Hallo und Willkommen zu keiner Bundestagswahl-Spezial-Ausgabe, sondern einem Newsletter mit Interview zu einem wichtigen Gesundheitsthema. Denn wer meine Arbeit verfolgt, hat bestimmt schon mitbekommen, dass ich einen Schwerpunkt auf feministischer Gesundheitspolitik habe und regelmäßig über Arbeitsbedingungen in Gesundheitsberufen berichte, die Geburtshilfe, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung, wozu beispielsweise Schwangerschaftsabbrüche, die Versorgung bei Fehlgeburten oder auch Kinderwunschbehandlungen gehören sowie die Gesundheitsversorgung in der Pandemie und die damit verbundenen Mehrfach-Diskriminierungen. 

Besonders hat mich in den vergangenen Monaten beschäftigt, dass es in Deutschland lange keine Empfehlung der Stiko gab, sich in der Schwangerschaft impfen zu lassen und die kaum vorhandene Kommunikation zu diesem Thema Unsicherheiten bei sowohl Schwangeren als auch Ärzt_innen und Hebammen hat aufkommen lassen. Viele der Schwangeren, die sich nach einer eigenen Risiko-Nutzen-Abwägung impfen lassen wollten, wurde von Gesundheitspersonal abgeraten oder ihnen sogar eine Impfung verweigert. Mir haben mehrere Schwangere berichtet, sich ohne Erfolg an mehrere Ärzt_innen gewendet zu haben und für eine Impfmöglichkeit schließlich sogar weit gefahren zu sein. Mit der offiziellen Stiko-Empfehlung, die es seit rund einer Woche gibt, werden die Hürden für diejenigen Schwangeren, die sich impfen lassen möchten, hoffentlich weniger. Denn was schon seit rund einem Jahr bekannt ist: Schwangere haben ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Infektion. Gesondert erfasst wird derzeit nicht, wie viele Schwangere auf Intensivstationen behandelt werden müssen, aber in Regionalmedien berichten die Mitarbeiter_innen von Intensivstationen vermehrt über die Aufnahme von Schwangeren, die beatmet werden müssen, mit dem Leben ringen und manchmal auch versterben. Bei schweren Verläufen müssen die Babys vorzeitig per Kaiserschnitt entbunden werden. Nicht jede Schwangere, die sich mit Covid-19 infiziert, wird schwer krank – doch das Risiko ist auch für jüngere Menschen deutlich höher, als wenn sie nicht schwanger sind. 

Aus der Perspektive der feministischen Gesundheitspolitik stellt sich hier die Frage, ob und wie Schwangere besser geschützt werden können und ob dies ein weiteres Beispiel von geschlechtsbasierter Diskrimierung in der Medizin ist. Im Gegensatz zur Impfung für Kinder und Jugendliche gab es in Deutschland keine politische Diskussion, die Impfempfehlung für Schwangere zu beschleunigen.

Über diese Fragen habe ich per Mail mit der österreichischen Internistin Lisa Hütter gesprochen. In Österreich hat das Nationiale Impfgremium die Impfung für Schwangere bereits Ende April ausdrücklich empfohlen und sie in die priorisierten Gruppen aufgenommen. Lisa Hütter arbeitet in Wien in einer Spezialambulanz für Schwangere mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen.

Schwangere haben ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf, wenn Sie sich mit Covid-19 infizieren. Was bedeutet das konkret?

„Zum Glück verläuft COVID bei den meisten Schwangeren ohne Symptome. Ungefähr ein Viertel aller infizierten Schwangeren hat allerdings Symptome – und bei diesen Frauen steigt das Risiko einer Frühgeburt vor der 32. Woche um das Vierfache. Ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel steigt zudem das Risiko, eine Behandlung auf der Intensivstation und künstliche Beatmung zu benötigen, um das Zwei- bis Dreifache verglichen mit Nicht-Schwangeren im gleichen Alter. Oft muss ein Kaiserschnitt durchgeführt werden, um zumindest das Leben des Kindes zu retten und dem mütterlichen Körper eine Chance zur Heilung zu geben. In Großbritannien waren neun Prozent aller Intensivstations-Aufnahmen schwangere Frauen. Fast jede zehnte Intensiv-Patientin ist eine Schwangere! Das muss man sich vor Augen halten, wenn man über Schutzimpfungen für Schwangere nachdenkt.“

Wie haben Medizin und Forschung sich auf dieses erhöhte Risiko eingestellt?

„Leider zu wenig. Ich bin Internistin und betreue seit einigen Jahren in einer gemeinsamen Sprechstunde mit einer Gynäkologin Frauen mit rheumatischen Erkrankungen, die schwanger sind oder es werden wollen. Aus dieser Arbeit weiß ich, dass Frauen im reproduktiven Alter und rund um die Schwangerschaft von der medizinischen Forschung vernachlässigt werden.

Es war aber wirklich eine herbe Enttäuschung, in dieser Pandemie live mitzuerleben, wie wenig Beachtung die medizinische Community den Schwangeren in der Erforschung von Therapien und Impfstoffen gegen COVID-19 geschenkt hat. Und das, obwohl bereits im September 2020 (!) klar geworden war, dass Schwangere eine klar abgrenzbare Risikogruppe bilden und zu schweren Verläufen neigen. Trotzdem hat man sie strukturell aus Medikamenten- und Impf-Studien ausgeklammert. Die Behörden in EU und USA verlangen von der Pharmaindustrie nicht, dass sie Schwangere in ihre Zulassungsstudien aufnehmen – also tut sie das auch nicht. Als Folge haben sie monatelang keinen Zugang zur Impfung bekommen. Diese Ignoranz beschränkt sich übrigens nicht auf schwangere Frauen: Eine Auswertung von Studien zu COVID-Medikamenten- und -Impfstoffen hat ergeben, dass nur fünf Prozent ihre Daten überhaupt nach Geschlecht ausgewertet haben.

Erst später haben ForscherInnen und ÄrztInnen, primär aus den USA, die Lücke geschlossen. Sie haben Fälle schwangerer Frauen, die sich nach einer Nutzen-Risiko-Abwägung trotzdem haben impfen lassen, in einer Datenbank gesammelt. Heute hat sie mehr als 130.000 Einträge. Schnell wurde klar: Die mRNA-Impfstoffe sind für Schwangere völlig sicher. Sie führen weder zu Fehlgeburten noch Frühgeburten. Im Gegenteil: Die Impfung wirkt und schützt Schwangere vor schweren Verläufen – und damit auch vor Frühgeburten!“

Kann man Schwangere in pharmakologische Studien einschließen?

„Viele Menschen sorgen sich, dass sie das in Gefahr bringen könnte. Aber das ist nicht der Fall – und wir müssen uns vor Augen halten, was es für Schwangere bedeutet, aus Heilmittel-Studien ausgeschlossen zu werden: Für 90 Prozent der zugelassenen Medikamente gibt es keine Informationen über die richtige Dosis und die Sicherheit in der Schwangerschaft. Rund die Hälfte aller Schwangeren benötigt aber ein Medikament, ob wegen einer chronischen Krankheit oder einem Leiden, das in der Schwangerschaft auftritt. Sie sind völlig allein mit der Ungewissheit einer unerforschten Medikamenten-Einnahme. Der vermeintliche Schutz ist für sie ein realer Schaden.“

Wie könnten Schwangere praktisch in Heilmittel-Zulassungsstudien eingeschlossen werden?

„Zulassungsstudien erfolgen in mehreren Phasen. Zuerst wird das Mittel an Tieren erprobt, dann an einer kleinen Gruppe Menschen, schließlich an tausenden Menschen. Erst im Anschluss daran – also wenn gesichert ist, dass das Mittel keine Gefahr birgt – könnte man es an besonders schützenswerten Gruppen wie Schwangeren oder auch älteren Menschen testen.

Schwangerschaft gilt in unserer Gesellschaft als besonders natürlicher, fast schon magischer Vorgang, den man nur staunend betrachten darf, ohne sich einzumischen. Eine Krankheit oder gar eine Pandemie sind aber gute Gründe, sich einzumischen. Auch schwangere Körper werden krank und brauchen Behandlung – bekommen sie aber oft nicht. Chronisch kranken Frauen wird oft geraten, ihre Medikamente abzusetzen, wenn sie schwanger sind oder werden wollen – obwohl das ihnen und ihrem ungeborenen Kind schadet. Auch auf COVID-Intensivstationen landen immer wieder Schwangere, die bis dahin trotz schwerem Verlauf kein Medikament bekommen haben!“

Sie haben auf das Phänomen „Protected to death“ in der Ebola-Epidemie (2013-2016) hingewiesen. Was ist dort passiert?

„Neun von zehn infizierten Schwangeren in den betroffenen westafrikanischen Ländern starben, auch ihre ungeborenen Kinder. Trotzdem weigerten sich die Behörden, Schwangere in die Impfzulassungsstudien aufzunehmen. Sie taten das laut eigenen Angaben aus ethischen Gründen: Man könne schließlich nicht wissen, ob der Impfstoff, der Schwangeren das Leben retten würde, die Feten gefährden könne. Die Feten und ihre Mütter wurden also dem fast sicheren Ebola-Tod überlassen, um sie nicht in einer Studie zu ,gefährden‘.

Die Verantwortlichen argumentieren gerne mit ,Ethik‘ und dem ,Schutz des ungeborenen Lebens‘. In Wahrheit schützen sie damit die Interessen der Pharmaindustrie. Für die würden Zulassungsstudien nämlich aufwendiger, wenn sie Frauen mit Zyklus oder gar Schwangere aufnehmen müssten. Sie testen lieber an weniger ,komplizierten‘ Menschen, also vor allem an Männern und post-menopausalen Frauen.“

Was wäre aus Ihrer Sicht eine adäquate Strategie, um Schwangere in der jetzigen Pandemie zu schützen?

„Mittlerweile haben Schwangere in Österreich und Deutschland endlich Zugang zur Impfung. Jetzt brauchen sie auch die nötige Information und Beratung, um gegen Gerüchte und Bevormundungsversuche gewappnet zu sein. Sie müssen wissen, dass Schwangerschaft ein Risikofaktor für eine schwere COVID-Erkrankung ist – und dass die Impfung einen hervorragenden Schutz dagegen bietet. Das sollte in Aufklärungsgesprächen mit Hausärzt_innen, Internist_innen und Gynäkolog_innen geschehen, und zwar institutionell verankert. In Österreich könnte das über den Mutter-Kind-Pass passieren, anhand dessen Schwangere vorgegebene Untersuchungen und Beratungsgespräche erhalten.“

Kann man ausschließen, dass eine Impfung gegen das Corona-Virus den Fötus schädigt?

„Ja, das stand eigentlich nie wirklich zur Debatte. Die meisten Sicherheitsdatenbank-Einträge über COVID-Impfungen in der Schwangerschaft liegen für die mRNA-Impfstoffe vor, daher werden diese in der Schwangerschaft und Stillzeit sowohl in Deutschland als auch in Österreich empfohlen. Diese Impfstoffe gegen COVID-19 sind keine Lebendimpfstoffe. Das bedeutet, dass sie kein vermehrungsfähiges Virus-Material enthalten. Bildlich gesprochen liefern diese Impfstoffe dem Immunsystem des Körpers lediglich ein Fahndungsfoto vom Gesicht des Verbrechers, nicht den Verbrecher selbst. Taucht er dann tatsächlich auf, erkennt das Immunsystem ihn sofort und kann ihn schneller stoppen.

Diese Immunreaktion findet nur im mütterlichen System statt. Die mRNA-Impfstoffe gelangen nicht in den Blutkreislauf des Fetus. Tollerweise gilt das aber nicht für die Antikörper, die gegen den ,Verbrecher‘ SARS-CoV-2 gebildet werden. Sie werden vom mütterlichen Körper aktiv über die sogenannte Plazentaschranke transportiert. Somit sind die Neugeborenen vor sämtlichen Krankheitserregern geschützt, gegen die die Mutter im Lauf ihres Lebens (durch Impfung oder Infektion) Antikörper gebildet hat. Schwangere, die sich gegen COVID impfen lassen, schützen also ihr Kind gleich mit – zumindest in den ersten Monaten nach der Geburt, dann lässt die Wirkung nach.

Das Entscheidende ist nicht die Machart des Impfstoffs (ob Totimpfstoff, mRNA- oder Vektorimpfstoffe), sondern die Schutzwirkung, die er im Körper auslösen soll und kann. Impfstoffe, die von ihrer Wirkung im Körper sehr ähnlich sind, werden schon seit Langem in der Schwangerschaft eingesetzt. Nur Lebendimpfstoffe sind dezidiert in der Schwangerschaft nicht empfohlen. Schwangere bekommen beispielsweise eine Auffrischungs-Impfung gegen Keuchhusten (Pertussis) seit man weiß, dass dann das Neugeborene um ein Vielfaches besser gegen Keuchhusten geschützt ist. Man macht sich den aktiven Antikörper-Transport über die Plazenta zu Nutze! Auch die jährliche Impfung gegen die ,echte Grippe‘ (Influenza) wird Schwangeren empfohlen, weil sie auch hier zur Risikogruppe gehören.

Es liegen zudem mittlerweile Daten von hunderttausenden geimpften Schwangeren vor, die zeigen, dass das Risiko für Fehlgeburten, Frühgeburten oder kindliche Fehlbildungen durch die COVID-Impfung nicht erhöht ist.“

Kann eine Impfung das Stillen beeinflussen? Müssen Stillende bei der Impfung etwas beachten?

„Schwangerschaft und Stillzeit werden oft in einem Atemzug genannt, aber tatsächlich ist die Stillzeit biologisch betrachtet ein ganz anderer Vorgang.  Die Milchproduktion bleibt von einer Impfung unberührt, ebenso die Qualität der Muttermilch. Es gibt keinen Grund, warum das Stillen einer COVID-Impfung im Weg stehen soll. Das ist im Übrigen auch bei allen anderen Impfungen so – mit der Ausnahme der Gelbfieber-Impfung, einer Reise-Impfung. Im Gegenteil: Alle, die wissen, wie es ist, einen Säugling zu versorgen, trachten danach sämtliche Infektionskrankheiten von sich – und damit auch dem Baby – fernzuhalten. Impfungen sind der beste Schutz dagegen.“

Wie beurteilen Sie die Kommunikationsstrategien von offiziellen Gesundheitsbehörden gegenüber Schwangeren? Hätte man hier anders kommunizieren können? 

„Soweit ich das überblicken kann, haben sie Schwangere recht früh darüber informiert, dass sie zur COVID-Risikogruppe gehören. In Österreich konnten sich Schwangere in Berufen mit Körperkontakt auch bald freistellen lassen. Die damit indirekt kommunizierte Botschaft lautete: Sperrt euch zu Hause ein, um euch zu schützen!

Mir behagt es überhaupt nicht, Schwangere vom gesellschaftlichen Leben auszuschließen. Aber vor Beginn der Impfkampagnen mag das tatsächlich die am wenigsten schlechte Lösung gewesen sein. Für viele Schwangere war der völlige Rückzug ohnehin unmöglich, etwa für jene mit Partner_innen, die sich nicht ebenfalls völlig isoliert haben, oder mit einem älteren Kind, das das Virus theoretisch jeden Tag aus Schule oder Kindergarten nach Hause bringen konnte. Ab Jänner 2021 haben die gynäkologischen Fachgesellschaften dann empfohlen, dass Schwangere sich nach einer individuellen Nutzen-Risiko-Abwägung für die Impfung entscheiden können sollen. Das haben die Behörden aber erst Monate später ermöglicht. Kontaktpersonen von Schwangeren konnten sich per Impf-Priorisierung in Österreich deutlich früher impfen lassen als Schwangere selbst. Die empfohlene Nutzen-Risiko-Abwägung war für Schwangere de facto nicht möglich, außer, wenn sie aus anderen Gründen, zum Beispiel, weil sie zum Gesundheitspersonal gehört, zur Impfung vorgereiht waren. Das war eine recht paternalistische Herangehensweise.“

Können Sie erklären, warum die Impf-Empfehlungen für Schwangere in unterschiedlichen Ländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten kamen?

„Ich nehme an, dass es an der Zusammensetzung der Entscheidungsgremien liegt. In der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde gibt es seit Jahrzehnten gut organisierte Mediziner_innen, die sich gegen die strukturelle Ignoranz gegenüber Schwangeren und Stillenden einsetzen. In Österreich kam die Empfehlung bereits Ende April, also einige Monate vor Deutschland, nachdem einige feministische Ärztinnen Druck gemacht hatten. Meines Wissens war der Punkt gar nicht, dass das Impfgremium tatsächliche inhaltliche Bedenken hatte. Die Empfehlung der gynäkologischen Fachgesellschaft lag ja lange vor. Es ging vor allem darum, das Thema überhaupt auf die Tagesordnung zu bringen. Ohne Druck von außen hätte sich das Impfgremium möglicherweise erst Monate später mit der brenzligen Situation von Schwangeren in der Pandemie befasst.

Ich denke, dass es in allen medizinischen Gremien Expert_innen braucht, die strukturell die Perspektive von Schwangeren und Stillenden einbringen.“

Warum hat die Impf-Kommission in Deutschland so lange für ihre Empfehlung gebraucht?

„Das kann ich nicht beurteilen. Die deutsche Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat sich ja wesentlich früher für eine Impfung von Schwangeren nach Nutzen- und Risiko-Abwägung ausgesprochen. Für mich war diese Beurteilung relativ einfach. Der Nutzen der Impfung war sonnenklar und vielfach bewiesen. Die Risiko-Abwägung war, da Schwangere in den Zulassungsstudien eben nicht vorkamen, schwieriger als für andere Personengruppen. Doch man konnte auf das medizinische Wissen über Totimpfstoffe und die bereits genannten Daten hunderttausender geimpfter Schwangerer aus den USA und Großbritannien zurückgreifen.

Hier zeigt sich eine absurde Logik: Einerseits will man keine Zulassungsdaten für Schwangere erheben und andererseits tut man sich schwer, ohne vorhandene Zulassungsdaten eine Anwendungsempfehlung auszusprechen. Ich glaube, als Biontech-Pfizer bekannt gegeben hat, dass eine prospektive Impf-Studie an 4.000 Schwangeren erst im Jänner 2023 fertig werden würde, ist den Verantwortlichen gedämmert, dass man darauf wohl nicht warten kann.

Ich glaube es braucht eine breite gesellschaftliche Debatte über Geschlechter-Gerechtigkeit in der Medizin.“

Viele Frauen, insbesondere die mit Kinderwunsch und Schwangere, sind verunsichert. Wie kann man hier ansetzen und Vertrauen wieder aufbauen?

„Das Grundproblem ist, dass viele Frauen von Vornherein wenig Vertrauen ins Gesundheitssystem haben – und das aus leider nachvollziehbaren Gründen. Die Gender-Medizin hat wasserdicht bewiesen, dass Frauen und People of Color öfter schlechte Erfahrungen machen. Wenn sie Krankheitssymptome schildern, wird ihnen weniger geglaubt als weißen Männern. Sie erhalten richtige Diagnosen später oder im schlimmsten Fall gar nicht. Es dauert länger, bis sie die richtige Behandlung erhalten und ihre Beschwerden gelindert werden. Da ist es wenig verwunderlich, wenn Frauen und People of Color weniger Vertrauen in medizinische Institutionen haben. Ihr Leid verdoppelt sich noch, wenn es – wie etwa in dieser Pandemie – darum geht, rasch die richtige Entscheidung zu treffen und sie aus den genannten Gründen zögern. Gerade bei Impfungen ist es so wichtig, dass Frauen eine vertrauensvolle Beziehung zu uns Ärzt_innen haben können. Impfungen haben schließlich schon Millionen von Leben gerettet!

Im konkreten Fall können wir von Großbritannien lernen. Dort haben sich die gynäkologische Fachgesellschaft und der Hebammen-Verband für eine Informationskampagne zusammengetan, um die Vorteile der Impfung klar zu machen und etwaige Sorgen von Schwangeren aktiv anzusprechen. Es muss allen klar sein, dass nur eine Impfung ausreichenden Schutz für die Schwangere und ihr Baby bieten kann. Die einzige Alternative wäre die totale soziale Isolation während der Schwangerschaft und in den Monaten danach. Das kann niemand wollen.“

Danke für das Gespräch.

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Mein feministischer Wunsch ist, dass in den nächsten Monaten so viele Menschen wie möglich gesund bleiben und wir gesellschaftlich und politisch solidarisch bleiben und einfallsreich, um allen möglichst viel Schutz und Freiheit zu ermöglichen. Und eine feministische Gesundheitspolitik in der nächsten Legislatur wünsche ich mir auch. Es sind zu viele Dinge, um sie hier alle aufzulisten, die angegangen werden sollten. Eine davon sind: viel bessere Arbeitsbedingungen in den Gesundheitsberufen, die gleichzeitig die Versorgung von Patient_innen enorm verbessern würden, die Prävention von Gewalt, die für mich ein Public-Health-Thema ist, gesunde Arbeitsbedingungen in allen Berufen, Gesundheitsprävention für Alleinerziehende, Eltern von Kindern mit Behinderungen und allen anderen sorgenden Personen, Gerechtigkeit und gute finanzielle Unterstützung bei Kinderwunschbehandlungen, die Kostenübernahme von Verhütungsmitteln, mehr Kassensitze für Psychotherapeut_innen, eine solidarische Finanzierung des Gesundheitssystems und das Ende der Zwei-Klassen-Medizin.

Verfolgt ihr gesundheitspolitische Themen generell? Spielt Gesundheitspolitik bei eurer Wahlentscheidung eine Rolle?

Wenn ihr euch auch für diese Themen interessiert: Sie spielten zwar im Wahlkampf keine Rolle in der öffentlichen Kommunikation, in den Wahlprogrammen werden sie jedoch durchaus thematisiert und die Pläne der Parteien könnt ihr in den Programmen nachlesen oder in Wahlprüfsteinen von Organisationen wie Motherhood e.V, dem Deutschen Frauenrat, Medica Mondiale oder Doctors for Choice.

Bis bald

Teresa

Konferenz-Hinweis

Feminist Press:ure. Feminismus, Medien, Aktivismus

30.9., 14.00 – 20.00  1.10., 10.00 –19.00

Feminismus bekommt so viel mediale Aufmerksamkeit wie noch nie. Doch  was bedeutet das für geschlechterpolitische Entwicklungen? „Gender“ ist  seit einigen Jahren ein Garant für massenhafte Zugriffe auf Artikel und  heftige Auseinandersetzungen in sozialen Medien. Die Aufmerksamkeit für  feministische Themen ist auch in klassischen Medien spätestens seit  #MeToo stark gestiegen. Hat sich diese neue Aufmerksamkeit auch in eine  realpolitische Aufmerksamkeit übersetzt? Gingen konkrete politische  Entwicklungen mit diesem noch jungen Interesse  an geschlechterpolitischen Themen einher? Oder bleiben diese im Diskurs  hängen und werden nur für hitzige Debatten benutzt, in denen immer  wieder neue Stereotype reproduziert werden und inhaltlich kaum etwas  vermittelt werden kann? Und welche Rolle kann feministischer  Journalismus inmitten dieses neuen Umgangs mit Feminismus und  Genderthemen spielen? 

Bei der Tagung „Feminist Press:ure“ am 30.  September und 1. Oktober in Wien werden Journalist*innen und  Medienexpert*innen diese Fragen diskutieren. Mit Inputs und Diskussionsbeiträgen von Ferda Ataman (unter anderem „Spiegel“), Teresa Bücker (unter anderem  „Süddeutsche Magazin“), Beatrice Frasl (Podcast „Größe Töchter“),  Jelena Gučanin (unter anderem „Wienerin“), Beate Hausbichler  (dieStandard.at), Noura Maan (DER STANDARD), Martina Madner („Wiener  Zeitung“), Corinna Milborn (Puls 4), Andrea Roedig (unter anderem  „Wespennest“ und „Welt der Frauen“), Nicole Schöndorfer (Podcast „Darf  sie das?“), Andrea Seier (Uni Wien), Lea Susemichel („an.schläge“) und  Hengameh Yaghoobifarah (unter anderem „Missy Magazin“).  Eine Kooperation von an.schläge. Das feministische Magazin und dieStandard.at.

Die Konferenz wird live auf Youtube gestreamt.

Mehr Infos hier.

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