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SodaKlub Weekly

Ewa Alpha Female

von Mia

Ein Freund von mir, nennen wir ihn Ron, hatte mal eine Freundin, nennen wir sie Ewa. Ron und Ewa waren nicht lange zusammen, vielleicht 5 oder 6 Monate, und sie waren auch nicht »richtig« zusammen, denn sie war nach seiner Aussage eigentlich nicht so wirklich sein Typ. Ihre Haare waren von einem seltsamen, fast silbernen Blond, und ihre Nase war groß, so dass sie aus manchen Winkeln etwas leicht hexenhaftes bekam. Ron sagte, er würde Ewa eher nicht seinen Eltern vorstellen, was er damit begründete, dass sie rauchte, ich vermutete doch eher, dass es daran lag, dass sie unbequem und weird war.

Ewa fand mich verdächtig und beobachtete mich misstrauisch, weil sie Ron nicht glaubte, dass wir wirklich nur befreundet waren. 

Ich war Ewas größter Fan.

Ewa hatte den tollsten Job der Welt. Sie reiste durch die Gegend und entwarf für viel Geld Filmsets, weswegen sie ständig mit so Sachen beschäftigt war wie einen überdimensionalen Glaspudel aus London verschiffen lassen oder ein Aquarium voller golden gefärbter Hummer im Wohnzimmer ihres Prager Apartments zwischenlagern.

Alle Geschichten, die Ron über sie erzählte, waren spitze. Einmal war sie für ein Foto nackt in ein Bärengehege gestiegen. Einmal hatte sie in einer Blow Job Bar in Bangkok auf ihre Art gegen die partiarchalen Verhältnisse protestiert; sie hatte sich in eine der Chaiselongues gelegt, ihren Rock gehoben und von den anwesenden Sexarbeiterinnen einen Blow Job verlangt – gleiches Recht für alle. Sie hatte ihn bekommen.

Sie schickte Ron die besten Sexting-Pics, die ich je gesehen habe. Sie waren immer kunstvoll, interessant ausgeleuchtet und erotisch auf eine Art, die mit allen Sehgewohnheiten brach und niemals irgendwelche von Männern vordefinierten Porno-Posen reproduzierte, wie es das übliche Bild der Hetero-cis-Frau normalerweise macht, wenn sie die Absicht hat, »sexy« auszusehen. Ewa machte ihre eigenen Regeln.

Rons Affäre mit Ewa war unterhaltsam wie eine avantgardistische Soap. Sie jetteten durch Europa, hatten Sex an gefährlichen Orten, stritten leidenschaftlich und drehten ein paar sehr eigenartige Kurzfilme. Schließlich endete ihre Romanze; seiner Aussage nach deswegen, weil er nicht damit zurecht kam, dass sie spontan mit ihrem Exfreund nach Mexiko geflogen war, was sie ihm erst am darauffolgenden Morgen beiläufig am Telefon erzählte.

Kurz nach Ewa suchte Ron sich eine ruhigere, jüngere, normschönere Freundin, an der nichts auszusetzen war und die er ohne zu zögern seinen Eltern vorstellte.

Ich denke oft an Ewa zurück. Immer, wenn ich feststelle, dass bis auf eine einzige Ausnahme alle meine Freund:innen in klassischen, monogamen Beziehungen sind und ich mich scheiße fühle, weil die schiere zahlenmäßige Übermacht der heteronormativen Paarbeziehung zu sagen scheint: Das hier, das ist das wahre Leben, das eigentliche Leben, das gute Leben, und wenn du nicht mitmachst, dann stimmt etwas mit dir und deiner Realität nicht, dann denke ich daran, dass Ewa irgendwo da draußen ist und bestimmt gerade irgendetwas wildes und abgefahrenes macht, das niemand hat kommen sehen, dass sie interessante Liebhaber und niemals Angst davor hat, missverstanden zu werden oder anzuecken oder zu laut oder zu meinungsstark oder zu eigensinnig zu sein.

Ewa hält in meiner Vorstellung noch immer die Fackel der Freiheit und sie würde sich eher die Zehen abhacken lassen, als sich zusammenzureißen, um präsentabel für die Eltern irgendeines Typen zu sein, mit dem sie schläft. Sie hat es nicht nötig, 50 Prozent eines Paares zu sein, denn sie ganz allein ist schon 150 Prozent der Leute, die man für ein geiles Leben braucht. Man erinnert sich an ihre Geschichten. Sie ist ihr eigener, souveränder Staat.

Der Textschnipsel der Woche

ist dieses Mal die Antwort meiner Freundin Rita, die von einer Bekannten erzählt bekam: »Der Streit ist gelöst – Mein Mann erlaubt es mir nun doch, dass ich studiere, super oder?« Rita entgegnete darauf: 

»Dazu kann ich nichts sagen – das ist nicht Teil meiner Erlebniswelt.«

Rehalistisch bleiben

von Mika

Am letzten Wochenende vor der Heimkehr hängen wir eigentlich nur noch ab. „Hey Jungs“, sage ich zu meinen Jungs „Ich bin richtig sauer auf euch, dass ich nachhause fahre.“ Sie lachen und wissen, was ich meine. Das ist es auch, was hier am meisten wirkt: Menschen zu treffen, die anders sind,  die andere Dinge tun und woanders leben und trotzdem die Welt so erleben wie man selbst. Die nicht nur hören, was man sagt, sondern eben wissen, was man meint.

Irgendwo in den letzten Wochen hat sich hier eine Version von mir herausgeschält, die vielleicht nur hier existiert oder nur mit diesen Menschen, und die ich mag. Diese Version hat ein kleines Manifest geschrieben. Viel Spaß damit:

Dreckig machen.

Ich will mich dreckig machen. Ich will hinfallen, weil ich etwas wollte und hinterher gesprungen bin. Ich will Staub von meinen Händen klopfen und abends Löcher in meiner Hose flicken. Ich will in dem Vertrauen leben, dass ich immer etwas bauen kann, die Schwielen schonen und mit hochgelegten Füßen sehen, dass es gut war.

Ich will furchtlos sein im Angesicht von allem, was mir nicht gefährlich ist. Ich will laut sein und ich will Platz haben. Ich will Gehör und ich will Aufmerksamkeit. Ich will da sein und wenn ich es nicht bin, soll es einen Unterschied machen.

Ich will erschaffen und neues Denken, Ablenkung folgen, zurückkommen und meine Hände öffnen, um anderen zu zeigen, was ich im Schutt gefunden habe.

Ich will im Rudel leben und auf den Streifzügen durch die die Straßenschluchten aufgepeitscht mit Wind im Haar von besseren Welten träumen.

Ich will Verbindung fühlen und mit dem ganzen Körper lachen und mit dem ganzen Körper weinen. Ich will Ideen und ich will sie als Geschenk empfinden, als kleine Funken von Magie und frei sein zu entscheiden, welcher ich mich verpflichte.

Ich will verbindlich leben und um Verzeihung bitten.

Ich will Ruhe spüren und dort sein wo ich bin. Ich will weich sein.

Ich will entscheiden.

bis nächste Woche ihr Häschen 🐰

Mika + Mia

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