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Gespensterbrief #7 - Wurzeln

Mein liebes Gespenst,

ich stecke mit dem Kopf noch in der Nacht, die etwas zu kurz, aber schön war. Am Küchentisch versuche ich, die richtige Menge Matcha aus der Dose zu nehmen und gieße das Pulver mit zu heißem Wasser auf. Ich gebe etwas Hafermilch hinzu und rühre und sehe aus dem Fenster. Wenn man in einem Heißgetränk, das mit Milch zubereitet wurde, mit dem Löffel wiederholt auf den Boden des Bechers schlägt, steigt der Ton mit jedem Schlag an. Ich liebe dieses Geräusch. Was hörst du gerne?

Der Milchaufschäumer surrt und klackt. Ich gebe Schaum über den Tee und noch etwas erwärmte Milch und noch etwas Schaum und dann steche ich mit dem Löffel zu. Langsam rinnt es weiß am Becherrand hinab. Durch das Fenster in meinem Rücken tritt kühle Luft ein und erinnert mich an den Morgen im Wald, den ich mit dir verbrachte.

Pass auf die Wurzeln auf, sagtest du, während ich vorauslief.

Im Wald bin ich noch nie gefallen.

Meine Nachbarin Frau Wiese ist sehr verliebt, das sieht ein Blinder. (Mariana Leky, Kummer aller Art)


Sie öffnet jeden Morgen um halb sieben ihr kleines Küchenfenster, legt sich ein Kissen unter die Ellenbogen und richtet sich im Rahmen ein. Sie sieht unentwegt die Straße hinab und hinauf. Dabei macht sie ihren Hals ganz lang und wenn sie könnte, würde sie wohl an einem Kran aus dem Fenster baumeln, nur um einen Tick früher zu sehen, wenn die Postbotin kommt, in die sie so verschossen ist. Irgendwann beginnt Frau Wiese, ihr Dasein im Fenster doch anders rechtfertigen zu wollen. Darum nimmt sie langsam die Gießkanne von der Heizung unter dem Sims und gießt die Blumen im Kasten. Darin ist inzwischen eine sumpfige Landschaft entstanden. Flechten und Moose haben die Herrschaft über Petunien gewonnen. Wenn das Wasser bis an die Kante des Kastens reicht, beginnt Frau Wiese, es langsam mit einem Schnapsglas abzuschöpfen und kippt es Schluck für Schluck zurück in die Gießkanne.
Weil sie das aber nicht die ganze Zeit tun will, bis die Postbotin gegen zehn Uhr endlich kommt, lernt sie gerade Klarinette spielen. Sie bringt es sich selbst bei und übt vor allem schmachtende Liebeslieder. Purple Rain und Only You wurden nicht gerade für die Klarinette komponiert. Und so könnte man sagen, Frau Wiese ist nicht nur so verliebt, dass es ein Blinder sieht, sondern auch ein Tauber hört. (Ich, Wortkollektiv)

Mein liebes Gespenst,

pass auf die Wurzeln auf.

🖤

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