Zum Hauptinhalt springen

Gespensterbrief #6 ~knarz~

Mein liebes Gespenst,

geh ein Stück mit mir.

Der Wind hat mich geweckt. Er rüttelte an den Fenstern der Südseite, die Dachpfannen bollerten und knallten über uns. Zudem war es die erste Nacht seit langem, in der wieder etwas Licht auf das Bett fiel.

Vor etwas mehr als einem Jahr bin ich umgezogen. Nicht ganz und gar, sondern mit meinem Schreibtisch. Ich hatte das Bedürfnis nach einem eigenen Zimmer. Einem Raum für meine Gedanken. Sie sollten sich allein aufhalten können. Kennst du das?
Ich zog mit meinem Tisch - ein dänisches Möbel, schlicht, funktional und schön, mindestens 60 Jahre alt, heute unbezahlbar - ganz oben unter das Dach. Es ist der Raum, in dem ich meine Collagen anfertige und in dem es in einer Ecke immer hell ist. Dort wollte ich in Ruhe nachdenken und schreiben. In Abwesenheit aller Geräusche und Bewegungen der anderen. Ich schrieb dort, es war freundlich und der Raum für mich weit genug, um den Blick schweifen zu lassen. Doch bald verlor ich meinen Rhythmus, der mir eigentlich innewohnte. Um in den Tag starten zu können, musste ich jeden Tag die Treppe hinabsteigen ~knarz knarz~ und mich fein machen. Das Leben fand unten statt. Das Herz, die Küche, war dort. Immer seltener wollte ich mich zurückziehen, die Treppe ~knarz~ wieder hoch und mit mir alleine sein.
In den vergangenen Monaten begann ich meinen Tag am Küchentisch - ein schweres Möbel, dunkles Holz, ein Ess-, Küchen- und Schreibtisch, ausziehbar, robust und alt - und blieb dort. Mein Mann kam aus seinem Raum, aus dem ich vorher ausgezogen war, und gesellte sich mit seinem Laptop zu mir. Und zusammen schrieben wir. Der Wasserkocher dampfte, der Weg zum Kühlschrank war nicht mehr so weit. Hier unten war es warm. Oben fror ich erbärmlich. Es zog durch die Fenster. Diesen Winter saß ich in eine Decke gehüllt und mit Mütze auf dem Kopf vor der Tastatur. Nun saß ich jeden Tag am Küchentisch. Mein Schreibtisch verstaubte oben unter dem Dach.
Gestern schraubte ich ihn auseinander, Beine ab. Und zerlegte den sperrigen Drehstuhl in seine Einzelteile. Packte das ganze Geraffel zum Schreiben zusammen. Die Treppe runter ~knarz knarz knarz~ und rauf ~knarz knarz~ und runter ~knarz~. Alles wieder zurück auf Anfang. Dorthin, wo ich unbedingt weg musste, weil nichts mehr ging.
Etwas ist im letzten Jahr passiert, dass ich nun wieder hier bin, im kleinen Schreibzimmer mit den merkwürdigen Schrägen und der Nische ohne Sinn. Wenn ich es beschreiben müsste, würde ich sagen, wir sind als Autor*innen leichter geworden. Humorvoller im Umgang mit dem eigenen Tun, nachsichtiger mit den Rhythmen des anderen, aber auch rücksichtsvoller. Ich habe aufgehört, Kaffee und Alkohol zu trinken, fühle also weniger Anxiety und Trägheit im Alltag. Ich bin mehr da. Womit hast du dich betäubt, gepusht und angetrieben, obwohl es deinen Körper durcheinanderbrachte?

Langsam geht die Sonne auf, ich kann das Blau am Himmel sehen. In meinem Jahr im eigenen Raum habe ich auch keine neuen Collagen mehr erstellt, obwohl ich Lust dazu hatte. Ich weiß noch nicht ganz genau, weshalb das alles so kam, würde nun aber sagen, dass ich gerne dort schreibe, wo mein Alltag stattfindet und wo ich nicht im Abseits bin. Und dass ich gerne dort Collagen erstelle, wo Licht ist. Beide Orte gehen hier aber nicht zusammen, baulich nicht und auch nicht vom Herzen aus gesehen.

Heute ist Montag, das ist mein Schreibtag. Ich versuche neben meiner Teilzeitstelle im Kulturzentrum (Öffnet in neuem Fenster) feste Tage für mein Schreiben zu kultivieren und verteidige sie so gut ich kann. Manchmal kommt etwas dazwischen, so wie heute. Irgendwann am Nachmittag muss ich mit Hygienebauftragten sprechen und einen Plan erstellen, in dem geschrieben steht, wann wer was wie sauberzumachen hat, damit wir im Zentrum weiterhin Kekse essen können. Dem etwas Poetisches abzugewinnen, wird eine kleine Herausforderung sein, aber es ist machbar. Schließlich ist Montag und Montag ist Schreibtag.

Mein Mann wird wach, es rumpelt ~knarz knarz~, ich will aufstehen und ihn umarmen. Es gibt dann Tee, Luft und eine weitere Einheit Sport nach langer Pause. Ich verwechsele meinen Muskelkater (subjektiv gut) mit Verspannungen (objektiv schlecht), weil ich seit meiner Corona-Erkrankung raus bin und ein Blob geworden. Leider muss ich sagen, das beste Mittel gegen meinen Welt- und Selbstverdruss, alle Verzweiflung und körperlichen Schmerzen ist Sport. Und so bin ich vor drei Jahren versehentlich zu einem Sport-Crack geworden, als wir alle drinnen saßen und nicht wussten, was passiert. Dass viel Energie in mir steckt, wusste ich schon vorher, aber ich ahnte nicht, dass ich Liegestütz kann und wie es sich anfühlt, eine Kleidernummer großer kaufen zu müssen, weil die Muskeln so schön spannen. Es ging mir körperlich noch nie so gut, wie in den letzten drei Jahren.
Doch irgendwann hat es auch mich erwischt. Diese unerquickliche Krankheit hat mir die Erfolge des letzten Sommers zunichte gemacht und damit auch den Zustand, kraftvoll in mir selbst verankert zu sein und aus der Mitte heraus zupackend. Nach und nach begann alles, wieder wehzutun. Überall, innen wie außen.

Nun ist aber irgendwas passiert, das mich antreibt, weiterzumachen. Mit vielem.

Bei einem Gang durch den Wald wurde mir klar, dass ich mir mit dem Plotten von Geschichten meine gesamte Freude am Schreiben nehme. Denn wozu sollte ich schreiben, wenn ich schon weiß, was passiert? Versteh mich nicht falsch, es liegt mir und ich plotte auch regelmäßig. Für Benjamin Blümchen (Öffnet in neuem Fenster) macht es mir Spaß, weil ein Austausch zwischen den Redakteurinnen und mir besteht. Es ist fruchtbar, kreativ und bunt. Aber das Plotten für ganz eigene Ideen, puh.
Warum ich davon erzähle? Weil Plotter*innen mir den Wurm ins Hirn setzten, ich müsste planen, um gut schreiben zu können. Aber hey, ich habe am Ende gar nicht mehr geschrieben. Denn es langweilte mich, Listen, Zettel und Linien auf White Boards zu notieren. Es erinnerte mich ans Lehramtsstudium, in dem ich mich mit dicken und dünnen Textmarkern, Ordnern, Fachbüchern, Stiften in hundert Farben und stapelweise Klebezetteln umgeben habe, um eine Ordnung in die Fülle zu bringen.
Mir ist klar, dass es sich mehr über das Plotten austauschen lässt, als über das Pantsen (man setzt sich hin, auf den Hosenboden, und schreibt, statt vorher alles zu planen), denn  beim Plotten steckt Methodik dahinter, tausend Bücher, Influencer und Workshops weisen einem den Weg zur perfekten Story. Bestimmt macht es vielen Leuten sehr viel Spaß. Ich aber, ich gebe meine Flexibilität und Leichtigkeit damit auf dem Weg zum Schreibtisch ab. Auch wenn es für Pantser keine Bücher mit Anleitungen gibt, keine hübschen Marker und Portale zum gemeinsamen Planen, so gibt es sie.
Hallo, ich bin so jemand und mein Gehirn braucht beim Schreiben viel Luft und Überraschungen. Und dann wird im Anschluss überarbeitet. Es gibt mehr als einen Weg. Es liegen auch noch viele dazwischen.
Ich will sagen: Es ist okay, sich hinzusetzen und einfach mal zu machen, solange man überhaupt etwas macht. Es braucht nicht immer zwingend einen Plan. Vor allem dann nicht, wenn es einen vom Tun abhält.

Ich passe den einen Moment ab, in dem es nicht regnet und kann das Blau wieder sehen. Der Wind trägt mich in die Stadt, auf dem alten Kopfsteinpflaster steige ich ab. Es ist zu warm für den langen Schal, meine Hände glühen, die Musik hört auf, zu spielen. Von weitem sehe ich bereits das Licht in den Fenstern des Zentrums scheinen, also gehe ich an der Bäckerei vorbei. Mein Magen knurrt. Ich begrüße drei Handwerker, meine Kollegin sieht wunderschön in den Farben aus, die sie heute trägt. Zwei weitere Kollegen kommen hinzu, wir begehen die Räume, sprechen über bröckelnde Wände. Ich denke an mein Schreiben. Diesen Text.

Als es dunkel geworden ist, schließe ich die Räume ab und begebe mich wieder in den Wind. Ich kaufe eine halbe Galiamelone, die noch nicht reif ist, eine Kiwi, die ich im Rucksack vergesse, einen Becher Grießbrei und Blattgold.

Im Wortkollektiv schreibe ich an dem Manuskript einer Geschichte, die ich nicht schreiben sollte, weil sie sich nicht verkaufen ließe. Der Plot müsste anders, etwas Regionales oder Witziges wäre gut. Sie sind schon auch sehr Friedhof hallt es immer wieder durch meinen Kopf. Kannst du es hören?

Natürlich bin ich auch sehr Friedhof. In meinem Herzen wohnen Gespenster.

Mixed Media, Acryl auf Pappe (nachhaltig ergaunert), Papier

Als wir nach Hause fahren, ist es fast Nacht. Wir halten an, der Gegenwind ist stark und uns geht die Puste aus. Schokolade soll helfen. Wir stehen an unsere Räder gelehnt auf dem Supermarktparkplatz und teilen uns eine Tafel Schokolade.
"Wollen wir noch ein bisschen schieben oder fahren?"
- Lass uns bis zum Hügel fahren, dann absteigen und ihn hochschieben.
Wir sind dann doch den ganzen Weg gefahren. Zu Hause Pizza, fernsehen. Der Wind hat nachgelassen. Als ich die Dachluke öffne, ist draußen alles still. Ich lese, bis mir die Augen zufallen.

Verbinde dich mit mir: literatur.social (Öffnet in neuem Fenster) | twitter (Öffnet in neuem Fenster) | insta (Öffnet in neuem Fenster)

Zu meiner Webseite (Öffnet in neuem Fenster)

0 Kommentare

Möchtest du den ersten Kommentar schreiben?
Werde Mitglied von Gespensterbriefe. Literarischer Newsletter von Jess Tartas und starte die Unterhaltung.
Mitglied werden