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SodaKlub Weekly

Laufen

von Mia

Ich bin neulich das erste Mal im Regen laufen gegangen. Es hat nicht stark geregnet, der Regen war leicht genug, dass meine Klamotten nicht sehr durchnässt wurden und ich das Telefon in meinem kleinen Umschnall-Täschchen nicht in Gefahr brachte. Während ich so dahin joggte, am Fluss entlang, der an meinen letzten paar Lauf-Morgenden immer goldener, glitzernder Herbstkitsch und jetzt graupensuppenfarben war, dachte ich: perfektes Laufwetter.

Es ist immer noch so, dass ich manchmal ein paar Wochen lang meine Routine fallen lasse. Meistens, wenn ich verreise oder krank bin oder in sehr heißen Sommern, und danach den Wiedereinstieg verschlafe. Als ich letztes Jahr 2 Monate unterwegs war, bin ich auch nicht laufen gegangen. Aber wenn ich normal lebe, gehört das Laufen immer dazu.

Meine Beziehung mit dem Laufen reicht schon sehr weit zurück. Die ersten Laufversuche machte ich, als ich 18 war und mit meiner BFF in unserer ersten eigenen Wohnung lebte. Nebenan war ein Sportplatz, der morgens ungenutzt war, und auf dem Läufer:innen ihre Kreise drehten. Das Laufen war damals ausschließlich zur Gewichtsreduktion und zur Veränderung meiner Figur gedacht. Ich hatte vage Ziele; alles musste irgendwie anders sein, schmaler, Kate Mossiger. Ich zählte dazu die Runden, die ich lief, und wenn ich die richtige Anzahl von Runden gelaufen war, fühlte ich mich gut, weil ich was auf der To-do-Liste abgehakt hatte. Wenig später ersetzte ich das Laufen als Gewichtsreduktionsmaßnahme durch mehr Zigaretten und weniger Kalorien und während ich in Heiners Bar arbeitete, hatte ich sowas von keine Energie für Sport.

Als ich mit Mitte zwanzig mit meiner besten Freundin Nike zusammenwohnte, machten wir hauptsächlich Krafttraining – sie arbeitete praktischerweise als Trainerin und sie nahm mich mit zu ihren Kursen. Die Ziele waren jetzt deutlich spezifischer als früher. Wir trainierten immer gezielt die Stellen, die heiß in engen Klamotten aussehen mussten und an denen wir uns bald tätowieren lassen wollten. (Ich bin immer noch froh, dass ich aufgrund meiner ständigen Abgebranntheit und mangelnder Entscheidungsfähigkeit keines der Tattoos, die ich damals plante, umgesetzt habe.) Laufen war nicht so wichtig – ich machte es nur zur Verbesserung meines Hautbildes ­und auch den Plan gab ich irgendwann auf, weil ich es sowieso nicht schaffte, länger als drei Tage am Stück ein hautfreundliches Leben zu führen.

Der erste Peak für das Laufen kam, als ich mich mit 30 von meinem Boyfriend, dem Russen, trennte. Er hatte eine meiner besten Freundinnen durchgezogen und ich war wütend. Sehr wütend. In mir hatte sich Pandoras Box der Wut geöffnet und sie war unerschöpflich. Die Wut sprudelte immer weiter, monatelang. Laufen war das einzige, was half. Ich kaufte mir das erste Mal so richtig stylische (pinke) Laufschuhe und rannte mehrmals die Woche auf den Berg im Volkspark und wieder runter. Es linderte die Wut, auch wenn es mich nicht besser aussehen ließ, denn zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich schon sehr routiniert mit Rotwein gegen alle positiven Effekte des Cardio an.

Ich bin kein disziplinierter Typ. Ich schaffe es nicht, dauerhaft Sachen durchzuziehen, die ich nicht geil finde und Sport machte ich immer nur als Mittel zum Zweck, nie als Selbstzweck. Es gibt Leute, die gehen verkatert laufen, um den Kater auszuschwitzen. Für derartigen Masochismus war ich immer schon entschieden zu schwach. Ich wäre nichtmal verkatert Laufen gegangen, wenn sie die Hunde auf mich gehetzt hätten. Deswegen wurde das Laufen auch mit abnehmender Wut weniger. Ich war immer öfter verkatert.

Dann kam die Nüchternheit. Und das Laufen trat einmal mehr auf den Plan, zusammen mit einem fast spirituellen Minimalismus und einer euphorischen Fetischisierung von Routinen, die eigentlich eher Choreografien waren. Ich kaufte mir schwarze, coole Laufschuhe. Ich lief immer die gleiche Strecke, mit immer der gleichen Playlist, die ich im Jahresrhythmus austauschte.

Laufen war plötzlich mehr für mich. Es war eine Routine, die meinen Tag strukturierte, die mir das befriedigende Gefühl gab, etwas Gutes gleich am Anfang des Tages gemacht zu haben (ich habe es noch nicht ein einziges Mal geschafft, nach 13 Uhr laufen zu gehen), es war eine dringend nötige Gefühls-Kanalisation, eine Happy Drug, eine Endorphinquelle, ein Hilfsmittel zum Gefühlsmanagement.

Das erste Mal spürte ich auch wirklich, wie ich stark und biegsam wurde, weil ich die Trainingseffekte nicht mehr durch Alkohol ruinierte. Und ich lernte den himmelweiten Unterschied zwischen Dünnsein wegen Kalorienmangel und Schlanksein durch gute Workouts.

Jetzt ist es so: Manchmal geh ich eine Woche lang nicht laufen oder zwei und dann werde ich unausgeglichen oder meine Rücken fängt an, wehzutun. Dann mache ich es wieder und es geht mir besser und ich denke, komisch, dass man das immer wieder vergisst. Mein Ziel ist 3x die Woche und oft schaffe ich das, besonders im Herbst und Frühling, wenn das Wetter perfekt zum Laufen ist. Wenn ich es nicht schaffe, fällt es mir aber nicht schwer, zurück zu kommen. Laufklamotten liegen in der obersten Schublade meiner Kommode, die Laufschuhe sind immer neben der Tür, die Laufplayliste wird ständig aktualisiert mit neu shazamten Songs. Ich habe eine lange Strecke um den See herum und eine kürzere am Kanal entlang. Nach dem Laufen mache ich manchmal ein bisschen Krafttraining, das absolute Minimum jedoch ist ein 1,5 minütiger Plank, den ich immer mache, egal, wie wenig Bock ich darauf habe.

Nach dem Laufen geht es mir immer besser als vor dem Laufen. Mein Schreiben läuft besser, wenn ich vorher laufen war. Ein Tag, an dem ich Laufen war, ist ein besserer Arbeitstag. Ich bin emotional zentrierter, konzentrierter, ruhiger.

Ich habe nicht das Gefühl, dass es mein Äußeres merklich verändert, wenn ich mehr laufe – so viel ist es dann auch nicht – aber diese vage Ablehnung meinem Körper gegenüber, die in meinen Zwanzigern der Normalzustand war, kann ich heute überhaupt nicht mehr nachvollziehen. Zusammen mit dem Alkohol habe ich auch den Irrglauben aufgegeben, dass ein objektiv heißer Körper irgendwie zu Glück oder Selbstliebe oder besserem Sex führt. Ich bin viel neutraler eingestellt. Es interessiert mich heute deutlich mehr, wie ich mich anfühle als wie ich aussehe.

Das Laufen brauchte lange – zwanzig Jahre! – um sich wirklich zu etablieren. Jetzt ist es eine Praxis, die so normal für mich ist, dass ich mich als Läuferin betrachte, auch wenn ich es mal zwei oder sogar drei Wochen schleifen lasse. Meine Story mit dem Laufen erinnert mich daran, dass Prozesse lange dauern und messy sein können, aber dass jeder Versuch, zurück zu kommen, schon ein Wert an sich ist, auch wenn man Seitenstechen kriegt und das ganze überhaupt nicht wie eine Nike Ad aussieht.

(Der Nike Slogan ist btw der beste Werbeslogan aller Zeiten, gerade weil er all das schon mitdenkt und nebenbei fast wie ein AA Spruch klingt; Nur für Heute, One step at a time, nothing changes if nothing changes, Just do it.

Textschnipsel der Woche 

ist aus der aktuellen Single von Deichkind:

Die Erwartung' waren hoch dieser Ast hängt viel zu tief Die Blicke von den Tieren sind mir zu passiv aggressiv Kein Konto und kein Gott, das ist nicht meine Welt Hier hat keiner auf dich Bock und es regnet in dein Zelt.

Und hier ist meine aktuelle Lauf-Playlist.

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