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SodaKlub Weekly

Mia hat ferngesehen

Ich bin mit Kathrin auf Sylt. Wir sind hergefahren, um unseren gemeinsamen Geburtstag zu umschiffen und uns von meiner Tante umsorgen zu lassen. Wir gehen zum Strand, herzen den Dackel, essen sehr viel Brunch und dann noch Backfisch am Meer, wo, wie immer, bessergestellte Deutsche in pastellrosa und beigefarbenen Funktionsklamotten versonnen in die Weite blicken und Weißwein aus silbernen Kühlern trinken, als wäre die Welt noch in Ordnung.

Abends schauen wir fern. Fernsehen ist ein aufregendes Happening, wie Kirmes! Einmal im Jahr bin ich irgendwo zu Besuch oder im Hotel, wo ein Fernseher steht und ich gucke mir an, was in der alten Welt so passiert. Danach habe ich mestens einen intellektuelle Kater und es reicht mal wieder für ein Jahr.

»Es wäre so krass, wenn sowas käme wie Wetten Dass..? oder so«, sage ich, als ich die zentimeterdicke Fernsehzeitung entdecke. (Wenn ich Zeit hätte, just for fun ein Kunstprojekt zu machen, ich würde eine alternative, satirisch-soziologische Fernsehzeitung herausgeben, mit kulturkritischen Abhandlungen über die jeweiligen Sendungen und mit schmutzigen Scheidungs-News über die beteiligten Schauspieler im Stil von Hunter Harris und mit Covern, die statt blonden Frauen in Glitzerkleidchen verstörende Szenen aus Reality-TV-Shows zeigen, aber naja, leider habe ich keine Zeit). Wir können es kaum glauben, aber just an diesem Samstag kommt tatsächlich Wetten Dass..?. die Sendung ist nur für uns wie ein Zombie aus ihrem Grab auferstanden, wir sind völlig begeistert.

Es hat sich gar nichts verändert seit den Neunziger Jahren, Gottschalk ist zwar gealtert, aber weniger gealtert als z.B. der Schöni von Kommissar Rex, er trägt wie damals einen Anzug, der aussieht wie eine Pralinenschachtel und schmalzt die neben ihm stehenden Frauen übergriffig von der Seite an, er ist ein Hand-aufs-Knie-leger, ein Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-Dürfer, der erste Witz über das Gendern kommt nach weniger als 15 Minuten (Baggerin, höhö).

Auf dem schmucklosen, kalten Sofa sitzen Bulli Herbig, der überhaupt nicht altert und der Typ, der immer die schmierigen Arschlöcher von Chefs spielt. Die einzige Frau ist Michelle Hunziker, die zu der Zeit, als ich meine Wetten Dass..? Sozialisierung erfuhr, gerade ihre Karriere startete, indem sie als Stringtanga-Model von der Klatschpresse zum »schönsten Po Italiens« gekührt wurde. Jetzt ist sie erwachsen und hat mehr an. Sie trägt ein rosa Bonbonkleid, das aussieht, als hätten die Stylisten versucht, eine lebensechte Barbie darzustellen und sie ist ganz offensichtlich einzig und allein zu Dekorationszwecken anwesend.

Ich sinniere darüber, was es wohl für einen psychischen Effekt auf Publikum und Akteurinnen hätte, wenn Bulli Herbig das rosa Bonbonkleid und Hunziker den dunklen Anzug tragen würde. Ich glaube an die Macht der Kleidung. Ich glaube, in einem Anzug ist jede noch so traditionelle Frau weniger versucht zu zwitschern und ihren Kopf niedlich schief zu legen. 

Die zweite Frau tritt auf, eine blonde Baggerfahrerin aus Bayern, die Hosen trägt, aber dazu Pfennigabsätze. Sie wettet, fünf Eier mit einem auf einer Rampe balancierenden Bagger anstechen zu können. Michelle Hunziker sagt immer wieder, wie emanzipiert das sei, Baggerfahren in Pumps, so emanzipiert sei das, und so eine Wette würde ein Mann ja im Traum nicht gewinnen, man brauche dazu das Feingefühl und die Weichheit einer Frau.

Die Einstellung, in der Hunzikers rosa Bonbongestalt neben Gottschalk steht, schiebt sich vor meinem inneren Auge plötzlich wie eine Doppelbelichtung über das Bild des republikanischen Rechten DeSantis neben seiner ebenfalls wie ein Bonbon verpackten Ehefrau, die bei seiner kürzlichen Siegesansprache dekorativ neben ihm auf der Bühne steht, mit einem betonharten Dauerlächeln im Gesicht, während er ins Mikro brüllt, er werde Weltoffenheit und Diversität mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpfen.

Nachdem die feinfühlige Bayerin mit den Pumps ihre Baggerwette gewonnen hat, tritt Robbie Williams auf (verrückt oder was, der lebt tatsächlich auch noch!) und er sieht gar nicht gut aus und klingt auch gar nicht gut und er scheint niemanden zu haben, der ihm von äußerst zweifelhaften Frisurentscheidungen abrät. Williams wirkt, als hätte man ihn mit Gewalt aus irgendeinem Sanatorium für abgehalfterte, irrelevante Stars auf die Bühne gezerrt, so wie alles andere an dieser Show.

Wir haben jetzt genug gesehen und schalten um. Werbung ist bestimmt weniger deprimierend. Und tatsächlich, in der Werbung sind die Menschen wie immer neu und unverbraucht, die Botschaften allerdings nicht. Früher schon war Werbung nervig und aufdringlich und hat gelogen, natürlich, das ist Teil ihres Charmes, doch während die sorglos dahinblinkende Dauerkonsumparty in den frühen Nuller Jahren noch irgendwie etwas bürgerlich-harmloses, etwas unschuldiges, etwas naiv-optimistisches hatte, ist sie heute ganz eindeutig ins Zynische gekippt. Sie ignoriert mit einer verzweifelten Vehemenz den näher kommenden Krieg, die gigantischen Klimaflüchtlingswellen, die nahenden ökologischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kipppunkte, die rasant sterbenden Ökosysteme, die Naturkatastrophen, die sich vergrößernde Massenarmut, die wiedererstarkenden rechten Kräfte – eben all die Folgen genau dieses ungezügelten kapitalistischen Konsumzwangs – und singt weiterhin ihr unendliches Lied: Kauft Kaffeemaschinen, kauft Staubsauger und Autos, kauft Haarkuren, kauft Desinfektionsmittel für das Badezimmer, denn wusstet ihr schon, dass sich, wenn ihr die Klospülung betätigt, hässliche Gerüche in der Luft verteilen und auf eure Badtextilien ablagern? In den Neunzigern wussten wir das noch nicht, heute gibt es auch dafür, gottseidank, ein Produkt.

Nebenan bei ProSieben lächelt die belesene und deswegen immer etwas nervige Hermine Harry bewundernd an und sagt: »Ach, meine Klugheit und mein Bücherwissen ist doch vollkommen egal, es gibt wichtigere Dinge im Leben.«

Im Fernsehen ist die Zeit stehen geblieben. Im Fernsehen ist alles gut und die Frauen sind dekorativ und halten ansonsten den Mund und wir konsumieren Schwachsinn, den wir nicht brauchen und dessen Massenproduktion unseren Planeten zerstört, während wir mit Riesenschritten auf die Apokalypse zusteuern, Robbie Williams ist relevant und Thomas Gottschalk ist ein gütiger Patriarch und ich weiß nicht, wie einflussreich das Fernsehen noch ist (denn in meiner Filterblase schaut niemand ernsthaft Fernsehen), ich hoffe aber, nicht sehr, denn wenn das Fernsehen den Mainstream repräsentiert, dann sind wir am Arsch, und zwar nicht auf eine lustige Art.

Textschnipsel der Woche

Der TdW ist heute aus einem superlustigen Buch, das ich gerade lese: »Der gekränkte Mann« von Tobias Haberl, denn diese Woche steht ganz im Zeichen der alten weißen Männer bei mir:

»Es stimmt schon, Männer sind sich weniger peinlich als Frauen, sie umarmen sich unbeholfen, labern zu viel oder zu wenig, manche waschen am Wochenende ihr Auto und pfeifen Schlager dazu, andere wissen mehr über den Glutenanteil von Nudeln als Ernährungsberater, stellen sich im Bad vor den Ganzkörperspiegel, fotografieren ihre Erektion, mustern das Ergebnis, löschen es und versuchen es noch mal, diesmal mit schmeichelhafterem Licht und ohne Zehen am unteren Bildrand, irgendwann sind sie zufrieden, mit sich und dem Foto, und schicken es halb unsicher, halb notgeil an die Ex, aber reicht das, um sie für die Finanz-, die Corona-, die Klimakrise und überhaupt alles, was jemals schlecht lief in der Geschichte der Welt, verantwortlich zu machen?«

Nein, das reicht nicht. 

Love 💙 Mia + Mika

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