Warum die steigenden Gaspreise keine Überraschung sind

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Mit Vollgas gegen die Wand

Diese Woche habe ich mehrmals überlegt, die Heizsaison mit meiner im Sommer gewechselten Gastherme offiziell zu eröffnen. Angesichts der Berichte über stark steigende Gaspreise habe ich erst mal die Finger davon gelassen. Warum installiert man sich im Jahr 2021 noch eine Gastherme? Das habe ich mich vor einigen Monaten auch gefragt, aber es gibt keine zufriedenstellende Heizlösung mit alternativen Energien für bestehende Wohnanlagen (und ja, es gibt Wärmepumpen für Wohnungen, aber meine Nachbarn wären wenig begeistert, wenn ich so ein Teil im Abstellraum installieren würde). 

Jedenfalls wundert es mich angesichts der beschränkten Optionen für Endverbraucher nicht, dass wir noch immer so stark von Gas abhängig sind. Es wundert mich nur, dass sich im Jahr 2021 die europäische Politik sich so wahnsinnig überrascht über den Preisanstieg und den damit verbundenen Folgen zeigt

Für den Preisanstieg liefern Experten mehrere Erklärungen, etwa dass die Nachfrage mit dem Post-Corona-Wirtschaftsaufschwung steigt und die Speicher der europäischen Energieanbieter nicht ausreichend gefüllt sind. Zudem wird Russland eine künstliche Verknappung vorgeworfen, während die Inbetriebnahme der Pipeline Nord Stream 2 herbeigesehnt wird. 

Eine weitere Erklärung bringt Daniel Delhaes im Handelsblatt

Die Gaspreise sind nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was die Menschen in den nächsten Jahren erwartet. Das politisch beschlossene Ziel, bis 2045 klimaneutral zu wirtschaften, bedeutet nichts anderes als: Fossile Energieträger, ganz gleich ob Gas, Kohle oder Öl werden teuer, richtig teuer. Wer sein Haus mit Öl oder Gas heizt, wird mehr bezahlen. Wer mit Benzin oder Diesel fährt, wird unweigerlich tiefer in die Tasche greifen müssen.

Anstatt in der Schockstarre zu verharren, wäre jetzt also für die Regierungen ein guter Zeitpunkt, den Fokus auf Erneuerbare Energien zu setzen. Oder muss ich in 25 Jahren wieder eine Gastherme in meiner Wohnung installieren? 

Auf der Watchlist

In Deutschland steht am Sonntag die Bundestagswahl an und vor Wahlen taucht naturgemäß immer die Frage auf, ob diese die Finanzmärkte beeinflussen. Eine Antwort darauf liefert eine Analyse der Dekabank, demnach schwächelt der Markt in den 100 Tagen vor der Wahl, zieht in den 100 Tagen danach aber wieder an. Der Wahlausgang dürfte für das Klima an den Börsen unerheblich sein, denn "keine Regierungspartei kann sich rühmen, einen systematisch besseren Einfluss auf die Aktienmärkte auszuüben". Auch andere Analysten erwarten wenig Impact und empfehlen, das Portfolio nicht aufgrund der Wahl zu verändern. 

Über den drohenden Crash von Evergrande haben wir schon im vergangenen Newsletter gesprochen. Seither hat der Konzern einige Zahlungsfristen verpasst, der zweitgrößte Aktionär will sich Berichten zufolge von seinen Anteilen trennen und nimmt dafür einen massiven Verlust in Kauf, und die chinesische Regierung signalisiert noch keine große Hilfsbereitschaft. Nachdem ich in den vergangenen Tagen viel zu Evergrande gelesen habe, relativieren sich die Vergleiche mit Lehman, deren Crash tatsächlich globale Auswirkungen hatte. Der Meinung ist offenbar auch EZB-Chefin Christine Lagarde. Doch wer stark in China investiert ist, sollte das Wochenende nutzen, um über neue Strategien nachzudenken. 

Weitere News

Der Berliner Lebensmittel-Lieferdienst Gorillas schließt eine Finanzierungsrunde in Höhe von 950 Millionen US-Dollar ab, zu den neuen Investoren soll Delivery Hero zählen. (The Information)

Das Statistische Bundesamt meldet wieder einmal ein Rekordhoch, diesmal bei den Immobilien: Die Preise für Eigenheime stiegen im zweiten Quartal 2021 um 10,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal, es ist der höchste Wert seit 2000. (Handelsblatt)

Bad News für Apple: Die EU-Kommission will Gerätehersteller gesetzlich dazu verpflichten, einheitlich den USB-C-Standard bei Ladekabeln zu verwenden. (Heise)

Fürs Wochenende

Zum Abnerden I: Ich habe in deutschsprachigen Medien noch wenig über die Facebook Files gelesen – das Wall Street Journal hat in diesem Rechercheprojekt die Auswirkungen von Facebooks fehlender Moderation und den Umgang mit Daten beleuchtet. Facebook-Beobachter Casey Newton spricht vom größten Skandal seit Cambridge Analytica und liefert eine gute Einordnung. Wer tief eintauchen will, kann die Facebook Files hier nachlesen oder lieber in Podcast-Form hören

Zum Abnerden II: Kaum jemand erklärt Kryptowährungen und ihre Bedeutung für die Gesellschaft und das Finanzsystem so gut wie der Journalist (und bis vor kurzem Bitpanda-Content-Chef) Raphael Schön. Sein neuer Newsletter Future Money ist deshalb eine absolute Empfehlung! 

Zum Mitsingen: Chris Martin und Kelly Clarkson spielen den besten Pop-Song der Neuzeit: 

https://www.youtube.com/watch?v=PQxxrfDH890

Zum Abschluss möchte ich die vielen neuen Newsletter-AbonnentInnen der vergangenen Wochen begrüßen – schön, dass ihr dabei seid! Ihr findet Smart Casual super? Dann empfehlt und leitet ihn gern an FreundInnen weiter! 

Schönes Wochenende!

Lisa

PS: Nein, ich habe Kanyes neues Album noch immer nicht fertig gehört. 

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