„Bitte betreuen Sie Ihr Kind morgen nach Möglichkeit zu Hause.“ Dieser Satz kommt seit Wochen verlässlich mindestens einmal pro Woche per Mail von der Kita, weil zu viele Erzieher_innen krank geworden sind, als dass es aus pädagogischer Sicht vertretbar wäre, alle Kinder der der Gruppe kommen zu lassen. Manchmal kommt ein oder zwei Tage nach der ersten Mail noch eine weitere, die noch einmal dringlicher darum bittet, das Kind irgendwie anders zu betreuen und man nur deuten kann als: Eigentlich müssten wir die Kita unter diesen Umständen schließen

Ich habe ein schlechtes Gewissen den Erzieher_innen gegenüber, die ihre eigenen pädagogischen Standards, jedes Kind individuell zu fördern und rechtzeitig zu sehen, wenn ein Kind von der Rutsche springt, kaum erfüllen können. Die wie alle anderen über zwei Jahre pandemische Belastung mit sich herumtragen und nicht nur Corona bekommen, sondern auch für andere Krankheiten anfälliger sind. Dauerhafter Stress schlägt eben auch aufs Immunsystem. 

Ich habe ein schlechtes Gewissen meinem Kind gegenüber, wenn ich es trotzdem in die Kita schicke, da ich möchte, dass sich wohlfühlt und mit einer Erzieherin kuscheln kann, wenn es das gerade braucht, statt nur verwahrt zu werden. Ich habe ein schlechtes Gewissen meiner Erwerbsarbeit gegenüber, die einmal wieder langsamer vorankommt und meinen eigenen Ansprüchen nicht genügt, da ich sie in weniger Zeit und mehr Müdigkeit quetsche. Ich habe ein schlechtes Gewissen meinen Freund_innen gegenüber, auf deren Nachrichten ich zu langsam antworte und keine Treffen vorschlage. Ich habe ein schlechtes Gewissen meinem Partner gegenüber, weil ich wieder an den Schreibtisch gehe, nachdem die Kinder schlafen, und weiterarbeite. Eigentlich habe ich gar kein schlechtes Gewissen. Es sagt sich nur so leicht, weil dieser Begriff ersetzt, die Gefühle dahinter genau zu benennen.  Oft meint dieser Begriff auch nur, dass man gerade keine andere Lösung weiß und das Problem der Einfachheit halber in der eigenen Psyche sucht. Ich habe nämlich gar kein schlechtes Gewissen, weil die Betreuungssituation meiner Kinder seit Monaten nicht verlässlich ist. Ich bin vor allem wütend, dass Care-Strukturen überlastet sind, weil man an ihnen so stark gespart hat, dass sie in keiner Erkältungszeit halten und in einer Pandemie erst recht nicht. Ich habe Wut darauf, dass immer mehr Menschen denken, es sei Privatsache, sich um andere zu kümmern, statt eine gesellschaftliche Aufgabe, die alle angeht. Wer braucht schon Zuwendung und ein offenes Ohr? Als sei das Kümmern umeinander nicht genau das, was uns zu einer Gesellschaft macht. 

Und wenn Kinder verzichtbar sein sollen und man selbst Schuld ist, sich entegegn aller Vernunft für sie entschieden zu haben, warum redet dann überhaupt noch irgendjemand von Zukunft?

Die politische Sprache der Pandemie ist brutal und kalt. Das Gesundheitssystem solle nicht überlastet werden, spulen FDP-Politiker immer wieder ab wie eine gesprungene Platte. Was diese Formulierung verschleiert, ist, dass die Anzahl der Toten, schwer Erkrankten und Menschen mit Langzeitfolgen weiterhin hoch ist. Im Gesundheitssystem laufen schließlich keine Maschinen heiß und dann fliegt die Sicherung raus, dort geht es um Menschen. In den letzten Tagen des März lagen die Todeszahlen in Deutschland bei über 200 Menschen pro Tag.

Mit Überlastung könnte auch gemeint sein, dass die Berichte vom Sterben und von Stress auf den Intensivstationen nicht wieder auf eine Weise ins öffentliche Bewusstsein rücken, dass niemand mehr wegsehen kann und es bei Freiheit plötzlich doch wieder ums Überleben geht. Viele Pflegekräfte und Ärzt_innen arbeiten über ihre Belastungsgrenzen hinaus. Aber die Gesundheit der Menschen, die in diesem System arbeiten, fließt in die politische Definition der Überlastung nicht ein. Überlastet ist das Gesundheitssystem derzeit an allen möglichen Stellen. Es gibt weiterhin zu wenige Hebammen. Zu wenig Praxen, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Planbare Operationen werden wieder abgesagt. Die Wartezeiten auf psychologische Behandlung haben sich sowohl für Kinder als auch für Erwachsene noch einmal verlängert. Sie waren schon vor der Pandemie zu lang. Überlastung ist an vielen Stellen des Alltags längst da und für Menschen, die eine medizinische Behandlung brauchen, deutlich spürbar. Vielleicht wäre es angemessener zu sagen, dass ein Zusammenbruch des Systems vermieden werden soll.

Warum gibt es kein Gesetz, dass eine Überlastung des Care-Systems verhindert? Eine Mutter mit kleinen Kindern, das hat Claire Samtleben für das DIW berechnet (für den Alltag vor der Pandemie), arbeitet im Schnitt beinahe 14 Stunden pro Werktag. Sonntags sind es nur 12. Klingt irgendwie nicht erholsam. Doch Care-Verantwortliche wie Eltern und pflegende Angehörige sind anders als Arbeitnehmer_innen durch kein Gesetz vor überlangen Arbeitstagen geschützt.

Aber eigentlich wollte ich über etwas ganz anderes schreiben, das – wenn ich genauer darüber nachdenke – auch ganz am Ende wieder mit der fehlenden Wertschätzung für unbezahlte Care-Arbeit zusammenhängt.

Seitdem die Bundesregierung eine »Zeitenwende« verkündet hat, die einhergehen soll mit einem Sondervermögen für die Bundeswehr, denke ich darüber nach, was feministische Positionen zu dieser Entscheidung sein könnten und warum es mir seit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine so schwerfällt, überhaupt über Themen nachzudenken.

Feministische Politik zielt auf ein Ende aller patriarchalen Gewalt, die in Kriegen auf übersteigerte und konzentrierte Weise zum Ausdruck kommt. Und nach Kriegen ist die Gewalt lange nicht vorbei. „Die Rückkehr der militarisierten Männer ins Zivilleben, das hat man nach dem Zweiten Weltkrieg gesehen, ist ein schwieriger Prozess. Vor allem bei unterlegenen Heeren. Da wurde dann auf Kosten der Frauen und der Familien die männliche Vorherrschaft im Frieden wiederhergestellt“, sagt die Historikerin Claudia Kraft in einem Interview mit der SZ. Kriege zerstören damit mindestens einen Teil der Fortschritte, die Gleichberechtigung in einem Land schon gemacht und schreiben die Normalität von sexualisierter und Gewalt gegen Partner_innen und Kinder fort. Kriege sind Folge und Motor von patriarchalen Strukturen und ihrer Gewalt. Eine feministische Weltsicht kann daher nicht akzeptieren, dass es immer Kriege geben wird.

Dazu auch lesenswert dieser Text des Politikwissenschaftlers Benjamin Opratko: „Den Krieg nicht auf die Taten eines durchgeknallten Despoten zu  reduzieren, sondern ihn in den Zusammenhang von Kapitalismus und  Naturzerstörung zu stellen, müsste auch heute Ausgangspunkt für die  Feststellung einer antimilitaristischen Politik in Europa und der Welt  sein.“

Die Ukraine hat keine andere Wahl, als sich selbst mit dem Einsatz von Waffen gegen die russischen Truppen zu verteidigen. Als der Krieg gegen die Ukraine begann, war es zu spät und nicht realistisch, allein auf diplomatische Lösungen zu setzen. Was mich jedoch an den ersten Reaktionen auf die Erhöhung des deutschen Verteidigungsetats irritierte, war, dass ich kaum Widerspruch dazu wahrnahm, dass Sicherheitspolitik maßgeblich auf Abschreckung möglicher Aggressoren durch eigene Waffen setzen soll. Solange das die Realität beschreibt und bleiben soll, akzeptieren wir  eine patriarchale Kultur mit all ihren Folgen für die Menschen, die über dieses Weltbild abgewertet werden und darin weniger Rechte haben. 

Stellen wir uns wirklich die Zukunft so vor, dass Politik und die Verständigung miteinander immer auch die Möglichkeit immenser Zerstörung einschließen wird? Und wenn ja: Warum trauen wir einander nicht zu, in Zukunft anders miteinander in Beziehung zu treten? Investieren wir ähnlich viel Zeit, Gedanken und Geld dafür, in Zukunft Strukturen zu vermeiden, über die sich Macht auf eine Weise konzentriert, dass man ihr kaum etwas entgegensetzen kann und sie missbraucht wird? Dabei muss es ja nicht um die nächsten fünf oder zehn Jahre gehen. In politischen Debatten darf und muss der zeitliche Horizont sehr viel weiter sein.

Dass der politische Diskurs zu stark von kurzfristigem Denken bestimmt sehen, sehen wir unter anderem beim Klimaschutz und Artensterben. Aber auch bei der Frage von Care und Bildung: Logisch ist es jedenfalls nicht, sehr wenig Geld in Kitas und Schulen zu stecken und sehr viel schlechtere Betreuung und Bildung zu akzeptieren, als möglich wäre, und gleichzeitig in Kindern die Zukunft zu sehen. Schließt der herkömmliche Begriff von Zukunft – wenn ihn Erwachsene diskutieren – die heutigen Kinder und noch nicht geborene Menschen vielleicht gar nicht ein?

Die Autorin Jagoda Marinić hat in einem Text in der taz treffend beschrieben, wie die deutschen Debatten zu schnell den Blick vom Leid in der Ukraine abwenden und sich um die Befindlichkeit kümmert, wie man trotz Krieg in einem anderen Land nicht die eigene Lebensfreude verliert. Oder wie nationale Fragen, wie die finanzielle Belastung von einzelnen Autofahrenden, in Deutschland viel stärker im Fokus stehen, als die größeren Fragen von Frieden, Klimaschutz und Gerechtigkeit.

„Es ist diese merkwürdige Verdrängung und Privatisierung von Leiden, die dazu geführt hat, dass zahlreiche gesellschaftliche Missstände nicht mehr angeprangert werden. Das Problem ist nicht, dass wir zu weich sind, sondern dass auch eine solidarische Öffentlichkeit fehlt, die gemeinsam leidet und den Verantwortlichen deutlich macht, dass man diese Inhumanität nicht dulden will. Strukturelles Denken fehlt. Aber auch der Glaube daran, dass wir gemeinsam etwas ändern können.“ – Jagoda Marinić

Die Pandemie war durchzogen von rhythmisch wiederkehrenden Appellen der Bundesregierung, sich auf weitere harte Monate einzustellen. Und auch Wirtschaftsminister Robert Habeck prognostizierte am Mittwochabend in einem ZDF-Interview ungemütliche Zeiten: „Das muss man so klar sagen, wir werden dadurch ärmer werden.“

Natürlich bröckelt irgendwann die Resilienz, wenn man wieder und wieder dazu aufgefordert wird, sich zusammenzureißen, durchzuhalten und nicht darauf hoffen soll, dass das Leben absehbar leichter wird. Dass man selten hört, was gut gelingt und was Hoffnung macht. Habeck wurde für die Ehrlichkeit seiner zitierten Aussage gelobt, doch es wäre politisch ebenso nötig, neben das Offensichtliche noch ein paar andere Botschaften zu setzen. Mich würde interessieren, wohin wir wollen, statt maßgeblich darüber zu sprechen, was wir verhindern wollen.

  • Endet die Vision eines guten Lebens an der Stelle, an der wir unsere Tankfüllung und Heizungsrechnung noch irgendwie bezahlen können?
  • Können wir politisch noch in anderen Kategorien denken als Wohlstand und 200 km/h auf der Autobahn?
  • Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Frieden sprechen?
  • Wie friedlich ist Deutschland selbst – nach innen betrachtet – wenn man an die Anschläge von Hanau erinnert, die NSU-Morde, an die Femizide jeden dritten Tag?
  • Träumen wir nach der Pandemie nicht mehr von Equal-Care, sondern sind dankbar, wenn die Kita zumindest ab und an geöffnet ist mit gleichbleibend mageren Betreuungsschlüsseln?

„Große gesellschaftliche Krisen und Umbrüche waren in der Geschichte oft auch ein Katalysator für mehr Emanzipation“, schreibt Sabine Rennefanz in ihrem Buch „Frauen und Kinder zuletzt“, das von den Effekten der Pandemie auf Frauen- und Kinderrechte handelt. Sie beschreibt in einem der Kapitel verschiedene gesellschaftliche Umbrüche nach Krisen, die zu mehr Gerechtigkeit führten und wie das gelang. Momentan fällt es mir schwer, mir vorzustellen, dass es eine ähnliche gesellschaftliche Dynamik nach der Pandemie oder in Reaktion auf den Krieg in der Ukraine geben könnte. Die anfängliche Aufbruchsstimmung nach Ausbruch der Pandemie 2020, in der manche davon ausgingen, dass in Folge der Krise Care-Arbeit endlich aufgewertet werde und Pflegekräfte oder Erzieher_innen endlich bessere Arbeitsbedingungen bekämen, Schulklassen kleiner würden oder Sorgearbeit in Familien gerechter verteilt werde, ist wieder verflogen. Für manch eine Regierungspartei gilt eine Autobahn ohne Tempolimit offenbar noch immer als größte Freiheit; das Recht auf Schnelligkeit überwiegt den Wert von mehr Klimaschutz und einer größeren Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern.

Eigentlich wäre genau das jetzt Aufgabe einer zukunftsgewandten Politik: Am Beispiel der Pandemie aufzuzeigen, warum es sich gelohnt hat, eine Krise durchzustehen und dass wir aufgrund dieser Krise dazu gelernt haben. Dazu müsste vor allem zählen, diejenigen, die am härtesten getroffen wurden, jetzt am meisten zu unterstützen. Denn können bei einer deart hohen Inflation die Hartz-IV-Sätze so bleiben? Zu Beginn des Jahres wurde der Regelsatz für Erwachsene um drei Euro erhöht. Das heißt konkret, dass Menschen, die von diesem Geld ihr Leben finanzieren müssen, in den kommenden Monaten noch einmal deutlich ärmer werden. Krisenfester würde eine Gesellschaft dann, wenn sie erleben kann, dass sich nach einer Krise die Dinge auch auf positive Weise neu sortieren können und es gerechter zuginge als zuvor. 

Gedanklich daran festzuhalten, dass es irgendwann eine Welt ohne militärische Gewalt geben kann oder eine mit wirklicher Gleichberechtigung oder eine ohne Armut – weil wir dazu grundsätzlich in der Lage sind – finde ich noch immer nicht naiv. Es schützt vor Resignation und Kälte.

Bis bald wieder Teresa

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Folge 2 der feministischen Presserunde mit Mithu Sanyal, Ulrike Hermann, Hadija Haruna-Oelker und mir:

https://www.youtube.com/watch?v=QYFldMRJiRE

Eine neue Folge „Jetzt mal konkret“ gibt es auch schon wieder:

Warum die Psyche von Kindern besonders leidet während Corona

https://www.youtube.com/watch?v=oth3q3M3zww&t=524s

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