Da ist sie, meine erste Folge „Jetzt mal konkret“, die ich als Teil eines Teams beim RBB24 moderieren darf. Als die Anfrage für das Format kam, war mein erster Gedanke: ,Ich hab eigentlich überhaupt keine Zeit, ich muss an meinem Buch arbeiten‘, aber der Hunger danach, etwas Neues zu lernen und mit ein paar Menschen zusammenzuarbeiten, die ich noch nicht kenne, war größer.

https://www.youtube.com/watch?v=xvq1dyWdVdE

Ein Buch zu schreiben, insbesondere in einer Pandemie, ist nicht gerade der geselligste Prozess und die Team-Arbeit ist der Aspekt des Arbeitens, der mir am meisten fehlt, seitdem ich als freie Journalistin arbeite. Deswegen denke ich auch immer mal wieder darüber nach, worauf ich Lust habe, wenn das Buch abgegeben und lektoriert ist, welche Form des Arbeitens am besten zu mir passt und welche Kompromisse ich machen möchte. Weiterhin frei arbeiten mit den damit verbundenen Unsicherheiten und Freiheiten? Wieder festangestellt mit größerer Sicherheit, aber dafür auch weniger Freiräumen und Flexibilität? Ganz besonders fehlt mir die Zusammenarbeit mit jüngeren Menschen, von ihren Perspektiven zu lernen und mein Wissen weiterzugeben, Mut zu machen und Talente zu erkennen, was wesentlich leichter ist, wenn man festangestellt in einem Team arbeitet. Denn als Freie ist so etwas vor allem möglich als ehrenamtliches Engagement, aber woher nimmt man dafür eigentlich die (unbezahlte) Zeit?

Als ich das erste Video für die RBB-Reihe aufgezeichnet habe, war vieles ungewohnt: Mit einem Teleprompter zu arbeiten und vor einer Green-Screen zu stehen. Sätze anders zu betonen, weil es kein normales Gespräch und kein Vortrag ist. Nicht meinen eigenen Text vorzutragen, sondern den einer Autorin. Am ungewohntesten war es gerade beim Thema Gender-Care-Gap aber, dass die vermittelten Fakten überhaupt gar nicht meinem Alltag entsprechen und ich fortwährend dachte, wie bizarr es ist, dass nach wie vor die Mehrheit der cis Mann-Frau-Paare mit Kindern in eher traditionellen Modellen lebt, die oft zu ungerechter Verteilung der Sorgearbeit, beruflichen Chancen und finanziellen Mittel führen. 

Denn nach wie vor leben die meisten Eltern ein so genanntes „modernisierte Ernährermodell“, in dem der Vater in Vollzeit und die Mutter in Teilzeit arbeitet. 68 Prozent der Hetero-Elternpaare teilt sich die Sorge- und Erwerbsarbeit auf diese Weise auf. Und fast jede vierte Familie lebt noch immer im so genannten „Alleinernäher-Modell“, in dem der Vater das Erwerbseinkommen allein verdient und die Mutter den Löwinnen-Teil der unbezahlten Sorgearbeit übernimmt. Bei einem Viertel der Familien kann man wohl kaum davon sprechen, dass das Alleinernäher-Modell kaum noch verbreitet ist, sondern noch ziemlich normal ist.

Ich hatte im letzten Jahr die Möglichkeit, dieses Modell aus meiner Perspektive kennenzulernen. Denn nach der Geburt meines zweiten Kindes hat mein Partner 14 Monate lang seinen Job pausiert und in der Zeit die meiste Sorgearbeit für unsere Kinder übernommen. Dass ich außer dem Mutterschutz keine Elternzeit genommen habe, hatte auch damit zu tun, dass die Elterngeld-Regelung für Selbstständige immer noch Mist ist (selbstständige Eltern interessieren die Familienpolitik leider bislang kaum), aber als politische Autorin wäre es mir in der Pandemie noch einmal schwerer gefallen, mich monatelang gar nicht zu äußern. Da aus meiner Sicht feministische Perspektiven in den ersten Pandemie-Monaten viel zu selten vorkamen im öffentlichen Diskurs, wollte ich sehr schnell wieder schreiben und auf Veranstaltungen sprechen.

Somit war ich es, die wieder relativ viel Zeit mit Erwerbsarbeit verbrachte und im Spätnachmittag nach Hause kam, zu meinem Partner und den Kindern. Das Dilemma, das sich daraus ergab, war, dass ich direkt nach meiner Rückkehr aus dem Büro mein jüngstes Kind stillte und meinen Partner in der Kinderbetreuung ablöste, somit aber quasi gar keine Pausen mehr hatte, da ich ohne Übergang zwischen Erwerbs- und Sorgearbeit wechselte. Im Prinzip, gerade mit einem Baby, das abends und nachts immer wieder wach wird, hatte ich Arbeitstage von 16, 18 Stunden.

Vielleicht leben manche Paare das Alleinernährermodell so, dass die erwerbsarbeitende Person nach Feierabend denkt, ihre Arbeit sei getan und sich auf die Couch legt. Aber ich weiß, dass mit dem Kind Zuhause zu sein so anstrengend und fordernd ist – ich persönlich finde es anstrengender als Erwerbsarbeit, weil man keine Zeitsouveränität hat – dass ich denke, dass keine Person die Pause am Abend mehr verdient hat als die andere. Eine Möglichkeit für mich hätte also sein können, dass ich kürzer arbeite und zwischen Job und Nach-Hause-Kommen eine Pause einbaue. Leichter gesagt als getan im Lockdown, als man außer Spazierengehen nichts außer Haus machen konnte. Und diese Pausen hätten meine Arbeitszeit noch einmal reduziert. Teilzeit arbeiten, um nicht dauernd müde zu sein oder Zeit für Freund_innen zu haben. 

Ich kann in der Hinsicht sogar verstehen, dass manche Menschen die Fahrt im Auto von der Arbeit nach Hause als Eigenzeit verstehen und keine Lust haben, sie im ÖPNV zu verbringen. Manchmal sind die Pendelzeiten die kleinen Zeitinseln, die man nur für sich hat. Wie können wir es also gesellschaftlich organisieren, dass Menschen, die erwerbsarbeiten und Sorge-Aufgaben haben, Pausen machen können?

Die Bilanz unseres Elternzeitmodells war für mich, dass die Aufteilung, dass eine Person voll erwerbsarbeitet und die andere Person sich ganztags um die Kinder kümmert, für beide Personen zu mehr Unzufriedenheit führt, als sein müsste. Denn beide fangen an, die Aufteilung als ungerecht wahrzunehmen: Die Person, die Zuhause ist, nimmt wahr, dass sie sich viel mehr ums Kind und den Haushalt kümmert. Die Person, die erwerbsarbeitet, hat oft ein schlechtes Gewissen, hätte gern mehr Zeit mit den Kindern oder fühlt sich ebenso unfair behandelt, weil sie ja auch viel arbeitet und Zuhause allein aus Zeitgründen nicht so viel Care-Arbeit übernehmen kann, dass die Partner*in sich entlastet fühlt. Ich kann daher tatsächlich auch all die Männer, die in der Regel mehr erwerbsarbeiten als ihre Partnerinnen, nicht verstehen, dass sie sich dauerhaft mit diesem Modell arrangieren. Denn Väter, die in Vollzeit-Jobs arbeiten, können nicht genauso viel Sorgearbeit übernehmen wie ihre Partner*innen, die in Teilzeit arbeiten. Equal-Care gelingt nur, wenn beide Partner*innen ähnlich viel erwerbsarbeiten – im Idealfall weniger als 40 Stunden.

Ich bin insbesondere nach diesem Perspektivwechsel durch die Elternzeit davon überzeugt, dass eine gleichberechtigte Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit das Modell ist, dass beide Partner*innen langfristig am zufriedensten machen könnte und ich habe insbesondere in den letzten Monaten der Elternzeit meines Partners die Zeit herbeigesehnt, in dem unser jüngeres Kind endlich in die Kita gehen und er wieder in seinen Job zurückkehren würde, damit wir die Care-Arbeit endlich wieder fairer aufteilen würden können. Und Freund*innen, die selbst gerade in Elternzeit waren, berichteten mit Ähnliches, wie belastend diese Schieflage war in der Zeit, in der eine Person hauptsächlich für Care, die andere für Erwerbsarbeit zuständig war, weil beide mit der Zeit immer unzufriedener wurden. 

Vielleicht lebe ich in einer Bubble, in der Gleichberechtigung einer der wichtigsten Werte ist. Denn ich hab mich nicht wohl dabei gefühlt, meinen Partner mit all der Sorgearbeit allein zu lassen, genauso wenig wie ich es für mich selbst akzeptabel finden würde, dass ich Teilzeit arbeiten würde, während mein Partner in Vollzeit bleibt. Ich würde ihm wohl schlicht einen Vogel zeigen, wenn er mir sagen würde: „Aber ich verdiene mehr Geld, deswegen bleibe ich in Vollzeit.“ Denn die Bedeutung, die ein Job für eine Person individuell haben kann, misst sich nun einmal nicht ausschließlich in Geld.

Ich hab mich daher zuletzt immer wieder gefragt, ob so viele Frauen in Teilzeit wechseln, weil ihre Partner das mit der Gleichberechtigung noch nicht ganz verstanden haben, bei so vielen Menschen ein hohes Einkommen wichtiger ist als andere Dinge oder sie Konfrontation scheuen. Oder ob in Teilzeit zu gehen vielleicht auch Selbstschutz sein kann, um die Erschöpfung abzumildern. Dann wären die Frauen, die öfter die Arbeitsstunden reduzieren, vielleicht sogar im Vorteil gegenüber den Männern, die weiterhin lange im Büro bleiben müssen.

Jetzt mit dem zweiten Kind habe ich oft gedacht: Keine Ahnung, wie das gehen sollte, würde ich Vollzeit irgendwo angestellt arbeiten. Mit einem Kind ging das auch nur mit Babysitterin, die es an bestimmten Tagen von der Kita abholte, damit ich auf 40+ Stunden kam. Aber mit zwei Kindern ist plötzlich alles doppelt so komplex. So viel, wie wir gerade mit zwei Kindern improvisieren müssen, wenn sie krank werden, da das eine in der Schule und das andere in der Kita ist, weil das Ins-Bett-Bringen länger dauert, sie beide Zeit mit ihren Eltern wollen, weiß ich nicht, wie das funktionieren sollte, wenn wir beide in Vollzeit-Stellen arbeiten würden. Wir schaffen es, weil wir beide unsere Arbeitszeiten reduziert haben – und wir sind trotzdem ständig müde und haben zu wenig Zeit füreinander und für uns selbst.

All diese Erkenntnisse sind nicht wirklich neu, aber sie sind eben nicht entsprechend politisch verarbeitet. Denn allein das Wahlprogramm der Linken stellt die 40-Stunden-Woche grundsätzlich in Frage. Nicht einmal die Grünen und die SPD tun das, die doch mehr für die faire Aufteilung der Sorgearbeit tun wollen. Solange wir jedoch an der 40-Stunden-Woche festhalten (und geringere Arbeitszeiten nur als Ausnahme für die ersten Elternjahre diskutieren) und Teilzeit-Löhne in der Regel nicht zum Leben reichen werden, werden wir der gleichberechtigten Aufteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit nicht wirklich näher kommen – und der Entlastung von Alleinerziehenden auch nicht.

Also bitte nicht verzweifeln, wenn euch die Gleichberechtigung in euren Partner*innenschaften in unserer jetzigen Arbeitskultur nicht gut gelingt. Lasst euch nicht erzählen, ihr müsstet euch nur genug anstrengen, damit es klappt. Natürlich geht mehr. Gleichberechtigt leben muss man auch wollen. Aber am Ende braucht es vor allem politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Unsere Vollzeit-Kultur, die viel zu wenig in Frage gestellt wird, und die auch viele Menschen schon ohne Care-Aufgaben müde macht, gehört nicht dazu.

Für das letzte Triell würde ich mir daher unter anderem diese Frage wünschen: „Was ist modern, was ist progressiv, was ist familienfreundlich, was ist ökologisch an der 40-Stunden-Woche als Norm?“

Habt ihr Ideen?

Bis bald

Teresa

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