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Das postheroische Konzert

Steven Stucky: 2. Konzert für Orchester (2003)

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Von dem Soziologen Dirk Baecker stammt der Begriff des “postheroischen Managements”. In seinem gleichnamigen, 1994 erschienenen Buch wird der alles wissende, alles entscheidende Chef (ja, ein Mann) abgelöst von der mehrköpfigen Organisation, in der sich ausgetauscht und nicht strikt von oben nach unten entschieden wird: “Hierarchie ist optimal, wenn eine Aufgabe ‘blind’ realisiert werden soll. Aber sie ist schädlich, wenn es darum geht, die Augen aufzumachen.”

Ein Konzert ist so eine hierarchische, heroische Angelegenheit. Es hat normalerweise einen Star, eine Person mit ihrem Instrument. So funktionieren Klavierkonzerte, Violinkonzerte oder Konzerte für Schlagzeug (sowas gibt es!). Das Publikum kommt, weil es den Star kennt und mag (oder vielleicht einfach Klavier, Geige oder Schlagzeug kennt und mag). Das Orchester hat in einem Konzert im Wesentlichen die Funktion, diesem Star (sei es nun Person oder Instrument) zum großen Auftritt zu verhelfen.

Anders ist es bei der Sinfonie: Bei ihr steht kein bestimmtes Instrument im Vordergrund, sondern eine große Form, die das ganze Orchester benötigt. Manchmal haben in einer Sinfonie einzelne Instrumente oder Instrumentengruppen kurze Soloauftritte, in denen sie alleine (oder fast alleine) zu hören sind. Aber das ist in der Sinfonie nicht die Hauptsache und kommt auch nicht dauernd vor. (Es bleibt natürlich die Person am Dirigierpult, die auch wieder gerne als Star verehrt wird.)

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts macht eine neue Gattung die Runde, das Konzert für Orchester. Es klingt widersprüchlich, aber es bedeutet etwas und zwar nicht dasselbe wie Sinfonie. In ihm geht es nicht um ein einzelnes Instrument, es geht aber auch nicht um das Orchester als Ganzes, sondern es geht darum, möglichst viele Instrumente(ngruppen) einzeln zur Geltung zu bringen. Soloauftritte für alle!

Das berühmteste Konzert für Orchester stammt von Béla Bartók, aber wir sind ja hier auf den Schleichwegen, weshalb ich euch eines des gar nicht so bekannten, 2016 gestorbenen Amerikaners Steven Stucky vorstellen möchte: sein zweites Konzert für Orchester, komponiert 2003.

Der letzte Satz ist ein siebenminütiges, hochenergetisches, knallbuntes Spektakel, in dem sich Blechbläserfanfaren mit den Solo-Auftritten einzelner Instrumente oder Gruppen, die Stucky “Combos” nennt, abwechseln. Diese Combo-Einsätze wären anderswo ganze Stücke geworden, Stucky reißt sie nur an. Einmal besteht eine Combo aus einem Streichquartett plus Harfe, ein anderes Mal aus Xylophon, Klavier und gedämpften Trompeten. Alle kommen zur Geltung, zusammen und für sich. Es ist ein postheroisches Konzert – von einem postheroischen Komponisten, der sich selbst beschreibt als Künstler, “der [seinen] Weg nur dann erkennt, wenn [er] auf den Schultern derer steht, die den vor ihm liegenden Weg geebnet haben.”

So kann nur jemand reden, der nicht selber auftrumpfen will, sondern andere auftrumpfen lässt. Und genau das passiert in Stuckys zweitem Konzert für Orchester, für das es 2005 den Pulitzerpreis für Musik gab. Hört euch den letzten Satz an: 

https://www.youtube.com/watch?v=EnobVYaR9wE

Hier geht es zum Streaming.

Schöne Grüße aus Berlin Gabriel

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