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Gen X und hopp – Die vergessenen Konsumenten (November 2023)

Manchmal versteckt sich die Wahrheit an den merkwürdigsten Orten. Und wartet. So wie jener Onlineartikel der australischen „Marie Claire“, der mir das Thema dieses Newsletters zuflüsterte. Weil er aussprach, was mein Unterbewusstsein und Bankkonto längst ahnten: Angehörige der Generation X oder Golf stehen im Abseits. Ganz brav, wie es eben unser Wesen ist. Im Job, in der Politik, im Marketing und Concept-Store. Das ist psychologisch bitter, gesellschaftlich bedenklich und ökonomisch dumm.

X für ein U: Mit der Karriere klappt’s halt nicht, dafür wissen wir noch, was Stefan Raab vor „TV Total“ gemacht hat. (Foto: ben_robbins (Öffnet in neuem Fenster)/Unsplash.com)

„Dann nahm die Retuscheurin (Öffnet in neuem Fenster) der ‘Zeit’ ihre Airbrushpistole und besprühte, mit hinter wuchtigen Brillengläsern konzentriert gekniffenen Augen, das Schwarzweißfoto mit einem feinen Strahl hellgrauer Pigmente. Und so wurde aus dem Dreifachkinn des Kanzlers Kohl bloß noch ein doppeltes, also Kinn.“

Spätestens an dieser Stelle sind meine jungen Kolleg:innen in der Redaktion und Influencer auf PR-Terminen entweder schwer am Power-Napping oder runzeln die (noch) nicht gebotoxte Stirn. Ungläubig. Häh, scheinen sie zu denken, gibt doch Kätzchenfilter. Hätte der Kohl, wer auch immer das war, doch die Digital-Mieze machen können, wenn er sich schlecht getroffen fand. Überhaupt, Speck am Hals … Mal von Ozempic (Öffnet in neuem Fenster) gehört? Oder mit reichlich self-love und body positivity extra frech rausstrecken, den Hautlappen. You do you, Diggi.

Tja, schon komisch, wenn man Rohrpost und (!) WordPress kennt, denke ich in solchen Momenten, und schenke mir rasch nach. Wovon auch immer. Gegen das Gefühl der Enge in der Brust, weil meine Alterskohorte eine Vielzahl der Retrotrends im Original kennt – und zugleich deren Meme-ifizierung versteht und liked.

Wir Gen Xer fühlen uns wie Menschen, die erst Papyrus bekritzelten und dann in gedruckten Bibeln blätterten. Die den, ähem, Eimer auf die Straße kippten und später an der Wasserspülung ziehen konnten. Wir bilden eine Brücke zwischen Babyboomern und Millennials – und stecken zwischen ihnen fest. Die einen sind uns in Zahlen und Zahlungskraft überlegen, die anderen stellen bald die größte (Luxus-)Käuferschicht ever born.

Unsere Vorgänger gönnen sich einen kostspieligen Endlosritt in den Sonnenuntergang, bestimmen Wahlen und gefallen sich als In-die-Suppe-Spucker bei Diversität, wokeness und Umweltschutz. Die uns nachfolgen verzaubern mit ihrem putzig leistungsverweigernden Charme, ihrem Digital-Native-Sein und intensivster sozialer Vernetzung weltweit die Designer, Meinungsmacher und Mediaplaner. Nur wir, die wir beide demografischen Cluster und ihre Sozialisierung verstehen, ein best of both worlds in uns vereinen, hat irgendwie niemand mehr so richtig auf dem Zettel. WTF.

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Kategorie Essays

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