Die Welt  im Winter

Stillstand trotz Ampel/Frankreich verläuft sich/Trost der Musik/ Rezept für kalte Tage

Der erste Schnee sorgt zuverlässig für Überraschung: Man hatte ganz vergessen, wie herrlich es ist, mysteriös und still. Für einige Momente ist es die wichtigste Nachricht:Es schneit. In der Schule rannten dann alle zum Fenster, hofften auf Schneefrei, Schneeballschlachten und Schlittenfahrten

Auch heute lenkt der Schnee ab von der seltsamen Zeit gerade. Einerseits erleben wir in Deutschland einen politischen Aufbruch. So ein Wechsel im Kanzleramt ist keine Kleinigkeit. Viele erlebt man nicht in einem langen WählerInnenleben. Auf vielen, auch weniger beachteten Politikfeldern -Migration, innere Sicherheit, Geheimdienste – wird sich viel ändern. Diese ökologlisch linksliberale Regierung ist auch eine deutliche Niederlage für die Kräfte der Spaltung, auch der versammelten Springermedien, deren Macht eine bloße Behauptung ist.

Wir beginnen also ein spannendes neues Kapitel, zum ersten Mal nach vielen Jahren ist wieder Bewegung in der Bundesrepublik. Aber zeitgleich droht ein neuer, wenn auch unausgesprochener Lockdown, ein Lockdown aus Ein- und Vorsicht. Nachricht von Infektionen die früher vielleicht ein, zwei Mal im Monat kamen, hört man nun fast täglich. Also Boostern, Rückzug, Höhle, Cocooning und zugleich Aufbruch und doppelte Kriegsgefahr, an der Ukraine und in Taiwan. Es kann einem schwindelig werden.

Als Kind vergaß mich meine Mutter mal vor dem Fernseher. Ich hätte längst schlafen sollen, aber sie war noch in ein Gespräch mit einer Nachbarin vertieft. Also sah ich einfach weiter, was gesendet wurde: "Der schwarze Abt" eine Edgar-Wallace-Verfilmung. Dazu hatte ich einen Becher Kamillentee, der bei mir bis heute mit dem unheimlichen Film verbunden ist.Nie wieder habe ich mich so gegruselt.  

Bis Donnerstag. Da widmete das staatliche französische Fernsehen France 2 dem rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Éric Zémmour eine ihrer mehrstündigen Livesendungen, die so typisch sind für den Präsidentschaftswahlkampf. 

Der Mann konnte von sich geben, was er wollte und traf nur auf milden Widerstand. Er grimmassierte, beleidigte, quasselte den größten Wahnsinn und alle sahen ihm zu. Die vielen Metoo Vorwürfe gegen ihn tat er mit der Bemerkung ab, das sei privat - keine Nachfrage. Alles, was ausländisch aussieht oder heißt: Bei ihm gleich unter Mordverdacht. Er fühlte sich pudelwohl, meine Verzweiflung wuchs. In meinem Notizbuch finden sich die Spuren, ich fand, man müsse offensiver reagieren und moderieren: 

Als Widerpart war ihm der Wirtschafts-und Finanzminister Bruno Le Maire zugedacht. Weniger wegen der besonderen Kompetenzen von Zémmour auf diesem Gebiet - sein Geschäft ist die Verbreitung von Hass und Gewalt - sondern weil Le Maire einigermaßen belesen ist. Zémmour gibt gern den historisch und literarisch kultivierten Bildungsbürger, das macht Eindruck in Frankreich. Leider gibt es davon unter den Politprofis, meist Absolventen anderer Richtungen, nur wenige. BLM, ohnehin einer der härtesten Arbeiter in der europäischen Politik, musste also auch das wuppen. Zémmour nannte ihn einen Esel. Sendung ging dann bis Mitternacht, danach ExpertInnen.

Es ist fatal, Zémmour so höflich zu behandeln. Er ist noch nicht einmal zugelassen zur Wahl. Die konservativen MitbewerberInnen beeilen sich zu versichern, sie hätten schon viele von Zémmours Forderungen umgesetzt und von den Linken keine Spur. Es gibt Aufrufe, sich hinter einem Kandidaten, einer Kandidatin zu versammeln, aber damit meinen die Aufrufenden meist sich selbst. Andererseits ist es noch früh im Rennen. 

Weder Hollande noch Macron wurde in vergleichbarem Abstand die geringste Chance eingeräumt. 

Wenn man in diesen lichtlosen Tagen spazieren geht, tut etwas Musik gut. kommendes Jahr kommt das neue Album von Ludovico Einaudi, nun wurde aber schon ein weiteres Stück veröffentlicht. Klassik für Menschen, die völlig ohne Klassik groß geworden sind. 

https://www.youtube.com/watch?v=bmdhiEnjxdg

Poulet á la broche, Abbildung aus les recettes faciles de Francoise Bernard

Mit machen Rezepten ist es wie mit dem Schulweg: Jahrelang sind sie präsent und dann ganz weg, nahezu vergessen. So ging es mir mit dem Rezept des Estragonhuhns. Es war bei uns zuhause das Festtagsessen überhaupt – das dramatische Flambieren, die helle Sauce – und dann ging die Zeit drüber hinweg. 

Nun fand ich im Kochbuch von Françoise Bernard die entsprechende Seite wieder und alles war wieder da! Perfekter Booster für diese Saison!

Die große Françoise ermutigt -Mon avis - ihre Leserschaft, vor den Flammen des Flambierens nicht zu zaudern. Dann ist es eine recht nahrhafte Angelegenheit – die Sauce aus Eiern, Crème Fraiche und Alkohol passt nicht zu einem sommerlichen Schmaus unter Bäumen. 

Wenn der Estragon blüht, wird man ihn nicht am Wegesrand abzupfen, um dieses Gericht zuzubereiten, dann ist man ganz in der Leichtigkeit. In diesen Tagen aber wirkt er wie ein Souvenir und ein Versprechen auf die Rückkehr hellerer Tage.

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

PS:

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