ihre Netzgeschichte zu löschen und von nun an noch stärker darüber nachzudenken, was sie schreiben und sagen, dann wird ihre Marginalisierung fortgesetzt und sie angehalten, sich selbst aus der Geschichte zu schreiben. Dafür müssen sie gar nicht mehr von anderen übergangen und vergessen werden. Für Menschen jedoch, die unter anderem in Medien strukturell diskriminiert werden, ist es eine wichtige Gegenstrategie, selbst über sich zu schreiben – auch in sozialen Netzwerken.

Tweets und Tik-Tok-Videos sind kein Trash. Sie sind andere Wege, zu kommunizieren, zu erzählen, Dinge festzuhalten. Und hätten sie so wenig kulturelle Macht, so wenig Wert, wie die alten weißen Männer gerade einmal wieder erzählen, warum hängen sie dann selbst dort ab und mackern herum? Wie viel Kränkung kommt in der Abwertung digitaler Kommunikation zum Ausdruck, weil das Netz die Diskurse tatsächlich geöffnet und demokratisiert hat und den ehemaligen Gatekeepern einen Teil ihrer Macht genommen hat? Verkraften hetero cis Männer es ebenso schlecht, wenn ihre Partnerin oder Kollegin mehr Follower hat als sie, wie wenn sie ein höheres Gehalt bekommt? Schmerzt es sehr, dass diese „Klima-Mädchen“ so viel mehr Feuer haben als ein ganzes Feuilleton?

Ich mag den Gedanken nicht, dass Medienkompetenz sein soll, sich niemals angreifbar zu machen und immer so vorausschauend zu handeln, dass niemals ein Fehler passiert. 

In sozialen Bewegungen gilt das noch einmal mehr. Die trans Aktivistin und Autorin Julia Serano hat dazu in ihrem Buch „Excluded: Making Feminist and Queer Movements More Inclusive“ geschrieben:

»If we truly want to build broad, intentionally intersectional coalitions (and I believe that we should), then it begins with recognizing that there is noch such thing as a ,gold star‘ activist – the mythical creature who has never once said or done anything inappropriate, offensive or marginalizing to someone.«

Ich wünsche mir für Kinder und Jugendliche, dass sie über das Netz nicht primär lernen, welche Gefahren es mit sich bringt und wie es ihnen schaden kann, sondern wie sie es konstruktiv nutzen und sie sich zusammenschließen können. Ich würde mir mehr menschliche Kompetenz wünschen, zu der gehören kann, aufrichtig um Entschuldigung zu bitten, dazuzulernen aus Fehlern und dann das eigene Verhalten zu ändern. 

Wie viele derjenigen, die gerade an Sarah-Lee Heinrich Morddrohungen geschickt haben oder zuvor an andere Politiker_innen, Autor_innen, Aktivist_innen werden sich jemals dafür öffentlich entschuldigen und es als falsch bezeichnen?

Ich wünsche mir, dass mehr Menschen lernen, wie man anderen zuhört und ihre Anliegen und Verletzungen ernstnimmt. Dass sie lernen, andere mit Fotos oder Videos nicht zu beschämen oder zu erpressen, damit unsere Default-Einstellung nicht sein muss, anderen zu misstrauen.

Ein Mädchen, das mit 15 ihrem Freund ein Nacktfoto geschickt hat, sollte dies nicht als Grund sehen, niemals Kanzlerin werden zu wollen, aus Angst, dass dieses Bild wieder auftaucht. Wie wir aus dem zurückliegenden Wahlkampf wissen, passiert das als Fotomontage ohnehin. Und ab und an nackt zu sein, Sex zu haben, sich auszuprobieren und als Teenager noch nicht zu wissen, wohin das Leben einen trägt, disqualifiziert nicht dafür, einmal Politiker_in zu werden. 

Aber wie ich auch weiß, gibt es vor allem viele Frauen, die nicht in die Politik oder nicht in die weitere Öffentlichkeit wollen, weil sie Angst haben, dass Dinge aus ihrer Vergangenheit skandalisiert werden könnten, die vielleicht nicht der Rede wert sind, die anderen verziehen würden, als Jugendsünde ausgelegt, vielleicht nicht einmal vorgehalten. Und es sollte kein Eignungskriterium für Politik sein, massive Drohungen aushalten zu können. Wir brauchen auch zarte Menschen in der Politik.

Es ist kein Zufall, dass Sarah-Lee Heinrich gerade gezielt angegriffen wird und heftiger als andere junge Politiker_innen: Sie ist eine junge Frau, Schwarz, in Armut aufgewachsen ist und auch noch progressiv. Ich kriege als feministische Autorin schon viel Hass ab, aber die Menge und Härte von Angriffen bei Themen, die vor allem Frauen betreffen, ist nicht vergleichbar mit dem, was ich lesen muss, wenn ich etwas zu Rassismus sage, zu trans Rechten, zu Sexarbeit. Ich kann nur erahnen, wie viel heftiger der Hass ist, den die Menschen abbekommen, denen dieser Hass konkret gilt.

Vergleiche von Sarah-Lee Heinrich mit Philipp Amthor sind übrigens an dieser Stelle völlig absurd, denn als gegen ihn Korruptionsvorwürfe erhoben wurden, war er 27, studierter Jurist und bereits Bundestagsabgeordneter. Zwischen seiner Erfahrungswelt und der einer 14-jährigen Schülerin liegen Welten. Und auch Korruption und verletztende Tweets sind nur schwer vergleichbar – auch wenn die Debatte um Letztere in meiner Wahrnehmung gerade eine Nummer größer ausgefallen ist. Ich kann mich nicht erinnern, dass in einer deutschen Talkshow jemand so verachtend über den CDU-Politiker gesprochen hätte, wie Elke Heidenreich bei Markus Lanz über Sarah-Lee Heinrich sprach. 

Verlieren wir etwas, wenn wir bedachter in sozialen Medien kommunizieren, nur noch in kleineren geschützten Gruppen oder Inhalte öfter löschen? Ich weiß es nicht, aber ich tendiere zu einem Ja. Und bei diesen Diskussionen sollte man nicht übersehen, wer dazu aufgefordert wird, wenig Raum einzunehmen und keine Geschichte zu haben. Wessen Entschuldigungen akzeptiert werden oder von wem sie über gefordert werden. Wie hart die Konsequenzen für wen sind. Und auch, wie ich schon vor einigen Wochen zu einer Freundin sagte: ,Gefühlt muss man sich gerade jede Woche mit einer progressiven Person in einer größeren Aktion solidarisieren. Kommen wir daneben eigentlich noch zu den Themen, um die wir uns langfristig kümmern wollen?‘ Wie könnte man beides, die Solidarität, die notwendig bleiben wird, und all die Dinge daneben, über die nachgedacht werden muss und die Veränderung brauchen, miteinander verbinden verbinden?

Bis dahin Teresa

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