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OK COOL streichelt... den Taurus Demon aus Dark Souls

Liebe Menschen da draußen,

was würde passieren, wenn wir die Kreaturen  in unseren Lieblingsspielen tatsächlich einmal streicheln könnten? 

In dieser zweiten Ausgabe von "OK COOL streichelt" gehen wir dieser Frage ein weiteres Mal gemeinsam mit WissenschaftlerInnen nach, die mir für mein Streichel-Unterfangen ihre Hilfe angeboten haben. Und diese Hilfe können wir heute tatsächlich gebrauchen, denn das Streichelziel dieser Ausgabe ist niemand geringeres als der Taurus Demon ("Stierdämon") aus Dark Souls 1, einer der ersten Bossgegner dieses Spiels.

Und weil es heute besonders gefährlich wird, stehen gleich zwei fachkundige Menschen in der Telefonleitung bereit. Ein Fachmann für Rinder und eine Archäologin, die unter anderem zum berühmtesten Stier der Antike forscht - dem Minotaurus.

Was ist Dark Souls?

Dark Souls (2011)  gehört wohl zu den bekanntesten und gleichzeitig umstrittensten Spielen überhaupt: Für die einen ist das Fantasy-Rollenspiel unfair schwer, schlecht erklärt und kryptisch, für die anderen faszinierend geheimnisvoll, angenehm fordernd und klug durchdacht.

Egal, welchem Lager man sich nun zuordnen will, das Spielziel bleibt für alle gleich: Mächtige Monster und Kreaturen besiegen, dabei immer stärker werden und anschließend noch mächtigere Monster und Kreaturen besiegen. So einfach kann es manchmal sein.

Zuerst sprach ich mit Marco König, Leiter des Huftier-Reviers und Revierpfleger für die Rinder im Zoo Berlin. Von ihm versprach ich mir Einblicke in die Welt der Rinder, die ich als Dorfkind vor allem nur als launige Tiere mit großem Appetit und noch stärkeren Blähungen kenne.

Dom: Herr König, wie aggressiv sind Stiere eigentlich wirklich?

M. König: Stiere, also männliche Jungtiere, kann man nicht einfach über einen Kamm scheren. Es kommt stark darauf an, welche Rassen und Arten gemeint sind. Das Bison zum Beispiel akzeptiert uns Menschen, aber sie sind sehr distanziert. Wir haben jetzt einen Bisonbullen bekommen, der für Nachwuchs sorgen soll, der ist uns gegenüber ziemlich aufgeschlossen und nimmt auch mal ein Leckerli aus der Hand. Aber die Mädchen hingegen sind sehr distanziert und reißen uns maximal eine Möhre aus der Hand. Aber anfassen ist da nicht, ich entferne mich dann auch wieder sofort, damit die Tiere wissen: "Aha, das ist der, der mir mal ein Leckerli zusteckt, mich vielleicht sanft berührt und dann sofort wieder geht."

Ich und einige Kollegen glauben, dass dieses Verhalten der Bisons aus einer Urangst abgeleitet ist, die tief in den Tieren drinsteckt. Sie kommen ja aus Amerika und wurden durch von den weißen Siedlern millionenfach erschossen. Von 60 bis 70 Millionen Tieren waren da am ende nur noch 1000 Bisons übrig, bis endlich ein Schutzprogramm erstellt wurde. Aber ich schweife ab.

Dom: Och, aber spannend abgeschwiffen! Abgeschweift? Abgeschwifft? Wie heißt es?

M. König: Also: Stiere sind auf jeden Fall erstmal imposanter und temperamentvoller als weibliche Tiere. Wir sind bei denen immer grundsätzlich mit Vorsicht zu Gange. Selbst bei den Tieren, denen wir eigentlichvertrauen, das wären zum Beispiel die Wasserbüffel. Das sind extrem umgängliche Tiere, die wegen ihres Charakters auch bei Landwirten immer beliebter werden.

Aber selbst beim Wasserbüffel bewege ich mich niemals frontal auf den Bullen zu. Ich würde mich diesem Tier niemals von vorne nähern und achte immer darauf, einen Fluchtweg parat zu haben. Wenn ich zum Beispiel einen Wasserbüffel aus dem Gatter lasse, laufe ich ihm gerne noch kurz hinterher und kraule ihn am Po. Das genießt er, aber wenn er sich doch umdrehen sollte, habe ich noch genug Zeit, es zum Ausgang zu schaffen. Und in der Paarungszeit drehen diese Tiere natürlich völlig wild, da sind die heiß und dann kann sich auch ihre sonst ruhige Art mal schnell ändern.

Dom: Das heißt, wenn ich möglichst hohe Erfolgsschancen beim Streicheln haben will, sollte es ein Wasserbüffel sein, der gerade keine paarungswilligen Kühe um sich herum hat?

M. König: Noch besser wäre ein weibliches Tier.

Dom: Aber dann wäre es ja kein Stier! M. König: Das ist richtig.

Dom: Und wenn wir es jetzt umdrehen: Wann wären meine Chancen am allerschlechtesten, heil aus der Situation herauszukommen?

M. König: Bei unseren Rotbüffeln könnte es heikel werden. Da müssen Sie aufpassen, dass die Ihnen nicht die Hand brechen, wenn sie am Gitter stehen und den Arm ausstrecken.

Dom: Das heißt, diese Rotbüffel mögen gar keine Menschen? Oder warum sind die so?

M. König: Rotbüffel wollen immer auf Distanz und unter sich bleiben. Die haben nicht das grundsätzliche Vertrauen wie beispielsweise Rinder oder auch Wasserbüffel, das sind absolute Wildtiere. Aber da kommt es durchaus auch auf den Charakter der einzelnen Tiere an: Wir haben eine ältere Kuh, die an guten Tagen Berührungen zulässt. Und dann haben wir da Exemplare wie Gysi, die schon extrem pampig ist. Wenn man da bei ihr vor dem Stall steht und sie zu lange beobachtet, dann kommt sie ran und bearbeitet die Tür, weil sie sich einfach gestört fühlt. Jedes Tier hat hier seine eigenen Charakterzüge, wir vergeben ja nicht umsonst Namen.

Dom: Jetzt habe ich noch eine Frage: Der Stier im Spiel stellt sich ja im Spiel mit einem gewaltigen Sprung vor, ein paar Meter überwindet er dabei. Können Stiere tatsächlich springen?

M. König: Ja, und das machen Jungstiere, generell Jungtiere sehr gerne, das ist dann pure Lebensfreude. Man nennt diese Sprünge "Prellsprünge", bei denen wirklich alle Viere gleichzeitig abheben. Das machen zum Beispiel auch Kühe, die mal längere Zeit im Stall stehen mussten, weil sie gekalbt haben, und dann wieder auf die große Anlage dürfen. Da kann man die pure Lebensfreude beobachten, die sind dann froh und happy wieder draußen zu sein. Wenn die Tiere nicht gerade vollgefressen sind, schaffen die da auch 50 Zentimeter bis bestimmt einen Meter in die Höhe.

Dom: Wahnsinn. Ich sitze hier mit einem breiten Grinsen.

M. König: Gern.

Unglaublich spannend - aber noch nicht das Ende meiner Recherche! Denn nachdem ich mich nun über Rinder und meine Streichelchancen informiert hatte, interessierte mich ein weiteres Detail am Taurus Demon ganz besonders: Die Waffe, die er trägt. Eine gigantische Axt, die Assoziationen an den bekanntesten Stierkrieger der Kunstgeschichte erinnert - den Minotaurus, der seinen Weg von antiker Kunst in die moderne Popkultur und irgendwie auch Dark Souls gefunden hat.

Aber warum eigentlich? Das und noch einiges mehr wollte ich von Sarah Al Jarad wisssen, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für Klassische Archäologie der Universität Leipzig arbeitet. Sie beschäftigt sich hier vor allem mit dem Hellenismus und der römischen Kaiserzeit, ihr Schwerpunkt liegt mittlerweile auf der Analyse antiker Bilder und Bilderwelten - genau die richtige Ansprechperson also für mich und meine Fragen.

Dom: Ich fange mal ganz einfach an: Woher hat der Minotaurus eigentlich seinen Namen? Das hängt mit dem sagenhaften König Minos zusammen, oder?

S. Al Jarad: Minotaurus ist ein Mischname aus dem Namen des Königs Minos und dem Begriff "taurus", also Stier. Und die Geschichte rund um König Minos ist ja ohnehin der Wahnsinn: Minos weigerte sich, einen wunderschönen Stier zu opfern, den ihm Poseidon geschickt hatte. Der Gott war darüber so erzürnt, dass er in Minos Gemahlin Pasiphae das Verlangen weckte, Sex mit einem Stier zu haben. Aus dieser Verbindung ging der Minotaurus hervor.

Dom: Mein Gott.

S. Al Jarad: Ja.

Dom: Der Minotaurus, wie wir ihn heute kennen - Stierwesen mit großer Axt in den Händen - wie alt ist diese Darstellung eigentlich schon?

S. Al Jarad: Die moderne Darstellung geht auf eine völlig andere Abbildungsweise aus der Antike zurück, die dann nach und nach an moderne Bedürfnisse und Sehgewohnheiten angepasst wurde. 

Die ursprüngliche Darstellung ist tatsächlich eine Kombination aus Mensch und Stier. Die frühesten Abbildungen kennen wir aus der Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. aus dem griechischen Raum. Besonders oft wird der Minotaurus dabei im Kampf mit dem Helden Theseus gezeigt, der sich in der berühmten Sage über das Labyrinth des König Minos diesem Monster entgegenstellt. Die antiken Künstler haben also die zentrale Szene der Sage herausgepickt und dargestellt - und dieses Bild wurde in dieser Zeit dann scnell unheimlich populär und häufig abgebildet, weil sie die Sage auf den Punkt bringt und anhand eines einzigen Bildes den zentralen Konflikt dieser Geschichte zusammenfasst.

Dom: Ist der Kampf des Minotaurus mit Theseus eigentlich ein politisches Bild? Also wurden hier bestimmte Werte oder Botschaften über den Kampf Theseus gegen Minotaurus hinaus vermittelt?

S. Al Jarad: Politische Bilder würde ich nicht sagen, aber es ging doch um die Vermittlung von bestimmten Idealen, hier besonders das Ideal des Heldenmuts, die Stärke des Helden. Und dass diese Bilder gerade im 7. und auch 6. Jh. so häufig abgebildet wurden, sagt uns, dass diese Darstellung wahnsinnig populär gewesen sein muss. Bilder auf Vasen und anderen Gegenständen waren ja Gegenstände, die verkauft wurden. Irgendwas muss den Menschen damals also sehr daran gefallen haben.

Dom: Warum ist das Minotaurus eigentlich ein Mischwesen aus Mensch und Stier? Hätte es nicht auch einfach ein riesiger Stier-Stier getan? Wieso noch die menschliche Note?

S. Al Jarad: Das hat mit der antik-griechischen Denke zu tun: Es ist besser, dem Helden einen Gegner zu geben, der auch wirklich als Gegner angesehen werden kann. Würde da nur ein Stier vor Theseus stehen, wäre es auch nur ein Kampf "Mensch gegen Tier" - also eine weitaus geringere Bedrohung, gegen die sich unser Held stellen muss.

Dom: Dann noch eine Frage zur Axt, die der Minotaurus in modernen Darstellungen gerne trägt - woher hat er die? S. Al Jarad: Das weiß ich nicht, aber ich kann ihnen auf jeden Fall sicher sagen: Nicht aus der Antike.

Dom: Wann und warum hat denn der Minotaurus in der antiken Bildkunst an Popularität eingebüßt? Woran lag das?

S. Al Jarad: In der griechischen Kusnt war er sehr beliebt, ja, büßte aber in der römischen Zeit stark an Popularität ein. Da tauchte er höchstens noch als kleines dekoratives Element auf, entweder als Stierkopf oder nur noch das Labyrinth aus dem Mythos selbst. 

Das liegt daran, dass der Minotaurus stark mit der griechischen Identität verbunden war. Die Römer konnten hingegen mit diesem Wesen nicht mehr viel anfangen, deswegen wurde er von anderen, römischen Motiven nach und nach verdrängt.

Dom: Eine Sache noch: Auch wenn der Minotaurus in der Antike irgendwann an Beliebtheit verloren hat, ist er bis heute Teil unserer Popkultur und wird immer mal wieder zitiert und dargestellt. Haben Sie eine Erklärung dafür? Was macht den Minotaurus für uns heute immer noch so interessant?

S. Al Jarad: Ich glaube, das ist eine Urfaszination, die in uns Menschen steckt: Das Interesse an dem, was wir nicht verstehen und die Faszination an Geschichten, die wir nicht kennen. Wir alle tragen offenbar in uns eine große Neugier an Dingen, die nicht so einfach rational zu erklären sind - wie etwa ein Mischwesen aus Stier und Mensch.

Und damit sind wir am Ende einer weiteren Streichelausgabe angekommen! Ich hoffe, euch hat diese Exkursion gefallen und ihr konntet ein wenig dazulernen - ich auf jeden Fall! 

Nächsten Monat kommt die nächste Ausgabe "OK COOL streichelt" - und wer es bis dahin gar nicht aushalten und/oder meine Arbeit honorieren kann, ist herzlich eingeladen, für knapp 5€ im Monat UnterstützerIn von OK COOL auf Steady zu werden! Als Dank gibt's nicht nur ein warmes Gefühl in der Herzgegend, sondern jeden Freitag besondere Podcastformate, in denen es um noch mehr ungewöhnliche Perspektiven auf die Welt der Spiele geht.

PS: Mein Lieblingsstier ist Tauros aus Pokémon, und ihr wisst, dass ich damit Recht habe! 

In jedem Fall: Danke und bis nächsten Monat! <3 - Dom

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