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Eine Begegnung in Paris

Modiano/Pécresse/de Pomiane

Paris, 29.11.2021

Anfang der Woche hatte ich in Paris zu tun. Vormittags spazierte ich an der Place Saint-Sulpice herum und bemerkte einen  Mann in einem blauen Mantel mit Fellkragen.  Ich sah mir diesen Monsieur, der zügig am Brunnen vorbei ging, genauer an: Über 1m 80, etwa Mitte siebzig und ein schneller Geher. Ich näherte mich so diskret es ging und war nun sicher, eines meiner literarischen Idole vor mir zu haben: den Literaturnobelpreisträger 2014 Patrick Modiano.  Während ich mir überlegte, was ich nun tun sollte, wechselte er die Straßenseite und beschleunigte in Richtung Jardin du Luxembourg. 

Zwei Argumente standen gegeneinander, so wie in Cartoons ein Teufelchen  und ein Engelchen über den Köpfen miteinander diskutieren: Modiano ist notorisch scheu und schätzt es, wenn man ihn in Ruhe lässt. Ich habe schon zig Mal eine Interviewanfrage deponiert, ohne auch nur eine Absage zu erhalten. Andererseits mochte dies meine letzte Möglichkeit sein, ihn anzusprechen. 

Ich machte ersteinmal ein Beweisfoto. Und dann blieb er bei der Auslage eines Buchantiquariats stehen. Also sprach ich ihn, in gebotener Distanz und leise an. Der vollständige Dialog :

"Monsieur Modiano?"

"Oui?" (entsetzter Blick)

"Je voulais juste Vous dire merci, merci pour vos livres."

"Ah, c‘est gentil. C‘est gentil" 

Der Meister schaut immer noch wie der verträumte, junge Mann, der er einst war und freute sich aufrichtig- zum einen wegen des Danks, vor allem aber, weil ich mich entfernte, ohne ihn um ein Selfie zu bitten, für das ich womöglich noch den Arm um ihn legen würde, während ich wortreich um ein Interview nachsuche. 

Eine frühere, flüchtige Begegnung mit Modiano schaffte es sogar mal in ein Chanson des Liedermachers Vincent Delerm: 

https://www.youtube.com/watch?v=OO73cvGnWmM (Öffnet in neuem Fenster)

Politisch wird es spannend in Paris. Nun ist die Gegenkandidatin der konservativen Parteienfamilie ermittelt worden, die Regionalpräsidentin der Ile de France Valérie Pécresse. Sie ist ein politischer Vollprofi, die in allen Lagern Respekt genießt. Es ist eine Überraschung, andere Bewerber entsprachen mehr dem gaullistischen Profil eines Vaters der Nation. Aber in der französischen Politik ist die unerwartete Wendung eine wichtige Sache: Weder François Hollande noch Emmanuel Macron zählten, als sie ihre Kanidatur bekannt gaben, zu den Favoriten, sondern galten als kuriose Außenseiter. Bis zur Wahl im Mai 2022 wird noch viel passieren. Doch sollte sich die extreme Rechte spalten und so den Weg freimachen für ein Duell Macron/Pécresse, stehen ihre Chancen gut. 

Macron fehlt die Unterstützung einer im Lande verankerten Partei, obwohl er selbst durchaus populär ist. Viele Linke spekulieren darauf, dass eine eindeutig konservative Regierung das andere, also das rotgrüne Lager dann wieder eint und beflügelt. Es wäre eine Rückkehr zur gewohnten politischen Landschaft. Andererseits wäre Macron dann der dritte Präsident in Folge, der nur eine  Amtszeit durchhält. Sich so oft umstellen zu müssen – der Präsident prägt ja den Habitus, die Sprache, den Stil aller Chefs in Frankreich – das strengt ja auch an. Aber - siehe all die #metoo Fälle und den "siebten Tag" von vergangener Woche - es ist auch höchste Zeit, dass eine Frau im Élyséepalast Chefin wird.  Das wird nun richtig spannend. 

Ich weiß nicht genau, warum, aber bis zum Ende des Jahres vollzieht sich eine völlig irrationale Beschleunigung und Torschlußpanik. Man hat nie weniger Zeit als an den Tagen, an denen die Sonne kaum zu sehen ist. Gilt natürlich auch für die Verpflegung. Darum sei dieses geniale Kochbuch von Édouard de Pomiane, illustriert von Touluse Lautrec (erhältlich bei Walde-Graf)aus dem Jahr 1930 empfohlen - es enthält nur Gerichte, die innerhalb von zehn Minuten realisiert werden können.

Natürlich findet sich dort auch ein zeitlich-dynamisch angepasstes Geflügelrezept, dessen wichtigste Ingredienz freilich der Humor sein dürfte, den es auch in diesen Tagen nicht zu verlieren gilt: 

Kopf hoch, 

ihr

Nils Minkmar

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