Was machst du, wenn du die Zeit vergessen willst?

Damit meine ich nicht, morgens aufzustehen und nicht zu wissen, welcher Wochentag gerade ist oder welcher Monat. Diese Art Zeitverlust haben viele wohl erlebt, deren Alltag sich im letzten Jahr plötzlich vor allem in ihren Wohnungen und eng um sie herum abspielte. Die Tage werden gleichförmig, wenn der Bewegungsradius kleiner wird und echte Treffen durch digitale ersetzt werden. 

Auch heute ist immer noch März.

(Quelle: mellowmonkey.com)

Ich meine etwas anderes.

Für mich ist es ein gutes Gefühl, die Zeit zu vergessen. Vor allem ist es etwas, das sich leicht anfühlt. Wenn die Zeit in unserer Empfindung keine Rolle mehr spielt, die Uhrzeit unwichtig wird, keine Termine warten und wir nicht einmal mehr an die Zeit denken müssen, kann man sich wirklich einlassen auf den Moment und das genießen, das man gerade tut. Das Erleben ist pur, von Störgeräuschen befreit.

In den letzten Monaten bin ich immer wieder zu diesem Gedanken zurückgekehrt: Was kann ich tun, um die Zeit zu vergessen und mit ihr die Pandemie? Welche Aktivität verschafft mir eine Pause vom Gedankenkreisen, vom Doom-Scrolling, vom Hängenbleiben in schlechten Nachrichten, die ich konsumiere wie Erdnuss-Flips. Das Aufhören ist schwierig, obwohl es Dinge gibt, die besser schmecken und das Hirn irgendwann zusammenpappt.

Ich mag genau die Dinge, die von der Pandemie geschluckt wurden: Sauna, Bikram Yoga, stickige Bars.

Ich kann die Zeit vergessen, wenn ich am Meer sitze und auf die Wellen schaue, aber in meinem Kiez gibt es nur einen Teich, auf dem immerhin die unwirklich schönen Mandarinenten schwimmen.

Ich kann die Zeit vergessen bei der Art von Sex, die man miteinander hat, wenn man sich gerade kennenlernt und noch offen ist, wohin das führt. Wenn man morgens unendlich viel Zeit hat, das ganze Wochenende und noch mit vier Stunden Schlaf pro Nacht auskommt, ohne erschöpft zu sein. Der Gedanke daran ist super, aber er hält nur so lange, bis ich mich erinnere, dass ich seit 14 Monaten 24 Stunden am Tag mit zwei kleinen Kindern zusammenlebe, die ab spätestens sieben Uhr morgens fragen: „Wann steht ihr endlich auf?“ Der Gedanke hält drei Sekunden. Ich rechne trotzdem nach, wie viele Jahre es noch sind, bis die Kinder nicht mehr freiwillig aufstehen wollen. Ich vermute, selbst Menschen ohne Kinder, die sich seit einem Jahr jeden Tag sehen, finden sich gerade gegenseitig nicht besonders aufregend.

Als ich im letzten Jahr mein zweites Kind bekam, habe ich die Pandemie tatsächlich einige Tage lang völlig vergessen. Das neue Baby hielt die Zeit an und ließ nichts von draußen hinein. Aber um jetzt wieder ein Baby zu haben, hätte ich letzten Sommer entscheiden müssen, dass wir das Ganze noch einmal wiederholen und uns dann in Frühjahr wieder mit Mutterschutz und Elternzeit in eine Art freiwillige, flauschige Quarantäne schicken. Was für ein Glück das war, dass wir in der Pandemie ein Baby bekommen haben, das uns Zeit ohne Erwerbsarbeit schenkte und es leichter machte, den neuen Alltag zu organisieren.

Mein Freund und ich haben tatsächlich einmal scherzhaft überlegt, mit welchem Zeitplan man an zwölf Monate Elterngeld-Bezug einfach anknüpfen könnte, um den Wahnsinn aus doppelter Erwerbsarbeit plus Kinder ohne Kita noch eine Weile hinauszuzögern, aber da ich versuche zu meinem Körper nett zu sein und zu unserer Beziehung auch, blieb es dabei, diesen verzweifelten Scherz zu machen und nicht ernsthaft zu versuchen, noch ein zweites Lockdown-Baby zu bekommen. Andererseits wäre es auch ein ziemlich angenehmer Gedanke, wenn eine Person von uns noch einmal mehrere Monate nicht erwerbsarbeiten müsste, denn wenn ich realistisch denke, dann werden Kitas und Schulen bis zu den Sommerferien nicht mehr regulär öffnen können.

(Hallo, Corona-Elterngeld, du schöne Idee, die niemals kommen wird.)

Was also tun, um die Pandemie zumindest ein paar Stunden lang vergessen zu können?

Nach ein paar Monaten Pandemie wurden meine Träume lebhafter, bunter, wilder und wirrer. Ich tagträume mehr. Ich habe Flashbacks von Erinnerungen, die ich schon fast vergessen hatte, konnte die Momente beinahe schmecken, hören, spüren, wie Erinnerungsfetzen aus durchgefeierten Nächten in verrauchten Bars. „Warum lächelst du, Mama“, fragt meine Tochter ab und an, wenn ich irgendwo in der Wohnung sitze und solch ein kleiner Film völlig unerwartet in meinem Kopf aufploppt. Neben dem Vermissen der Dinge, die vor der Pandemie zu meinem Alltag gehörten, ist in den letzten Wochen auch immer wieder ein Wunsch aufgetaucht, den ich eigentlich schon aus meinem Leben gestrichen hatte. Ich dachte immer wieder: Ich will wieder reiten. Mehrmals die Woche klopfte das Verlangen an, einem Pferd das Fell zu kraulen. Wenn ich wieder mal wach lag, klickte ich mich durch zum Verkauf stehende Ponys bei Ebay-Kleinanzeigen, als sei ich wieder acht Jahre alt mit nur diesem einen Wunsch.

Ich habe als Kind und Jugendliche Reiten lernen dürfen – erst auf einem polnischen Pony-Opa namens Piwo, dann auf Filou, einem kleinen Appaloosa, auf Freya, einer Stute mit einem blinden Auge, auf Sheila, Oktan, Max, Lotte, Remo, Mephisto und schließlich auf Lesca – und dass ich all diese Namen erinnern kann, was mich beim Aufschreiben selbst überrascht, heißt vielleicht, wie viel mir das Zusammensein mit diesen Tieren bedeutet hat. Aufgehört habe ich, als ich nach dem Abitur nach Berlin gezogen bin. Danach habe ich nie wieder wirklich damit angefangen, war nicht einmal mehr Gelegenheitsreiterin, weil die Möglichkeiten hier in der Stadt rar sind, wenn man kein Auto hat.

Zuletzt saß ich vor sieben Jahren auf einem Pferd und mein Antrieb, das zu tun, war tatsächlich vergleichbar mit der Situation jetzt: Ich wollte den Kopf frei bekommen, die Zeit vergessen, und das erste was mir einfiel, waren Pferde. Ich hatte mich nach mehreren Jahren Beziehung getrennt von meiner großen Liebe, war aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen, hatte meinen Job gekündigt und wollte in diesen Umbruch einen Urlaub allein legen, um ein wenig zu mir zu finden. Ich kam mir ein wenig seltsam dabei vor, einen Reiturlaub zu buchen, auch ein wenig waghalsig, nach über zehn Jahren Reitpause gleich eine Woche lang durch die sardischen Berge reiten zu wollen, aber von irgendwoher war diese Idee in meinen Kopf gekommen und sie stellte sich später als absolut richtig heraus. In dem Moment, in dem ich aufs Pferd stieg, war alles okay. Die Art der Entspannung, die Art, wie ich zu mir selbst finde, wenn ich durchs Gelände reite, ist mit nichts anderem vergleichbar. Um zu reiten, muss man sich selbst vertrauen und noch viel mehr dem Tier, auf dem man sitzt, denn das Pferd ist immer stärker. Für mich ist Reiten kein Sport, auch kein Hobby, sondern eine Übung in Vertrauen und eine Suche in sich selbst.

Als ich vor rund zwei Wochen das erste Mal nach sieben Jahren wieder auf ein Pferd gestiegen und knapp zwei Stunden durch den Wald geritten bin, passierte genau das, was ich mir erhofft hatte, aber von dem ich nicht geglaubt hätte, dass es passieren würde, weil die Pandemie seit Monaten wie ein viel zu schwerer, staubiger Teppich über allem liegt: Ich vergaß die Zeit.

Als wir zurück am Stall waren, hatte ich keinerlei Idee, wie spät es sein könnte, aber gleichzeitig auch kein Bedürfnis danach, auf die Uhr zu schauen. Kein Bedürfnis, die Nachrichtenlage zu checken. Es war mir egal. ,Ich brauche hier noch so lang wie ich brauche‘, dachte ich. Ich fühlte mich das erste Mal in Monaten völlig ausgeglichen und ruhig. Erst am S-Bahn-Gleis, als ich meinem Freund Bescheid geben wollte, dass ich auf dem Rückweg sei, nahm ich wieder mein Handy in die Hand.

Von anderen Menschen, insbesondere von Frauen, die reiten, höre ich immer wieder, dass sie dieses Hobby für sich behalten und nur wenigen Leuten davon erzählen. Sie haben keine Lust auf das abschätzige Label „Pferdemädchen“, das Menschen, die Pferde mögen, in eine Schublade mit lauter seltsamen Assoziationen steckt, die ganz unterschiedlich ausfallen können – von naiv und trampelig bis arrogant und rich kid ist alles dabei. Mit bestimmten Freizeitvorlieben oder Lebensentscheidungen verknüpfen wir häufig Charaktereigenschaften, wild aus der Luft gegriffen, die vielleicht sogar dazu führen, dass man andere Entscheidungen trifft, andere Dinge tut, als die, auf die man wirklich Lust hat, weil man über die existierenden Schubladen geschlussfolgert hat, dass diese Sache nicht zu einem selbst passe oder man keine Lust auf die Zuschreibung hat. Oft wählen wir nicht frei, was wir anziehen, was wir unternehmen, was wir sagen zu mögen, da diese Vorlieben mit Wünschen nach und Fantasien über Zugehörigkeiten verbunden sind. Vielleicht hab ich meine Sehnsucht nach Ponys auch lange vergraben, weil ich mir eingebildet habe, Heu und Futtermöhren hätten in meinem irgendwie urbanen Lebensentwurf keinen Platz. Was Quatsch ist, denn viel wichtiger ist ja, was im Herz einen Platz hat.

Viel schöner noch, als selbst zu reiten, war dann noch, meine Tochter auf das Pferd zu setzen und zu führen. Vielleicht unser schönster gemeinsamer Moment, zumindest der aufregendste in einem Jahr Pandemie. Eine halbe Stunde, die so viel bedeutete. Denn das Reiten war überhaupt nur möglich durch einen unverhofften Zufall und privaten Kontakt, da es aufgrund von Corona-Verordnungen in den letzten Monaten auch kaum Angebote gab, irgendwo Reitunterricht zu nehmen. Alles geschlossen.

Im Gegensatz zu Erwachsenen, haben Kinder nicht zwei, drei Jahrzehnte Freizeit-Erinnerungen, aus denen sie schöpfen können, um durch diese Zeit zu kommen. Meine Tochter hat vor der Pandemie einmal die Woche getanzt, ist jedoch mit dem Online-Unterricht nie warm geworden und wollte schon bald nicht mehr daran teilnehmen. Diesen Winter draußen im Park im Schneeanzug zu tanzen, fand sie besser, aber das ist mittlerweile auch nicht mehr erlaubt. Fünf Kinder dürfen nicht mehr draußen zusammen mit viel Abstand tanzen. Wer als Erwachsener mag, kann aber noch bis 24 Uhr joggen, dafür wurde sich heftig eingesetzt.

https://twitter.com/femInsist/status/1385204589843124224

Meine Tochter ist mittlerweile vom Tanz-Kurs abgemeldet, weil sie jede Woche wieder sagte, es mache ihr keinen Spaß mehr. Ihr Seepferdchen-Kurs pausiert seit über einem Jahr. Für Kinder ist die Welt, in der sie sich ausprobieren können, gerade körperlich, sehr sehr klein geworden. Irgendwann sind sie ja auch für Spielplätze zu groß. Wie viele Angebote für Kinder und Jugendliche in der Pandemie aufgeben müssen, weil sie finanziell nicht überleben, ist noch ungewiss, aber es werden einige sein. Kinder verlieren ihre Orte.

Ich hoffe sehr, dass wir der Generation, die in den letzten Monaten wohl am meisten verzichtet hat und aufgrund ihres Alters am wenigsten Lebenserfahrung, um selbst erlebt zu haben, dass auf schlechtere Phasen wieder bessere folgen, dabei unterstützen, vielseitige Erfahrungen zu machen außerhalb ihrer Wohnungen und dem schulischen Kontext. Nicht alles können Kinder und Jugendliche nachholen, aber es sollte Möglichkeiten geben, die auf sie warten, zu denen sie eingeladen werden. Mit mehr Geld, das in Kinder- und Jugendeinrchtungen fließt, statt dass dort nach der Pandemie gespart wird. Durch Erwachsene, die ebenso froh sind, nicht mehr nur digital zu leben und hoffentlich Lust haben, sich ehrenamtlich zu engagieren. Solidarität mit Kindern und Jugendlichen, muss dann, wenn sie als einzige noch nicht geimpft sein werden, konkret werden, indem man sich für sie engagiert.

Ich habe meine letzte SZ-Magazin-Kolumne über zivilgesellschaftliches Engagement geschrieben und was getan werden könnte, damit sich mehr Menschen engagieren können. Gerade, weil das letzte Jahr für manche nur noch aus Arbeit bestand, sollten wir alle mehr Zeit haben für all die Dinge, die wir brauchen, um uns und andere wieder aufzubauen.

Mir gehen Instagram und all die Inspirationssprüche ja sehr oft auf die Nerven, aber über diesen Satz, denke ich immer wieder nach und wenn er auf eine Zeit passt, dann auf diese jetzt: 

Be the person you needed when you were younger.

  • Wo bringst du dich ein?
  • Und was hast du getan, was würdest du gern tun, um die Zeit zu vergessen?

Danke fürs Lesen, fürs Zuhören und Zurück-Schreiben.

Bis nächste Woche

Teresa

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Eine Veranstaltung mit mir am 10. Mai

50 Jahre §218: Selbstbestimmung zwischen Gesundheitsversorgung und Strafrecht

Eine Kooperationsveranstaltung von pro familia Bayern und der Hochschule Landshut

Podiumsgäste: Teresa Bücker, Journalistin und Autorin Kristina Hänel, Fachärztin für Allgemeinmedizin Dr. Gisela Notz, Sozialwissenschaftlerin und Historikerin Sabine Simon, Stellvertr. Vorsitzende der bayerischen Landesarbeitsgemeinschaft der staatlich anerkannten Schwangerschaftsberatungsstellen in freier Trägerschaft Moderation: Thoralf Fricke, Landesverband pro famila Bayern Prof. Dr. Barbara Thiessen, Hochschule Landshut, Fakultät Soziale Arbeit Die Veranstaltung wird in Gebärdensprache (DGS) übersetzt.

Zu den Infos und der Anmeldung.

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